Montag, 5. November 2018
Welchen Weg schlugen die Legionen in die Stammesgebiete der Aufrührer ein ?
Bei der Analyse der möglichen und Varus im Herbst 9 + zur Verfügung stehenden Zugtrassen von Höxter aus ins Aufstandsgebiet der Germanen vor dem Teutoburgiensi saltu bot die alte Gaulandschaft an der Nethe damals nicht sehr viele Alternativen und so treten auch nur zwei geeignete Varianten in den Vordergrund. Immer entschieden die Geländeformationen und der schon vorgegebene Verlauf der auch damals schon vorhandenen und genutzten Altstraßen aus prähistorischer Zeit über diese beiden möglichen Anmarschrouten. Aber es war nicht nur allein eine Frage der Zustände in denen sich die alten Straßen befanden und damit eine Frage nach der besten und schnellsten Verbindung, es ging in dieser Zeit vor allem um die strategischen Gesichtspunkte welchen Weg man letztlich einschlagen würde. Bis nach Amelunxen, dort wo sich die Wege trennten folgte man noch der prähistorischen Altstraße zwischen dem Brunsberg auf der rechten und der Nethe auf der linken Seite, die die Weserfurt mit dem Oberlauf der Lippe verband. Erst in Amelunxen angekommen, war es den Legionen möglich eine Auswahl zwischen zwei Möglichkeiten zu treffen also für welche Streckenvariante man sich nun im weiteren Verlauf entscheiden wollte. Nutzte der Varuszug nun ab Amelunxen die von der Weser abgerückte Trasse in Richtung Südwest auf Natingen zu, oder gab man der Route den Vorzug, der sie erst nach Brakel und dann ins Aufstandsgebiet führte. Die Altstraße von Amelunxen über Drenke in den Raum Peckelsheim gehörte auch noch zum bekannten und erschlossenen Wegenetz und führte weiter in die Warburger Börde, aber auch zum Teutoburgiensi saltu. Denn bei Natingen befand sich das Warburger Wegekreuz an dem der Bördenweg nach Westen zur Eggeschlucht und letztlich zum Rhein abzweigt. Dieser Bördenweg leitet dann später weiter westlich in den Haar- oder Herßweg über, während ab Natingen der andere Weg über Borgholz nach Warburg weiter führt. Es zweigt aber auch noch eine Altstraße nach Osten zur Weser ab, die aber hier nicht im Rahmen der Betrachtung liegt. Im Namen Herßweg oder Hersweg erkannten die Heimatforscher schon früh einen mögliche Namensursprung in der Form, als das sie darin den Heruskerweg, also den Cheruskerweg sehen wollten. Schon 1451 nannte man diesen alten Herßweg "via regia dicta hersewech" oder "antiqua via". Sollte es diese sprachliche Verbindung tatsächlich geben, so wäre dies auch kaum verwunderlich, sondern recht nahe liegend und daher auch keine große Überraschung. So könnten die Legionen um in die anvisierte entfernter liegende Region der Aufständischen zu gelangen, schon bei Amelunxen den besser ausgebauten und häufiger genutzten und vermutlich auch mit Signalen aber vor allem mit einem engmaschigen Netz an Marschlagern ausgestatteten Hellweg in Richtung Brakel verlassen haben und ihn gegen eine schlechter und unwegsamer ausgebaute Strecke eingetauscht haben. Aber sollten sie so gehandelt haben ? Werfen wir einen Blick auf diese mögliche Zuwegung über Drenke in den südlichen Nethegau, so befände man sich hier auf einer Anmarschroute, die zwischen Nethe und Weser liegend teilweise einem Höhenrücken folgt. Als Alternative zu dieser Anmarschstrecke stand den Legionen des Varus nur noch eine einzige weitere Verbindung zur Verfügung nämlich die, die sich später ab Brakel nach Süden in Richtung Peckelsheim windete. Gegenüber dieser Variante versprach die Route von Amelunxen über Drenke und Borgholz nach Peckelsheim jedoch den Vorteil, dass sie teilweise auf einem Höhenrücken verläuft, der eine bessere Weitsicht und damit mehr Sicherheit zumindest dort bot, wo sich Wald freie Abschnitte befanden. Allerdings mit dem großen Nachteil verbunden, dass man sich gegenüber der Amelunxer Netheaue bei Drenke bereits auf einer Höhe von über zweihundert Metern und damit rund hundert Meter höher befand. Und bei Rothe und Natingen hätten sie sogar eine Höhe von etwa dreihundert Metern überqueren müssen, was einen Anstieg erforderlich gemacht hätte. Nur zum Vergleich, der höchste Berg der Egge ist der Velmerstot mit seinen 464 Metern. Die Route von Brakel über Hampenhausen von Norden betrachtet links der Nethe in den Raum Peckelsheim hingegen verläuft gleichmäßiger und flacher. Grundsätzlich betrachtet wäre es Varus natürlich möglich gewesen, sich sowohl für die eine als auch die andere Variante zu entscheiden aber es gab eine Reihe von Vorteilen und Argumenten die den Ausschlag dafür gaben, den Abzweig bei Brakel in den Raum Peckelsheim gegenüber der Strecke um Natingen zu bevorzugen. Den Konzentrationsraum der Verschwörer hatte ich aufgrund einer Vielzahl von geographischen, völkerkundlichen und historischen Hinweisen in den Großraum von Peckelsheim platziert. Diese abseits des vom Imperium behaupteten Kerngebietes liegende Region erfüllte alle Bedingungen die Arminius brauchte um erfolgreich zu sein. So folgten und erfüllten Segimer und Arminius auch bereits hinsichtlich der Anmarschroute den Plan der nötig war, um die Legionen wie gewünscht zu dirigieren. So hatten die Cherusker auch was die Route anbelangt Varus bereits unmerklich das Heft des Handelns aus der Hand genommen. Ich rekapitulierte bereits, dass sich der römische Hellweg von Höxter nach Anreppen in einem recht guten eben Hellweg artigen Ausbauzustand befand. Er dürfte folglich auch zwischen Amelunxen und Brakel über eine weitaus bessere Straßendecke verfügt haben, als die seltener genutzte Altstraße von Amelunxen über Drenke nach Natingen. Die eben mäßigere Befahrbarkeit des Hellweges wird auch ein Grund dafür gewesen sein, warum Arminius den Feldherrn davon überzeugte den zügigen Weg über Brakel einzuschlagen. Ein weiteres Argument dafür zuerst Brakel anzusteuern ist die Eroberungslage die das Imperium bis zum Jahre 9 + in Ostwestfalen umgesetzt bzw. hinterlassen hatte. Man hatte bereits einen Korridor von Anreppen längst dem Hellweg bis zur Weser unter Kontrolle gebracht sowie die sich nördlich davon angrenzenden und ausbreitenden germanisch/cheruskischen Stammesgebiete, die über Marienmünster und Nieheim hinaus wohl bis an die Werre bei Detmold etwa 33 Kilometer Luftlinie von Brakel entfernt reichten. Rom nannte bekanntlich immer nur Teile des Landes „sein eigen“, so wie sie es gerade erobert hatten und der südliche Nethegau gehörte „noch“ nicht dazu. In diesen großräumigen nördlich von Brakel liegenden Landschaften waren meiner Theorie nach auch die römischen Abstellungen unterwegs. Gebiete die also fest im Verantwortungs- und Zuständigkeitsbereich von Varus lagen. Sie lagen im Stammesgebiet der vertragstreuen Cherusker und im Grenzgebiet zu den Angrivariern. Die Landstriche südlich von Brakel waren für Rom in diesen Zeiten noch uninteressant sollten aber irgendwann integriert werden und konnten daher solange noch ihr Nischen Dasein führen bzw. fortsetzen. Da die Männer um Arminius am Tag nach dem Abzug aus Höxter auf seinen Befehl hin die Abstellungen nieder kämpften, lag es auch im Interesse von Arminius die Legionen bis Brakel zu friedlich zu begleiten. Denn von Brakel aus konnte er auch relativ kurzfristig die Bereitstellungsräume in denen seine Männer ihn erwarteten erreichen. Anhand des häufig anzutreffenden Tages Marschabstandes bzw. der Distanz vom Sommerlager Höxter aus bis nach Brakel von etwa 2o Kilometer kann davon ausgegangen werden, dass sich in Brakel in der Nähe zur Nethe ein heute überbautes römisches Etappenlager befunden haben könnte. Zur Strategie der Cherusker gehörte es an diesem ersten Marschtag die Legionen unbeschadet bis ins Marschlager Brakel zu führen. Die Strecke war nicht nur für die Legionen gut und nahezu ohne Steigungen zu bewältigen, sie war auch für die vielen den Zug begleitenden Frauen und Kinder eine angenehme erste Marschetappe während der niemand Verdacht schöpfte. Dieser erste Marschtag der völlig unblutig und wie beschrieben auch wie im Frieden verlief, hob die Moral und die Stimmung aller Beteiligten auf römischer Seite. Der ungestörte und planmäßige Verlauf bestätigte allen Teilnehmern bis in die Offiziersklasse, dass man Arminius unbesorgt trauen konnte und niemand sah eine Veranlassung, an der bisherigen Vorgehensweise zu rütteln oder irgendwelche Zweifel zu hegen. (05.11.2018)

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Samstag, 3. November 2018
Wie viel Römer ließen ihr Leben im „Teutoburger Wald“ oder anders gefragt, wie viel Kämpfer zogen überhaupt erst in diese denkwürdige Germanenschlacht ?
Möchte man sich mit dieser Schlacht entscheidenden und somit tragweiten Frage näher beschäftigen, so kann man sich ihr auf unterschiedliche Weise nähern und möchte sich natürlich möglichst nicht nur auf die „Kräfteverhältnisse“ der Kölner Rosenmontagszüge stützen. Bevor man es riskieren kann ein vorsichtiges Urteil abzugeben, sind denkbare Analysen unerlässlich die allerdings wegen der mageren Datenlage der Kristallkugel näher kommen als der nie überprüfbaren Wahrheit. Bekanntlich soll diese immer in der Mitte liegen, wenn man aber weder Ausgangspunkt noch Ende kennt, weiß man auch nicht wo sich diese Mitte befindet. Die erste Frage müsste lauten, wie viel römische oder auch nicht römische Soldaten am Morgen des 1. Marschtages die Sommerlager verlassen haben. Und die zweite, wie viele von ihnen im 1. Marschlager ankamen. Erst dann stellt sich die Kardinalfrage nach der Anzahl, die Varus in die mehr tägig andauernden Kämpfe folgen sollten. Waren diese beiden Zahlenwerke, also das des Anmarsches und das des Ausmarsches zu den Rebellen überhaupt identisch miteinander, oder gab es da zwischen bereits Abweichungen oder Schwund. Eine weitere gern diskutierte Frage zielt in die Richtung zu spekulieren, wie hoch die Anzahl jener Römer gewesen sein könnte, die auf Anweisung von Varus als so genannte Abstellungen zu den diversen Unterstützungsmaßnahmen an die Germanen entsendet worden waren. Denn diese müssten sowohl vom Marschzug ab Höxter und in der Konsequenz auch vom Zug zu den Aufrührern in Abzug gebracht werden. Des Weiteren ist die Frage ungeklärt, ob die Besatzungen der Kastelle von Aliso, Anreppen oder anderer Lager auch aus Männern der drei umgekommenen Legionen bestanden. Es wird allgemein angenommen, dass auch die Stammbesatzungen der römischen Lager in der Großregion, mit Ausnahme der Lager im Umkreis von Haltern zu den drei Varus Legionen gehörten also auch ihm unterstellt waren. Und auch diese Kämpfer müsste man dann sowohl von den Marschzugteilnehmern des ersten, als auch denen des zweiten Marschtages also des ersten Kampftages abrechnen. Auch bleibt offen, ob es römische Streckenposten oder anderweitige Personengruppen gab, denen uns nicht bekannte Aufgaben zugewiesen worden waren und die ebenfalls abzuziehen wären, da sie fern vom Schlachtgeschehen agierten. Hinzu kommt auch noch die Überlegung, welche Kopfstärke die germanisch/keltischen Hilfskräfte der Kohorten und Alae ausmachten die uns einzig Paterculus überliefert und ob sie bzw. wie viel von ihnen Varus folgten, den römischen Feldzeichen also treu blieben und nicht vorher die Legionen verließen, denn auch dafür gibt es Anhaltspunkte. Und natürlich die Recherchearbeit, welche Anzahl an Kämpfern sich in der römischen Kaiserzeit als eine Legion verstanden, bzw. als Ala oder Kohorte, denn auch da gehen die Schätzungen auseinander bzw. die Zahlen konnten variieren. Und welche Anzahl an Legionären könnte man noch zugrunde legen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht einsatzfähig waren, denn der Aufenthalt in der außer römischen Provinz verlief anders, könnte gefahrvoller gewesen sein und andere Nahrung könnte sich negativ bemerkbar gemacht haben. Der Krankenstand war also auch nicht unwesentlich. Will man versuchen all diesen Fragen mathematisch auf historischer Basis auf den Grund zu gehen, kann man drei Szenarien entwerfen. Eine Maximale eine Minimale und eine mittlere These bzw. Annahme. Alle drei Versionen dienen der Gesamtanalyse. Nämlich der, wie viel Römer letztlich den Marsch antraten und wie viel von ihnen zu Tode gekommen sein könnten. Wie viel von ihnen noch zur Verfügung standen um das erste Marschlager zu errichten und welche Marschzuglänge sich damit hoch rechnen ließe. Man könnte dann vielleicht auch noch der Frage hypothetischen Raum geben wie viel Römer letztlich die Varusschlacht überlebten, denn es gab auch Überlebende wie man weiß und die könnten höher gewesen sein, als man so allgemein annimmt, denn auch dazu gibt es einige Hinweise. So Caius Pompeius Proculus aus Rom. Er gehörte der XVIII Varus Legion an. Aber er überlebte die Varusschlacht, denn ihm war sogar später eine ritterliche Karriere als Militärtribun vergönnt. Vielleicht nahm er aber auch gar nicht erst an der Schlacht teil, oder er hatte Glück und lag beim Abzug der Legionen aus Vetera nach Ostwestfalen im Frühjahr 9 + in einem Lazarett mit Rheinblick. So ist Proculus auch möglicherweise kein Einzelfall und noch andere Angehörige aus den drei Legionen nahmen nicht an den Kämpfen teil und man müsste sie demnach von einer Gesamtrechnung der in den Kampf ziehenden Legionäre in Abzug bringen. Da der Überlieferung nach Überlebende der Varusschlacht italienischen Boden nicht mehr betreten durften, wäre es interessant zu erfahren wie es Proculus gelang nach Italien zurück zu kehren. Zuerst sei aber ein Blick auf die offizielle Darstellung gestattet, die sich auf die Angabe von Paterculus (II. 117 (1) stützt und davon ausgeht, dass dem Feldherrn Varus drei Legionen unbekannter Stärke unterstanden und das außerdem noch sechs Kohorten (cohortium) und drei Reiterabteilungen (alarum) an Auxiliartruppen umkamen, sowie eine ebenfalls in der Anzahl unbekannte Größe in Form keltischer oder germanischer Hilfstruppen. Die zwei Asprenas Legionen, obwohl auch sie Varus unterstanden, waren natürlich nicht betroffen und müssen außen vor gelassen werden. Da man auch den Tross zur Truppe rechnete, kommt man auf eine grobe sozusagen offizielle Gesamtzahl von 15.000 bis 20.000 Männern die in der Varusschlacht bis auf wenige Menschen umgekommen sein sollen. Von der Anzahl der Frauen und Kindern wird in keiner Quelle gesprochen. Varus herrschte in seiner ganzen Allmacht nach neuerer Forschung über 15.900 Soldaten, wenn man auf Basis eine für die römische Kaiserzeit geltende Sollstärke von maximal 5300 Mann an Kampftruppen pro Legion annimmt. Eine Hilfskohorte bestehend aus nicht römischen Bürgern (cohorte quingenaria) wird mit 500 Mann Infanterie angesetzt womit sich die Anzahl um 3000 auf 18.900 Kämpfer erhöhen würde. Hinzu kommen noch drei Reitereinheiten die aus maximal 1000 berittenen Soldaten bestanden und das Varusheer damit auf eine Maximalzahl von 21.900 Mann steigen lassen würde. Zu dieser, man muss es auf Basis dieser Rechnungsmethode schon als eine gewaltige Armee bezeichnen, wäre noch das unbewaffnete zivile Begleitpersonal sowie Frauen und Kinder hinzuzurechnen, die ebenfalls an diesem besagten Morgen die Sommerlager an der Weser in geschlossener Formation verlassen hatten. Aus wie viel Personen die germanische nennen wir sie mal aus nahe liegenden Gründen „Pannonien“ Truppe von Arminius bestanden hatte, denn er zog gemeinsam mit Varus aus, bevor er dann den Marschzug verließ ist ebenso fraglich. Es ist auch denkbar, dass Arminius aus taktischen Gründen nur eine kleine überschaubare Anzahl bei sich führte, um keinen verfrühten Argwohn zu wecken. Da uns Paterculus die Männer der sechs Hilfskohorten als Verlust überliefert, dürfte es sich dabei sicherlich nicht um die Kämpfer des Arminius gehandelt haben, denn diese wird er, da sie zu Gegnern mutierten nicht mehr explizit auf der Verlustseite angeführt haben. So werden die Mannen von Arminius den Varuszug ab Höxter nicht wesentlich vergrößert haben. Im weiteren Verlauf ist nun das Herunterrechnen der Römer auf eine mögliche Mindestteilnehmerzahl an kampffähigen Männern angesagt. Sie eröffnet natürlich wieder einen weiten Raum an spekulativen Möglichkeiten. Es ist aber nicht zielführend die römischen Streitkräfte nach Gutdünken gegen Null zu rechnen um auf diesem Umweg den Beweis erbringen zu wollen, dass es im Gegenzug auch wenigen Germanen schon gelungen sein könnte, drei Legionen zu vernichten. Denn über die möglicherweise schwache germanische Siedlungsdichte in Ostwestfalen die Anzahl der kampffähigen Germanen niedrig zu rechnen war seit jeher Ziel jener, die von der Annahme ausgingen, die Varusschlacht wäre möglicherweise nur eine belanglose Schlacht gewesen, die später historisch übertrieben und aufgebläht wurde. Beginnen wir wieder bei den Legionen. Die unterste Schwelle was den Personalbestand einer römischen Kampflegion anbelangt liegt aufgrund von Quellenhinweisen bei 4.800 Soldaten und ob selbst diese bei den Varuslegionen erreicht wurde bleibt offen. Würde sie zutreffen, bestünden die drei Legionen statt aus 15.900 dann nur noch aus 14.400 Soldaten. Von einer mit 5oo Mann angesetzten Hilfskohorte möchte ich mal mangels besseren Wissens, also rein willkürlich 10 % in Abzug bringen. Dadurch kann die Anzahl von 3000 Kämpfern auf 2700 Kämpfern reduziert werden. Setzt man aber für die Kohorte das gleiche Verhältnis an, wie es auch für die Ala gilt setzt man also auch eine Untergrenze von 500 Reitern an, statt die maximale Zahl von 800 bzw. 1000 Reitern, so könnte man die Kohortenbestückung sogar halbieren und würde dann nur noch auf 1500 germanische oder keltische Kämpfer statt auf 3000 kommen. Bei dieser Methodik hätten noch ohne die Reiterschwadronen zu bewerten, dann nur noch 15.900 Kämpfer die Weserlager verlassen. Nun noch zu den drei Alae die zwischen 500 und 800 bzw. 1000 Reitern pro Ala schwanken können. Der unterste Ansatz könnte für sie demnach 500 Reiter betragen, womit der Varuszug nunmehr auf 17.400 Soldaten zusammen geschmolzen wäre. Der ursprünglich genannten maximalen Gesamtzahl von 21.900 Mann stehen bei dieser Rechnung jetzt nur noch im Minimum 17.400 Soldaten also 4.500 Personen weniger gegenüber. Nun erst beginnen aber erst jene Überlegungen, wie viele Legionäre sich unter den Abstellungen befunden haben könnten. Cassius Dio bezifferte sie vielsagend mit „viele“, die sich also am Morgen des Abzuges in die Rebellengebiete gar nicht im Varusheer aufhielten, weil sie abkommandiert waren. Des Weiteren gehe ich wie viele andere Historiker auch davon aus, dass es Armeeangehörige unter den drei Legionen gab, die auch zur personellen Grundbesatzung der römischen Lippelager einschließlich Aliso zählten und auch als Streckenposten fungiert haben könnten, also kleinere Wachfunktionen etc. inne hatten oder aus sonstigen Gründen wie vorher dargestellt nicht kämpfen konnten. Hier betreten wir nun eine der vielen Grauzonen in deren Natur es liegt sich mit Hypothesen zufrieden geben zu müssen. Was zum Beispiel verstand Cassius Dio unter „viele“ die man zu den Abstellungen dirigierte, wäre eine der Fragen. Der ostwestfälische Raum bedeckt einige hundert Quadratkilometer und erst jüngst konnten im Raum Detmold und Schötmar wieder bauliche Anlagen entdeckt werden, die die römische Handschrift tragen. Römische Bausoldaten oder Hilfskräfte könnten also weit im Lande verteilt gewesen sein, um dort bewachende und schützende Funktionen „nach vorheriger Anforderung“ für die Germanen zu übernommen zu haben. Und diese hätten auch am Aufbau dieser neuerlich aufgefundenen Lagerreste mitwirken können. Diese Tätigkeiten könnten also derartige Ausmaße angenommen haben, dass sie zumal sie auch explizit Erwähnung fanden auch eine erhebliche Anzahl von Kräften gebunden haben könnten. Auf all dieses Personal konnte Varus zwangsläufig nicht zurück greifen, als er sich auf den Weg zu den Aufrührern begab, da die Germanen es bereits vor dem Beginn der eigentlichen Schlacht wie auch immer ausschalteten, was nicht unbedingt getötet beinhalten muss. Ebenso waren die Besatzungen der Lippelager ortsgebunden und zudem bis zu 30 vielleicht auch 40 Kilometer östlich des Nethegaus stationiert und nicht hin zu zieh bar. Man tut sich also zum einen schwer jenen Legionären eine Zahl mit einigen Nullen zuzuordnen, die gar nicht erst am Verlassen der Weserlager beteiligt waren und erst recht mit der Rechnung wie viel Römer dann ins Kampfgebiet aufbrachen. Auf die Gefahr das die Zahlen sowohl zu hoch als auch zu niedrig angesetzt sind, habe ich mich „mit mir“ auf rund 2000 Personen verständigt. Der Varusszug bestand danach nur aus 15.400 Soldaten, als er am 24.9.0009 zuerst in Richtung Amelunxen marschierte und diese Zahl ist nicht identisch mit der Anzahl der Krieger die mit Varus zu den Rebellen zogen. Denn selbst diese von mir hoch gerechnete Anzahl nahm Varus möglicherweise nicht mit in diese Schlacht. Mit der Betonung auf „diese“, denn ich sehe noch ein weiteres Kampfszenario außerhalb der bekannten Geschichtsbücher und Überlieferungen. In einem folgenden Kapitel möchte ich es näher begründen. Denn es kommen noch weitere Faktoren zum Tragen, die man berücksichtigen könnte und um die die Truppe möglicherweise reduziert wurde. Wir können aber diesen Hypothesen entnehmen, dass die varianische Streitmacht zwar immer noch sehr voluminös war, aber im Zuge der Ereignisse, also aufgrund der Kolonnen artigen Marschformation und unter den widrigen Bedingungen für die Germanen auch keine unüberwindliche Armee darstellte. (03.11.2018)

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Freitag, 19. Oktober 2018
Der Aufbruch in die Winterlager am Rhein
Varus verbrachte jetzt schon das dritte Jahr hintereinander die Sommermonate an der Weser und er war es seit dem gewohnt, dass man seinen Anweisungen Folge leistete. Dazu gehörte es auch, dass sich die Germanen zu ihm begaben, wenn sie ein Anliegen hatten und er sie zum Gerichtstag vor seinen Richterstuhl rief. Aber im Frühherbst 9 + nahmen die Dinge einen für ihn bislang ungewöhnlichen Verlauf. Nunmehr war von einem dubiosen Aufstand die Rede, der ausnahmsweise einmal die persönliche Anwesenheit von Varus vor Ort erforderlich machte. Es ließ sich offensichtlich nicht vermeiden, dass der Feldherr in diesem Herbst sogar höchst persönlich seine Aufwartung bei den Germanen machen musste, sich also unter sie zu begeben hatte. Denn im südlichen Nethegau schwelte ein Brandherd vor dem ihn Segestes schon seit längerer Zeit warnte und worin dieser sogar schon einen Aufstand gegen Rom erkennen wollte. Was seine Darstellung jedoch von der, der Segimer Gefolgschaft abweichen ließ war die Tatsache, dass Segestes hinter den Aufrührern eben jene cheruskische Segimer/Arminius Koalition sah, während es natürlich von diesen bestritten wurde. Die Forschung fragt sich allerdings seit jeher, wie es den germanischen Großen damals insgesamt gelingen konnte, dass Theaterstück nennen wir es „Die Verlockung des Varus“ nicht nur in Szene zu setzen, sondern auch erfolgreich umzusetzen. Die Position von Segestes scheint historisch deutlich heraus gekommen zu sein, er prophezeite ein über Varus herein brechendes Unheil in Form eines Kampfgeschehens ausgelöst von einer größeren germanischen Allianz. Ohne aber auf andere mit teilnehmende germanische Stämme näher einzugehen, befürwortet er als Vorsichtsmaßnahme nur die Gefangennahme von Cheruskern einschließlich seiner Person. Aber wie stellten es seine Widersacher an ihn zu neutralisieren und gleichzeitig noch erfolgreich zu sein. Ein Aufruhr ließ sich in verbaler Form und bei guter Rhetorik in unterschiedlicher Art und Weise schnell konstruieren und vortragen. So ließ er sich zum Beispiel als die offene Revolte eines oder gleich mehrerer germanischer Stämme gegen Rom darstellen. Diese Variante entspräche in etwa der Lesart des Segestes und man könnte sie aus Sicht Roms als die gefährlichste aller infrage kommenden Möglichkeiten eingestuft haben. Diese hätte dann, würde sie einer Überprüfung stand halten eigentlich nach Bekanntwerden einen unmittelbaren Kampfeinsatz zur Folge haben müssen. Man konnte es aber auch so beschrieben haben, als ob hier diverse germanische Stämme auch in einen Streit unter einander verwickelt gewesen sein könnten. Es sich also um einen innergermanischen Konflikt gehandelt haben könnte. Diesen hätte Varus daher auch nicht als eine unmittelbar gegen ihn bzw. das Imperium gerichtete Bedrohung wahr genommen hätte und er hätte sogar relativ gelassen dem Treiben zu schauen können wenn es sich nur um kleine abseitig siedelnde Stämme gehandelt hätte. Man könnte es aber auch so ausgesehen haben lassen können, als ob sich die germanischen Aufrührer aus zwei gegensetzlichen Fraktionen zusammen setzten, eine die dem Imperium feindlich gesonnen war und eine Gruppierung, die zu Rom tendierte. Die Germanen im Aufrührergebiet also in eine pro Rom als auch in eine contra Rom Fraktion gespalten waren. Die erste Version hätte für Varus einen deutlichen Kampfauftrag mit allen gebotenen Mitteln bedeutet und hätte unweigerlich in einen Waffengang gemündet. In der zweiten harmloseren Version hätte sich Varus dann in der Rolle des Schlichters gewähnt, um als Respektperson unter den Konfliktparteien vermitteln zu können. Die dritte Version aber war die pikanteste von allen drei Szenarien. Denn hier galt es unbedingt der Rom treuen Gruppe beizustehen, sie zu stärken, also zu unterstützen und möglicherweise mit deren Hilfe die Rom kritische Gruppierung zu bekämpfen folglich auszuschalten, wobei man die beiderseitigen Größenverhältnisse nicht kannte und sich erst einen Überblick zu verschaffen hatte. Die eingeschränkte, also die weniger zum Kampf geneigte Reaktion von Varus, nämlich die zahlreichen Abstellungen von denen Dio spricht nicht hinzu gezogen zu haben spricht dafür, dass sich die Germanen tendenziell dazu entschieden haben könnten, den Römern die Version zwei bzw. drei zu verkaufen. Also jene, die von Varus entweder einen Schlichterspruch abverlangt hätte, bei der man aber auch mit einem, allerdings nur begrenzt denkbaren Einsatz von Waffen hätte rechnen müssen. Und so gaukelte man Varus aus der Distanz heraus betrachtet zwei erdachte Konfliktparteien vor und brachte damit einen künstlichen Disput in der gespielten Manier eines kritisch eskalierenden Prozesses bewusst verbal zum Gären. So könnte es gewesen sein und so konnte man es Varus gegenüber auch dargestellt haben. Dadurch vermied man es, dass der an einer Schlichtung weniger gewogene und nicht interessierte Teil der Aufrührer auch nicht den Weg zu ihm an die Weser antreten wollte und man Varus mal den umgekehrten Weg empfahl, zumal dieser auf der Wegstrecke lag. Germanen die möglicherweise sogar bereit waren gegen Rom zu den Waffen zu greifen, die begeben sich nicht noch vorher freiwillig zwecks Empfang eines Richterspruches in die Hände des Feindes bzw. man konnte es nicht von ihnen erwarten. Die wahre Lage, dass man anderes im Schilde führte ließ sich auf diese Weise geschickt und auch lange verschleiern und man konnte ihn damit unter Druck setzen in diesem Fall einmal den gewohnten Weg zu verlassen um einen zu den Germanen einzuschlagen. Unmittelbar vor dem Zug in die Winterquartiere also in eine Phase hinein, die man als nahezu optimal betrachten könnte, trieben die Germanen dann über ihren Mittelsmann, man kann ihn auch Verbindungsoffizier Arminius nennen, die Schilderung bzw. die Dramaturgie auf den Höhepunkt. Sozusagen zum taktisch günstigsten Zeitpunkt ließen die Germanen die Bombe platzen und die Fürsten der Stämme gaben Arminius nun den Startschuss bzw. den Auftrag, er solle jetzt Varus und das vielleicht nur wenige Tage vor dem Verlassen des Lagers jenen verhängnisvollen Vorschlag präsentieren und die Katze aus dem Sack lassen. Der Plan war in sich schlüssig und Arminius als Kenner der innergermanischen Verhaltensweisen und zudem ausgestattet mit bestem Ruf, dürfte es nicht schwer gefallen sein Varus einen überzeugenden Plan zu unterbreiten, wie er denn am Besten mit der Krise und den beteiligten Konfliktparteien seiner Landsleute umzugehen hatte. Es könnte und es sollte sich aus seinem Munde sogar schon fasst wie ein Kinderspiel anhört haben. Er wird auch versucht haben die Gesamtlage noch mal nachdrücklich darzustellen bzw. sie so aussehen zu lassen, als ob nun auch noch zusätzlich Eile geboten sei, da sich die Situation doch auch für ihn unerwartet schnell hoch geschaukelt habe. Bis zu diesem Zeitpunkt könnte Varus noch keine unmittelbaren Eingreifpläne verfolgt haben und alles kam für ihn vermutlich auch etwas überraschend. Man setzte ihn damit gewissermaßen unter Zugzwang nun handeln zu müssen und auch keinen Fehler begehen zu dürfen. Um nun das Problem aus der Welt zu schaffen bzw. Schlimmeres zu verhindern, schlug man nach Absprache Varus vor, die bevorstehende Gelegenheit des herbstlichen Auszuges zu nutzen und die Aufrührer vor Ort zu treffen und zur Rede zu stellen. Man kann sich vorstellen, dass die veränderte Lage auch zu heftigen Diskussionen anlässlich des letzten Gastmahles von Varus geführt haben dürfte. Es sind uns natürlich keine Hintergründe und handfeste Fakten für die Ursachen des Aufruhrs bekannt, was auch nicht verwundert, da ja alles letztlich auch nur auf vorgeschobenen Gründen basierte. Da aber der ganze Prozess nicht an mangelnder Glaubwürdigkeit scheitern durfte, müssen wir uns immer mit der Frage der Plausibilität auseinander setzen. Und ihr kommt man am Nächsten, wenn man versucht sich mit der damaligen Situation, den Rahmenbedingungen und der Ausgangslage vertraut zu machen. Vielleicht liegt in dieser explosiven Stimmung sich möglicherweise überstürzender Ereignisse oder Nachrichten aus dem Aufrührergebiet auch der Grund dafür verborgen, dass man die zahlreichen Abstellungen, die vermutlich aus Römern als auch aus Hilfsvölkern bestanden, aus Zeitgründen gar nicht mehr alarmieren bzw. abziehen konnte und wollte. Nach dem die Entscheidung gefallen war einen Umweg einzuschlagen, hatte man ihnen auf parallelem Weg den Auftrag zukommen lassen nach Beendigung ihrer Tätigkeit den direkten Rückmarsch an die Lippe anzutreten und ihnen noch einen zeitlichen Spielraum gelassen. Arminius indes beschwichtigte Varus und leistete dieser Anordnung möglicherweise noch zusätzlich Vorschub. Vielleicht löste er sie aber auch aus nahe liegenden Gründen erst aus, in dem er Varus dafür im Gegenzug seine bewährten Männer bereitwillig als einen angemessenen Ersatz anbot. Dadurch konnte Varus mit ruhigem Gewissen auf die Truppenverstärkung durch Hinzuziehung der Abstellungen verzichten, die er möglicherweise andernfalls doch noch rechtzeitig herbeigerufen hätte. So ließ sich Varus also überzeugen und Arminius gewann dadurch noch an zusätzlichem Vertrauen. Dieser Akt der Hilfsbereitschaft könnte für Varus auch mit den letzten Ausschlag dafür gegeben haben, die Warnungen von Segestes endgültig in den Wind zu schlagen. Es war Varus bewusst, dass nun vieles von ihm, also seiner Person abhängen würde, denn bald waren seine höchstrichterlichen Talente in einer möglicherweise ernsthaften Lage gefordert um einen denkbaren Aufruhr vielleicht noch im letzten Moment zu verhindern bzw. im Keim zu ersticken. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch von einem rein innergermanischen Konflikt ausging, oder ob ihm Arminius ein andersartiges Szenario geschildert hat, wissen wir natürlich nicht. An dieser Stelle möchte ich aber auch festhalten, dass die Überlieferungen der antiken Historiker so kurz sie auch gehalten gewesen sein mögen, doch den exakten Verlauf der entscheidenden Ereignisse recht gut wieder geben. Denn letztlich haben sie uns insgesamt betrachtet doch allesamt das Wesentliche und Nötige hinterlassen um den Ablauf, wenn auch nur in groben Zügen, aber so doch in etwa rekonstruieren zu können. Nun versetzen wir uns also in die Person von Herrn Varus dem ehemaligen Statthalter aus Syrien. Für ihn war es nun eine völlig neue Erfahrung erleben zu müssen, dass er es dieses Mal war und sein sollte, der den Weg zu den Germanen antreten musste und nicht umgekehrt. Was ging da in ihm vor. War es für ihn etwa erniedrigend oder empfand er es als eine besondere Tat der er sich zu stellen hatte, wenn er als „Landesvater“ anerkannt sein wollte. Doch was ging da plötzlich in "old old Germany" vor sich. Hatte er da vielleicht doch eine Lage falsch eingeschätzt, hatte er bisher nicht erfolgreich bewiesen, wie gut seine Politik der ruhigen Hand immer funktioniert hatte ? War am Ende etwa seine ganze dreijährige Aufbauarbeit umsonst ? Die vielen Verhandlungen in denen er Streitigkeiten schlichtete, Urteile fällte, alles umsonst ? Aber vor allem doch zum Wohle der germanischen Welt und um des lieben Friedens willen. Aber das herbstlich gesetzte enge Zeitfenster ließ ihm keine andere Wahl. Es könnten Fragen der Proviantversorgung gewesen sein die ihn auch noch zu alledem unter Druck setzten, und die einer längeren Verweildauer an der Weser im Wege standen um möglicherweise mit den Aufrührern in einen umfassenderen und zeitaufwändigeren Dialog treten zu können oder nach anderen Lösungen zu suchen. Zeit die man nun nicht mehr hatte, da plötzlich alles ganz schnell gehen sollte und nahezu hektisch geworden sein könnte. Denn die Einplanung eines Umweges an dem tausende von Menschen beteiligt waren erforderte allemal eine Vielzahl logistischer Entscheidungen und Weichenstellungen. Man kam jetzt also nicht mehr umhin, denn nun galt es diesen kleinen, aber doch überschaubaren Umweg eine Struktur und ein Konzept zu geben, denn aufs Geratewohl ließen sich keine Legionen führen und schon gar nicht mitsamt des großen anhängigen Trosses. Er wollte es sicherlich mit so wenig wie möglich an Aufwand hinter sich bringen, denn am Rhein lockten ihn die Genüsse der Zivilisation. Was aber stand Varus nun bevor ? War es ein harmloser Streit oder doch schon ein größeres Unterfangen mit dem Potenzial eines Flächenbrandes. Nicht nur er, auch seine Legionskommandanten schwebten im Ungewissen über die Dinge die da auf sie zu kommen würden, aber man war ja personell und waffentechnisch bestens gerüstet und gut vorbereitet. Und da es sich hier wohl eher nur um einen unter den halbwild und unzivilisiert lebenden Germanen nichtigen Zwist über eine Bagatelle vielleicht noch verbunden mit unerheblichen Streitigkeiten über den Grenzverlauf zum Nachbarstamm oder ähnlich Unterschwelligem gehandelt haben könnte, was zu Streitereien führte, die man aber bereits als Aufstand bezeichnete und sich auch gegen Rom hätten richten können war man allerseits guter Dinge. Varus war doch sehr daran gelegen auch diese Ränke möglichst diplomatisch und nicht mit übermäßiger Waffengewalt aufzulösen. Das bloße Vorzeigen römischer Waffen hatte oftmals schon Wunder gewirkt. Aber seine regelmäßige Abstinenz über die langen Wintermonate ließ es nicht zu, dass sich an der Weser ungeklärte Verhältnisse anstauten. Ich gehe auch nicht davon aus, dass sich Varus und seine Kommandanten mit halbherzig geschilderten Bedrohungsszenarien abspeisen ließen, sich die Germanen als Lockmittel also sicherlich schon etwas hatten einfallen lassen müssen. Habe ich was übersehen oder gab es noch andere Motive Varus in den Hinterhalt zu locken ?Aber womit ließen sich die römischen Wölfe noch ködern. So wird oft darüber spekuliert, ob sich auch Sugambrer an der Varusschlacht beteiligt haben könnten. Ich schlussfolgerte bereits, dass sich nach oder kurz vor der tiberianischen Zwangsvertreibung des Jahres 8 – aufgrund ihrer Fluchtbewegung auch neue Stammesgebiete möglicherweise bis weit in den Osten hinein erstreckt haben könnten. Man kann sich vorstellen, dass sich Teile der Sugambrer bis zum Unterlauf der Diemel in den Raum Marsberg abgesetzt haben könnten. Wäre es also denkbar oder könnte man den Schluss ziehen, dass Arminius jene Teile der Sugambrer gegenüber Varus als die vermeintlichen Aufrührer dargestellt haben könnte, da diese noch eine ältere, genau genommen etwa 17 Jahre zurück liegende Rechnung mit dem Imperium zu begleichen hatten ? Strabon überlieferte uns, dass die Stämme des Landes, in diesem Falle meinte er die Stämme östlich des Rheins, die etwa im heutigen Bergischen Land siedelten, von Tiberius gegen ihren Willen ins Keltenland und dort nachgewiesenermaßen in die Region um Xanten umgesiedelt wurden. Teile wanderten besser wohl gesagt flüchteten aber wie zum Beispiel auch die Marser und Sueben schon vor der Deportation ins rechtsrheinische Landesinnere bzw. Hinterland und damit folglich nach Osten ab. Im alten Stammesgebiet blieben danach nur noch wenige Sugambrer übrig bzw. sesshaft. Ob isoliert oder im Verbund mit den Marsern gelangten somit auch Sugambrer in neue östliche Siedlungsräume. Und bei den Sugambrern handelte es sich aus römischer Sicht wie wir wissen um wahrliche Störenfriede. Denn sie machten schon zu Cäsars Zeiten auf sich aufmerksam und vereitelten ein schnelleres Vordringen der Römer über den Rhein hinaus. Diese ehemals aufgeriebenen Reststämme vom Rhein nun als Abtrünnige und Aufrührer darzustellen, könnte daher auch sehr gut in das Konzept von Arminius und das Klischee der Römer gepasst haben. Es ist daher aufgrund ihrer Vorgeschichte auch gut denkbar, dass die Sugambrer in der späteren antiken Literatur keinerlei Erwähnung mehr fanden, da sie als eliminiert und für das Imperium als unschädlich galten und daher nach römischer Lesart an der oberen Diemel gar nicht mehr existieren durften. Und bei dem Stichwort „Sugambrer“ oder „Sicambrer“ brauchte Arminius sicherlich auch nicht mehr weiter ins Detail gehen, denn mit diesem Stamm kannte man sich auch im Jahre 9 + im alten Rom und darüber hinaus noch bestens aus. Varus mag hier aber auch noch mal eine Chance gewittert haben, um sein allen gut bekanntes vielleicht besser ausgedrückt berüchtigtes Recht sprechen zu können. Sollten hier noch immer Sugambrer ihre Finger mit im Spiel gehabt haben, so hätte ihm auch die Rolle als der endgültige Bezwinger der Sugambrer gut zu Gesicht gestanden und er konnte sich so einen weiteren Platz in den römischen Geschichtsbücher sichern. Vielleicht reichte alles auch schon für einen kleinen Triumphzug in Rom aus oder zumindest um Augustus zu imponieren. Dieser möglicherweise geschickte Hinweis von Arminius auf die Sugambrer könnte allein schon geholfen haben, Varus den Weg in den Untergang schmackhaft zu machen. Da Arminius für alle Fälle großräumig zu planen hatte ist es auch denkbar, dass er die Legionen in einen Raum führen musste, der vielleicht sogar noch weiter in den Süden bis an die Diemel bei Scherfede gereicht haben könnte. Varus wollte seinem Auftrag im Germanenland unbedingt gerecht werden, getreu seinem Selbstanspruch die Provinz für Rom zu stabilisieren steuerpflichtig zu machen und dieses in Gänze zu erfüllen. Das er dies letztlich bis zum letzten Augenblick bzw. Atemzug erfüllte, war ihm zu dieser Zeit noch nicht bewusst. So wollte er sich diese unerwartete Gelegenheit auch nicht entgehen lassen und es mag in ihm eine Reihe von Beweggründe gegeben haben, auf die Pläne von Arminius einzugehen. Arminius hatte ihm auch zu verstehen gegeben, dass es sich hier möglicherweise auch nur um eine kleine Auseinandersetzung handeln könnte, die im Zuge der Herbstsonnenwendfeier und den damit verbundenen Opfer- und Weihefesten auf den Anhöhen der Osen Egge nicht unüblich war. Unter Einfluss des berauschenden Met wäre das in dieser Zeit allemal denkbar gewesen. Arminius machte aber auch vage Andeutungen, es könne eventuell auch mehr dahinter stecken, womit er Varus wiederum gezielt in Unruhe versetzen wollte. Arminius musste es gelingen und so galt es für ihn ein perfektes Doppelspiel zu beherrschen. Das fiktive Siedlungsgebiet sollte und musste daher sicherlich mitten im Zentrum der Aufrührer liegen. Dennoch durfte der ausgelegte Köder des vorgeblich unruhigen Stammes nicht weit entfernt von einem der wenigen nutzbaren Eggedurchgänge liegen. Sich also auch an einem Rückweg zur Lippe befinden, der wiederum nicht zu weit weg vom Sommerlager entfernt gelegen haben kann, um die Bedingungen für den Hinterhalt zu erfüllen. Ich lokalisierte diesen wie bereits voraus geschickt im Großraum um die Eggeschlucht westlich von Borlinghausen. Für Varus sollte der Marsch eine kalkulierbare Aktion mit überschaubares Risiko sein, er brauchte daher auch seine Legionen nicht umfangreich in Alarmbereitschaft versetzen, oder die Marschordnung ändern bzw. die Strecke absichern und er hielt es daher auch nicht für nötig berittene Kundschafter in alle Richtungen aber insbesondere voraus zu senden. Viel hing davon ab, ob Varus den Verhältnissen nach nun mit einer Strafexpedition oder mit größeren Kampfhandlungen rechnen musste. Er verließ sich da offensichtlich völlig auf die Einschätzung von Arminius. Ihm unterstanden fünf Legionen, zwei davon führte Asprenas unbeschadet an den Rhein. Drei Legionen wurden im Jahre 9 + aufgerieben. Die Sommerlager an der Weser verließen jedoch nur drei Rumpflegionen, da sich viele Legionäre unter den Abstellungen befanden und man davon aus geht, dass auch zahlreiche Legionäre auf Aliso und Anreppen konzentriert wurden bzw. auch einige zu Sicherungsarbeiten andere Funktionen übernommen hatten. Das klingt trotz reduzierter Kampfkraft immer noch mehr danach, dass man mit einem größeren Kampfeinsatz statt einer Strafexpedition zu rechnen hatte, wobei es schwer fällt hier einen Trennstrich zu ziehen. Allerdings hätte eine Strafexpedition auch von einer im Kampf geübten Kavallerieeinheit ausgeführt werden können. Arminius hatte und er musste Varus im Unklaren lassen, was ihm bevor stehen könnte, dass gehörte zu seinem Plan. Man entschloss sich also nach Bekanntwerden der Unruhen bzw. Zuspitzung der Lage schon an den Vortagen noch diese Kurskorrektur mit einzuplanen und hatte wegen der Änderung des Zugverlaufs zum Rhein vielleicht sogar schon vorher angeordnet, dass die Lippeflotte in diesem Jahr von Anreppen etwas weiter flussabwärts in Richtung Lippstadt verlegt werden solle, um den Legionen die abweichende etwas längere wieder nach Norden führende und damit unnötig gewordene Route bis Anreppen zu ersparen. Bei normaler Wetterlage konnte um diese Jahreszeit mit gut 12 Stunden Helligkeit gerechnet werden, was für einen Marschtag gute Bedingungen bedeutete. Die Regenwahrscheinlichkeit hoch zu rechnen gelang bekanntlich erst später und die sich jahreszeitlich verändernde Wolkenbildung in Germanien konnten die Römer offensichtlich nicht deuten und da sie die Sprache der Unterdrückten nicht beherrschten, wussten sie auch nicht was „Schöpkes uuërdan Dröppkes“ also „Schäfchenwolken bringen Regen“ bedeutet. Aber letztlich konnten sie sich das Wetter auch nicht aussuchen. Erschwerend hinzu kommt, dass auch die feuchtere und auch kühlere Jahreszeit über diese Region von Deutschland östlich der Egge nahezu 14 Tage früher herein bricht, als zum Beispiel in der milderen Warburger Börde. Das Ausgangslager der unglücklichen Odyssee des Varus lag in einem Flusstal und über Flusstälern breitet sich über viele Tage im Jahr und das besonders im Herbst je nach Wetterlage eine geschlossene Nebeldecke aus. Man konnte die dichte Nebeldecke damals vielleicht schon fasst greifen aber auch sehr gut erkennen, wenn man von Schwaney zum Solling blickt und dazwischen das nebelverhangene Wesertal nur erahnen kann. Nebel in der Schreibweise von Nibel begegnet uns auch in den Sagengestalten der Nibelungen und in den Dialektformen Niewel, Newel, newelig oder niwelig. Im holländischen und niederdeutschen Raum spricht man es auch als Nevel aus. Als Niflheim ist es uns aus dem Altisländischen bekannt. Die Nibelungen, auch sie kamen aus dem Nebel und verschwanden dann wieder irgendwo im Nebel der Geschichte und kamen der Sage nach auch nicht mehr wieder, sie gingen bis auf einen blinden überlebenden Barden unter. Und natürlich gehört auch das Wesertal dort, wo sich die Nethe in den Fluss ergießt zu einer nebelreichen Region, wenn sich der Regen aus dem Westen über der Egge abgeregnet hat und als Nebel ins Wesertal abfällt. Sollte Varus für seinen Zug zum Rhein einen dieser unseligen Nebeltage ausgewählt haben, so traf ihn neben den folgenden regenreichen Niederschlagstagen schon beim Abzug das Pech. Denn Nebel entfaltet bekanntlich immer seine ureigenen mystischen Kräfte. Hat sich erst einmal eine Nebelsuppe schön ausgebreitet, kann man sich gut vorstellen wie schwierig es ist unter diesen Bedingungen einen geordneten Marsch zu bewerkstelligen. Abstände lassen sich nicht immer einhalten, Stimmen und Rufe im Nebel klingen anders, wirken teilweise wie verschluckt, Signalhörner täuschen Nähe vor, obwohl sie aus weiterer Distanz kamen aber auch umgekehrt. Alle Geräusche wirken dumpfer und lassen sich schlechter lokalisieren, Baumstämme erscheinen wie Gestalten und ziehende Nebelschwaden werden zu lebenden Wesen. Hier fühlten sich die Germanen nicht nur in ihrem Element, hier waren sie es auch. Und Menschen die in solchen Regionen aufwachsen, empfinden Nebel und Regen nicht als einen Feind, da sie damit vertraut sind. Die Tatsache, dass Dio von niederschlagsreichen Marschtagen berichtet, bedeutet um diese Jahreszeit auch immer Bodennebel, da in der Übergangszeit beides in einander über geht. Schon lange vor Sonnenaufgang erschallten an diesem besonderen Tag im September, eventuell dem besagten 24.9.0009 die Signalhörner oder Fanfaren der Hornisten, Sie riefen die Legionäre in aller Frühe zum Sammeln und signalisierten auch allen anderen, dass der Zeitpunkt der großen alljährlichen Rückreise gekommen war. In gewohnter Hektik, denn jeder hatte noch irgend etwas vergessen, sammelte sich der Heerwurm vielleicht sogar schon vor Tagesanbruch teils vor und teils im Lager in der großen Weserschleife. Einen viele Kilometer langen Treck mit den nötigen Versorgungswagen zusammen zu stellen und zu ordnen bedeutet sicherlich immer eine beträchtliche Herausforderung für die Organisatoren und bedurfte trotz Routine immer noch tagelanger generalstabsmäßiger Vorarbeit. Um den Versuch eines Vergleichs zu wagen und um sich eine bessere Vorstellung über das Bevorstehende zu machen, habe ich mich mal an einem möglicherweise ähnlichen Ablauf orientiert. So war der Kölner Rosenmontagszug etwa 2007 Jahre später am 8. Februar 2016 etwa 8 Kilometer lang. Die Länge der Zugstrecke durch die Straßen von Köln betrug etwa 7,5 Kilometer, während die Vorbeimarschzeit bei etwa 4 Stunden lag. Beteiligt waren 114 Fest-, Prunk -, als auch Persiflage Wagen sowie Kutschen, 90 Traktoren und 85 Baggage Wagen. Die übrigens auch Wurfmaterial allerdings von anderer Qualität mit sich führten. Der Zug bestand aus immerhin 12.000 Teilnehmern, 82 Musikkapellen marschierten mit, 500 Pferde und fast 3000 Helfer sei es als Traktorfahrer oder Schildträger begleiteten 2016 diesen modernen Lindwurm. Damit kommen wir der Dimension und Ausdehnung der Varus Legionen doch schon etwas näher. Interessant ist dabei aber, dass der Karnevalsumzug „nur“ etwa 8 Kilometer lang war, obwohl er auch von zahlreichen Personen aber auch relativ vielen Fahrzeugen begleitet wurde. Zweifellos sind allerdings die Straßen von Köln auch breiter, als der römische Hellweg von Höxter nach Brakel. Aber auch diese Art von Marschzug zu ordnen, zusammen zu halten und zusammen zu stellen bedeutete viel Aufwand. Und wo ich mir hier schon einen kleinen Schwenk zum Kölner Karneval gestatte, sei mir auch noch ein anderer erlaubt. Er bezieht sich noch mal auf diese ebenfalls nebulös erscheinenden Sugambrer, die damals überall aufzutauchen schienen und immer für Ärger sorgten. Die im Zusammenhang mit den Römerkriegen mehrfache Erwähnung finden und die möglicherweise schon gegen Varus ihre Kämpfer mit ins Feld führten. Die schon unter Cäsar Schlagzeilen machten und mit denen natürlich Lollius seine liebe Not hatte. Die Tiberius in fasst ihrer gesamten Volksmasse auf die linke Rheinseite vertrieb. Die sich aber teilweise noch rechtzeitig nach Osten absetzen konnten. Und die wie Phönix aus der Asche in der Person des Merowingerkönigs Chlodwig später mit an der Wiege Europas standen. Aber bis in unsere Tage treffen wir sie erstaunlicherweise immer noch dort an, wo sie schon seit jenen prähistorischen Zeiten ihre angestammten Siedlungsgebiete inne hatten. Und dieses sozusagen mit Blickkontakt zur Kernmetropole Köln stehende Völkchen, wollte sich doch nie so recht mit den „ubischen“ linksrheinischen Stadtteilen verbrüdern. Und dafür mag es auch noch einen kurios zu nennenden Hinweis geben, der an diese lange zurück liegende und noch heute tagesaktuelle Diskrepanz erinnert. Denn diesem alten Stamm der Sicambrer oder auch Sigambrer wie sie lateinisch genannt werden, könnte es vergönnt gewesen sein in der Neuzeit zu einer recht seltsamen Berühmtheit bzw. Wiedergeburt aber an einem völlig unerwartetem Platze gekommen zu sein. So gelingt es mir vielleicht, neben dem einige Kilometer östlich von Köln verlaufenden vorgelagerten Saum eines uralten aber nachweisbaren dialektischen Unterschiedes noch ein weiteres Argument für das Vorhandensein unserer frühen Vorfahren zwischen Rhein und Bergischem Land ins Bewusstsein zu rücken. Und wer jetzt noch letzte ernsthafte Zweifel oder Bedenken an meiner Theorie haben sollte, der möge es zum Ausdruck bringen „oder für immer schweigen“. Denn dies wäre dann in der Tat der letzte „unerschütterliche“ und „unbestreitbare“ Beweis dafür, dass die Sugambrer im rechtsrheinischen Bergischen Land und dort in jenem schmalen und langen Sprachkorridor der so genannten niederländischen Varietät die Zeiten problemlos überdauerten. Und genau dafür gibt es einen untrüglichen und auch noch bis in unsere Tage modern gebliebenen und besonders lebhaften da handfesten Anhaltspunkt der so seine Blüten treibt. Und bei der Erforschung bzw. Aufarbeitung und Analyse was der große trennende Rheinstrom so alles bewirkte, kommt uns wieder einmal das ureigene alte Wissen um die besonderen Gemütszustände, die Mentalitäten und die Charaktere unserer Altvorderen zu Hilfe. Nämlich die unbeschreibliche Disharmonie die sich zwischen dem sinnenfrohen und kontaktfreudigen Rheinländer links und dem wie man so sagt miesepetrigen und muffeligen Rheinländer rechts des Flusses auftut. Dieser unverwechselbare Kontrast offenbart sich ganz besonders in den rheinischen Frohnaturen und Originalen des Tünnes und des Schäls, wobei der Begriff Frohnatur natürlich nur auf den linksrheinischen Tünnes zutrifft und nicht auf den mürrischen dafür aber mit äußerst trockenem Humor ausgestatteten Schäl vom rechten Rheinufer, der berühmten „schäl Sick“. Der linksrheinische und bauchige Tünnes wird gerne mit einer roten Schnaps farbigen Knollennase dargestellt, gilt als rustikal und bodenständig, verfügt aber trotz friedlichem Gemüt über eine gesunde Portion Bauernschläue. Der schäle Schäl ist der schielende Vertreter einer aus linksrheinischer Sicht natürlich kulturell eher zurück gebliebenen rechtsrheinischen Landbevölkerung. Schäl steht auch für „ne falsche Fuffziger“ oder „ne schleite Keel“, also ein schlechter Kerl, der die Attribute nicht so „sauber“ und ehrlich zu sein verkörpert. Schäl ist knochig und schlank, trägt Frack und ist hinterlistig, also „ne janz besonders schräge Typ“. Diese zwei Gestalten des Kölner Karneval symbolisieren wie keine anderen Figuren eine alte mentale Mauer oder Trennlinie, die sich scheinbar immer noch unsichtbar mitten im Rhein auftut und die man auch bei genauem Hinsehen von der Hohenzollernbrücke aus nicht sehen kann. Das rechte Rheingebiet war in römischer Zeit die Germania Magna, hier begann das germanische Kerngebiet und bewahrte sich ihre Distanz auch noch bis weit über die Herrschaftszeit der Franken hinaus. Schäl führen die Brauchtumsforscher daher auf einen sehr alten Typus Mensch zurück und bringen ihn wegen seiner Augenstellung in Verbindung mit jenem einäugigen germanischen Gott Wotan, Wodan oder Odin. Dieser soll der Mythologie nach sein zweites Auge für den Blick in den Brunnen der Erkenntnis geopfert haben. Schäl steht auch für schielen, wobei mir allerdings nicht klar ist, wie man mit nur einem Auge schielen kann. Aber man sagt auch, der schielt um die Ecke, so dass man es wohl gelten lassen könnte. Während man sich im römisch, christlichen und zivilisierter geprägten Linksrheinischen zu den alten germanischen rechtsrheinischen Gottheiten seit den Zeiten des Imperium Romana eine größere Distanz bewahrte, war das heidnische im Osten von Köln noch eine sehr lange Zeit dominant und vorherrschend. Das Schäle hat sich auch noch in der Bezeichnung für die so genannte „schäl Sick“ also die schäle und wie man auch sagt die falsche rechtsrheinische Seite erhalten. Man führt es auch auf die Jahre der Treidelschifffahrt zurück, wo wegen des Sonnenstandes den Treidelpferden die Augen verbunden wurden, da man schäl auch mit blinzeln übersetzt. Aber vieles was legenden reich überliefert ist, gilt als nicht hinreichend belegt und muss daher in Frage gestellt werden. In der Zusammenfassung soll es also so gewesen sein, dass der Kölner Schäl von der „schäl Sick“, den heidnischen verschrobenen Altgermanen vom anderen Ufer symbolisiert und der bauernschlaue ihm überlegene Tünnes den intelligenteren Part übernahm. Schäl fügt sich demnach auch besser in den alten Bergischen Jargon in dem man sagt, er ist eben wie ein Schwebebahnpfeiler „oben krumm und unten nass“. Aber damit ist das Rätsel um die Bezeichnung der „schäl Sick“ immer noch nicht gelöst. Denn es tun sich in der Übersetzung des Wortes „Sick“, das man in dieser Kombination immer mit dem Wort „Seite“ gleich setzt bzw. auf eine Stufe stellt, tiefe Wort - Historische Gräben auf. Schaut man in das etymologische Wörterbuch, dem Kluge aus dem „de Gruyter Verlag“ von 1883 mit all seinen bearbeiteten Neuauflagen, so sucht man nämlich vergebens nach einer Querverbindung zwischen Sick und Seite. Was auch nicht verwundert, denn dem Wort Sick lässt sich keine sprach verwandtschaftliche Bedeutung für Seite entlocken. Das Wort Seite kennen wir nur bzw. erst aus dem althochdeutschen und es erscheint dort in seiner ältesten Form in der Schreibweise als „sita“ und im altsächsischen als „sida“. Es folgt dann im Mittelhochdeutschen die Schreibweise „sit (e)“. Aber weit und breit ist kein Sick aufzuspüren. So scheint es, als ob man das Wort Sick „eingekölscht“ hat und man dort darunter mangels anderer Erklärungen fortan das Wort Seite versteht oder verstehen möchte. Natürlich lasse ich mich auch hier immer wieder gerne eines Besseren belehren. Was uns in diesem Fall allerdings näher steht und auch gut in die historisch gewachsene Landschaft passen würde, wäre es, wenn man das Wort Sick, nicht mit „ck“ als Sick, sondern wie die ähnlich klingenden angebrochenen Worte „Sig“ bzw. als „Sic“ schreiben würde. Denn da hätte ich etwas Interessantes anzubieten, nämlich eine Brücke zu den einst im rechtsrheinischen siedelnden Sigambrer zu schlagen oder wie man sie auch in der lateinischen Sprache nannte, die Sicambrer in ihrem alten Stammsitz „Sicambria“ zwischen Ruhr und Sieg und Sieg vielleicht, wie auch gerätselt wird möglicherweise als Si(e)g. Und zu unser aller Vorliebe längere Worte kurzerhand mittels Abkürzung griffiger zu machen, hätten wir hier ein schönes Beispiel für die Langlebigkeit historischer Begebenheiten in Verbindung mit den menschlichen Eigenheiten und Eigenarten. Würde dieser Vergleich also zutreffen, so läge auch eine Begründung für die Bezeichnung „schäl Sick“ auf der Hand. Wir würden hinter Schäl einen Sigambrer erkennen und dann über jene alten schlitzohrigen und schälen Sicambrer sprechen, denen es gelang sowohl der tiberianischen Vertreibung, als auch der Auswanderung nach Osten und der Unterdrückung zu entgehen und ihr langer ausgestreckter Arm würde noch immer über den Rhein und sogar bis in den Kölner Karneval reichen. Bei dieser Standfestig - und Bodenständigkeit und allen Zerwürfnissen zum Trotz, kann man es den heutigen Sigambrern oder Sicambrern zwischen Duisburg und Römershagen dann natürlich auch nicht verdenken, wenn sie sich dann schon mal als etwas mürrischer und verschlossener erweisen, als die munteren Rheinländer mit ihrem Himmel und Ääd. Aber zurück zu Varus, den der Kölner Karneval nicht in sein Herz geschlossen hat. Die Vorbeimarschzeit des Rosenmontagszuges betrug bei etwa 15.000 Teilnehmern und einer Marschlänge von 8 Kilometern zirka vier Stunden. Verzögerungen und Störungen entstehen sowohl bei Rosenmontagszügen und sind auch für den Varuszug belegt. Beide Züge waren bunt gemischt und können uns zur Orientierung dienen, da sie einen ähnlichen Charakter aufweisen. So lässt sich der Kölner Umzug für einen groben Vergleich allemal heran ziehen, könnte also in etwa mit dem des Varus Zuges deckungsgleich sein. Es ist daher wie auch beim Rosenmontagszug denkbar und möglich, dass der Marschzug vor 2000 Jahren bereits am Tag vor dem Abmarsch, was die beladenen Trosswagen noch ohne Zugtiere anbelangt und unbesetzt in Formation geschoben wurde. Diese strukturell nötigen Vorarbeiten hätte man dann nicht mehr am frühen Morgen und dadurch folglich noch im Dunklen durchführen müssen. Wäre der Zug trotzdem erst am Morgen des Abmarschtages in Formation gebracht worden, so hätte sich der Ausmarschzeitpunkt dann natürlich um diese Zeit erheblich in den Vormittag hinein verschoben, was wiederum zu einem entsprechend späteren Eintreffen im ersten Marschlager geführt hätte. Sowohl die Errechnung der Varus unterstellten Legionäre als auch die darauf basierende Zuglänge und die davon abzuleitende Marschzeit sind natürlich für die weiteren Betrachtungen von ausschlaggebender Bedeutung, da sich mit ihrer Hilfe nicht nur der gesamte Zeitrahmen der Varusschlacht besser rekonstruieren lässt. Auch die Anzahl ihrer germanischen Widersacher, möglicherweise auch die Hochrechnung der jeweiligen Verluste verteilt auf die einzelnen Kampftage und sogar die Dimension der errichteten Marsch - oder Notlager ließe sich anhand der Überlebenden erfassen bzw. überschauen. Varus dürfte aufgrund der ihm bekannten kritischen Lage an diesem Morgen nicht die Gelassenheit in Person zur Schau gestellt und er wird einen gewissen Nachdruck ausgeübt, aber auch eine damit verbundene Unruhe erzeugt haben. Vielleicht erwartete er auch noch Teile an Abstellungen von rechts der Weser, die nicht pünktlich am Sammelpunkt erschienen sind oder Nachrichten über den Aufenthaltsort von Asprenas. Er wollte verständlicherweise auch nicht zuletzt wegen der nun längeren und ausschweifenden Rückreisedistanz keine unnötige Zeit mehr verlieren. Sie wussten alle Bescheid, kannten seinen Befehl, würden danach handeln oder würden dazu stoßen. Man entschied wie vorgesehen zuerst eine Strecke in Marschrichtung Amelunxen bzw. Brakel auf dem gut ausgebauten römischen Hellweg zurück zu legen, von wo aus man dann an einer geeignet erscheinenden Stelle gedachte, auf die Abzweigung in die südliche Richtung einzuschwenken, also einen gradlinig und direkteren Weg in die Region der Aufrührer einzuschlagen.(19.10.2018)

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