Dienstag, 20. Oktober 2020
Welche Schuhgröße hatte Varus ?
Wer mein Vorwort vor rund drei Jahren gelesen hat, der hat noch in Erinnerung, dass mir daran gelegen war und immer noch ist, Geschichte nie langweilig erscheinen zu lassen. Kapitel einzuschieben die vom großen Geschehen um die Varusschlacht etwas ablenken sollen, war daher beabsichtigt. So soll auch diese Thematik die Diskussion etwas bereichern helfen. Betritt man den altehrwürdigen Kaiserdom zu Speyer oder die Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg und steigt dann in die dazugehörige Gruft ab spürt man wie die Temperatur abfällt und sich der Sauerstoffgehalt verändert. Auf die Hektik der Parkplatzsuche folgt plötzlich eine seltsame Stille. Umgeben von Sarkophagen und dem Wissen um die darin liegenden Gebeine fühlen sich die Jahrhunderte wie ein Wimpernschlag an. Das Gefühl der Nähe zu längst Vergangenem weckt gleichzeitig einen Eindruck von Vertrautheit, so als ob die Verstorbenen noch Leibhaftig wären. Wir bewegen uns als gingen wir in ihren Fußspuren und für Sekundenbruchteile blicken wir mit ihren Augen auf die Welt. Es gibt kaum einen Ort an dem man sich näher an der Geschichte wähnt, als in einer mittelalterlichen Grablege, wo die alten Zeiten greifbar erscheinen. Ob es Kaiser Konrad II oder Mathilde die Tochter Otto des Großen waren, in der kurzen Zeit unserer Anwesenheit fühlt man sich mit ihnen verbunden. Varus hingegen ist aus der Geschichte entschwunden und wir kennen keinen Ort, der sich mit ihm verbinden ließe. Wir können uns zwar ausmalen, dass er vom Castra Vetera I in Birten auf die Lippe Mündung hinüber blickte, aber damit endet auch schon unsere Phantasie. Dank der Geschichtsforschung, der Geologie, der Topographie oder der Geographie und natürlich dank Heribert Klabes lässt sich der römische Hellweg von Aliso zur Weser rekonstruieren. Inmitten dieser Zugtrasse stößt man mit Hilfe des digitalen Geländemodells auf eine parallel zueinander verlaufende doppelreihige Struktur die sich durch rote Farbmarkierungen sichtbar machen lässt. Heribert Klabes beschrieb es in seinem Buch "Corvey - Eine karolingische Klostergründung an der Weser". Die Doppellinien liegen etwa 6 bis 7 Meter auseinander und erstrecken sich auf eine Länge von rund 200 Meter. Beginnen und enden scheinbar im Nichts und darüber liegende zeitlich nähere Wegeführungen sind nicht erkennbar.

Die kurz vor Kriegsende in der Region eingesetzten Panzer VI hatten lediglich eine Breite von 3,75 Meter. Da Varus laut Cassius Dio an die Weser gelockt wurde, könnte er dieser Wegeführung gefolgt sein. Aus gegebener Veranlassung ließ es sich auch nicht vermeiden, dass er zeitweise sein Gefährt verlassen musste. Sollte die Theorie zutreffen, so wären hier möglicherweise die Örtlichkeiten zu suchen, wo sich zwar keine Gruft auftut, aber ein Varus zugegen gewesen sein könnte und seinen Fuß auf ostwestfälischen Boden setzen musste. Aber auch wenn die Theorie stimmig klingt, die Bodenarchäologie muss an dieser Stelle das Problem lösen. Wenn sie dort auch nicht mehr den Fußabdruck von Varus finden kann, so wäre es möglich an dieser Stelle auf die Reste der Varusstraße zu stoßen.(20.10.2020)

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Nicht 17 + sondern 18 +. Das Gefecht von Kalkriese. Gab auch Thumelicus eine Antwort.
Dieses Kapitel knüpft an die Theorie an, dass sich die Kämpfe östlich von Bramsche im Jahr 18 + ereigneten. Sie geschahen in dem Zusammenhang, als der Gefangenenaustausch der 16 + schiffbrüchig gewordenen Römer eingefädelt von den Angrivariern unter Beteiligung der Ampsivarier und der Cherusker eskalierte. Ein Gefecht bei dem die Germanen das Lösegeld und die Wertsachen an sich brachten, die ein römischer Marschzug für sie im Gepäck mit führte und was man im Gegenzug in Grenznähe den Germanen zu übergeben hatte. Einen neuen Mosaikstein dazu könnte Thumelikus beisteuern. So beginnt es damit, dass uns Strabo und Tacitus eine ungewöhnliche Unstimmigkeit hinterließen. Denn Thusnelda die Mutter von Thumelicus, die laut Tacitus noch im Frühjahr 15 + sichtbar schwanger war, kann nicht schon zwei Jahre später im Mai 17 + ein dreijähriges Kind gehabt haben, so wie es uns von Strabo überliefert wurde. Aber wo verbergen sich die Gründe für die abweichenden Überlieferungen der beiden Historiker. Die an sich als zuverlässig gelten. Strabo überliefert also, dass das Kind 17 + drei Jahre gewesen sein soll. Tacitus hingegen schrieb, dass die Mutter noch im Frühjahr 15 + schwanger war. Infolgedessen kann ihr Kind im Jahr 17 + nur zwei Jahre, allenfalls noch ein paar Wochen älter gewesen sein, aber keine drei Jahre alt. Natürlich gilt die Version von Strabo als die stärker Belastbare von beiden, da er Zeitzeuge war und er den Kleinen sah. Andererseits wissen wir nicht, wer ihm damals das Alter von Thumelicus mitteilte. Und ob er es schon während des Triumphzuges oder erst später erfuhr. Tacitus schrieb etwa 1oo Jahre nach Strabo, war also auf eine oder auch mehrere dazwischen liegende Quellen angewiesen. Sicherlich ist diese Episode vor der großen Geschichte nur eine unbedeutende und somit nebensächliche Randnotiz. Trotzdem blieb sie nicht völlig wirkungslos auf die Nachwelt. Jedenfalls berührte die traurige Gestalt des kleinen Thumelicus die antike Geschichtsschreibung, obgleich wir wenig über ihn wissen. Die Etymologie des Wortes Thumelicus war immer schon Objekt wissenschaftlicher Analysen. Man suchte nach Erklärungen aufgrund seiner mütterlichen Herkunft kam aber auch zu anderen Überlegungen. Zum Beispiel wird der kleine antike griechische Altar des Dionysos im mittleren Bereich des Orchesterkreises Thymel genannt. Darum gruppierte sich der Chor. Wer dort auftrat wurde der Überlieferung nach mit dem Namen Thymelicus verspottet. Daraus schloss man, das Thumelicus in seinem späteren Leben verlacht wurde. Der Grieche Strabo stellte diesen Vergleich jedoch nicht her. Er nennt ihn Thoumelikos also nicht Thymelikus oder Thymelikos. Im römischen Imperium könnte man ihn trotzdem so genannt haben, es kam Strabo nur anders zu Ohren. Dieser Pfad muss also nicht unbedingt ein Holzweg gewesen sein. Ob man den Kleinen aber bereits in diesem Alter verspottet hat, sei dahin gestellt. Aber wie wird daraus ein Untersuchungsgegenstand im Zusammenhang mit der Varusschlacht Forschung. Bekanntlich hat sich die Frage etwas fest gefahren, um welche Schlacht es sich gehandelt haben soll, die sich damals nördlich des Kalkrieser Berges zugetragen hat. Man erschloss sich bislang einen Blickwinkel in dem man sich zuerst auf, wen auch sonst nämlich auf Varus konzentrierte, dann aber wegen wachsender Widerstände aus Fachkreisen auch die Germanicus Feldzüge mit in Betracht ziehen musste. Diese endeten jedoch 16 +. Den Horizont erweiterte man jedoch nicht nach vorne. Das Jahr 17 + in Betracht zu ziehen stand überhaupt nicht zur Debatte, da für dieses Jahr keine römischen Schlachten in Germanien überliefert sind, es also an der Germanenfront aus römischer Sicht ruhig blieb. Was allerdings nicht für die Germanen untereinander galt. Denn man lieferte sich in diesem Jahre 17 + eine heftige Schlacht mit den Markomannen die für die Arminius Koalition siegreich endete. Im Jahr 18 + könnte sich jedoch eine andere Situation eingestellt haben. Denn nun gab es möglicherweise wieder einen Grund sich einer Auseinandersetzung mit Rom zu stellen. Strabo hinterließ bekanntlich im Zuge seiner Berichterstattung über den Triumphzug für Germanicus, der am 26. Mai 0017 statt fand den viel sagenden Hinweis, dass Arminius „jetzt immer noch kämpfen“ würde. Dies zieht nun die Frage nach sich, wann Strabo seinen Bericht über den Triumphzug verfasste. Tat er es in der zweiten Hälfte des Jahres 17 + könnte er damit jene Schlacht der Elbe/Weser Germanen gegen Marbod gemeint haben, in der „Arminius immer noch kämpfen“ würde. Tat er es erst im Jahre 18 + so könnte es sich auch um die Anspielung auf ein Gefecht zwischen Germanen und Legionen gehandelt haben. Ob Strabo mit seiner Niederschrift des „jetzt noch kämpfenden Arminius“ an den Krieg der Cherusker gegen die Markomannen dachte, kann nicht ausgeschlossen werden. Hat er es jedoch erst 18 + zu Papier gebracht, dann kann es sich auch um ein römisch germanisches Duell gehandelt haben. Allerdings drückt die Bemerkung von Strabo auch ein gewisses Erstaunen darüber aus, dass Arminius immer noch nicht des Krieges müde war. Strabo wusste, dass das Imperium bereits im Jahre 16 + den einseitigen Waffenstillstand ausgerufen hatte. So drückt seine Bemerkung vermutlich auch Verwunderung darüber aus, warum Arminius trotzdem noch kämpfen würde. Einer Recherche bedürftig ist der Zeitpunkt, wann Strabo erfuhr, dass Arminius jetzt noch kämpfen würde und wann er es nieder schrieb. Da ein kriegerisches Aufeinandertreffen zwischen Germanen und Römern für das Jahr 17 + nicht überliefert ist, gibt es nur die besagten zwei Alternativen. Erstens, er hörte vom Markomannenkrieg noch im Jahre 17 +. Dann bekam er diese Information sehr zeitnah und konnte sie schon in der zweiten Jahreshälfte 17 + in seinen Bericht über den Triumphzug mit einfließen lassen. Dies setzt natürlich auch den schnellen Nachrichtenfluss von der Oberelbe oder dem Ostharz nach Rom bzw. je nach dem wo die Heere aufeinander trafen, voraus. Ob es für Strabo allerdings erwähnenswert gewesen sein könnte, dass sich zwei Germanenvölker gegenseitig bekriegten sei dahin gestellt, denn innergermanische Konflikte dürften im Imperium nicht auf besonderes Interesse gestoßen sein. Andererseits wissen wir, dass es der Wunsch von Tiberius war, dass sich die Germanen in Zwistigkeiten untereinander aufreiben. Man könnte es also vielleicht auch so auslegen, dass Strabo zum Ausdruck bringen wollte, Arminius würde gegen Rom immer noch keine Ruhe geben, da ihm ein rein germanisches Duell irgendwo im Nordosten wenig berührte. Die Schlussfolgerung geht dahin, dass Strabo seinen Bericht über den Triumphzug nicht unmittelbar nach dem Triumphzug und auch nicht in der zweiten Jahreshälfte 17 + nieder schrieb, sondern sich damit Zeit ließ und sich erst 18 + mit dem Erlebten befasste. In dem Jahr, indem er sich auch mit der Geographie Germaniens explizit dem Quellgebiet der Elbe beschäftigte. Die Arbeit war für Strabo teil seines Lebenswerkes und auch in damaliger Zeit widmete man sich für gewöhnlich derart umfänglichen Schreibarbeiten nur mit der nötigen Muße und Abstand und nicht kurzfristig bzw. erst im Alter. Schlussfolgernd daraus kann angenommen werden, dass Strabo seine Erinnerungen an den Triumphzug erst 18 + nieder schrieb und er mit dem „jetzt noch immer kämpfenden Arminius“ nicht die Markomannenschlacht meinte. Aber der Überlieferung von Strabo lässt sich noch ein weiterer Hinweis dazu entnehmen, dass er erst im Jahre 18 + zur Feder griff. Woraus sich die Theorie entwickeln ließe, dass Strabo mit dem „jetzt immer noch kämpfenden Arminius“ die Schlacht meinte, die sich denkbarerweise 18 + zutrug und im Zuge der Gefangenenübergabe, also dem Raubüberfall bei Kalkriese statt gefunden haben könnte. Dazu das Strabo seinen Bericht über den Triumphzug erst 18 + verfasste und sich damit auch auf den in diesem Jahr kämpfenden Arminius bezog, gibt auch der kleine Thumelicus der Sohn von Arminius Anlass. Denn Strabo schreibt, dass Thumelicus am Tag des Triumphzuges, dem 26.5.0017 drei Jahre alt gewesen sein soll. Damit ließe sich zwar nicht auf den Monat genau, aber doch in etwa seine Geburtszeit zurück rechnen und so müsste er um den 26.5.0014 zur Welt gekommen sein. Nach Tacitus war aber seine Mutter Thusnelda im Frühjahr 15 + noch sichtbar schwanger, als Germanicus sie mit nahm. Diese Rechnung geht also zeitlich nicht auf. Da möchte man nun fragen, wer von beiden recht hatte, Tacitus oder Strabo. Hochschwanger lässt uns erahnen, dass die Geburt zeit nah bevor stand und unmittelbar nach der „befreienden Gefangennahme“ im Frühjahr 15 + statt gefunden haben könnte, womöglich noch auf der Rückreise zum Rhein. Thumelicus der nach Strabo am 26.5.0017 drei Jahre alt war, dürfte also nach Tacitus am 26.5.0017 erst zwei Jahre und einige Monate alt gewesen sein. Zwischen den historisch überlieferten Altersbestimmungen des Knaben Thumelicus liegt also etwa ein Jahr. Aber zuvor sei noch die Zuverlässigkeitsfrage gestellt. Tacitus hatte das Jahr 15 + in dem Thusnelda schwanger von Germanicus oder seinen Begleitern aufgegriffen oder erfahren bzw. aus uns nicht bekannten Quellen, die er aber für korrekt hielt. Es muss danach also Personen gegeben haben, die aus dem Anblick heraus bestätigen konnten, dass Thusnelda als Germanicus die Segestes Burg aufsuchte hochschwanger war. Diese Aussage beruhte folglich auf Tatsachen und wurde wohlweislich von Segestes nicht beeinflusst. Wer sagte aber Strabo, dass Thumelicus im Mai 17 + drei Jahre alt gewesen ist. Oder kann man einem Kind in dieser Zeit das Alter ansehen. Könnte er mit zwei Jahren schon wie ein drei Jähriger ausgesehen haben, sicherlich ja und genauso auch umgekehrt. Aber besteht die Möglichkeit, dass vielleicht Tacitus und Strabo auch beide gleichzeitig Recht gehabt haben könnten. Strabo stellt mit seinem deutlichen Hinweis darauf, dass Arminius „JETZT“ also in diesem Moment, folglich hoch aktuell immer noch kämpfen würde, einen klaren Zeitbezug zum Augenblick her. Strabo hielt also sozusagen die Schreibfeder noch fasst in der Hand, während Arminius zur gleichen Zeit also „JETZT“ immer noch kämpfen würde. Aber in diesem gleichen Moment bzw. Satz berichtet Strabo auch, dass Thumelicus „nun“ drei Jahre alt sei. Bezog Strabo das Alter von drei Jahren also auf den 26.5.0017 oder schon auf das Jahr 18 + als er seinen Bericht verfasste. Hatte Strabo möglicherweise dem am 26.5.17 + erst zwei jährigen Sohn im Jahr 18 + ein weiteres Jahr hinzu gerechnet. Dann würde dazu auch die Schwangerschaft von Thusnelda im Frühjahr 15 + passen und es gäbe somit auch keinen Dissens zur Überlieferung von Tacitus. Thusnelda stand 15 + kurz vor ihrer Niederkunft, Thumelicus war 17 + zwei Jahre und Strabo gab sein Alter im Jahr 18 + mit drei Jahren an. Es ergäbe sich auf Basis dieser Altersrechnung auch, dass Arminius demnach im Jahre 18 + noch immer in Kämpfe verstrickt war. Dies ermöglicht eine weitere Schnittstellenbetrachtung. Sie könnte zu dem Ergebnis führen, dass bereits im Jahre 18 + wieder Germanen gegen Römer kämpften. Und das Jahr 18 + war demnach das Jahr in dem Arminius „jetzt“ noch kämpft. Etwas geschmeidiger formuliert lautet der Originaltext von Strabo, den er über den Triumphzug im Jahre 17 + hinterließ „Arminius, der den Krieg der Cherusker anführte und die Treue gegen Quintilius Varus brach und der „JETZT“ noch den Kampf fortsetzt; sowie Thusnelda mit ihrem dreijährigen Sohn Thumelicus,“. Auf den Punkt gebracht kann man sich nun eine Meinung bilden was Strabo unter „JETZT“ verstanden hat. Schrieb er es noch 17 +, dann kämpfte Arminius auch noch in diesem Jahr gegen wen auch immer, bzw. Strabo erfuhr vom Krieg gegen die Markomannen. Schrieb er es erst 18 +, dann trug Arminius einen Kampf in diesem Jahr aus, aber gegen wen ? So entsann sich Strabo möglicherweise im Jahr 18 + auch noch mal des kleinen Thumelicus zurück, dessen Schicksal ihn offensichtlich bewegt hatte, denn sonst wäre ihm seine Anwesenheit und sein mögliches Alter keine Zeile wert gewesen. Auf Entfernung das Alter eines Kleinkindes zu bestimmen, ist ohnehin unmöglich, so könnte er auf Strabo schon wie ein kräftiger Dreijähriger gewirkt haben, obwohl er erst zwei Jahre alt war. Er rekapitulierte im Jahre 18 +, dass dieses Kind heute etwa drei Jahre alt „gewesen sein müsste“. Und sein Vater ? Der hielt in diesem Jahr immer noch seinen Kopf für eine Sache hin, die eigentlich schon längst als abgeschlossen galt. Denn Rom hatte sich 16 + entschieden, Germanien für die nächste Zeit nicht mehr zu bekriegen und sich zurück zu ziehen. Aber Überfälle auf Transportzüge standen immer noch auf seiner Agenda. Eben einer wie jener, der sich 18 + bei Kalkriese zugetragen haben könnte und wovon auch Legionäre der Legio I Germanica betroffen waren. Eine in der Tat schwierige Diskussionsgrundlage. Aber die nur auf den ersten Blick voneinander abweichenden Altersangaben von Strabo und Tacitus auf Thumelicus bezogen, könnten das Ereignis von Kalkriese auf das Jahr 18 + verdichten helfen. Zweifellos gewinnt diese Querverbindung mit Bezug auf das Alter von Thumelicus für sich allein genommen nicht an Plausibilität. Sie lässt sich jedoch damit steigern, wenn man sie in Kontext zu den vielen anderen Hinweisen setzt. Damit ließe sich der Verdacht erhärten, dass auch Arminius 18 + am Kalkrieser Berg selbst noch mit dabei gewesen sein könnte, als man den Gefangenenaustausch vollziehen wollte. Allerdings war Varus da schon neun Jahre tot. (20.10.2020)

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Montag, 5. Oktober 2020
Zwei ungleiche Brüder Strabo und Ovid - Ein Sugambrer und ein Schamane zeitgleich in Rom.
Kontrovers und Paradox erscheint uns einiges an den Darstellungen von Strabo und Ovid. Aber besonders die Anwesenheit eines Sugambrers mit Namen Deudorix im Gefolge von Segestes wie er auch auf Strabo`s Triumphzug Liste stand, gibt uns in der Tat ein Rätsel auf. Wirkte er etwa selbst mit als die Stämme im Jahre 9 + gegen Varus antraten und entschloss er sich dann im Frühjahr 15 + die Seiten zu wechseln. Was waren seine Beweggründe sich Segestes anzuschließen und sich dann in die Hände von Germanicus zu begeben. Alles geschah vor dem Hintergrund, dass man in Rom ungute Erinnerungen an die Sugambrer hatte da man mit ihnen böse Erfahrungen machte und das lag nicht allein nur an der „Clades Lolliana“ die im Jahre 16 - oder 17 – statt fand und durch die Anwesenheit von Deudorix einem Sugambrer in Rom wieder wach gerufen wurden. Es war eine siegreiche Schlacht in der die germanischen Usipeter, Tenkterer aber auch die berüchtigten Sugambrer über den römischen Statthalter Lollius triumphierten. Der von den Germanen damals eroberte Adler der 5. Legion soll in ihrem Besitz geblieben sein, was den Stolz des Imperiums an einer verwundbaren Stelle traf. Die Anwesenheit eines Sugambrers in Rom wirft aber nicht nur die Frage auf in welchem Verhältnis Deudorix zu Segestes stand, sondern auch die Frage, wie die Sugambrer zu den Cheruskern standen. Vieles lässt sich denken, aber mit dem Erscheinen eines Germanen aus dem Stamm der Sugambrer anlässlich einer feierlichen Großveranstaltung konnte man im Rom des Jahres 17 + nicht rechnen. Denn was sollte damals im Jahre 15 + einen Sugambrer soweit nach Osten zu den Cheruskern verschlagen haben, dass sich dieser Segestes anschloss. Die Tatsache, dass ihn uns Strabo mit Namen und Herkunftsstamm hinterlassen hat, lässt viele Schlussfolgerungen zu. Aber die Gewissheit die aus dieser Information spricht zeugt auch von Strabos Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit, denn solche Details saugt man sich nicht aus den Fingern. Deudorix, den man sicherlich auch als einen Häuptling ansprechen darf, war der Sohn von Baitorix einem Sugambrerhäuptling. Mehr Argwohn in römischen Kreisen dürfte jedoch die Tatsache ausgelöst haben, dass der Angriffslustige Maelo sein Onkel war. Maelo der offensichtlich keine Gelegenheit ausließ den Rhein zu überqueren um sich römischen Besitz anzueignen und zu Brandschatzen war sicherlich in Rom kein unbeschriebenes Blatt. Aber die Anwesenheit eines Sugambrers im Beisein von Segestes lässt aufhorchen. Denn Deudorix war nicht mit den anderen Germanenhäuptern aus dem Hause Segestes verwandt mit denen er nun gemeinsam auf der Tribüne saß. Natürlich mit Ausnahme des chattischen Priesters Libes, den man als Gefangenen betrachtete und der sicherlich in keiner verwandtschaftlichen Beziehung zu Segestes stand. Aber warum ein Sugambrer und was verband Segestes mit ihm. Was sich zumindest daraus schließen lässt, will man die Phantasie nicht zu weit dehnen, dann gab es eine gewisse Siedlungsnähe in der die Stämme der Sugambrer und der Cherusker zueinander standen. Denn man möchte nicht gleich annehmen, dass Deudorix aus privaten Gründen gezwungen war, sich nach Osten absetzen zu müssen. Es könnte die Stämme also keine allzu große Entfernung getrennt haben. Im Gegensatz zu den Chatten sind zwischen den Cheruskern des Segestes Clans und den im näheren Bereich siedelnden Marsern oder Bruktereren keine verwandtschaftlichen Beziehungen bekannt geworden. Aber zu den Sugambrern auch nicht. Ramis bestätigte die Verbindung der Fürstenhäuser untereinander, denn sie war eine chattische Fürstentochter und folgte damals ihrem Mann Sesithakos einem Cherusker. Dies stellt eine interessante Konstellation dar, wenn man bedenkt, dass Germanicus noch kurz zuvor die Siedlungen ihres Heimatstammes den Chatten verwüstete. Trotzdem wechselte sie, da vermutlich machtlos und abhängig, auf die römische Seite über. Aber grundsätzlich verwundert dies nicht, denn offensichtlich existierte innerhalb aller germanischen Fürstenhäuser der Zeit in Germanien sowohl eine pro als auch eine kontra Fraktion gegenüber Rom. In Anbetracht der Theorie, dass Segestes in Vogelbeck nahe Einbeck seinen Stammsitz hatte, bedarf es noch folgender Analyse. Denn wenn Cherusker und Sugambrer nicht weit voneinander ihre Siedlungsgebiete hatten, wäre es interessant zu wissen, wo sich damals der Siedlungsraum der Deudorix - Sugambrer befand. Wie man weiß wurde wegen ihres aufrührerischen Verhaltens auf der „schäl Sick“ wo die Sickambrer, pardon die Sigambrer siedelten, ein großer Teil der Sugambrer im Jahre 7 – von Tiberius in die Region westlich von Xanten und Kleve zwangsdeportiert. Einem weiteren Teil von ihnen war es möglich gewesen, in ihrem ehemaligen, nun vom Rhein abgerückten Siedlungsgebiet sesshaft zu bleiben. Er lässt sich möglicherweise noch in einem schmalen Sprachkorridor, der so genannten niederländischen Varietät östlich von Köln aufspüren. Einem Siedlungsgebiet, das sich dialektisch zwischen Duisburg mittig durch das Wupper Tal bis an die Sieg nachweisen lässt. Aber einer weiteren Abspaltung der Sugambrer gelang noch rechtzeitig gemeinsam mit den Marsern die Flucht nach Osten. Dieser marsisch/sugambrische Mischstamm verblieb demnach nicht im zugewiesenen und vermutlich vom Imperium geduldeten Siedlungskorridor und konnte sich auch der Zwangsumsiedelung entziehen. Unberührte Siedlungsgebiete im Osten dürften sowohl für Marser, als auch für Sugambrer sicherlich nicht beliebig zur Verfügung gestanden haben und man musste sich mit dem Land begnügen, was die dort bereits ansässigen Stämme akzeptieren konnten. Regionen mit minderwertigen Böden die andere Stämme verlassen hatten oder nicht wollten, könnten für sie zur Notlösung geworden sein. Viele Orte im Sauerland bis ins Waldeck angefangen von Altena über Grevenbrück bis Wirmighausen/Waldeck berufen sich auch auf die Sugambrer als ihre älteren Vorfahren. In Grevenbrück leistete man es sich sogar bar jeglicher Spurenlage eine Skulptur des Sugambrerfürsten Maelo im Orte aufzustellen. Da die Lebensbedingungen in den waldreichen Mittelgebirgslagen unwirtlich waren, wird man sich längst der Tallagen auch um Schmallenberg und Kirchhundem angesiedelt haben. Möglicherweise erstreckten sich ihre neuen Siedlungsgebiete noch bis in die Übergangsregionen hinein wie sie sich auch am Oberlauf der Diemel oder an der Itter und um Korbach anboten. Aber auch der Nordrand des Sauerlandes, wo sich aufgrund der Tallagen große Städte auch bis heute nicht bilden konnten. Östlich davon stießen die Neuankömmlinge bereits an die südlichen Wohngebiete der Cherusker nahe dem Nethegau und näherten sich den nördlichen Gauen der Chatten an. Man besetzte folglich eine Landschaft von wo aus man auch Kontakt zu den Segestes Cheruskern an der Leine aufnehmen konnte. Und hier vor den Wohngebieten der Chatten und Cherusker endete wohl zwangsläufig ihr neues Zuhause. Es ist überliefert, dass die Marser aufgrund eines bei ihnen aufgefundenen Legionsadler und der gezielten Racheaktionen des Germanicus unstrittig als Teilnehmer der Varusschlacht fest standen. Man kann aber auch die Ansicht vertreten, dass die gemeinsam mit den Marsern geflüchteten Sugambrer aufgrund ihrer Vorgeschichte für Rom zum roten Tuch wurden. Und ihr Name daher aus den Annalen und Erinnerungen ausgelöscht wurde, denn dem Imperium entkommene Germanenstämme wie die Sugambrer duldete man nicht mehr in der späteren Geschichtsschreibung. Strabo schien 18 + der letzte Berichterstatter gewesen sein, der den Namen Sugambrer noch verwendete. So dauerte es ein halbes Jahrtausend bis ihn Bischof Remigius um das Jahr 500 anlässlich der Taufe Chlodwig I, wieder aussprach. In den beschriebenen Siedlungsgebieten des nördlichen Sauerlandes und des angrenzenden Waldeck stiegen die Sugambrer etwa zwischen 7 - als man einen Teil von ihnen deportierte bis ins Jahr 9 + dem Jahr der Varusschlacht erneut zu einem ernst zunehmenden Widersacher gegen Rom und zu einem einflussreichen Stamm innerhalb der Germanen auf. So lässt sich schlussfolgern, dass sie unter dem Namen Marser auch an der Varusschlacht teilnahmen. Eine Schlussfolgerung des Verfassers beruht darauf, dass Arminius den römischen Feldherrn Varus mithilfe eben jener abgewanderter Sugambrer köderte, indem Arminius sie Varus gegenüber als die Aufrührer betitelte. Neben den Cheruskern gab es in dieser Zeit kaum einen anderen Germanenstamm als wie die besonders kampfesfreudigen und widerspenstigen Sugambrer, die dem Imperium mehr Probleme bereiteten als sie. So könnte dieser in räumlicher Nähe zur Südegge liegende Siedlungsbereich die Sugambrer auch zu Gegnern von Varus werden lassen. Obwohl dies die antiken Historiker an keiner Stelle erwähnten um nicht der römischen Staatsräson zu missfallen. Denn dieser Stamm sollte als getilgt gelten. Ebenso erfolgreich praktizierte man es später in Rom auch noch mit einem anderen wehrhaften Germanenstamm, was jedoch ein eigenständiges Kapitel beansprucht. Um zu versuchen das neue Siedlungsgebiet der einst aus der breiten Region östlich von Köln geflüchteten Sugambrer zu definieren, könnte man also auch das Waldecker Land in die Betrachtung mit einbeziehen. Karl der Große setzte dort um das Jahr 813 die frankentreuen Esikonen ein, die ihre Besitztümer im Ittergau, dem alten Gau „Nitherga“ hatten. Und Esiko besaß auch Ländereien im sächsischen Leinegau. Einer Landschaft in der sich vermutlich der Fürstensitz von Segestes in Vogelbeck befunden haben könnte und der rund 95 Kilometer Luftlinie von Dorfitter im „Gau Nitherga“ entfernt liegt. Eine für die damalige Verhältnisse recht große Distanz die auf eine Zerissenheit hindeutet aber auch ältere Verbindungen anzeigen und was Besitzansprüche, Traditionen oder Privilegien umfassen könnte. Weitere Hinweise die die Theorie stützen könnten, dass es auch noch traditionelle Kontakte zwischen dem „Sugambrergau Nitherga“ an der Itter bis in die alten Siedlungsgebiete des Bergischen Landes gegeben haben könnte, da wo sie einst ansässig waren, bevor man sie mit Gewalt vertrieb sind möglich, da es Anhaltspunkte dafür geben könnte. Es ist schwer zu sagen, ob man den Bogen so weit spannen darf, aber als sich der verschuldete Wilhelm III, Herzog von Berg der auf Schloss Burg an der Wupper residierte 1505 nach Gläubigern umsah war es Graf Philipp II von Waldeck der ihm aushalf und Wuppertal – Beyenburg mit seinen Besitztümern als Pfand annahm. Dies gestattet natürlich keine Linienziehung aus alten Traditionen heraus, aber es war die Faktenlage. Hinzu kommt eine gewachsene Affinität zwischen den Bewohnern des Waldecker Landes und Wuppertal, dass man auch als die heimliche Hauptstadt des Waldeck bezeichnet hat. Man begründete dies immer mit der Tatsache, dass die aufstrebende Textilindustrie in Wuppertal mit Beginn der Garnnahrung 1527 massiven Bedarf an Arbeitskräften hatte. Aber verschüttet geglaubte Verbindungen können langlebiger sein als man denkt und so gab es vielleicht noch einen alten Anker der beide Regionen mit einander verband. Denn warum fühlten sich ausgerechnet die Menschen im Waldeck`schen angesprochen ihren neuen Lebensmittelpunkt nach Wuppertal (zurück) zu verlegen um also dafür rund 120 Kilometer nach Westen auszuwandern. Was aus anderen östlichen Regionen nicht überliefert ist. Aber da gibt es noch den Fluss - oder Bachnamen Itter und den findet man zwar auch noch einmal am Neckar und auch einmal in Niedersachsen. Aber man findet ihn auch im Bergischen Land etwa 10 Kilometer südwestlich von Wuppertal – Elberfeld und gleich zwei Mal im Waldeck, wo sie als Nebenflüsse von Eder und Diemel bekannt sind. Im 13. Jahrhundert schrieb sich die Rheinnahe Itter noch „Itre“ und man vermutet ihren Ursprung im Indogermanischen. Sollte dies eine Theorie rechtfertigen, dass die Itter nahe Wuppertal bereits zu Sugambrerzeiten diesen Namen trug und sie ihn in ihre neue Heimat ins „Gau Nitherga“ mitnahmen. Aber nun lebten die abgespaltenen Sugambrer zusammen in einem aus vielen Stämmen bestehenden Überschneidungsraum, einer Berührungszone der vier germanischen Stämme von Marsern, Chatten, Cherusker und Brukterer. Dort bildeten sie sich wieder die besagte Eigenständigkeit heraus und könnten wie dargestellt auch unweit von Segestes gesiedelt bzw. mit einem Kontingent möglicherweise auch an der Varusschlacht teilgenommen haben. Nach Strabo sollen die Sugambrer sogar an oder nahe der Weser gesiedelt haben, was sich mit einem Siedlungsgebiet am Oberlauf der Diemel noch vereinbaren ließe. Er schloss es vermutlich daraus, dass ein Sugambrer dem Triumphzug im Beisein des Cheruskers Segestes beiwohnte. Und die rebellischen Sugambrer waren immer schon Durchsetzungsfähig und blieben über die Jahrhunderte betrachtet ihrer Stammesgeschichte treu. Somit war der Sugambrer Deudorix der Abstammung nach auch ein greifbarer Vorfahre des späteren Frankenkönigs Chlodwig dem Ersten, der ebenfalls aus sugambrischen Geblüt stammte. Aber der besagte Deudorix, der das Privileg hatte dem Treiben im Mai 17 + zusehen zu dürfen, war auch der Sohn des Sugambrerfürsten Baitorix und damit ein Neffe jenes berüchtigten Sugambrers Maelo. Er wird aber, folgt man diversen Theorien auch als der bevorzugte Wunschkandidat nämlich der perfekte Schwiegersohn von Segestes gehandelt, dessen stiller Wunsch es gewesen sein könnte, ihm die Hand seiner schwangeren Tochter Thusnelda zu geben. Ein Gedanke den man wohl unter den „Blaublütigen“ aufgrund ihrer Schwangerschaft verwerfen darf. Aber Segestes dürften in dieser Zeit auch andere Sorgen geplagt haben, als Heiratspläne für seine Tochter zu schmieden. Die Wahrscheinlichkeit könnte daher größer gewesen sein, dass Deudorix aus ganz anderem Grunde am Hofe des Segestes weilte, als dieser den erhofften und herbei gebetenen Besuch von Germanicus bekam. Deudorix mögen die gleichen Beweggründe getrieben haben wie Segestes. Denn in seinem anzunehmenden Herrschaftsgebiet möglicherweise an der oberen Diemel oder westlich davon gelegen, tobte im Frühjahr 15 + Caecina gegen die Marser und damit wohl auch gegen Teile der Sugambrer und Germanicus der gerade in Nordhessen wütete und danach die Region verließ konnte auch für ihn zur Gefahr werden. Sollte er zur romfreundlich gesinnten Fraktion der Sugambrer gezählt haben hatte er sich dem Kampf seines Volkes eher nicht angeschlossen. Er hätte dann die Absichten seines Freundes Segestes geteilt bzw. setzte auf einen furiosen Siegeszug der Römer gegen die Arminen, in dessen Sogwirkung auch er dann wieder hätte nach Germanien zurück kehren können. Hinzu könnte gekommen sein, dass Deudorix als ein Neffe nur der Bruderlinie des mächtigen Maelo entstammte, so das er sich die Machtübernahme über den Maelo Clan erhoffte. Folglich musste das Herz von Kaiser Tiberius und vor dem auch schon das von Germanicus sehr groß gewesen sein, wenn man diesem Mann Asyl gewährte. Aber es gehörte überall zur römischen Clientelpolitik Adelsschichten zu gewinnen die sich in Abhängigkeit begeben wollten. Was hätte also sonst einen Sugambrer veranlasst haben sollen, sich später unter den Ehrengästen des 26. Mai 0017 wieder zu finden. Denn eigentlich wollten doch er und Segestes im Jahre 17 + schon die unumstrittenen Regenten in ihren Heimatregionen sein und nicht im fernen Rom sitzen oder in Gallien einen Ruhesitz beziehen. So war der ehrenvolle Platz im Kreise der Segestes Familie eher den gescheiterten Bemühungen des Imperiums geschuldet, dem es nicht gelang Germanien zu unterjochen. Deudorix ein Mann dem vielleicht in der Heimat die Stammesführerschaft versagt blieb und sich mit Segestes darin einig war, noch rechtzeitig gemeinsam die weiße Fahne zu hissen, bevor Germanicus vollendete Tatsachen schuf. Vielleicht lag seine Absicht auch darin zu verhindern, dass Germanicus sein angestrebtes Herrschaftsgebiet, den in Betracht gezogenen Gau Nitherga zerschlug. Deudorix mit der verdächtigen keltisch/germanischen Endung im Namen wird zwar im Triumphzug im gleichen Atemzug mit der Segestes Familie genannt, aber nach den Festivitäten findet er wie so viele andere auch keine weitere Erwähnung mehr. Wagen wir aber noch einen Sprung ins 11. Jahrhundert, denn im „Nitherga Gau“ dem „Itter Gau“ im Waldeck begegnet uns später auch der Esikone Graf Dodiko. Ein Name mit dem sich auch die Onomastik beschäftigen könnte um möglicherweise Ursprünge zur Namenstradition eines Deudorix heraus zu arbeiten. Der Tatsache, dass Deudorix offensichtlich ohne familiären Anhang und verwandtschaftliche Verbundenheit Segestes folgte deutet zumindest darauf hin, dass über geordnete Interessen beide zusammen führten. Beide standen in Gegnerschaft zu Arminius und ihnen stand Rom näher als die germanische Sache so strebten es beide an einer römischen Abhängigkeit den Vorzug zu geben. Ovid hingegen stellte sich die Teilnehmer des Triumphzuges aus dem Exil heraus nur mit geschlossenen Augen vor. Ihm erschienen sie alle nur in seinen kühnsten Träumen, Visionen und verschwommenen Zügen vom „was wäre wenn“. Namensnennungen von Teilnehmern musste er, anders als Strabo es schon konnte weglassen und auf Phantasienamen verzichtete er. Am Ovid Triumphzug nahmen Silhuettenhaft nur jene Germanen teil, die sich in die unmittelbaren Ereignisse der Varusschlacht einbinden ließen, so wie er sie alle in seinen Träumen gegen Varus kämpfen sah. Bei Ovid finden wir weder Hinweise oder Rückschlüsse auf den Stamm der Cherusker noch auf cheruskerfremde Kämpfer anderer Germanenstämmen geschweige denn Angaben zu den Germanicus Feldzügen, da er von ihnen vermutlich auch noch gar nichts wusste, denn er soll im Jahr des Triumphzuges 17 + verstorben sein. Bei Strabo wird allerdings eine, ich nenne sie mal vermeintliche Trennlinie zwischen schlechten und guten Germanen sichtbar, denn er rückt die vorgenannte Gruppe jener Germanen die Rom gegenüber in offener Feindschaft standen von jenen Germanen ab, die Rom in Freundschaft verbunden waren. Machte also einen Unterschied zwischen den Germanen die man in den Kriegen gefangen nahm und den Überläufern aus dem Hause Segestes. So zählt er auffällig zahlreich die Stammesangehörigen vieler unterworfener Völkerschaften auf. Zudem nennt Strabo gefangene Kämpfer aus den Stämmen der Chauken, Ampsivarier, Brukterer, Usipeter, Cheruskern, Chatten, Kattuariern, Lander und Tubanten. Stämme, von denen einige gar nicht an der Varusschlacht beteiligt waren, aber möglicherweise an den Folgeschlachten gegen Germanicus teil nahmen. Ob einzelne Kämpfer aus diesen Stämmen auch gegen Varus kämpften, dürfte für Strabo als er etwa 18 + schrieb, nicht mehr nachvollziehbar gewesen sein. Denn kein Gefangener wird sich freiwillig dazu bekannt haben auch schon gegen Varus mitgekämpft zu haben. Möchte man hinter dem Personenkreis den uns Strabo real nennt, jene Germanen entdecken deren aussehen und gebaren uns schon Ovid so plastisch beschrieben hat, dann tun sich zwei Welten auf, die sich nie miteinander verbinden lassen. Strabo hat und brauchte die Metamorphosen des Ovid nicht als Vorlage seines realen Triumphzug heran zu ziehen, denn seine Kenntnislage stand bereits auf stabilen Füßen, als die des Wunschdichters, Träumers und Verfassers trauriger Epen nämlich Ovid. Ungeachtet dessen hat das dichterische Talent von Ovid und damit die Zeit in der er lebte und aus der er berichtete sein Phantasiewerk für eine gegenüberstellende Analyse unentbehrlich gemacht, und auch aus ihm eine ernst zu nehmende Gestalt der historischen Auseinandersetzung werden lassen. Nicht umsonst hat die Historie ihn an die vorderste Stelle gesetzt. Ihm also den Spitzenplatz eingeräumt als Erster wenn auch nur indirekt über die Varusschlacht berichtet zu haben. Wofür auch immer er es dann literarisch verwendete, denn seine Absichten haben wir durchschaut und es wird zur Zweitrangigkeit. Aber seine Metamorphosen waren daher alles andere als nur ein Randwerk in der Betrachtung der Varusschlacht. Für Strabo besaß die Bedeutung der zahlreichen eingefangenen und versklavten Stammeskrieger jedenfalls nicht den nötigen Stellenwert und ihr Bekanntheitsgrad reichte nicht aus, um sich auch noch nach ihren Namen zu erkundigen, oder sie sich zu merken. Sie dienten dem Feldherrn Germanicus als schmückendes Beiwerk und nur dem einen Zweck den Triumphzug auf eine optisch imponierende Zahl Gefangener anwachsen zu lassen. Strabo bezeichnet die Familienmitglieder des Segestes und damit offensichtlich auch noch den Familien fremden Deudorix als vornehm. So könnte man den Eindruck gewinnen, dass alle Personen und wohl auch die des Segestes Clan für Germanicus nicht mehr als nur einen, wenn auch präsentierfähigen, so aber doch letztlich nur bequemen „Beifang“ darstellten. Und bei weitem keine dem Imperium gleich gestellte und erst recht nicht eine auf Augenhöhe angesiedelte germanische Fürstenfamilie. Möglicherweise versuchte Segestes noch die Hand über seinen Familienclan zu halten, aber der Ehefrau des schlimmsten Römerfeindes konnte und wollte man in Rom wohl nicht den nötigen Respekt erweisen. Ebenso nicht einem Segimund der schon einmal die Fronten gewechselt hatte wie es ernst wurde, als er auf die Seite des Arminius überwechselte. Und sicherlich auch nicht den anderen Personen einschließlich eines Deudorix. Aber wir haben es noch mit einer sonderbaren Parallele zu tun. So fällt wie auch schon im Ovid Gedicht auf, dass erneut aber dieses Mal bei Strabo wieder von einem Priester in den Reihen der Germanen die Rede ist. Ovid beschrieb ihn noch als blutrünstigen Schlächter, der die besiegten Römer den Göttern opferte, während Strabo seinen Priester nur einen Chatten nannte und seinen Namen mit Libes angibt. Es ist aber in der Tat eine erstaunliche Duplizität der Darstellungen sowohl bei Ovid als auch bei Strabo erkennbar, was diesen einen bzw. beide Priester im jeweiligen Triumphzug anbelangt. Germanische Gottesdiener müssen in der Antike folglich eine feste Größe gewesen sein und waren ein Begriff für alle antiken Historiker, die sich mit dem germanischen Brauchtum zu Zeiten von Kaiser Augustus oder Tiberius beschäftigten. Denn besser als an diesen zwei Beispielen lässt es sich in so früher Zeit aus keiner anderen historischen Überlieferung heraus lesen, welchen hohen Stellenwert sie hatten. Es gab sie also demnach doch, die Schamanen, Opfer, Druden- oder Zauberpriester und sie sind kein Hirngespinst kruder, druider Mirakulix Geschichten. Wurden sie in Triumphzügen mitgeführt, so galten sie für Ovid als Feinde die man auf Kriegszügen dingfest machen musste. Aber Strabo rückte sie wie es auch deutlich wird schon recht nahe an die germanische Führungsschicht heran, denn sie gehörten schließlich zu deren unmittelbaren und vertrautem Personenkreis. Möchte man nun Ovid`sche Traumwelten mit Strabo`scher Realität verbinden, so könnte man sich die Frage stellen, warum nicht damals auch ein chattischer Priester an den Ritualtötungen nach dem Ende der Varusschlacht auf den Altären der Cherusker im Saltus mit gewirkt haben könnte. Denn Chatten sollen ebenfalls zu den Gegnern von Varus gezählt haben und Libes könnte einer von ihnen gewesen sein. Germanische Priester gehörten demzufolge immer zur traditionellen Kriegsbeute römischer Feldzüge, fanden in antiker Zeit Beachtung, wurden möglicherweise auf Triumphzügen standardmäßig mit vorgeführt und zur Schau gestellt. Erschwert wird die Interpretation der Strabo Überlieferung insofern, als dass nicht klar ersichtlich wird, ob Strabo den chattischen Priester Libes mehr auf der Seite der Segestes Familie oder auf jener der vorgeführten Gefangenen sah. Saß Libes also auf der Tribüne oder musste er das Schicksal mit den gefesselten Germanen teilen. Strabo stellt es so dar, als ob der Name Libes lediglich fiel, aufgeführt bzw. genannt wurde. Den Satz vollendet Strabo aber mit dem Hinweis auf die anderen Personen aus den unterworfenen Völkern. Und dies waren die Gefangenen, aber nicht der ehrenwerte Segetesclan. Man kann daraus schließen, dass sich demnach der chattische Priester nicht in der Segestes Burg aufhielt, als dort Germanicus erschien um sie zu „befreien“. Mit der Präsentation eines Dieners der einem fremden Gott huldigte, ließ sich auch die Schwäche der feindlichen Götter untermauern und die römischen Götter erfuhren dadurch ihre eigene Aufwertung. Beim Priestervergleich blitzte also doch noch mal ganz zaghaft eine bereits verworfene, nebulöse und unwirklich zu nennende Ähnlichkeit zwischen den beiden seltsamen Triumphzügen auf. Der „Strabo“ Priester Libes war ein Chatte und bei Ovid nahm der Priester die Rolle eines Racheengels über die besiegten Römer ein. Ritualhandlungen waren also aus den damaligen Zeiten nicht weg zu denken. Warum sollte sich nach der Varusschlacht im heutigen Sinne gedacht, nicht auch ein chattischer Priester schuldig gemacht haben, in dem er die Cherusker nach der Schlacht dabei unterstützt hatte, die gefangenen Römer zu Ehren ihrer Götter zu opfern. So wie es Tacitus berichtet hatte. Libes wurde von Strabo zwar in einem Atemzug mit den germanischen Fürsten genannt, aber bei genauem Hinsehen fällt auf, dass Strabo in ihm mehr die Beute sah, denn er brachte ihn mit dem Triumph in Verbindung. Und rückte ihn wie dargestellt in die Nähe der vorgeführten Gefangenen aus den diversen germanischen Stämmen. Demnach schonte man ihn nicht, sondern setzte ihn auf die Sklavenliste. Spinnt man den Gedanken weiter kommt man unwillkürlich auch an den Punkt zu fragen oder zu kombinieren, wie ein unmittelbarer Teilnehmer der Varusschlacht aus dem Stamm der Chatten noch sechs Jahre nach der Schlacht in römische Hände gelangt sein könnte. Es scheint aber plausibler zu sein, dass Libes in römische Gefangenschaft geriet, als Germanicus die chattischen Wohngebiete verwüstete und ihn schon mit sich führte bevor er zur Segestes Burg aufbrach. Als Ersatz für chattische Fürsten die ihm nicht in die Hände fielen könnte er ihm recht gewesen sein. Im Umkehrschluss klingt aber alles nur so, als sei der Priester im erträumten Teilnehmeraufgebot des Ovid der gleiche gewesen wie der Chatten Priester mit Namens Libes, den Strabo erwähnt, so wie er 17 + an Kaiser Tiberius vorbei zu paradieren hatte. Defacto aber lagen Kontinente zwischen beiden Triumphzügen. Letztlich standen aber beide Triumphzüge, wenn auch zeitversetzt zu Papier gebracht, also sowohl der reale Triumphzug für Germanicus, als auch der nur als Wunschtraum in Szene gesetzte Triumphzug des Ovid in letzter Konsequenz in Zusammenhang mit der Varusschlacht. Während Ovid mit seiner Darstellung seine Rückkehrabsichten und Hoffnungen bekräftigen wollte, sollte der Triumphzug des Jahres 17 + das Scheitern von Germanicus nach drei Jahren Germanenkriegen, als auch seine misslungene Rache an den Varusbezwingern in Germanien kaschieren helfen, denen er letztlich nie habhaft werden konnte. Der von Strabo beschriebene Festakt für Germanicus wurde letztlich zu einem Triumphzug „light“ und hatte mehr den Charakter einer Pflichtübung, als einer Siegesfeier. Möchte man es vereinfachen, so finden wir in den beiden Triumphzügen sowohl dem von Ovid als auch dem von Strabo die gewünschten Bezüge zur Varusschlacht die uns bei der Aufarbeitung hilfreich sein können. Nämlich bei der Bewertung, dass der Auftritt des Segestes im Jahres 17 + zu einem Paukenschlag der Geschichte wurde, mit dem ein neues Kapitel der Varusschlachtforschung aufgeschlagen wird. Denn es kam mit Segestes eine Wahrheit ans Licht, die sich nur auf den ersten Blick wahrhaftig anhörte. Nämlich die Frage beantworten hilft, ob der hier erstmals erwähnte Segestes mit seinen Aussagen in Teilen die Varusforschung möglicherweise aus Eigennutz in die Irre geleitet und damit die Historie auf den Kopf gestellt hat. Strabo könnte auch von den Metamorphosen, also den verschrifteten Wunschträumen über das unbekannte Wissen des Ovid zur Varusschlacht gewusst und damit auch die Beschreibung des fiktiven Triumphzuges aus der Feder des Ovid gekannt haben. Er könnte Ovid im Wissen darum, dass es später zu einem realen Triumphzug kam dem er selbst beiwohnte, belächelt und darin die Ironie der Geschichte gesehen bzw. Ovid für seine hellseherischen Talente bewundert haben. Denn erst Strabo ließ uns die wahren Details wissen. Details die uns die Suche nach der Schlachtenregion zwar nicht erleichtern helfen, die aber dazu beitragen Segestes und das Wesen der Zeit besser einstufen zu können. Segestes der wie ich apostrophiere Varus eben nicht warnte und damit eine erhebliche Mitschuld an seinem Untergang trug. Denn er hätte Varus in der Tat auch warnen können, wenn er es gewollt hätte. Um sich der Tragweite dieser Überlegungen bewusst zu werden muss man annehmen dürfen, dass es möglicherweise nie eine Varusschlacht gegeben hätte, wenn Segestes ihn tatsächlich auf die drohende Gefahr hin gewiesen hätte. Nun aber gilt meine Aufmerksamkeit wieder uneingeschränkt Segestes dem germanischen Insider im Dunstkreis des Palatins. Er hatte nun dank seiner Strategie die gefährliche Nagelprobe überstanden und sie vielleicht auch nur wegen seiner geschickten Argumentationskette überlebt. Es ist für ihn noch mal gut ausgegangen oder wie der moderne kölsche Germane sagen würde „Et hät no mo jot jejange“. Man kreidete ihm nicht die langjährige verdächtig friedliche Nachbarschaft zu Arminius an, die immerhin sechs Jahre währte. Man blendete bei der römischen Inquisition auch aus, dass er es sogar zuließ, dass seine Tochter Thusnelda noch im Sommer oder Frühherbst des Jahres 14 + von seinem Widersacher Arminius geschwängert wurde. Und man stellte auch keine weiteren Fragen mehr, warum die räumliche Nähe beider Konfliktparteien in den langen Jahren keine Nachteile für Segestes mit sich brachte. Eine „angebliche“ Feindschaft die erst im Jahre 15 + aufbrach als sich justament wieder Römer in kriegerischer Absicht auf Ostwestfalen zu bewegten. Die Spatzen pfiffen es damals vom Dach, dass die Zeiten rauer werden würden und es stieg die Gefahr für den einfachen Germanen aber auch die hohen Fürsten der Cherusker um ihr Leben bangen zu müssen. Denn in Ostwestfalen war bekannt, was man in Rom unter Rache nehmen bzw. sie auszuüben verstand. Möglicherweise getrieben von der nackten Angst, die Legionen würden in Bälde verwüstend über Ostwestfalen den Leinegau aber auch über die Siedlungen der Sugambrer her fallen und Segestes und seinen Anhang aber auch Deudorix töten oder abführen, da auch er in die Varusschlacht hätte verstrickt sein können, ließ alle den rechtzeitigen Schwenk vollziehen. (05.10.2020)

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Donnerstag, 24. September 2020
Segestes, wie man ihn auch sehen kann - „Es ist nie so wie es aussieht“
Der menschliche Wunsch „verstehen zu wollen“ reizt uns auch die Inhalte antiker Überlieferungen immer wieder nach Neuem und Unentdecktem auszuloten.
Sie haben uns zahlreiche Spielräume hinterlassen die mit plausiblen Erklärungen geschlossen sein wollen. Ein unzertrennlicher und notwendiger Prozess, der der Forschung geschuldet ist. Es scheint nicht nur so, sondern es ist in der Geschichte immer alles eng miteinander verknüpft und verbacken. Ohne ein vorher auch kein nachher und jede neue Generation die nach Varus aufwuchs bewertete ihn und seine Zeit anders. Zeitliche Sprünge im Zuge der Nachbetrachtung sind daher auch hier unvermeidbar, so verwirrend es auch manchmal sein mag. Aber da müssen wir durch. Wie sich Schmand auf der Milch absetzt, drängen sich auch neue Spekulationen wie von selbst an die Oberfläche und bringen frische Ideen in die Debatte. Die Starre fest gefahrener Gedankengänge lässt sich so überwinden und wie jedem Keller, steht es auch der historischen Bewertung gut zu Gesicht von Zeit zu Zeit entrümpelt zu werden. Man blickt auf die Geschichte wie auf ein buntes Karussell oder auf eine sich drehende Roulettekugel und erst wenn wir das Rotierende zum Stillstand bringen um es besser analysieren zu können, reiben wir uns die Augen, blicken wir klarer und merken, wie bequem wir es uns schon in dem Glauben gemacht hatten, so und nicht anders muss es damals gewesen sein. Aber genug der schönen Worte, denn wir müssen wieder einmal zurück ins Jahr 17 + um dieses Kapitel zu Ende zu bringen. Am Anfang standen die Männer der ersten Stunde, nämlich im historischen Sinne die „Urberichterstatter“ und das waren außer Manilius vor allem Ovid und Strabo. Zwei Männer wie sie ungleicher kaum sein können. Ovid konnte uns natürlich aus der Verbannung heraus und Jahre vor dem Triumphzug des Jahres 17 + nicht die daran teilnehmenden Germanen beim Namen nennen. Es war schließlich seine Fiktion und er war kein Hellseher. Aber Ovid ahnte, wie er seinen Kaiser Augustus glücklich machen konnte um ihm in seiner tristen Agonie, resultierend aus der Varusniederlage einen Hoffnungsschimmer bieten zu können. Wie wir wissen war das was er tat nicht frei von Eigennutz, denn er erhoffte sich damit, dass Augustus die Verbannung gegen ihn aufheben würde. Wie in allen Zeiten stand und steht das persönliche Interesse oben an und auch das Verhalten von Segestes war von dem nicht weit entfernt. In Ovid`s an den Kaiser gerichteten rhetorisch übersteigerten Versen der Tristia ließ er Augustus gewissermaßen einen Blick in eine ruhmreiche Zeit werfen. Er nahm die Zukunft vorweg und ließ die Zeitgeschichte mit der Utopie verschmelzen. Der Kaiser sollte jedoch nicht mehr erleben, dass sein Wunschbild einmal wahre Gestalt annehmen würde. Aber die Träume von Ovid sollten zumindest in Teilen einmal reale Gestalt annehmen und es sollte nicht bei bloßen Schäumen bleiben. Was Strabo nicht tat bot uns Ovid auf seine poetische Weise. In Form von Umschreibungen teilte er uns einige interessante Wesensmerkmale und Verhaltensweisen jener Triumphzug - Teilnehmer mit, so wie sie seiner Phantasie und Vorstellungskraft entsprangen. Sie wurden von ihm so lebendig und ausdrucksstark zu Papier gebracht, dass sie halfen unser Einfühlungsvermögen für die Lage im alten Rom zu verbessern. Denn er versuchte ohne es selbst gesehen zu haben das Auftreten der fremdländischen Germanen zu beschreiben. Es könnte ihm leicht gefallen sein, da er vor seiner Verbannung in Italien mit eigenen Augen sah, wie sich germanische Sklaven in römischer Gefangenschaft verhielten. Es war ein spektakuläres literarisches Produkt seiner inneren Visionen, was auch noch in ferner Zukunft unsere Interpretationsfreudigkeit anspornen wird. Dabei verlor er sich etwas in seinen eigenen verschwommenen Welten, schließlich war er Poet. Ungeachtet dessen, dürfte seine Beschreibung vom späteren, also tatsächlichen Verlauf des Triumphzuges nicht allzu weit entfernt gelegen haben. Strabo hingegen war live dabei, war kein Lyriker, sondern Geograph und somit Realist, bevorzugte die sachliche Darstellung, vermied Dramatik und Schönfärberei und wollte auch nicht gefallen. Aber dank Strabo ist es uns, wenn auch nur zum Teil vergönnt, auch die Bedeutung und Funktion vieler Personen des Triumphzuges und deren jeweilige familiäre Verbindung transparenter werden zu lassen. Man erkennt, dass auch Strabo vieles an Detailwissen aus dem Germanien seiner Zeit fehlte oder es nicht notierte und müssen auch bei ihm jedes seiner wenigen Worte mit Gold aufwiegen. Halten wir uns noch mal vor Augen, dass man mit dem Triumphzug im Mai 17 + den großen Schlussstrich unter die Varusschlacht und die Germanicus Feldzüge ziehen wollte. Man wollte das leidige Kapitel zum Abschluss bringen und es so spektakulär und triumphal wie möglich aussehen und enden lassen. Es wurde zum letzten offiziellen Anlass hoch stilisiert mit dem Ziel das Vergangene danach für immer zum Schweigen zu bringen. Und anders lässt es sich auch nicht erklären, dass man uns so wenig aus dieser unrühmlichen Zeit hinterließ. So ist es erforderlich im Zuge der Textanalyse aus der Feder von Strabo nach Trennlinien suchen zu müssen, mit denen sich die von ihm beschriebenen zwei wesentlichen germanischen Personenkreise die am Triumphzug teilnahmen unterscheidungsfähig machen. Dies war auf der einen Seite die Gruppe jener, deren Namen und stammesgeschichtliche Herkunft aus den jeweiligen fürstlichen Familien uns Strabo mitteilen konnte und auf der anderen Seite die namentlich Unbekannten. Germanen, die man im gepeinigten und versklavten Zustand vorführte. Und dies waren auch jene, die wie Strabo schrieb nun in Rom für alle deutlich erkennbar für ihre Taten zu „büßen“ hatten. Germanen, von denen er zwar keine Personennamen nennen konnte, dafür aber die Namen der Stämme denen sie einst angehörten. Aber an diesem Tag des Triumphes im Jahre 17 + schien es keine Bedeutung mehr gehabt zu haben, ob sie damals gegen Varus oder später gegen Germanicus kämpften. Es waren Germanen die nun ihren Kopf möglicherweise auch für Taten hinhalten mussten, die sie gar nicht begangen hatten. Eventuell mehr oder weniger beliebig Eingefangene, als gefangene Kriegsgegner, da sie sich scheinbar wahllos aus den unterschiedlichsten Germanenstämmen zusammen setzten. So könnte man auch annehmen Germanicus habe sie aus einer Vielzahl zur Verfügung stehender Männer einfach nur wahllos heraus gegriffen. Männer die er von Germanien aus über die Alpen nach Rom verschleppte um sie dort in Ketten spektakulär vorführen zu können. Aber wer will das schon behaupten. Denn es könnten im Zuge der antiken Dramaturgie genau so gut auch „Komparsen“ gewesen sein, die sich Germanicus in Italien beschaffte. Andererseits verließen aber immer wieder Sklavenzüge die römischen Kastelle am Rhein als Nachschub für die antiken Volkswirtschaften und wer will schon sagen, dass sich unter den vorgeführten Germanen nicht sogar Kelten befanden, die gezwungen wurden als Germanen aufzutreten. Es waren letztlich bedeutungslose Menschen aus dem entfernten Niedergermanien die an diesem Tag den Erfolg der Germanicus Schlachten beweisen sollten und das Volk von Rom sollte und konnte sowieso keinen Unterschied feststellen. Sollten aber die Gefangenen tatsächlich alle aus den von Germanicus geführten letzten Schlachten, explizit denen des Jahres 16 + gegen die Germanen herrühren, so hätte uns Strabo damit einen weiteren Gefallen getan. Denn dann wüssten wir auch, welche germanischen Stämme es waren, die sich in diesem Jahr gegen Germanicus verbündet hatten. Denn Germanicus hätte demnach Germanen aus den Stämmen der Chauken, Ampsivarier, Brukterer, Usipeter, Cherusker, Chatten, Kattuariern, Lander und Tubanten in den Jahren zum Gegner gehabt. Marser nannte er nicht, da man sie außer in der Varusschlacht vermutlich nur in den Jahren 14 + und 15 + zu Feinden hatte. Ebenso finden wir erstaunlicherweise auch keine Angrivarier unter den Gefangenen. Diese stellten sich nur 16 + gegen ihn, hätten also wiederum nach der Schlacht am Angrivarierdamm gut in den Kreis der Gefangenen gepasst. Die Sugambrer die man in drei Stammesteile zersiedelte, waren ebenfalls nicht unter den Gefangenen, da sie zwischen 14 + und 16 + ebenso wie die Tenkterer offensichtlich bedeutungslos waren. Hätte uns Strabo sie uns trotzdem alle genannt, also auch die Stämme der Angrivarier, Tenkterer, Marser oder Sugambrer, so wäre fasst das gesamte „who ist who“ der größeren germanischen Feindesstämme komplett gewesen, so wie wir sie in West - und Mittelgermanien nach der Zeitenwende verorten und wie sie sich irgendwann einmal gegen Rom gestellt hatten. Unter den Fürstenabkömmlingen für die der Tribünenplatz reserviert war, befand sich auch ein namentlich genannter Sugambrer. Sollte dies möglicherweise der Grund gewesen sein, warum sugambrische Gefangene nicht mitgeführt bzw. erwähnt wurden. Es war der Sugambrer Deudorix der sich auf die Seite von Segestes geschlagen hatte. Er könnte aus der sugambrischen Absplitterung gestammt haben, die sich 11– auf der Flucht vor Tiberius mit den Marsern noch rechtzeitig nach Osten abgesetzt hatte. Schaut man sich die Feindesstämme an und beginnt bei den Chauken so wissen wir, dass bei der Schlacht von „Id – ista – wiso“ Chauken, obwohl sie auf Seiten von Germanicus standen trotzdem dabei halfen, dass Arminius verletzt entkommen konnte, also waren auch sie gegenüber Germanicus nicht in Gänze loyal. Die Tubanten standen den Chauken nahe kämpften aber 14 + auf Seiten der Marser gegen Germanicus und könnten folglich auch im Zuge dieser Schlacht in Gefangenschaft geraten sein. Von den Ampsivarier weiß man, dass auch dort das Fürstenhaus damals uneins war und er also auch Ampsivarier zu Gegnern hatte. Ein Stamm den vermutlich die Römer wieder gegen sich hatten, als es nahe der Ems vermutlich östlich von Bramsche zum Austausch der schiffbrüchigen Römer kam oder kommen sollte. Brukterer durften nicht fehlen, denn sie waren in allen Feldzügen die „Lieblingsbeute“ der Römer, da sie im Zugkorridor der westfälischen Bucht ansässig waren. Usipeter siedelten in der Nachbarschaft von Marsern und Sugambreren und standen ebenfalls wie die Kattuariern, Lander und Tubanten, Cherusker und Chatten im Dauerkonflikt mit Rom. Die Stammesliste von Strabo macht also einen vollzähligen und damit auch glaubwürdigen Eindruck. Die Stammesnamen könnten also gestimmt haben, was aber nicht gleichzeitig besagt, dass auch die vorgeführten Germanen diesen Stämmen einst angehörten. Hätte Germanicus nur zehn Männer pro Stamm in Ketten vorgeführt, hätte der Zug schon fasst an die hundert Germanen heran gereicht, die er in Rom präsentierte. Männer die man im Anschluss daran in die zahlreichen Steinbrüche des Imperiums oder günstigenfalls je nach Auswahlverfahren an die Agrarwirtschaft oder ähnliches weiter reichte oder wieder dorthin zurück schickte, wo man sie vorher ausgeliehen hatte. Konkret vermissen wir aber in seiner Aufzählung die Angrivarier vor allem aber die Namen diverser elbgermanischer Stämme mit suebischem Hintergrund die sich sicherlich auf der Seite von Arminius insbesondere 16 + an den Schlachten beteiligt hatten, sonst wäre Arminius gegen die Massen des Germanicus wohl erfolglos geblieben. Doch warum fehlten die Angrivarier in seiner Aufzählung, obwohl man Germanicus einen Triumphzug auch aufgrund seiner „Erfolge“ über die Angrivarier zugestanden hatte. Dem Wortlaut nach lautete die Bestätigung dazu:
„Cheruscis Chattisque et Angrivariis quaeque aliae nationes usque ad Albim colunt“. Und in der Übersetzung: „Cherusker und Chatten sowie die Angrivarier und die anderen Volksstämme, die im Gebiet bis zur Elbe wohnen“. Hatte Germanicus die Gefangenen etwa nur bei Idistaviso gemacht, als sich ihm noch keine Angrivarier in den Weg gestellt hatten. Wurde die Schlacht am Angrivarierdamm möglicherweise durch ausgeruhte uns unbekannte Krieger aus dem elbgermanischen Raum entschieden und Angrivarier konnte sich geschickt der Gefangennahme entziehen, oder war Rom gar nicht mehr imstande nach der Schlacht am Angrivarierdamm Gefangene machen zu können bzw. zu wollen. Und so konnte aus gleichem Grund Germanicus auch keine Elbergermanen in die Sklaverei führen. Oder konnte Strabo die Angrivarier nicht aufzählen, da ihr Stammesname unterdrückt wurde, weil man mit ihnen noch den Austausch der schiffbrüchigen Römer des Jahres 16 + zu Ende bringen wollte. Dann wäre dies eine mögliche Erklärung dafür gewesen, warum sich Germanen aus diesen Stämmen nicht unter den Gefangenen befanden bzw. von Strabo aufgezählt wurden. Germanen etwa aus dem Stamm der Langobarden die nicht tatenlos mit ansehen wollten, wie das Imperium möglicherweise bald seine Grenze bis an die Elbe ausdehnen würde und die die Gründung einer Provinz mit Namen „Albis inferior“ verhindern wollten. Spekulativ ließe sich annehmen, dass sich Germanen aus den Stämmen der Chatten oder Brukterer 16 + auch nicht mehr in der Intensität an den Schlachten beteiligt haben wie noch im Jahre 15 + oder davor gegen Varus, denn sie dürften ihres am Widerstand gegen Rom bereits zur Genüge getan und voll erfüllt haben. Gefangene die man unter ihnen machte müssten demnach bereits vor dem Jahr 16 + in Gefangenschaft geraten sein. Es war also eine bunt zusammen gewürfelte Schar die Germanicus unter der Angabe von Stammesnamen damals dem Volk präsentierte. Wirft man noch einen Blick auf die Logistik, so war der Sklavenmarkt in Italien sehr aufnahmefähig aber der Transport von Sklaven war um diese Zeit auch nicht unproblematisch. Gehen wir dann noch einen Schritt weiter, so waren die Distanzen umfänglicher und der Rückmarsch könnte auch so manchen Germanen eine Flucht ermöglicht haben. So könnte sich Germanicus auf jene Germanen konzentriert haben, denen man leicht habhaft werden konnte. So waren darunter auch Germanen, die mit den Schlachten des Germanicus unmittelbar nichts zu tun hatten und sich schon länger in den Kastellen am Rhein aufhielten und so dreht sich auch hier wieder das Rad der Spekulation. Es hilft uns aber die Zeiten zu verstehen, denn wie gesagt, es ist nie alles so wie es aussieht. Wobei man an dieser Stelle noch mal auf den Geographen in Strabo zurück kommen muss. Denn Strabo berichtet uns als Historiker der ersten Forschergeneration nach dem Jahre Null den Namen, den die Elbe zu Römerzeiten trug nämlich Albis. Strabo erwähnte den Namen Albis erstmals im Jahre 18 +. Er tat dies im Zusammenhang mit der Vermutung, dass er ihre Quelle am Oberlauf der Saale sah. In diesem Jahr 18 + fand er vermutlich auch die nötige Muße und Zeit um viel seines angesammelten Wissens schriftlich zusammen zu fassen, was sich auf die Vergangenheit und die germanischen Verhältnisse bezog. So könnte dies die Annahme rechtfertigen, dass er auch erst im Jahr 18 + dazu kam seine Triumphzugdarstellung aus dem Jahr 17 + zu vervollständigen und nieder zu schreiben. Und in diesem Jahr 18 + in der Zeit, in der er nie nötige Ruhe aufbringen konnte, erwähnte er auch, dass Arminius „jetzt noch“ also demnach im Jahre 18 + immer noch kämpfen würde. Was dann wieder zu der Frage führt, gegen wen er 18 + zu kämpfen hatte. Das Strabo als seinen Gegner das Imperium meinte dürfte auf der Hand zu liegen, aber ließe sich der Hinweis auf Arminius kämpferisches Tun auch räumlich eingrenzen. Eine Fragestellung die schematisch in den Komplex der Schlacht am Kalkrieser Berg passen könnte, wo er also im Jahre 18 + noch gekämpft haben könnte und wovon Strabo noch erfuhr, als er seine Erinnerungen nieder schrieb. Demnach zu urteilen könnte auch Strabo noch etwas von der Schlacht am Kalkrieser Berg erfahren haben, als es zu dem möglicherweise gescheiterten Gefangenenaustausch der Schiffbrüchigen kam. Vergessen wir bei all den möglichen Gedankenketten nicht, dass es nur wenige Monate nach der gewaltigen Schlacht am Weserdamm der Römer gegen die Angrivarier und andere Stämme dazu kam, dass Germanen aus der gleichen Allianz die Armee des Marbod besiegten. So könnte man die Schlacht im Land der Angrivarier schon fasst wie eine Generalprobe, in Form eines Schulterschlusses oder Vertrauensbeweises unter Kampfgefährten werten und sie somit als den letzten Testlauf bezeichnen, den man noch brauchte um sich gemeinsam gegen die Markomannen zu verschwören. Man erkannte die gemeinsamen Interessen und besaß jetzt immer noch genügend Kraft in kürzester Zeit einen Zweifrontenkrieg erfolgreich zu bestehen. Einen derartigen Schritt wagt man natürlich nur, wenn man vorher am Angrivarierdamm einen alle motivierenden und siegreichen Abwehrkampf bestanden hatte, also das Imperium in der letzten Großschlacht auch in die Knie gezwungen haben dürfte und nun gegenseitige Verlässlichkeit erwarten konnte. Man könnte in den Ereignissen des Jahres 16 und 17 + auch die Geburtsstunde eines ersten größeren nach antiken Stammeszusammenschlusses sehen, denn Erfolge setzen neue Kräfte frei. Und möglicherweise kämpften in dieser Zeit auch schon Sachsen in den Reihen der Cherusker oder Elbgermanen mit. Aber zurück zu den Fakten. Auf der Sonnenseite des Triumphzuges befand sich also eine Gruppe die sich aus den scheinbar ehrenvollen, geladenen bzw. bedeutsameren und bevorzugten Persönlichkeiten zusammen setzte. Jene Erlauchten, die den Schlachten der Jahre 15 und 16 + durch ihre Flucht zu Germanicus noch rechtzeitig aus dem Weg gehen konnten. Also jener Personenkreis bei dem uns Strabo auch mit Namen dienen konnte. Aber Strabo erschwert uns die Einschätzung. Denn er drückt sich verwirrend aus, wenn es darum geht den höher Gestellten eine bestimmte Position innerhalb des Gesamtszenarios am Tag des Triumphes zu geben. So deutet er an, dass die würdigen Angehörigen des Segestes dem Zug beiwohnten, sich also möglicherweise auf einer Empore befunden haben könnten. Aber andererseits kann man es auch so lesen, als ob sie sogar teilweise selbst zum Bestandteil des Zuges wurden und in ihm mit marschierten. Denn Segestes wohnte wie Strabo es dargestellt einerseits dem Triumphzug gemeinsam mit seinen direkten Angehörigen bei, was nach zuschauen oder Zuschauer klingt. Andererseits zog er aber auch selbst und das sogar ehrenhaft im Triumphzug mit, was mit den Worten „mit einher“ beschrieben wird. Die vornehmen Personen werden der Strabo Darstellung nach also auch im Triumphzug „einher geführt“  was wieder zum Ausdruck bringen würde, sie hätten sich mit den versklavten Germanen im Zug vermischt. Ein anderes Mal wiederum wird in einer Übersetzung gesagt, dass auch „Segestes selbst „in Ehren mit einher zog“. Also nicht nur „bei wohnte“. Man fragt sich also wo hier der Unterschied zwischen „beiwohnen“ und „einherziehen“ verborgen sein könnte. Man kann es als Wortklauberei betrachten, aber es klingt nach einem Unterschied. Denn „bei wohnen“ ist nicht gleich „mit gehen“. Man kann sich allerdings nur schlecht vorstellen, dass ein Segestes dann ohne Ketten am Leib hinter gefesselten Germanen winkend und lamentierend „einher ging“. Man könnte aber auch der Schilderung entnehmen, dass Segestes gemeinsam mit dem Familienclan dem Triumphzug als Zuschauer beiwohnte sich aber selbst weg von einer erhöhten Position auch schon mal an den Straßenrand begab. War also mal hier und mal dort anzutreffen. So schien Segestes an diesem Tag vermutlich recht umtriebig und nahezu hektisch unterwegs bzw. ständig in Bewegung gewesen zu sein. Strabo könnte ihn also an unterschiedlichen Stellen im Treiben der Massen erkannt haben und konnte ihm daher in seinem Augenzeugenbericht auch keinen fest Platz zuweisen. Strabos vage Darstellung liefert ein unpräzises Bild und beschreibt uns Segestes als einen unruhigen Geist, den die Szenerie vielleicht überforderte. Er wusste vermutlich selbst nicht so recht wo er hin gehörte. Und da er sich aufgrund seiner Entscheidung nun in den Mühlen eines undurchschaubaren Regierungsapparates wieder fand bzw. hinein geraten war, kann man seine Lage gut nachvollziehen. Vielleicht wusste er zu diesem Zeitpunkt schon, dass man seine Familie in alle Himmelsrichtungen auseinander riss und ihm seine Tochter nahm, für die er nach offiziellem Sprachgebrauch sogar auf die römische Seite über wechselte, damit sie nicht in die Hände von Arminius geriet. In Rom aber nahm man ihm Thusnelda und das war sicherlich nicht sein Wunsch, denn es ist kein Hinweis zu finden, dass sie bei ihrem Vater blieb. Dies könnte für ihn der Moment gewesen sein sich eingestehen zu müssen im Frühjahr 15 + vielleicht einen Fehler begangen zu haben, denn die Heimat lässt sich nicht wie ein Hemd wechseln. Zumal er auch noch die Wahl hatte, sich Arminius ergeben zu können. Und er selbst, auch wenn er alles überleben durfte war sich nicht sicher wie es für ihn auf einem Landgut irgendwo im Gallischen weiter gehen würde. Vielleicht erwartete ihn dort aber auch nur die Position eines Erntehelfers zu dem man ihn degradierte. Aber Strabo ging es in erster Linie darum seinen Lesern vor Augen zu führen, welch hohe Herrschaften aus dem germanischen Adelsstand der Feldherr Germanicus da aus fernen Landen nach Rom mit gebracht hatte. Sie konnten sich frei bewegen, mischten sich vielleicht sogar unters Volk, trugen keine Fesseln, standen immer unter Aufsicht, wurden aber nicht wie Gefangene behandelt. Denn letztlich waren es angesehene Germanen und eine germanische Fürstenfamilie war darunter, die sich im Frühjahr 15 + zunächst einmal freiwillig und ohne römischen Zwang in die Hände des Imperiums begab. Das sich die Fürstenfamilie auf diese Weise, wie möglicherweise nur vorgetäuscht wurde vor den Arminius Germanen rettete, erwähnte Strabo mit keinem Wort. Denn das hätte möglicherweise nach einer leichten Beute klingen und einen Schatten auf den großen Feldherrn Germanicus werfen können. Aber ins Lager der Römer „über zu wechseln“, wie Strabo es andeutet, oder sich ihnen zu „unterwerfen“, wie wir es bei Tacitus lesen, macht doch einen gravierenden Unterschied. Denn Tacitus nutzte das lateinische Wort „dediti“, dass für „ergeben“ steht. Aber vor einem Feind wie Germanicus, von dem man gar nicht bedroht wird, sondern den man sogar gegen andere Feinde zu Hilfe gerufen hatte, vor dem braucht man nicht zu kapitulieren und sich auch nicht ergeben oder unterwerfen. Und wieder scheint es so, als ob hier der Romanautor Tacitus und nicht der Geschichtsschreiber Tacitus die Oberhand behielt. So kam das Strabo`sche „überwechseln“ dem wahren Tatbestand wohl näher als die taciteische Interpretation einem sich beugen und unterwerfen vor dem Stärkeren. In der Zusammenfassung wird also erkennbar, dass Segestes nicht nur die Tatsachen vor der Varusschlacht für ihn passend darstellte, sondern auch bei dem von ihm eingefädelten bzw. inszenierten Frontenwechsel sechs Jahre später seine eigene Regie führte. Wer ihm glaubte hatte zwangsläufig auf das falsche Pferd gesetzt. Und im Umkehrschluss blicken wir wieder auf einen arglosen Varus, der im Herbst 9 + seinem Feind Arminius ins offene Schwert lief, da er kein Risiko sah, weil er nichts wusste. Aber lässt man Segestes und seine nicht ergangene Warnung an Varus außen vor, so änderte dies letztlich nichts an dem Tatbestand, dass Varus eine Niederlage erlitt. Aber Strabo sah möglicherweise auch noch andere hehre Gründe für den Seitenwechsel des Segestes. Er wollte es vermutlich so zu verstehen geben, als ob schon die Herrlichkeit des Imperiums allein ausreichte, dass sich sogar selbst höchste Würdenträger fremder Völker gerne in den Bann eines prosperienden Reiches ziehen ließen, um die Wohltaten die von ihm ausgingen genießen zu können. Was letztlich auch oftmals zutraf wie man weiß. Der Segestes Familienteil konnte sich beim Triumphzug 17 + frei bewegen, ihnen legte niemand Fesseln an gleich von wo aus sie an ihm teil nahmen oder ihm zu sahen, ob als Zuschauer von der Tribüne aus oder als Zugteilnehmer, so der Eindruck den man der Strabo Darstellung entnehmen kann. Schließlich war Segestes spätestens nach seiner „Varuswarnung“ und damit indirekt auch seine Familie dafür bekannt, den Römern wohl gesonnen zu sein. Ihm winkte letztlich ein Alterruhesitz wie auch immer dieser aussah und was über die in seiner Obhut befindlichen Getreuen nicht sagen kann. Seine vom „falschen“ Germanen geschwängerte Tochter Thusnelda mit Sohn Thumelicus im Arm wird man ungleich argwöhnischer betrachtet haben als ihn. Tochter und Sohn gelangten später von Rom nach Ravenna, wo sich ihr weiteres Schicksal verläuft und sich nur spekulativ erschließen lässt. Und auch seinen Sohn Segimund wird man in Rom nicht mit dem gleichen Maßstab gemessen haben wie seinen Vater Segestes. Segimund, der seinerzeit zeitweise als Priester am Kölner Ubieraltar diente, aber auch schon mal die Seiten wechselte, könnte ein völlig anderes Schicksal zuteil geworden sein, als seinem Vater. Vielleicht war er es sogar, der die erbeuteten Waffen aus der Varusschlacht offen herum liegen ließ, als Germanicus den Saal betrat. Auch Sesithakos der Sohn des Bruders von Segestes mit seiner Gattin Ramis könnte, je nach dem was man in Rom über sie Belastendes wusste, mit zweierlei Maß gemessen worden sein. (24.09.2020)

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