Donnerstag, 12. Oktober 2017
Von der Lippe zur Weser
Um den Grund für den unstillbaren Vorwärtsdrang römischer Kriegsmaschinerie zu kennen, dem auch Varus seinen Arbeitsplatz in Ostwestfalen verdankte müsste man tief bohren. Wer zwang das römische Reich sich im unwirtlichen Norden Großbritanniens mit den Pikten zu messen und was war für sie die Antriebsfeder sich in den Wüstenregionen Mesopotamiens ständig mit den Partnern anzulegen in dem sie sie mit dem Überschreiten der vereinbarten Euphratgrenze provozierten ? Auch der durch Westfalen äußerst zielgerichtete Durchmarsch des Weltreiches nach dem Jahr Null, so als steuere man bereits auf einen klar definierten Fixpunkt im Osten zu, passt in diese geistige Welt. Die Erschließung ging einher mit einem immensen Zivilisation- und Wissensstransfer sowohl neuer Technologien als auch von Gebrauchsartikeln vom Nagel bis zur Tischkultur. Ausgehend von den neuen römischen oder ehedem keltischen Siedlungen oder schon Städten und natürlich den Legionslagern am Rhein setzte er sich ungebremst fort, entwickelte seine ganze Dynamik und dies nicht nur östlich von Limburg und Gießen wo die militärische „Eindeichung“ zur Schaffung neuer Provinzen bereits konkrete Formen annahm. Die Lager längst der Lippe von Xanten bis Anreppen waren mit allen nötigen Versorgungs- und vielleicht sogar schon Luxusgütern gut gefüllt, ihre Lage und Position war kein Geheimnis und ihre eindrucksvolle Ausstattung war auch unter den Germanen bekannt. Xanten war unbestritten der große Umschlagplatz am Rhein, doch Anreppen bildete den vorläufigen logistischen Endpunkt römischer Ostexpansion am Oberlauf der schiffbaren Lippe. Rückblickend auf das Mittelalter zur Blühtezeit der Abtei Corvey nannte man es später Ostkolonisation. Die großen raumgreifenden Landverbindungen vom Rhein an die Weser folgten auf den Spuren von Altstraßen aus vorgeschichtlicher Zeit. Diese Verbindungen nun für die neuen Verkehrsströme tauglicher zu machen wurde jetzt zur ungeliebten Nebenbeschäftigung römischer Legionäre und zur Aufgabe zahlreicher Sklaven - und Arbeitskolonnen. Das Etappenziel der ersten Ausbaustufe im Winkel vor der Mittelgebirgssichel der Osnegge bzw. des Osning lag wie wir heute wissen und plausibel nachvollziehen können im Raum Paderborn. Und hier am Ende einer gebirgsfreien Region befand sich der antike Verteilerkreisel an dem weitere Erschließungspläne gestalt annahmen. Von hier aus betrachtet, beantwortete sich auch die Frage nach der kürzesten Verbindung zur Elbe über die Harznordtangente für die römischen Landvermesser von selbst. Denn die einem Magnet gleiche Anziehungskraft großer Flüsse für die römische Infrastruktur ließ sie auch ohne die Sondierungszüge römischer Feldherren nicht lange nach dem kürzesten Weg zur Weser suchen. Denn der alte Hellweg letztlich von Dortmund kommend über Brakel in dessen Nähe bei Bad Driburg das Geodäsie Team um Andreas Kleineberg auch das ptolemäische Stereontium lokalisierte, gab ihnen bereits den besten Streckenverlauf vor. Die römischen Niederlassungen oder Stützpunkte an der Lippe hatten in der Eroberungsphase noch keine Bedeutung im Sinne möglicher neuer Stadtgründungen, es waren in der ersten Phase lediglich Stapelplätze, Kastelle bzw. Versorgungslager. So vergab man auch noch keine dauerhaften bzw. uns überlieferten städtischen Vorläufernamen und die dortigen kleineren germanischen Siedlungen waren es den Besatzern nicht wert mit Namen auf der römischen Weltkarte bedacht zu werden. Aber was nicht ist, konnte ja noch werden insbesondere auf Haltern bezogen, während uns bereits das westfälische Borken von Ptolemäus schon als Mediolanium überliefert ist, da es vermutlich von Xanten aus betrachtet eine wichtige Route nach Norden markierte. Rohstoffvorkommen klingen nach einträglichen Geschäften und fördern auch das Interesse an langfristiger Präsenz wie etwa die Salzvorkommen bei Salzkotten die bereits in der Hallstattzeit genutzt wurden. Die Kelten der Hallstattkultur nutzten die Eisenerzvorkommen in Westfalen ebenso wie die Salzvorkommen des Hellwegs. Eisen und Salz wurden sogar gegen Bernstein getauscht. Von Salzkotten ist zudem bekannt, dass von hier aus Brakel und weitere Regionen bis Arolsen und Warburg versorgt wurden bzw. werden mussten, was eine gewisse traditionelle und uralte Abhängigkeit von Salzkotten mit sich brachte. Salzkotten lag wie Brakel am gleichen Hellweg und die Distanz zwischen beiden Städten beträgt rund 40 km Luftlinie, also auch für römische Verhältnisse keine Entfernung um den Salztransport zu organisieren. Notwendigkeit und taktische Bedeutung dieser Versorgungswege waren auch in römischer Zeit gewichtig und für die dortigen germanischen Stämme lebenswichtig, da auch sie vom Salz abhängig waren um ihre Nahrungsmittel haltbar zu machen. Das römische Bogadium bei Salzkotten lag auch an der Route nach Asciburgium - Moers und war ein bedeutsames Versorgungszentrum für West - und Ostfalen. Zudem lag es auch nur 20 km von Knebelinghausen einem Zentrum römisch/germanischer Bleiförderung entfernt. Auch der germanische Ortsnamen für Bad Driburg ist uns leider nicht bekannt, aber in der Nähe oder gar in Bad Driburg selbst, wurde ein römischer Ort oder Fixpunkt namens Stereontium lokalisiert. Bad Driburg direkt unterhalb der Egge gelegen besaß selbst keinen karrentauglichen Eggeaufstieg für Versorgungsgüter. Stereontium war wohl die römische Bezeichnung einer dort schon existierenden germanische Ansiedlung. Und diese Siedlung lag vermutlich aus verteidigungstaktischen Gründen unter der Iburg in unzugänglicher Region und möglicherweise nicht unmittelbar am alten Hellweg von Salzkotten über Paderborn nach Brakel. Die griechische Silbe “Stereo” steht für fest, hart und starr wie es sich auch in der Bezeichnung Stereotyp oder vielleicht im deutschen Wort starrköpfig erhalten hat. Und eine stereotypische Bevölkerung könnte man auch als stur, unbelehrbar, eingefahren, eigenartig oder unverbesserlich et cetera bezeichnen. Wikipedia beschreibt es da sehr gut und passend zur germanischen Seele. Man könnte den Begriff “Stereo” natürlich auch noch an der Starr – bzw. Schroffheit der Eggeregion festmachen. Während es die römischen Besatzer am Rhein oder in der westfälischen Bucht noch mit einem Menschenschlag zu tun hatten, dem noch etwas rheinischer Frohsinn anhaftete, könnte sich das folglich mit dem Eggeabstieg schlagartig und für die Römer anders dargestellt haben. Stereontium macht es uns da jedenfalls nicht so leicht wie das römische “Munitium”, dass für das Römerlager bei Hedemünden stehen soll. Denn in lateinischer Sprache bedeutet “munitio” passenderweise Befestigung oder Befestigungswerk und das passt in Bezug auf ein römisches Kastell schon ganz gut. Die von römischer Seite in ihrer Sprache benannten germanischen Siedlungszentren Stereontium und Bogdanium bis Feugarum bei Osterrode gelegen verdeutlichen uns, dass vor 2000 Jahren aus heutiger Sicht unscheinbare Knotenpunkte die größere Bedeutung hatten. Erst das 80 km weiter nördlich liegende römisch/germanische Ascalingium bei Hildesheim markiert einen weiteren Verdichtungsraum früher Besiedelung der es aus römischer Sicht erforderlich machte, namentlich gekennzeichnet zu werden. Sowohl nördlich als auch östlich von Bad Driburg gab es demnach für die römische Expansion nur zwei identifizierbare Stätten von eroberungstaktischer Bedeutung nämlich Osterode das Tor zum Harz 85 km östlich von Bad Driburg gelegen und Hildesheim etwa 8o km Luftlinie nordöstlich von Bad Driburg. Dazwischen hat uns Claudius Ptolemäus namentlich keinen Ort mehr hinterlassen, der uns einen Hinweis auf eine Stadtgründung etwa zwischen Beverungen und Hameln hätte geben können. Namenlose germanische Dörfer gab es in der Region zweifellos zur Genüge aber offensichtlich keine von überregionaler Bedeutung. Aber wie sollte er auch, denn als er nach 160 + verstarb, wusste bzw. kannte er nur die römischen Ortsnamen für jene germanischen Siedlungen, die man bis dato vergeben hatte und eine Notwendigkeit andere oder kleinere germanische Siedlungen an der Mittelweser zu erwähnen gab es nach dem Jahre 9 + auch nicht mehr. Letztlich focussierte man sich in den römischen Machtzentralen auf ein imginäres Ziel im Osten und weniger im Nordosten. Der Großraum um Höxter lag da für sie schon sehr günstig und markierte nicht nur einen schon weit östlich gelegenen Brückenkopf oder sagen wir besser eine Furt über die Weser. Die Region lag umgeben von größeren Flussschleife in weitläufigen Auenlandschaften mit der Nethe als kleinem Nebenfluss und zudem weitaus näher an der schnelleren Ostwestachse als die heutigen nördlicher liegenden Weserstädte von Hameln bis Barkhausen. Das häufig als römischer Etappenfixpunkt favorisierte Hameln liegt auf der rechten Weserseite und die Ausdehnung der Altstadt ist zu klein dimensioniert um es für eine Lagerpositionierung ins Auge zu fassen. Aber insgesamt betrachtet dürfte es letztlich die Weser gewesen sein, die es den Römern angetan hatte. Römische Städte wurden immer schon bevorzugt an den Ufern größerer Flüsse gegründet. Und zwischen Rhein und Elbe bot sich die Weser für Neugründungen und Zwischenstationen auf dem Weg zum Endziel Elbe geradezu an, zumal ihnen die Cherusker diese Entscheidung anfänglich auch leicht gemacht hatten da sie es waren, die die Römer ja bekanntlich an diesen Fluss gelockt haben sollen. Die fasst auf dem Breitengrad fließende Lippe mit ihren Lagern dagegen war für römische „Provinzhauptstädte“ ungeeignet und die dortigen Niederlassungen kamen über den Status einer Versorgungskette erst einmal nicht hinaus. Die Lage heutiger Städte wie Hameln, Rinteln oder Minden könnten aber in den strategischen Überlegungen der Besatzer bereits für weitere Gründungen angedacht worden sein und sie wären über den Zugang zur Weser flussabwärts ab Höxter auch wiederum recht mühelos auf dem Wasserweg und mit der Strömung erreichbar gewesen. Nicht nur aus Gallien ist bekannt, dass die Römer jedem Stammesgebiet einen Hauptort zuordneten. Eine nördlich von Höxter gelegene Civita wäre möglicherweise zum Zentrum der Angrivarier geworden, und Minden wäre ein guter Favorit dafür gewesen, wenn alles im Sinne römischer Machtpolitik verlaufen wäre. Für die Romanen führte die spätere Bundesstraße 1 die Aachen mit Königsberg verband, nach dieser Theorie also nicht über Paderborn und Hildesheim nach Berlin, sondern für sie war in etwa die heutige Bundesstraße 64 genauer gesagt sogar die L 828 zur Weser vorbei am späteren fränkischen Königshof Huxori über eine Furt und weiter nach Goslar, Halberstadt und Magdeburg strategisch die wichtigere gewesen. Allesamt auch Städte und Regionen die sich besonders im Ostharz später zu mittelalterlichen Zentren entwickelten und Kern sächsischer Hausmacht wurden. Die römische Westostachse umging Solling und Harz nördlich und war auch in der Streckenführung kürzer als andere Alternativrouten über heute bekannte Städte an der mittleren Weser. Natürlich war eine schnelle Erreichbarkeit der Weser für die Legionen auch aufgrund ihrer begrenzten Transportkapazitäten und der gesamten Versorgungslage ein gewichtiges Argument sie gegenüber anderen Streckenführungen vorzuziehen. Viele Hochrechnungen für den täglichen Bedarf an Nahrung und Tierfutter für einen Marsch von Legionen schwanken zwischen 40 und 60 Tonnen und das ist für einen Landweg und zusätzlich noch bis zur Sicherstellung ortsnaher Versorgung beträchtlich. Genauso wie wir es von den römischen Landvermessern auch nicht anders erwartet hätten oder es kennen, machte für sie die Weser bei Höxter gegenüber der Porta Westfalica versorgungstaktisch mehr Sinn. Aber auch die Weichen für die Nordexpansion ab Anreppen waren schon gestellt, wie man der römischen Schnellverbindung nämlich einem ausgearbeitetem Hohlweg im Heidental bei Detmold entnehmen kann. Zieht man von Anreppen nun eine direkte Linie nach Magdeburg, so verläuft diese sogar nahezu exakt durch das heutige Höxter. Nicht nur aus Frankreich sind zahlreiche römische Straßen bekannt, die sich ebenfalls kerzengerade durch die Landschaft ziehen, wenn dies die Geographie noch gut zulässt. In Anreppen entdeckte man zwei Teilabschnitte einer römischen Straße. Sie zeigen nach Osten und damit in Richtung Paderborn und nicht nach Norden. Auch ein zeitweise wieder frei gelegtes steiles Straßenstück östlich von Schwaney greift genau diese römische Verbindung nach Osten wieder auf und führt sie theoretisch über Brakel weiter zur Weser. Es werden im Boden noch einige Puzzlestücke vermutet die diese Durchgängigkeit belegen könnten. Die typisch römische Bauweise antiker Straßenfragmente gebaut für die Ewigkeit zeigt, dass die römischen Okkupanten diese Wegeverbindungen nicht nur für zeitlich befristete Erkundungsexpeditionen in den Osten Mitteleuropas gebaut hatten. Sie zeigen einen Zustand der deutlich macht, dass die Erbauer kamen um zu bleiben. Interessante aber auch umstrittene römische Funde an der Harz Nordumgehung geben dann wieder die weitere Route vor. Aber dem Raum um Höxter fiel eine besondere Bedeutung zu, denn in dieser Region konnte sich durch die günstige Lage östlich von Paderborn ein neuer Knotenpunkt oder anders ausgedrückt ein Mittelzentrum an der kleinen Elbe bilden. Ihm würde dadurch automatisch die Funktion eines neuen Handelszentrum auf dem weiteren Weg zufallen. Rom konnte dort gut einen seiner neuen zentralgermanischen Verwaltungssitze gleich einem Waldgirmes planen, oder sollte man schon sagen die Colonia Gaius Octavius. Bei der Standortwahl durfte aber auch nicht die damalige geostrategische Situation unterschätzt werden, denn auch diese war zumindest heikel zu nennen. Und die Bedrohungslage hatte einen Namen, denn König Marbod stellte sicherlich eine latente Gefahr für alle weiteren militärischen Aktivitäten im Osten des Reiches dar, wenn sie sich über den 10. Längengrad in seinen Einflussbereich hinein erstreckten. Marbod kannte sich wenn nicht sogar noch besser wie Arminius in den römischen Sitten aus, denn Marbod lebte in jungen Jahren in Rom, wo sogar Kaiser Augustus sein Gönner war. Und so stand Marbod dem Machtgefüge um Kaiser Augustus auch weitaus näher als es einem Arminius als Anführer germanischer Kampfeinheiten je möglich gewesen wäre. Aber auch diese Münze hatte zwei Seiten, denn die Markomannen wurden von Drusus 10 - vernichtend geschlagen und wurden vom späteren Kaiser Tiberius 8 – sogar zur Kapitulation gezwungen. So etwas vergaßen auch die Markomannen nicht, was der spätere jedoch abgebrochene Feldzug gegen sie bestätigte. Hätten sich die römischen Planer für eine längerfristige Ansiedlung noch weiter nördlich von Höxter entschieden, hätten sie bis zur Wetterau eine sehr breite Flanke nach Osten zugelassen bzw. geöffnet. Da fühlte man sich doch links der Weser und einem Harzgebirge dazwischen erheblich sicherer, bevor man zu neuen Ufern im Sinne des Wortes aufbrechen wollte. (zuletzt bearbeitet 12.10.17)

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Montag, 9. Oktober 2017
Die "alten" Germanen
Die „Germanen“ schlechthin gab es in diesem Sinne natürlich nicht, daher halte ich es mal mit Tacitus und den von ihm benannten drei Hauptgruppen den Ingävonen, Istävonen und Hermionen und verstehe darunter eben „diese Germanen“. An den Germanen im Betrachtungsgebiet zwischen Lippe, Ems und Weser gingen sicherlich auch die Wanderungen der Kimbern und Teutonen in südliche Gefilde nicht unbemerkt vorüber. Aber es waren Germanenstämme wie sie und man machte sich über deren Verbleib wohl so seine Gedanken und auch diese fanden Eingang in ihr Weltbild vom erstrebenswerten Siedlungsland im angenehmeren Klima. Aber auch das Wissen um das erst wenige Generationen zurück liegende Teilen Arrangieren oder Erkämpfen ihrer eigenen Siedlungsräume wohl mit La - Tène zeitlichen Bevölkerungsgruppen oder der ihnen nahe stehenden Jastorf Kultur. Alles war sicherlich noch in den Erinnerungen ihrer Sippengeschichte allgegenwärtig. Immerhin mussten ihre Vorväter noch um den “Piepenkopf” ringen, eine im 3. Jahrhundert v. Chr. errichtete Wallburg bei Dörentrup in der Nähe von Lemgo, die auch Amelungsburg genannt wird und das war zum Zeitpunkt der Kimbern und Teutonenwanderungen für sie volksgeschichtlich betrachtet noch nicht sehr lange her zumal in diesen Zeiten sensationelle Neuigkeiten auch die Ausnahme bildeten. Auch sie selbst waren aufgrund ihrer ursprünglichen Ausbreitungstendenz immer noch auf Südexpansion eingestellt. Nun kamen ihnen aber gegen alle Erwartungen genau diese wärmegewohnten Südvölker immer mehr entgegen und erhoben zudem noch Ansprüche auf ihre angestammten Siedlungsgebiete. Was mag da im Kopf eines Germanen vorgegangen sein, der sich entschieden hatte seinen Lebensraum gegen eine weit entfernt liegende Region im ersehnten Süden auszutauschen. Eigentlich ein Anachronismus für die damalige Zeitgeschichte, der sich aber später in der Völkerwanderungszeit endgültig umkehren sollte. Ungeachtet dessen ist das Thema germanischer Mentalität und Verhaltensweise auch ein Aspekt, der bei aller Betrachtung nicht außen vor bleiben sollte, aber naturgemäß heutzutage nur schwerlich zu greifen ist. Historiker sind es gewohnt in wissenschaftlich nachvollziehbaren Kategorien zu denken, ja geradezu denken zu müssen. Für sie käme dieser Schwenk oder Blick in die germanische Seele einem unverzeihlichen Quantensprung gleich. Ihn zu überwinden dürfte vielen unter ihnen daher schwer fallen, zumal man darauf auch in Zeiten interdisziplinärer Forschung nicht unbedingt eingehen muss und man darauf auch keine oder nur wenige stichhaltige Theorien aufbauen kann und zudem noch Gefahr läuft in der einschlägigen Fachwelt verlacht zu werden. Nichts schlimmer als das. Naturnah lebende Völker zwischen Althergebrachtem und Zivilisationsschock reagieren unerwartet und ihre Wesenszüge beherbergen viele Elemente zwischenmenschlicher Umgangsformen die wir uns heute, da wir es gewohnt sind „fortschrittlich“ denken, handeln und reagieren zu müssen kaum mehr vorstellen können. Aber es wären nicht unsere eigenen Vorfahren, wenn wir nicht da und dort nicht doch noch so die eine oder andere übereinstimmende Wesensart wieder erkennen würden. Der Versuch diesen innewohnenden oft unbewussten aber auch immer stark religiös beeinflussten Geisteswelten der germanischen Antike nachzugehen, ihr nachzuspüren lässt die Denkungsweise unserer Vorfahren aber erfassbarer werden. Lokalisierbar irgendwo zwischen “Furor teutonicus” und andererseits geprägt von stoischer Apathie und Gelassenheit, gewachsen und aufgewachsen in schier endlosen Winternächten in kargen zugigen Behausungen, immer hart am Rande von Leben und Tod und den Göttern hilflos ausgeliefert, förderte in unserer Region, die schon Tacitus als unwirtliche, regennasse Urwälder Westgermaniens beschrieb einen Typus, der sicherlich für die Mittelmeerkultur mehr als befremdlich war. Den Westfalen schreibt man ja nicht von ungefähr zu, auch noch heute ein besonders stur köpfiger Menschenschlag zu sein. Die Kunde der sich heran nahenden Römer dürfte die Germanen in Ostwestfalen spätestens im Zuge des Gallischen Krieges erreicht haben, sonst aber garantiert mit dem Untergang oder vielleicht besser gesagt der Domestizierung der Treverer nach der Niederlage des Indutiomarus wonach sich Teile der Treverer bis weit ins rechtsrheinische Germanien absetzen mussten um sich nicht der Römerherrschaft beugen zu müssen. So routiniert wie es für die Römer war nun ihr Erschliessungskonzept für eine Sumpf – und Waldregion umzusetzen und Wege und Brücken in eine der Zivilisation bislang abgekehrte Region zu schlagen, so ungleich irritierter reagierten damals die bodenständigen Völker im heutigen Westfalen, Nordhessen oder im Süden von Niedersachsen auf die beben gleiche mit Varus einhergehende Erschütterungswelle gegen ihre archaisch geprägte Kultur. Als die Römer ins Land strömten muss es den Germanen geradezu die Sprache verschlagen haben, als sie bis ins letzte Dorf plötzlich mit den “Segnungen” der römischen Zivilisation konfrontiert wurden. Aber welche Antwort gab darauf eine Bevölkerung die es gewohnt war ihren alten Ritualen und Lebensweisen zu folgen. Eine gewisse kindliche Naivität gemischt mit Bauernschläue, Schlitzohrigkeit und Trotz auf der einen und der permanenten Angst vor göttlichen Strafmaßnahmen begleitet von Blitz und Donner bis zu Dürren, Missernten und Hungersnöten auf der anderen Seite, ließ alle denkbaren Reaktionen zu. Unterwürfige Ergebenheit genährt durch den Anblick prächtiger, aber vor allem Angesichts glänzender Rüstungen, waffentechnischer Überlegenheit, mobiler Errungenschaften, aber auch die ureigene Hoffnung auf Machtzugewinn und ein besseres Leben war sicherlich auch damals schon eine Antriebsfeder für die eine oder andere auch unterwürfige Verhaltensweise gegenüber den neuen Machthabern. Eine Welt war in Umbruch geraten, neue Götter, andere Sprachen, dunkelhäutige und kleinwüchsige Menschen und aufgezwungene Spielregeln bestimmten plötzlich das Bild einer autarken sich selbst versorgenden aber doch traditionell sehr wehrhaften Landbevölkerung, die auch mit der Außenwelt am weit entfernten Rhein kaum was zu tun hatte. Selbst sprachlich dürfte es bei den damaligen Ostwestfalen schwer gehapert haben, die schon arge Probleme gehabt haben dürfen, sich mit den Rheingermanen verständigen zu können, geschweige denn mit den neuen Eroberern und ihren Dutzenden von Dialekten und zu dem noch in Latein. In vielen Nächten dürfte sich die Sippe um die damalige Jahrtausendwende um die spärlichen Feuer versammelt haben und alle mussten sie sich in beengten Verhältnissen das dumpfe Gemurmel und das unzufriedene Murren der Greisinnen und Greise die schon “op de Böllerkes” kauten aber auch der klappernden runenwerfenden Seherinnen und stillenden Ammen anhören, dass es so nicht mehr weiter gehen könne. Einigen Jüngeren unter ihnen hing das Gejammer der Alten wohl schon zum Halse raus, während sich die ersten bereits vor die Brust schlugen und sich mannhaft und angriffslustig zeigten. Hier mag einem auf der Zunge liegen zu sagen, und “plötzlich flog die knarrende Hüttentür auf und schon wieder kam Arminius diese Nervensäge rein”. Als Drusus und Tiberius damals durch ihre Lande zogen, sagten sie alle noch, “wer kommt, der geht auch wieder”, als sich aber jetzt überall herumsprach, dass an der Lippe schon die ersten Gebäude und Anlegestellen von Menschen gebaut würden, die unter einer Peitsche arbeiten mussten, erreichten diese Neuigkeiten Lauffeuern gleich auch schnell das Wesertal und die alten Stammlande darüber hinaus. Aber guter Rat war teuer, so versuchte man es erst mal mit der Stellung von Geiseln und ließ sich auf Verträge ein die ihren Namen nicht verdienten. Doch im Geheimen wurden bereits alte Waffenbrüderschaften beschworen, jedoch harrte man in den abgeschiedenen Dörfern noch lange der Dinge, wartete auf höhere Zeichen und sah dem neuen Treiben erst mal ungläubig, tatenlos und wie erstarrt zu. Und mit Blick auf die unzerstörbaren Hünengräber und die Opferaltäre ihrer Vorfahren reichte ihre völkische Erinnerung noch sehr weit zurück und ließ sie dadurch wieder um so gelassener bleiben. Nur keine Hektik. (zuletzt bearbeitet 10.10.17)

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Sonntag, 8. Oktober 2017
Das Elbe - Projekt
Römer waren es ihrer Herkunft nach als ein die Meere und Flüsse befahrendes Volk gewohnt, viele ihrer Ziele möglichst per Schiff erreichen zu wollen und auch die Landmasse Mitteleuropas bot ihnen dazu ausreichende Möglichkeiten. Waren sie gezwungen größere Landflächen zu überwinden, so forderte auch dies ihre exzellenten logistischen Fähigkeiten heraus. Trockene Versorgungswege auszubauen, sie instand zu halten und militärisch zu sichern war allerdings ungleich aufwändiger als ein Transportsystem auf dem Wasserweg. Ihre Eroberungspolitik nicht erst seit Beginn des gallischen Krieges war eine Erfolgsgeschichte und auch Vercingetorix konnte sie 52 - mit einer gallischen Allianz nur kurzzeitig unterbrechen. Die Rhone floss noch gegen die römischen Interessen von Nord nach Süd und verzögerte damit strömungsbedingt eine noch schnellere Vorwärtsbewegung, aber auch das war letztlich kein Hindernis für ihre Eroberungspläne. Mit dem Erreichen der schiffbaren und letztlich in die Nordsee mündenden Flüsse wie Mosel und natürlich Ems, Weser, Maas, Elbe und Rhein, nahm ihr antiker Eroberungszug noch zusätzlich Fahrt auf. Man halte sich vor Augen, dass die Heere Roms noch 52 - in der Bourgogne standen und der Tod Cäsars 44 - führte auch nur zu einer kurzen Zäsur. Denn bereits 30 - nahmen sie das heutige Trier in Besitz, wo sie zur Abwehr eines Aufstands vorübergehend ein Militärlager auf dem Petrisberg errichteten, gründeten etwa zwischen 39 - und 19 - den städtischen Vorläufer von Köln um schon in den Jahren 13 -/12 - den Grundstein für Vetera (Xanten) zu legen. Drusus erforschte die rechtsrheinischen Gebiete zwischen 12 - und 9 - und stieß dabei bis zur Nordseeküste und zur Elbe vor und inspizierte als Militärstratege dabei auf dem Landwege sicherlich auch den genauen Lippeverlauf auf seine Nutzungsmöglichkeit hin und legte eine Reihe notwendiger Marschlager an. Tiberius folgte ihm, übernahm 4 + den Oberbefehl in Germanien und drang 5 + ins Mündungsgebiet des Rheins vor. Er gelangte bis zur Weser und errichtete an den Quellen der Lippe sogar ein Winterlager. Dies war damals das erste Mal, dass es einer größeren römischen Armee gelang auch im rechtsrheinischen Germanien zu überwintern. Infolge eines auf germanische Verhältnisse bezogenen unvergleichlichen Unterwerfungsprozesses teils unter Zuhilfenahme von Scheinverträgen eines nur zu gut in Intrigen geübten römischen Staates fremde Stämme zu unterjochen, gelang es ihnen in nur 40 Jahren von Zentralfrankreich über 7oo km bis an die Elbe bei Magdeburg an die östlichsten Grenzen Westgermaniens vorzustoßen. Während die germanische Bevölkerung im römischen Aufmarschgebiet der Münsterländer Bucht in der Lippe nie ein Einfalltor in den Osten sah, sondern nur einen praktischen Handelsweg nach Westen zur Rheinschiene, erlebten sie urplötzlich eine aufgezwungene Kehrtwende die sie beunruhigte. Die Brukterer hegten wohl zu keiner Zeit eigene Expansionspläne in die östliche Richtung etwa zur Weser und Ausbaumaßnahmen wie Begradigungen der Lippe oder andere größere Infrastrukturmaßnahmen, eben die Begleiterscheinungen und Attribute höherer Zivilisationen waren daher für sie auch kein eroberungstaktisches Muss. Auf römischer Seite war es um die Interessenslage natürlich völlig anders bestellt. Ihnen ging es darum auf Kaisers Geheiß ihre dynamischen Eroberungspläne zur Elbe nach bewährter Methodik umzusetzen und zu Ende zu führen. Was sollte die römische Staatsmacht aufgrund ihrer überlegenen Präzisionsleistungen, ihrer ausgezeichneten militärischen Disziplin, ihren hervorragenden Messingenieuren oder ihrer überzeugenden Architektonik als Pioniere und vor allem aufgrund eines schier unerschöpflichen Potenzials an Sklaven und Baulegionären auch ernsthaft davon abhalten das “Elbeprojekt” nicht auch Realität werden zu lassen. Alles war nur eine Frage weniger Jahre, um dann aus der Elbe einen neuen nassen Limes werden zu lassen und in Rom erwartete man natürlich positive Nachrichten und Erfolge. Das Volk von Rom wollte Trumphzügen beiwohnen, Augustus feilte an seiner Unsterblichkeit und dazu gehörten nun mal Siege. Der letztlich notgedrungene Bau des Limes in Süddeutschland wird heutzutage von manchen Historikern gerne als eine Grenze des Friedens bezeichnet, was uns ja irgendwie noch an die jüngste deutsche Vergangenhiet erinnert und womit man erreichen wollte, dass sich die ortsgebundenen Germanen mit ihm arrangierten und anfreunden konnten oder besser gesagt mussten, bis die Elbgermanen dem später ein Ende setzten. Letztlich sind und bleiben Grenzen so auch der Limes aber immer eine blutig aufgezwungene künstliche Markierung zwischen Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Interessenslage, wobei in der Regel der Stärkere auch immer der Gewinner ist. Dieses Weltkulturerbe heute schön zu reden traf damals sicherlich nicht das Empfinden unserer freiheitsliebenden Altvorderen.
zuletzt bearbeitet 9.10.2017

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