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Samstag, 2. März 2019
Marbod ein unberechenbarer Taktiker - Gaius Suetonius Tranquillus sah es wie Gaius Velleius Paterculus - Die Welt war schon vor 2000 Jahren ein Dorf
ulrich leyhe, 22:57h
Für das römische Imperium war der Krieg Alltag. Irgendwo musste es in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende immer die Schwerter schwingen, sei es gegen die Punier, die Kelten oder die Teutonen. Aber nach der Eroberung Galliens durch Cäsar begann Rom seine Fühler auch in den Osten tief nach Germanien auszustrecken. Fasst zeitgleich mit dem Jahr Null hatte Rom die Voraussetzungen geschaffen nun auch Germanien einzuverleiben. Aber dann wurde dem Imperium in relativ kurzer Zeit das Zepter streitig gemacht. Eigentlich waren es nur drei große Ereignisse die den Wechsel einleiteten und die ausreichten um zwischen dem Jahr 6 + und dem Jahr 9 + Rom bis ins Mark zum Beben zu bringen. Eine kritische Phase die auch über die Zukunft des Imperiums in Germanien mit entscheiden sollte. Im folgenden Abschnitt möchte ich diese Phase einer zusammenfassenden Betrachtung unterziehen, da man ihre unterschiedlichen Verläufe und Ursachen nur im Kontext versteht und nicht getrennt voneinander behandeln darf. Der Historiker Sueton steuert dazu einen interessanten Impuls bei den ich hier aufgreifen möchte. Rechnet man nun zu diesen drei zentralen Großereignissen auch noch jene Feldzüge des „Immensum Bellum“ hinzu, der von 1 + bis 5 + andauerte, sowie die Germanicus Feldzüge der Jahre 14 + bis 16 +, so war unverkennbar, welcher Widerstandswille dem Römischen Reich in den nur 15 Jahren an der östlichen Front entgegen schlug. Im Kern dieser 15 Schlachten - Jahre liegen der besagte „Ruptum Expeditio Boiohaemum“ 6 +, also der abrupt abgebrochene Markomannen Feldzug der gewaltige „Bellum Batonianum“ 6 + bis 9 + also der große Aufstand in Pannonien und Dalmatien und die „Clades Variana“ 9 +, also die Varusschlacht. Aus den Zeilen von Gaius Suetonius Tranquillus kurz Sueton genannt lesen wir unschwer heraus, dass für die Menschen der damaligen Zeit die in unmittelbarer Berührung zu den Geschehnissen standen, schon alles nach einem groß germanisch, illyrischen Komplott aussah. Wann Sueton es ausformulierte, er lebte etwa von 70 + bis 122 + ist nicht bekannt, aber seine „De vita Caesarum“ soll nach 120 + erschienen sein. Gehen wir davon aus, dass er es in seinen letzten Lebensjahren nieder schrieb, so trennten ihn vom Jahr 6 + bereits über 1oo Jahre. Unter der Lupe der Chronisten erscheint uns so, als ob Varus darin nur die Rolle einer Marionette innerhalb einer ereignisreichen Epoche übernahm. Ihn manövrierten die Umstände seiner Zeit in eine recht ungünstige Position, wie er sie nicht erwartet hatte, als vermutlich Kaiser Augustus ihn vordem zum Statthalter in Germanien ernannte. Die neue Lage zwang ihn dazu die Jahre 6 + bis einschließlich 8 + wegen der Abwesenheit großer Teile seiner Kampfverbände nur mit halber Kraft seinen Aufgaben nach kommen zu können und so er sah sich genötigt, sie mehr schlecht als recht überbrücken zu müssen. Ich hatte diese für ihn heikle Phase mit einer meines Erachtens fundierten Theorie begründet. Denn aufgrund dieser Vorgeschichte musste und konnte er im Jahr 9 + auch nur jene Legionen in die Mehrtagesgefechte mit Arminius führen, die bedingt durch die voraus gegangenen militärischen Ausfälle nicht mehr über ihre volle Kampfkraft verfügten. Denn sie kehrten letztlich geschwächt, nicht vollständig und somit angeschlagen aus dem „Bellum Batonianum“, dem pannonischen Aufstand an den Rhein bzw. an die Weser zurück. Auf die besondere Brisanz seiner Lage schon vor der Varusschlacht wies uns noch vor Sueton auch schon ein Zeitgenosse von Varus hin, nämlich der römische Offizier Velleius Paterculus, indem er das damals allgemein vorherrschende Misstrauen gegenüber Marbod zum Ausdruck brachte. Das man nämlich Marbod bereits vor dem Feldzug gegen ihn zutrauen musste, dass dieser sogar in Germanien, dem Noricum oder Pannonien einfallen könnte. Aber war dies von Paterculus nur eine rechtfertigende Zweckbehauptung um das Vorgehen von Tiberius, der uns manchmal wie sein persönliches Idol erscheint, im Zuge des „Expeditio Boiohaemum“ nachträglich zu legitimieren und damit seine Einzelmeinung, oder ließe sie sich auch noch anderweitig stützen. Marbods Unberechenbarkeit, dass dieser möglicherweise nach dem „Ruptum Expeditio“ dem abgebrochenen Feldzug nun vielleicht sogar unerwartet und erstarkt auch irgendwo in Germanien einfallen und möglicherweise auch zu einer Bedrohung für Varus werden könnte, passte daher gut in die Zeit und war vermutlich aus damaliger Sicht sogar für die Menschen nachvollziehbar und damit glaubwürdig. Da Paterculus und Marbod zur gleichen Zeit lebten, könnten bzw. dürften sie sich gekannt haben. Marbod war demnach für Paterculus kein unbeschriebenes Blatt. Bevor ich auf die Worte von Gaius Suetonius Tranquillus eingehe, noch ein anderer Aspekt. Denn man kann aus alledem auch einen anderen Schluss ziehen. Nämlich den, wie nahe sich doch damals die geographischen Räume standen. In einer trägen Welt in der Ochsenkarren die Transporte übernahmen, in der die Wasserwege durch die Schiffbarkeit der Flüsse limitiert und in der Pferd, Esel und Maultier die wichtigsten Fortbewegungsmittel waren scheint dies für uns heute unvorstellbar zu sein. Ähnlich so, wie ich es mit einer Abstandssimulation von Nordböhmen nach Ostwestfalen tat, die uns die Entfernungen überschaubarer machen sollte. Schnelle Römische Meldereiter ließen die Distanzen zusammen rücken und auch der „Drususritt“ von Tiberius zeugt von den raumgreifenden Möglichkeiten der Zeit. Die damalige Welt war zwar kein Dorf, aber die Interessensphären waren unerwartet eng mit einander verflochten. Aber zurück zum Thema. Denn der berühmte antike Schriftsteller Sueton, übrigens ein Zeitgenosse von Tacitus rückt nun ein weiteres Faktum ins Blickfeld der germanischen Kräfteverhältnisse jener Zeit. Denn er setzte der Überlieferung von Velleius Paterculus, einer in den Raum gestellten latenten Gefahr die von Marbod ausging, noch eines drauf, in dem er den „Bellum Batonianum“ also den Pannonien Aufstand unter ihren beiden Anführern gleichen Namens, nämlich Bato, noch mit in den sich von Westfalen bis ans Mittelmeer erstreckenden Konflikt trächtigen Gefahrenraum einbezieht. Von Oberbosnien, wo man ein Zentrum des „Bellum Batonianum“ sieht bis Ostwestfalen sind es rund 1000 Kilometer Luftlinie. Wir sprechen somit alles in allem schon über einen gewaltigen Frontabschnitt, den die römischen Machthaber nur 50 Jahre nach der Ermordung von Cäsar nicht vernachlässigen durften. Der aufkommende Verdacht Marbod könnte sogar noch selbst mit an den Stellschrauben des Pannonien Aufstandes gedreht, ihn also mit inszeniert, beeinflusst oder gar ausgelöst haben, lässt alle Germanenkriege in den ersten zwei Jahrzehnten nach der Zeitenwende vor einem ganz anderen Licht erscheinen. Man könnte den Eindruck bekommen, dass diese drei ineinander greifenden römischen Offensiven der Jahre 6 + bis 9 + wobei es in einem Fall nur zu einem Aufmarsch artigen Manöver kam, zumindest dem weströmischen Reich schon Jahrhunderte vor deren zeitgeschichtlichem Ende das große Stoppschild vor allen weiteren Ostexpansionen aufstellte. Nicht umsonst nannte Sueton den Pannonien Aufstand den schwersten aller auswärtigen Kriege seit den Punischen. Wäre es dem Imperium wie viele Historiker vermuten in dieser Zeit sogar gelungen, die Elbe als ihre vorgeschobene Ostgrenze zu festigen und zu behaupten, wären die zurück gedrängten und östlich der Elbe eingepferchten germanischen Völker in ihren eingeschränkten Siedlungsgebieten vermutlich schon früher gegen Rom aufgestanden. Zwei Grenzen gleich stark zu bewachen und zu stabilisieren ist ein Unding und so hätte das Imperium zwangsläufig die Rheingrenze vernachlässigen müssen. Einem germanischen Ansturm hätte die Rheingrenze dann nichts mehr entgegen zu setzen gehabt. Der immense Frontabschnitt im II. Weltkrieg quer durch Russland bezeugt, dass man auch noch Jahrhunderte später am eigenen Größenwahn scheitern konnte. Was meiner gedanklichen Richtung Nahrung gibt, wie wenig sich doch unsere heutige Denkweise von der der Altvorderen unterscheidet bzw. seit dem offensichtlich unverändert blieb. Mit der weisen Entscheidung von Kaiser und nun nicht mehr Feldherr Tiberius im Jahre 16 + könnte es ihm sogar gelungen sein, die römische Präsenz auf heutigem deutschem Boden noch verlängert zu haben. Somit konnte er auch der später einsetzenden Völkerwanderung unbeabsichtigt etwas die Dynamik genommen haben, da er den Germanen zwischen Rhein und Elbe einen größeren Pufferstreifen einräumte. Aber in diesem Kapitel möchte ich versuchen, den interessierten Lesern noch die rationalen Bestandteile im Denken unserer Altvorderen näher zu bringen, so wie sie uns Sueton in Erinnerung gerufen bzw. hinterlassen hat. Denn damals wie heute bestimmte schon der Geist das Handeln und persönliche, also individuelle Erfahrungsschätze nahmen darin immer einen breiten Raum ein. Arminius und all den anderen erging es da nicht anders. Aber nicht nur den dadurch ausgelösten Denkprozessen die sich in den Köpfen derer vollzogen, die damals im weiten Vor – und Umfeld der Varusschlacht die Geschicke der Zeit lenkten auf die Spur zu kommen erfordert ein großes Einfühlungsvermögen an unsere heutigen Generationen. So sollten wir ein Gespür für ihr fortschrittliches und räumlich dimensionales Denken entwickeln, ob es nun um das Überwinden von Distanzen in Mitteleuropa geht, oder andere damit verbundene und für uns heutzutage schier unvorstellbare Leistungen der antiken Bevölkerung. Trotz waghalsiger topographischer Herausforderungen waren die Landmassen Mitteleuropas für die Menschen der Zeit Überschau - und kalkulierbar gewesen. Das die Lage und Ausdehnung der Alpen oder der Verlauf der großen in die Nordsee mündenden Flüsse auch früher schon kein Geheimnis war ist nachvollziehbar. Und wo ein Ptolemäus schon Koordinate vergab, war man weiter als man sich heute eingestehen möchte. Aber wie stand es um den Richtungssinn und das geographische Wissen über unsere weiträumigen und endlos erscheinenden Mittelgebirgslandschaften. Bewaldete Höhenrücken wo man hinschaute, samt Tälern und meist unbewohnt, die auf den ersten Blick und aus großer Distanz alle gleich aussahen und die damals noch keinen Fernmeldeturm trugen, was sie kenntlicher gemacht hätte. Dazwischen die germanischen Siedlungskammern in denen man die Menschen willfährig machen und auf das römisch provinzielle Leben einstimmen wollte. Berge wie der zentral gelegene Feldberg im Taunus, der Harz oder das Massiv des Donnersberges bei Kirchheim - Bolanden waren dabei elementar wichtig, da man sie schon aus vielen Kilometern richtungsweisend vorfand und sie den „Vorwärtsstrategen“ in den Reihen der römischen Legionärskommandeure bei der Verortung und Errechnung der Tagesetappen sowie der Marschstrecke halfen. Schauen wir in die alten Zeiten zurück müssen wir uns, obwohl es schwer verdaulich klingt, von manchen in den Jahrhunderten nach der Entdeckung der Tacitus Schriften gewachsenen Illusionen lösen und uns frei machen von falschen Gedankengängen und Abschied nehmen von verzerrten Vorstellungen. Denn die genaue Analyse der antiken Schriften ist immer für Überraschungen gut, schickt uns nur auf den ersten Blick auf andere Wege gestattet uns aber viele Interpretationen aus den verborgenen Welten zwischen den Zeilen. Wenn aber die Zeiten nicht so waren wie wir sie uns heute vorstellen, wie waren sie dann. Die Vergangenheit gewährt uns nur wenige Blicke hinter ihre Kulissen noch dazu vor 2000 Jahren und lässt sich kaum mehr in ihre vergilbten Karten schauen. Aber was wir noch haben, ob in schriftlicher Form oder als Fund, dem gehen wir nach. Sie verbergen auch noch eine Vielzahl von Anhaltspunkte die es wert sind, dass man sie sich auch vor dem Hintergrund immer wieder neuer Theorien näher ansieht. Denn es gibt noch einige Schleier, die wegzuziehen es sich lohnen könnte. Ich denke nicht, dass wir nur wortlos vor einem Abgrund stehen, der sich vor unseren Füßen auf tut um uns dann einen Blick in eine andere unbekannte Welt voll finsterer Gräueltaten frei zu geben. Es erscheint aber manchmal so, als ob es den frühen Historikern einen Genuss bereitet hätte uns, der Nachwelt nur die grässlichsten Dinge des menschlichen Zusammenlebens in schriftlich konservierter Form hinter lassen zu wollen und den Rest bzw. die passende Ausschmückung dazu haben die nachfolgenden Generationen dann gerne selbst übernommen. Denn so wenig wie wir uns in die Wesenszüge unserer Vorfahren hinein denken können, so rätselhaft standen die Menschen vor 2000 Jahren vor der Frage wie sich die Welt ohne sie weiter entwickeln würde. Man labte und ergötzte sich besonders in nach römischer Zeit um so mehr an allem, je blutrünstiger es sich darstellen ließ. Ein gutes Beispiel sind die ersten Begegnungen und das Aufeinandertreffen mit den hunnischen Steppenvölkern die anders verlaufen sein könnten, als man es uns später weis machen wollte. Die wenigen positiven Begebenheiten müssen wir darin mühsam aufspüren. Denn wären die Zeiten und die Menschheit damals so grausam gewesen wie oft geschildert, gäbe es uns dann heute überhaupt. Das die antiken Schriftsteller und Zeitzeugen ihre Texte im Gegensatz zur frühmittelalterlichen Klosterliteratur in einem nüchtern, sachlichen und klaren Stil abfassten, den wir in den früh christlichen Zeiten vermissen, sollte uns zu denken geben. Denn einiges spricht dafür, dass viele kulturelle Strömungen in der römisch heidnischen Zeit verständlicher formuliert und fortschrittlicher dargestellt wurden, als in der Folgezeit. Sicherlich lag es ab dem 6. Jahrhundert im Interesse des Katholizismus den Blick in die Vergangenheit übel zu beschreiben um dadurch das Positive des anbrechenden religiösen Zeitalters besser heraus stellen zu können. Das Ende des römischen Imperiums sollte nahtlos ins göttliche übergehen und da galt es besonders die Kontraste zu schärfen. Das Leiden der frühen Märtyrer, die blutgetränkten Kämpfe der Gladiatoren, der elende Handel mit den Sklaven beherrschen unsere Vorstellungen und prägen a` la „Ben Hur“ oder „Quo Vadis“ unser unterhaltsames Bild von der alten Zeit noch bis heute. Es war in den damaligen Jahrhunderten sicherlich allgegenwärtig, aber wie hoch und bedeutsam war letztlich ihr tatsächlicher Anteil am normal/realen und dörflich römischen Alltagsleben. Ich bin eher davon überzeugt, dass es abgesehen von zweifellos schwierigen Lebensbedingungen die in verschiedenen Epochen der Zeitgeschichte in den letzten 2000 Jahren die Menschheit in Mitteleuropa heim suchten die Medaille besonders zu Zeiten des römischen Imperiums auch eine zweite Seite hatte. Immer wieder erfahren wir und es erstaunt uns, wie sorgsam man im Imperium den Lebensmittelnachschub sicherstellte und garantierte. Verknappung oder Hungerrevolten begegnete man schon im Frühstadium, Getreide wurde bevorratet, Horrea die Lagerhäuser jener Zeit existierten im ganzen Reich und die Notwendigkeit einer funktionierenden Versorgungslage stand über allem. Auch der Begriff „ Brot und Spiele“ bringt es zum Ausdruck. Und auch in den germanischen Gefilden wusste man Engpässe zu vermeiden, aber Missernten blieben unvorhersehbar und kaum beherrschbar. Ungeachtet dessen war man bewandert und auch schon lange vor der "Tabula Peutingeriana" kannte man das keltische und noch ältere Straßengeflecht Mitteleuropas, nutzte es und man höre und staune, denn man kam auch damals schon am gesteckten Ziel an. In den voraus gegangenen Abschnitten hatte ich mehrfach großen Wert auf die Feststellung gelegt, dass der geopolitische Großraum, den die damals agierenden Personen auf römischer Seite in militärstrategischer Hinsicht unter Kontrolle zu halten hatten, wenn sie die Grenzen des Imperium ausdehnen wollten immense war, ihnen aber auch keine Angst machte, zumindest solange sie keine „übergroße Frau“ zur Umkehr ermunterte. Und vor dem trügerischen Jahr 9 + musste und konnte man in Rom auch noch davon ausgehen, dass sich der Fahrplan für neue Eroberungen einhalten ließ. Denn um diese Zeit soll sich das römische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht befunden haben und es strotzte vor Stolz und Gigantismus, obwohl bereits in diesen Tagen dunkle Wolken aufzogen, genau genommen die römische Expansion schon dabei war einzufrieren. Das schon das Jahr 16 + allen weiteren römischen Expansionswünschen ein Ende setzen würde konnte nur noch niemand vorher sehen und keiner wusste oder konnte es ahnen. Denn zumindest im Osten Germaniens hatte das Imperium ab dieser Zeit im Gegensatz zum weiterhin florierenden freien Warenverkehr ihre militärische Zukunft verspielt. Als Tacitus und Sueton darüber leicht zeitversetzt schrieben, war dies alles bereits zur Realität geworden und man wusste die voraus schauende Entscheidung von Tiberius im Jahre 16 + historisch einzuordnen und zu bewerten. Und beide berichteten rückblickend über das, was der damaligen Faktenlage entsprach bis sie dann 117 + bzw. 122 + selbst verschieden. Der Status quo resultierend aus den letztlich erfolgreichen germanischen Widerstandskämpfen der Jahre 9 + bis 16 + hielt lange. Kriege oder größere Schlachten zwischen Römern und Germanen in Ostwestfalen, Niedersachsen oder Thüringen sind bis zum Ende des Imperiums also östlich von Höxter historisch nicht mehr belegt. Erst das Harzhorn Ereignis im 3. Jahrhundert, dass sich vermutlich zwischen 228 + und 240 + ereignete und fasst genau 50 Kilometer östlich von Höxter statt fand, verblüffte wieder die Forschung. Epochal betrachtet voll zog es sich aber bereits in einer neuen Zeit. Der Zeit zwischen dem Jahre 16 + und den folgenden Jahrzehnten habe ich eigene Kapitel gewidmet. Aber rund 160 Jahre nach der Varusschlacht und mit Beginn der Markomannen Kriege die man nicht mit dem abgebrochenen Markomannen Feldzug des Tiberius im Jahre 6 + verwechseln darf bzw. nicht mit ihm in Verbindung steht, schienen sich die germanischen Angriffsstrategien verborgen und geradezu versteckt hinter dem Harz vollzogen zu haben. Von hier aus bedrohten die Germanen später den Limes und fielen sogar in Norditalien ein. Gleich einer burgundischen Pforte erstreckte sich zwischen Harz und Elbe ein verdeckt liegendes Aufmarschgebiet aus den mitteldeutschen Siedlungsräumen für jene nicht mehr abreißen wollenden germanischen Angriffswellen gegen das Imperium noch vor Beginn der Völkerwanderung. Bis hierhin wagten sich auch keine römischen Legionen mehr vor und Ostwestfalen bzw. Südniedersachsen war eher peripher über den Korridor am östlichen Rande im Leinetal tangiert. Aber zurück zu den Geschehnissen um die abrupt beendete militärische Expedition des Tiberius nach Böhmen. Ich hatte die These vertreten, dass der abgebrochene Feldzug Marbod wieder zum starken Mann in Germanien machte. Varus hatte nach dem „Immensum Bellum“ einige seiner Legionen auf Weisung aus Rom erst für für den Marbod Feldzug, dann für das „Bellum Batonianum“ Abenteuer, also den Pannonien Aufstand abtreten müssen, was ihn in den Anfangsjahren seiner Zeit als Statthalter schwächte und ihn in seinen Planungen zurück warf. Die Unberechenbarkeit von Marbod die aus den Schriften des Zeitzeugen Paterculus spricht, bietet Basis und Anhaltspunkt dafür, dass sich Varus in Ostwestfalen in diesen kritischen Jahren in äußerst unangenehmer Mission befand. Tacitus der den Ereignissen um den Markomannen Feldzug zeitlich noch recht nahe stand, denn zwischen dem Tod von Marbod 37 + und seiner Geburt 58 + verstrichen nur 21 Jahre, konnte sich sowohl über Marbod als auch Arminius ein Urteil erlauben. Für Tacitus war Arminius der 21 + verstorben sein soll, bekanntlich der freiheitsliebende und unerschütterliche Held und Marbod der 37 + starb der Tyrann. Obwohl die Geste von Marbod in dem er den Kopf des Varus ausschlug und an den Kaiser weiter leitete ihn wie romfreundlich erscheinen lässt, war das allgemeine Misstrauen gegen Marbod in den damaligen Zeiten offensichtlich so stark verbreitet, dass man es ihm, wie Tacitus berichtete, nicht positiv anrechnen wollte. Marbod war und blieb auch noch zu den Zeiten des Tacitus das, was er in den Augen aller immer war, der unberechenbare und verschlagene Germanenkönig. Kommt man nun zurück auf die geopolitische Vernetzung jener Zeit, so kommt man nicht umhin die Verbindungslinien zwischen den Regionen Ostwestfalen, Böhmen und Pannonien - Dalmatien zu schlagen. Der Schriftsteller Gaius Suetonius Tranquillus kurz Sueton genannt, ein Zeitgenosse von Tacitus, der sicherlich seine Meinung über Arminius und Marbod kannte, bringt nun zusätzlich Licht ins Dunkle. Er verdeutlicht uns dieses uralte Geflecht in seinem Werk „De vita Caesarum“ über den römischen Kaiser Tiberius. Unmissverständlich spricht er dem Cäsar Tiberius sein Lob für den großen Sieg in Pannonien aus. Einen Sieg, den er gerade im richtigen Moment errang, als Varus fasst zur gleichen Zeit in Ostwestfalen drei römische Legionen verlor. Es muss in der damaligen Zeit wie ein Gottesurteil gewirkt haben, dass Sieg und Niederlage so eng bei einander liegen konnten. Es hatte aber auch dazu geführt, dass Marbod seine Strategie nun komplett überdenken musste. Aber Sueton ging sogar noch einen großen Schritt weiter. Denn während Paterculus der allgemeinen Skepsis gegenüber Marbod Ausdruck verlieh, wurde Sueton noch deutlicher. Auch er stellte fest, das im Falle eines Sieges der pannonischen Aufständischen kein Mensch daran gezweifelt habe und es jeder prophezeit hätte, dass die siegreichen Germanen nun nichts anderes zu tun gehabt hätten, als sich mit den Pannoniern zu verbünden um dann gemeinsam gegen das Imperium zu kämpfen. Man kann daraus auch ohne sich groß anstrengen zu müssen ableiten, wie die römische Welt, die aktuelle Tagespolitik seinerzeit mit verfolgt haben muss. Man sah also im Falle einer römischen Niederlage in Illyrien eine gewaltige Germanenfront auf das Imperium zu rollen, dem man keinen Einhalt mehr hätte gebieten können. Der Untergang des Abendlandes, pardon des römischen Weltreiches wäre damit nach Ansicht vieler im Falle einer Niederlage in Pannonien besiegelt gewesen. Diesen Ansturm hätte man wohl südlich der Alpen nicht mehr abfangen können bzw. ihm nichts mehr entgegen zu setzen gehabt, zumal bereits alle möglichen und zur Verfügung stehenden Legionen für Pannonien ausgehoben waren. Restliche in Nordgermanien stationierte Legionen wären möglicherweise in ihren Garnisonen angegriffen worden und das römische Imperium könnte bereits im Jahre 6 + Geschichte gewesen sein. Wenn, ja wenn es denn Tiberius nicht gelungen wäre, das Feuer im pannonischen Krisenherd zu löschen was ihm gelang. Die bedrohliche Phalanx eines geeinten Germanien herauf zu beschwören entsprach also dem damaligen Zeitgeist, den uns Sueton beschrieb. Später zu Zeiten der Völkerwanderungen sollten schon einzelne germanische Stämme reichen, um das Imperium auszuhebeln. Und daran, das sich dann an dieser möglicherweise „vor“ völkerwanderungszeitlichen Germanenschwemme über das Kernland Italien auch Marbod und andere germanische Stämme mit beteiligt hätten bzw. mit gemeint waren, dürfte wohl in diesen Krisenzeiten außer Frage gestanden haben. Nach Paterculus schriftlichen Werken zu urteilen, den sowohl Tacitus als auch Sueton nicht mehr erlebten, da er vor ihnen verstarb waren es neben ihm auch Tacitus und Sueton, die den Teufel marbod`scher Gefahr an die Wand malten. Sueton erwähnt im Gegensatz zu Paterculus zwar Marbod nicht namentlich, aber sein Hinweis auf die germanische Gesamtgefahr dürfte insbesondere Marbod, dem vermutlich der nächste römische Feldzug gegolten bzw. ins Haus gestanden hätte, bzw. der ihn zu fürchten hatte mit eingeschlossen haben. Wenn man von römischer Seite möglicherweise in Marbod eine Schlüsselfigur in der Inszenierung des Pannonien Aufstandes gesehen haben sollte, was sich jedoch auch damals nicht beweisen ließ, so tat Marbod natürlich gut daran den Erfolg des Arminius 9 + klein zu reden und auch das Angebot des Varus Kopfes für eine Germanenallianz abzulehnen. Rom hatte wieder Kraft und hätte ihm eine Annäherung an die Cherusker Arminen nicht verziehen. Die germanische Entscheidungsschlacht 8 Jahre nach der Varusschlacht in der Marbod unterlag könnte man auch völlig losgelöst von den Ereignissen um sie betrachten. Denn in diesen 8 Jahren ist viel passiert. So hätte Arminius mit seiner Teilnahme am Markomannen Krieg auf Seiten der Elbgermanen auch die Unterstützung der Semnonen und Langobarden gegen Germanicus gut gemacht haben können. Sueton ein langjähriger Zeitgenosse von Tacitus beschrieb die Stimmung im Lande und auch er wusste indirekt und naturgemäß um die Gefahr, die damals sowohl vor und erst recht auch nach dem Pannonienaufstand von Marbod ausging. Ob Marbod sogar selbst Drahtzieher des Pannonien Aufstandes war klingt da gar nicht so weit her geholt. Denn derartige Zufälle um vorzeitig abgebrochene Feldzüge wären in der Historie die Seltenheit. Sueton starb 126 + und Tacitus 117 +. Beide verfügten zu Lebzeiten über ein umfassendes Weltbild, sowohl was die politischen Verhältnisse, als auch was das Wissen um Geographie und Distanzen anbelangt. Beide konnten dem Gegner im nach hinein gut in die Karten schauen, verfügten über Literatur und könnten oder konnten fasst sogar noch Zeitzeugen befragt haben die mit Marbod in Ravenna Kontakt hatten und sie kannten sich in den Ränkespielen der großen Politik aus. Während Pannonien in Schutt und Asche versank, Marbod sich gegenüber Varus nach 6 + dann doch bedeckt hielt, fiel im Teutoburgiensi saltu 9 + die Entscheidung und damit der erste Dominostein gegen Rom. Die Kette reißt bekanntlich am schwächsten Glied und das saß an einer Stelle, wo das Imperium es nicht erwartet hatte, nämlich in Ostwestfalen. Für mich ist diese Abfolge der Theorien aber in soweit schlüssig, als dass sich die Fühler von Macht und Einfluss des Markomannen König Marbod bis nach Ostwestfalen erstreckten, sich drei antike Schriftsteller in der Gefahrenbeschreibung über Marbod einig waren und Varus am Tropf damaliger Geopolitik in keiner beneidenswerten Position war. In einer derartigen Lage am Vorabend der Varusschlacht kluge Besonnenheit und die richtige Reaktion zu zeigen, war für ihn nicht einfach und weckt sogar etwas Verständnis und Mitgefühl für seine Funktion in römischen Diensten am Rande der damaligen Zivilisation.(1.3.2019)
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Dienstag, 26. Februar 2019
Wo schlug die Geburtsstunde der germanischen Strategie - Wie stand es um die germanische Sprachkultur vor dem Tag X.
ulrich leyhe, 22:56h
Wenn für einen älteren Menschen schon das Erinnern an die eigene Kindheit kaum mehr möglich ist, wie sollte es erst gelingen sich in das Leben und die Zeiten früherer und längst verstorbener Generationen hinein zu denken. Viele Zeitgenossen würden sich sicherlich gerne mehr mit unserer Frühgeschichte befassen, wenn es ihnen nicht so schwer fallen würde, sich in diese alten Epochen zurück zu versetzen. Historische Romane auf belletristischer Basis können hier nur notdürftig Abhilfe schaffen. Unnötig erschwert wird es leider noch zusätzlich von den versierten und einschlägig geschulten Fachexperten. Da ist es immer wieder bedauerlich mit erleben zu müssen, wie motivierte und an der Geschichte interessierte Laien von Doktoren oder Professoren in als populär wissenschaftlich angekündigten Veranstaltungen und Vorträgen in ihrer Leidenschaft ausgebremst werden, in dem man sie mit Fachbegriffen oder komplexen und unüberschaubaren Zusammenhängen nahezu tot schlägt, statt auf die verständliche Sprache des Volkes umzuschalten, beispielsweise die „theodisca lingua“. Eine vormals wissbegierige Zuhörerschar verlässt danach schnell und schweigsam, dafür aber um so frustrierter den Raum, eine lebhafte Diskussion ist abgewürgt, eine Chance wurde vertan und es bleibt unter den Zuhörern oft nur ein fader Geschmack einstiger Wissensfreude. Einhelliger Tenor in den Fluren ist dann in der Regel der Ausspruch, die Experten möchten halt lieber unter sich bleiben und vermeiden bewusst die klaren Worte der Verständlichkeit. Das Problem mit der Rückbesinnung umfasst auch in besonderem Maße die Welt zu Zeiten der Varusschlacht. Allein die bloße Vorstellung erst 2000 Jahre an uns vorbei rauschen lassen zu müssen, bevor wir da sind wo wir hin wollen, würde den Menschen unserer Tage symbolisch betrachtet schon zum verzweifeln bringen. Vielen Zeitgenossen ist das dazu nötige Gefühl dafür abhanden gekommen oder sie verfügten nie über die besondere Gabe rückwärtige Ereignisse zum Leben zu erwecken. Die große umfassende und verwirrende Gesamtchronologie der Jahrtausende erschwert alles noch zusätzlich. So verwundert es auch kaum das Zeitabschnitte oft falsch zugeordnet werden und für viele Mitmenschen nach der Steinzeit direkt die große Völkerwanderung beginnt um nur eines von vielen Beispielen zu nennen. Um trotzdem eine Sensibilität für das Erkennen und Aufspüren der Zeitenwechsel anhand von Schnittpunkten oder Großereignissen zu entwickeln ist schon ein kleines Kunststück nötig, dass es zu vollbringen gilt. Aber man kann sich dafür kleine Brücken bauen die uns helfen können, den Blick ganz nach hinten zu erleichtern. Denn wenn wir wissen wollen, wie unsere Ahnen die kriegerischen Wirren der Römerzeit überdauerten und erlebten, müssen wir auch versuchen ihr Gedankengut zu enträtseln. Zuerst einmal sollten wir die Dinge enttabuisieren, und vielleicht auch den mythischen Komplex etwas niedriger hängen, denn 2000 Jahre sind nicht so endlos lang wie es uns scheinen mag. Läge unsere Lebenserwartung bei 200 Jahren wie etwa bei einem Grönlandwal, oder einem Seeigel, so sähe alles schon ganz anders aus. Käme uns also heute Arminius in einer belebten Fußgängerzone rasiert, in Jeans und lässigem Sweatshirt entgegen oder würde er sich das Schaufenster eines Reiseveranstalters ansehen, er fiele uns nicht auf. Denn an Statur und Körperbau hat sich in 2000 Jahren rein gar nichts verändert. Eines dürfte er jedoch nicht machen, nämlich uns nach einem Weg fragen. Würde sich eine derartige Episode in Ostwestfalen abspielen und wäre der von Arminius angesprochene älteren Jahrgangs, so käme jener natürlich ins Grübeln. Er hätte dann den Eindruck, er könne Arminius irgendwie verstehen, aber irgendwie auch wieder nicht. Vergegenwärtigen wir uns aber dieser Zeitspanne so wirkt sie schon überschaubarer, wenn wir uns 2o hundert Jährige in einer Reihe vorstellen und bekanntlich soll es sogar Menschen geben die über 100 Jahre alt wurden oder sind. Stellen wir uns diese 2o Männer auch noch in zeitgenössischer Bekleidung vor, so erscheinen uns vermutlich die Germanen besser und salopper gestylt, als unsere Vorfahren in der Mode des Mittelalters oder des 17. bzw. 18. Jahrhunderts. Vergleichen wir ihr Aussehen aber jeweils mit der des einfachen Volkes also der Kleidung der Landbevölkerung noch bis in die 1950 er Jahre in Deutschland, so werden wir wohl kaum größere Unterschiede ausmachen können. Leder, Wolle und Leinen dürften dominieren, aber das Schuhwerk würde wohl den Unterschied machen. Um dem Hobbyhistoriker die Scheu vor den zeitlichen Dimensionen zu nehmen bietet auch die Fort- und Weiterentwicklung der Sprache einige gute Ansätze. Wenn wir diese wurmstichige Holzsprossenleiter unserer Sprachkultur bis in die Tiefen deutscher Mundart hinab steigen fühlen wir uns, wie auf einer abschüssigen etymologischen Geisterbahn. Die Spinnweben versperren uns mehr und mehr die Sicht. Fäulnisgeruch verstärkt sich, Sauerstoff wird weniger, dafür wird es aber immer dunkler um uns und unten angekommen treten wir ins Bodenlose, sollten also tunlichst schon auf den letzten Sprossen stehen bleiben. Denn leider entzieht uns die gängige Wissenschaft viel zu früh die führende Hand und wir müssen wieder lernen unsere eigenen Tastsinne zu nutzen. Arminius sprach das nachchristliche Altgermanisch auch Althochdeutsch genannt, also müssen wir uns behutsam dahin zurück bewegen, wenn wir heraus finden wollen, ob Arminius auch sprachlich seinen römischen Widersachern gewachsen war. Etymologen, Linguisten und alle anderen Disziplinen die in diese Richtung forschen und sich damit beschäftigen, wie man sich vor 2000 Jahren unterhalten haben könnte, haben dazu ihre Vorstellungen entwickelt. Und vom Ergebnis ist auch mit abhängig was Arminius unter konspirativen Gesichtspunkten betrachtet damals zu leisten imstande gewesen sein könnte. Wie konnte also eine periphere und rudimentär ausgerichtete germanische Welt sprachlich mit der lateinischen Hochsprache mithalten. Sich der altgermanischen Unterhaltungs- und Umgangssprache in Zentralgermanien zu nähern bedeutet in diesem Fall sich auch der Frage zu widmen, wie man miteinander auf germanischer Seite verhandelte, wie sie ihre Gespräche führten und welchen Umgangston man pflegte. Wie tauschte man unterschiedliche Standpunkte aus, wie formulierte man sich gegenseitige Vorschläge, wie fand man zu gemeinsamen Ergebnissen, wie verwarf man gefasste Beschlüsse, wie ging man mit Uneinigkeit und Streitfällen um. Fragen über Fragen die alle von Bedeutung waren, wenn es um das Erreichen eines gemeinsames großen Zieles ging. Die Lateiner hatten es da einfacher, ihre Sprache gewachsen auf Zucht, Ordnung und militärischer Disziplin war ausgereifter und strukturierter. Es verschaffte den Römern gegenüber den Germanen in jeder Hinsicht die nötige Überlegenheit. Latein war die damalige Weltsprache, wer sie beherrschte dominierte alle anderen Sprachen und damit auch die anderen Völker Mitteleuropas, abgesehen von Ausnahmen wie beispielsweise Griechenland. Und eine Leitkultur wie die Römische begab sich auch nicht auf das Niveau niederer und unterworfener Stämme hinunter. Wir leben aktuell in einer global bedingten ähnlichen Situation und Weltgemeinschaft, nur das es heute nicht mehr Latein sondern Angloamerikanisch ist, was es zu erlernen gilt, wenn man in unseren Zeiten bestehen will. Arminius konnte sich teilweise in der lateinischen Sprache ausdrücken und führte, obwohl es sein eigener Bruder war das Streitgespräch mit Flavus auch in Latein. In einer Übersetzung heißt es, dass er in seiner altgermanischen also althochdeutschen Sprache „viele“ Worte in Latein aussprach. Tacitus aber verwendete das Wort „pleraque“ und dieses lateinische Wort wird auch übersetzt mit „meistens“ bzw. „größtenteils“. Da der Wortwechsel beider ziemlich umfangreich ausfiel und Arminius viele bzw. die meisten Worte in Latein aussprach, muss er diese Sprache auch ganz beachtlich eingesetzt, wenn nicht sogar beherrscht haben. Die lateinische Sprache anzuwenden, war nicht einfach. Wie lange also lebte Arminius sozusagen fern der Heimat und wie schnell erlernte man damals als Germane die Weltsprache Latein. Bei Flavus, Marbod oder Segimundus werden die lateinischen Sprachkenntnisse vergleichbar, eher sogar noch besser gewesen sein, als die von Arminius, da die genannten Germanen vermutlich länger im Imperium und das nicht nur an der Front lebten. Aber auch schon Segestes könnte die lateinische Sprache gekonnt haben und Varus in seiner eigenen Sprache vor den Arminen gewarnt haben. Die Germanen waren nicht in der komfortablen Position Forderungen stellen zu können und mussten ihr Herkunftsdefizit mit guter Lernfähigkeit und anderen Vorzügen wett machen, wenn sie sich andienen wollten. Die lateinische Sprache ist auch heute noch kein leichter Stoff und Germanen die sie damals verwendeten, konnten auch nicht jene Halbwilden sein, wie sie von einigen Historiker dargestellt wurden und wie sie in den Köpfen der Römer herum spukten. Eine so komplexe Sprache wie Latein auch nur in Bruchstücken sprechen zu können, setzte das Vorhandensein einer flankierenden Muttersprache voraus. Denn die Sprache eines anderen Volkes lässt sich immer dann schneller erlernen, wenn die eigene Sprachkultur unterstützend wirken kann. Wer heute gut deutsch und französisch spricht, dem fällt auch englisch leichter und wer gut deutsch und englisch spricht der lernt auch französisch schneller. Es spricht einiges dafür, dass die Qualität und Ausdruckskraft der altgermanischen Sprache weiter gediehen war, als man heute annehmen möchte und das machte die Germanen ebenbürtiger und gefährlicher zugleich. Wie aber bewegt man sich eines besseren Verständnisses wegen aus heutiger Sicht auf die Sprache und die Mundart des Arminius zu. Anders gefragt, welche Sprachquellen können wir heute nutzen, die uns helfen die Lücke zwischen dem Jahr der Varusschlacht und der heutigen Zeit zu schließen. Eine der ersten Orientierungshilfen bietet uns Johannes Mentelin aus dem Elsass. Er war es der noch vor Martin Luther 1466 die noch heute, und das nach rund 550 Jahren gut lesbare erste Bibel in der deutschen Volkssprache in frühneuhochdeutsch druckte. 642 Jahre vor Johannes Mentelin unterhielten sich im Jahr 842 in Straßburg Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle und sprachen die berühmten Straßburger Eide in altfranzösischer und althochdeutscher Sprache wie sie uns von Nithard überliefert wurden. Neben den Straßburger Eiden liegt uns auch noch das Hildebrandslied aus dem 9. Jahrhundert vor. Zusammen mit dem Schriftstück von Nithard stehen uns damit schon zwei in althochdeutscher Sprache verfasste Schriften zur wissenschaftlichen Auswertung zur Verfügung. Sie sind beide etwa 1200 Jahre alt und auch immer noch gut zu übersetzen. An letzter bzw. erster Stelle wie man es sehen möchte, stehen die berühmten Merseburger Zaubersprüche ebenfalls abgefasst in althochdeutscher Sprache. Wissenschaftlich begründete Datierungsvorschläge reichen dazu vom 2. Jahrhundert bis ins frühe 9. Jahrhundert. Legt man die jüngste Expertise zugrunde, bewegen wir uns in der Endphase der Regierungszeit von Kaiser Karl dem Großen. „Sprachschriftlich“ betrachtet sind es bis zur Mundart von Arminius mit der dazwischen liegenden Völkerwanderung, dann noch etwa 800 Jahre. Natürlich hat unsere Zunge vieles verlernt und kann auch, mit Ausnahme weniger Regionen in Südwestdeutschland kein „W“ mehr wie ein Doppel „UU“ aussprechen. Auch wenn sich uns der Sinn nicht ganz erschließt, so ist es den Experten, auch ohne das wir uns sprachlich zurück züchten, doch möglich die alten Schriften in die heutige deutsche Sprache zu übersetzen. Und alle alten Texte ermöglichen uns auch recht gut rekonstruierbare wissenschaftliche Rückschlüsse auf diese frühere und zweifellos schon gut ausgeprägte Dialogfähigkeit unserer Ahnen um Arminius zu ziehen. Warum sollte also die Sprache wie sie einst Arminius beherrschte, könnte man sie noch aufspüren also hörbar machen, nicht diesen Überlieferungen erstaunlich nahe gekommen sein. Aber zurück in die Fußgängerzone einer ostwestfälischen Mittelstadt, wo ein älterer Herr auf Arminius traf. Die Worte von Arminius klangen für den Angesprochenen fremdartig aber gleichzeitig wieder vertraut. Ein für ihn noch heraus hörbarer und dialektischer Unterton der in seiner Muttersprache verborgen lag machte deutlich, dass er aus der Region stammen musste. Aber dann rasselte ein Wortschwall über seine Lippen, den er nicht zuordnen konnte. Schnelle und zusammen gesprochene Wortfetzen wurden abgelöst von harten Unterbrechungen und kaum definierbaren Schwankungen in der Betonung. Mal hörte man, wann ein Wort endete, mal ging es fließend ins nächste über und mal stockte Arminius an einer Stelle, ohne das er einen Grund dafür erkennen konnte. Dann schien es ihm, als wolle der Fremde eine Frage formulieren was ihn dann völlig hilflos machte. Unser Zuhörer war irritiert erkannte erstaunlicherweise aber doch noch einige Worte und konnte sie übersetzen, nur die seltsamen Stimmwechsel machten ihm immer wieder zu schaffen. Natürlich fehlten Arminius sämtliche modernen und zeitgeschichtlichen Worte und Bezüge und er nutzte nur sein ihm geläufiges Repertoire. Aber unser verdutzter Zuhörer war bemüht, konnte und versuchte sich einen Reim zu machen, denn Arminius wiederholte mehrmals die gleichen Worte. Die nun folgenden von mir verwendeten, eingeschobenen bzw. eingesetzten Worte entstammen nur den Merseburger Zaubersprüchen. Sie wurden uns lediglich nieder geschrieben und konnten uns natürlich nicht mündlich überliefert werden. Und ein nieder geschriebenes Wort kann man bekanntlich nicht hören. Zwangsläufig kann man auch nieder geschriebene Worte nicht klang fähig machen, denn Buchstaben können nicht sprechen. Und das Wort „sprechen“ ist schon ein gutes Beispiel dafür, denn sprechen wir das Wort sprechen aus, sprechen wir nicht sprechen, sondern sagen eher „schprächen“. Und spricht man gar englische Worte wie das Wort „mother“ so aus wie es geschrieben wird, so hat man schnell alle Lacher auf seiner Seite. Schon Sokrates beklagte vor 2400 Jahren den Verlust der Kommunikation die mit dem Aufkommen der Schrift einher ging. Und wenn wir auf unsere Dialekte nicht aufpassen, geht es uns bald so wie den Franzosen, dort sind Dialekte weitgehend unbekannt, da die lateinische Schriftsprache die man ihnen seinerzeit verordnete keine Dialekte mehr möglich machte bzw. zuließ. Und da uns Arminius durch seinen mutigen Einsatz half und uns die lateinische Sprache als Mundart ersparte, haben wir auch dank ihm noch unsere schönen zahlreichen Dialekte. Und natürlich hat Arminius die sieben von mir gewählten Wortbeispiele auch nicht so ausgesprochen, wie sie in den Merseburger Zaubersprüchen geschrieben wurden. Würden wir heute das Wort „setzen“ schreiben wie es gesprochen wird, so würden wir möglicherweise auch noch „sezen“ sagen und nicht setzen. Und da sind wir auch ganz schnell beim alten Wort „sazun“. Folgen wir nun noch jenen Forschern, die die Entstehung der Merseburger Zaubersprüche sogar bis ins 2. bis 5. Jahrhundert datieren möchten, so sind wir schon ganz nahe dran an Arminius. Unserem Spaziergänger der Arminius auf der Straße traf schien es also so, als ob der sich erst mal „setzen (sâzun)“ wollte und seine „Schwester (swister)“ suchen würde, die am „Bein (ben/bena)“ „blutet (bluot/bluoda )“ um dann mit ihr auf einem „Fohlen (folon)“ das er irgendwo „angebunden (haftbandun)“ hatte ins „Holz (holza)“ also in den Wald zu reiten. Sieben Worte konnte unser Zuhörer also noch gut heraus hören, er konnte sie aber in keinen Zusammenhang bringen. Da aber offensichtlich seine Schwester eine Verletzung hatte, da sie am Bein blutete, wies er ihm natürlich den Weg ins nächste Krankenhaus. Und hier endet meine Simulation einer kurzen Konversation zwischen heute und damals. Sie ließe sich auch noch mit einigen anderen Worten erweitern, auch wenn man nur die Worte der Merseburger Zaubersprüche zur Grundlage nehmen würde. Ob die Cherusker untereinander am Lagerfeuer nun auf Basis dieser Stufe der Sprachentwicklung ihre Angriffspläne noch in Pannonien oder schon an der Weser schmiedeten ist da unerheblich. Aber diese vergleichenden Darstellungen von Mentelin zurück bis zu den Merseburger Zaubersprüchen könnte in zyklischen Schüben beweisen, dass man in Germanien dem Imperium sprachlich gleichwertiger war, als allgemein angenommen. Mit der Formulierung der zyklischen Schübe verbinde ich die Vorstellung, dass das Fortschreiten sprachlicher Leistungsfähigkeit in Germanien was ihre Veränderungen anbetrifft unterschiedlichen Geschwindigkeiten ausgesetzt war. Ich halte es für denkbar, dass die ur - und die darauf folgende altgermanische Sprache der Rhein - Wesergermanen im Zeitabschnitt zwischen etwa 100 – bis 300 + eventuell sogar 700 + keine starke sprachlich verändernde Dynamik bekam bzw. entwickelte und nahezu gleich blieb. Die cheruskischen Sippen und Familienbande behielten lange ihre angestammten Siedlungsgebiete an der Mittelweser, da sich an den ersten Limeskämpfen nur die jungen Krieger beteiligten die anschließend wieder in ihre Dörfer zurück kehrten. Selbst mit dem Eintritt in die Zeiten der darauf folgenden Völkerwanderungen könnte sich die Vermischung der germanischen Sprachregionen und Kulturen untereinander noch zäher gestaltet und sich länger hinaus geschoben haben, bevor es zu Überlagerungen durch andere Mundarten kam. Die Nachfahren der germanisch sprechenden Bevölkerung der Römerzeit könnten ihre Dialekte demzufolge noch kaum verändert auch noch bis ins frühe Mittelalter mitgenommen haben. Erst mit der Ausdehnung der Sachsen bis zum Nordrand des Sauerlandes könnte es zu den sprachlichen Veränderungen gekommen sein, wie wir sie auch in der Lautverschiebung nachweisen können. Es ist daher denkbar, dass die altgermanische Sprachkultur auch noch bis in die Zeiten der Merseburger Zaubersprüche hinein reichte. Arminius daher auch die gleichen Worte nutzte und aussprach, wie sie darin in geschriebener Form vor kamen und wie wir sie auch heute noch, wenn auch nur mühsam übersetzen können. Es wird mithin erkennbar, dass es eine vielseitig akzentuierte und vor allem teamfähige Sprachkultur in Germanien gab, die besonders für militärisch strategische Beschlüsse unabdingbar war. Denn erst in eine Gefahrenlage gedrängt beweist sich welche kulturelle Substanz in einem Volk steckt bzw. verfügbar ist und angezapft werden kann. Und gerade eine Notlage gebietet es, sich besonderer kommunikativer Möglichkeiten zu bedienen um den Informationsaustausch zu verschärfen und zu perfektionieren. Wozu man in Krisensituationen sprachtechnisch fähig ist, zeigt die Nutzung des Navajo Codes im amerikanischen Pazifik Krieg und den Einsatz der nubischen Sprache im Funkverkehr in den arabisch/israelischen Kriegen um möglichst lange im verborgenen Taktieren zu können. Hätte sich die Germanen gegenüber dem Imperium wie „Analphabeten“ verhalten, hätte man im Kreise des Arminius die späteren Taten und Leistungen nicht vollbringen können. Wesentlich ist daher aus meiner Sicht nur eines. Das nämlich in der Summe betrachtet die sprachlichen Fähigkeiten innerhalb der germanischen Widerstandskämpfer hinsichtlich einer zuverlässigen Kommunikation untereinander völlig ausgereicht haben müssen, um dem römischen Gegner erfolgreich die Stirn bieten zu können. (26.2.2019)
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Dienstag, 5. Februar 2019
Arminius Gedenkjahr ! 2021 begehen wir seinen 2000. Todestag
ulrich leyhe, 23:22h

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Arminius sammelte seine Auslandserfahrung im Pannonien Krieg
ulrich leyhe, 22:36h
Eine Anwesenheit von Arminius im Pannonien Krieg ist wie so vieles aus der damaligen Zeit nicht beweisbar und gilt daher als anachronistisch wird aber ungeachtet dessen gerne wie ein faktischer Tatbestand gewertet, da sich mit ihm vieles abrunden und erklären lässt. Und ganz so daneben gegriffen muss es auch nicht gewesen sein. Denn aufgrund des Streitgespräches zwischen Flavus und seinem Bruder Arminius im Jahre 16 + über die Weser hinweg geführt wissen wir, dass Arminius auf römischer Seite genauer gesagt im römischen Lager kämpfte. Dort diente bzw. agierte er als Anführer seiner germanischen Landsleute. Da sich Flavus in römischen Diensten heftige Blessuren zu zog, also auch er für Rom in Kämpfe verwickelt war, wofür er auch Auszeichnungen bekam, kann man schon davon ausgehen, dass auch Arminius vor dem Jahre 9 + für das Imperium kämpfte. Da um diese Zeit außer dem Pannonien Aufstand größere zeitgleiche Kämpfe nicht bekannt sind und Arminius sicherlich auch nicht auf römischer Seite im „Immensum Bellum“ gegen seinen eigenen Stamm zum Einsatz kam, verhärtet dies die Annahme, dass Arminius in Pannonien kämpfte. Denn gegen Marbod gab es nichts zu kämpfen. Ich möchte mich also auch jenen Historikern anschließen, die es ähnlich sehen. Arminius ebenfalls ein freiheitsliebender Geist wird beeindruckt gewesen sein vom Widerstandswillen des pannonischen Volkes und ließ sich davon inspirieren und wie man später sieht auch infizieren. Er war dabei, wie sich ein Stamm in Partisanen Manier und phasenweise sicherlich auch erfolgreich zur Wehr setzte. Wobei das Wort Partisanen genau genommen weder auf die Pannonier noch später auf die Cherusker zutrifft. Denn Partisanen gelten als irreguläre Verbände die neben einer regulären Armee agieren. Auch später in Ostwestfalen war dies nicht der Fall, denn was waren vor 2000 Jahren schon reguläre Armeen. Wie wir aber aus der cheruskischen Stammesgeschichte wissen, ist der Grat zwischen Kollaboration und Resistance sehr schmal. Und so sei die Frage gestattet, wann aus einem Volksaufstand oder einer Rebellion ein Krieg wird. Arminius übte sein blutiges Handwerk im Brennpunkt des Kampfgeschehens aus, denn ruhige Frontabschnitte oder gar Schonplätze dürfte es in Pannonien kaum gegeben haben. Immer wieder mussten die Kämpfer beider Seiten die Schwerter in die Hand nehmen, standen sich Auge in Auge gegenüber und schenkten sich nichts. Arminius von dem wir annehmen, dass er für Rom an der Donau mit seinen Männern gegen die Pannonier kämpfte, stand demzufolge meistens in vorderster Linie. Nach allem was man sich vorstellen kann, musste er die schematisch ablaufenden römischen Befehlsketten im Zuge unablässiger Angriffswellen und Attacken gegen den Feind von der Führungsebene bis zum Centurio gekannt haben und wurde bzw. war in die wesentlichen römischen Angriffsstrategien immer eingeweiht. Ob eine Kesselschlacht, ein Frontalangriff oder ein Umgehungsmanöver ratsam erschien oder anstand, er musste die Pläne kennen. Er wusste auch um die besonders kritischen Phasen im Kampf, wenn Befehle nicht zeitnah eintrafen, der Feind die Linien durch brach oder kurzfristige Entscheidungen nötig waren. Keine kritische Gefechtslage dürfte ihm unbekannt geblieben sein. In dieser Zeit könnte er sich als Dolmetscher zwischen beiden Völkern auch gute lateinisch Kenntnisse zugelegt haben. Vor allem aber sah er jede Schlacht mit einem römischen und einem germanischen Auge. Und er übersah auch nicht die Schwachstellen in der römischen Armeeführung. Sein Einsatz in Pannonien wurde für ihn folglich auch zu einem lehrreichen Studium in Sachen Strategie und Konspiration. Will man sich die Abläufe im Detail vorstellen, stünde eine wichtige Frage am Anfang. Nämlich die, ob Arminius schon in Pannonien den Plan fasste gegen Varus den germanischen Widerstand zu organisieren, oder ob er dies erst anging, nachdem er wieder zurück in Ostwestfalen war und wo er dann die neue Lage übersehen konnte. Darauf basierend ließe sich folgende Fragestellung konstruieren. Verlies also Arminius Ostwestfalen schon im Zuge der Rekrutierungen, die Tiberius gegen Marbod bereits im Winter 5 + / 6 + angeordnet haben musste, um im Frühjahr aufbrechen zu können oder war Arminius erst unter den Hilfskräften die nötig wurden, um nach Abbruch des Feldzuges gegen Marbod die Pannonien Armee zu verstärken und aufzustocken damit Tiberius die überlieferten 15 Legionen zusammen bekam. Arminius erlebte also in beiden Fällen nicht mehr, was sich sich nach dem Jahre 6 + in Ostwestfalen ereignete bzw. später zuspitzen sollte. Varus rückte vermutlich erst 7 + nach Ostwestfalen aus, da kämpfte aber Arminius bereits an der Donau. Von den veränderten Verhältnissen in Ostwestfalen der Jahre 6 + bis 8 + könnte er in der Zwischenzeit etwas erfahren haben. Ich schließe aber aus, dass er bereits in Pannonien an Derartiges dachte. Erst nach seiner Rückkehr bzw. Ankunft in Ostwestfalen war er daher imstande sich ein genaues Bild über die Ereignisse zu machen. Vor diesem Hintergrund betrachtet dürfte Arminius in Pannonien noch keine konkreten Absichten oder Pläne gehabt haben, ob überhaupt oder wie er in Ostwestfalen aktiv werden könnte. Seine Überlegungen müssten demnach erst Formen angenommen haben, als er nachdem in Pannonien die Waffen ruhten im Spätsommer oder Herbst 8 + in Ostwestfalen eintraf. Fraglich ist natürlich auch, ob Arminius die Cherusker erst vom Widerstand überzeugen musste, oder ob er von den Daheim geblieben überzeugt werden musste, dass Heft des Handels in in die Hand zu nehmen. Ungeachtet dieser Rand Spekulation war aber von diesem Zeitpunkt an für ihn im Zusammenwirken mit dem Segimer Fürstenhaus immer noch genügend Zeit um die Varusschlacht vorzubereiten. Aber in Pannonien hatte er dazu gelernt und es hatte sich einiges bei ihm eingegraben, was seine spätere Vorgehensweise beeinflusste. In Pannonien gehörten er und seine Männer zu den Auxiliarkräften also den germanischen Hilfsvölkern die ebenfalls allerdings unter geringerem Sold, als die regulären römischen Legionen standen. Sie schickte man bevorzugt in die feindlichen Kampfnester, die für die starre römische Feldschlachttaktik nicht gut geeignet war. Sie waren eher die taktische Feuerwehr in der Hitze des Kampfes und das Imperium nutzte diese aus ihrer Sicht minderwertigen Hilfskräfte um die eigenen Landsleute schadlos zu halten bzw. zu schonen. Wir wissen aus den Überlieferungen auch, dass sich im Pannonienkrieg später auch jene Hilfskräfte gegen Tiberius stellen sollten, die er zuvor genau aus dieser Region für den Markomannen Feldzug rekrutiert hatte. Es muss für Tiberius eine schmerzliche Erfahrung und Erkenntnis gewesen sein, mitten im Gefecht erleben zu müssen, wie der einstige Partner und dies natürlich ohne Vorwarnung ins gegnerische Lager wechselt. Es waren auch Auxiliarverbände die Tiberius in Pannonien gegen Marbod anwarb und mit denen er noch gemeinsam die Thaya aufwärts in Richtung Markomannen Reich zog. Alles mit dem Ziel mit ihnen zusammen Marbod zu besiegen und zu stürzen. Auxiliarkräfte die Tiberius begleiteten, die ihn umgaben und die in Rufweite also in nächster Nähe zu ihm gestanden haben könnten. Und das sogar noch in dem Moment, als man ihm die Nachricht vom Pannonien Aufstand überbrachte. Es muss für jeden Historiker eine beklemmende Vorstellung gewesen, die Tiberius zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erfassen konnte. Denn genau diese Hilfskräfte vollzogen dann mit ihm zuerst wieder den Schwenk nach Süden in Richtung Donau nach Pannonien. Zogen mit ihm also nahezu die gleiche Strecke wieder zurück bis sie im Kampfgebiet an der Donau eintrafen. Dort wendeten sich dann in einem günstigen Zeitpunkt von ihm ab um gegen ihn die Waffen zu erheben. Zu welchen „Niederträchtigkeiten“ doch so ein pannonisches Volk imstande sein konnte, wenn es darum geht die eigene Existenz zu erhalten und einen eigenen Freiheitswillen zu entfalten. Diese dramatische Szenerie hatte möglicherweise einen aufmerksamen Beobachter und der hieß Arminius und der war Cherusker. Er könnte es hautnah erlebt haben, wie es sich anfühlt, wenn ein vermeintlicher Kampfgefährte plötzlich die Schwerter gegen die ehemals eigenen Leute erhebt. Man kann sich kaum Schlimmeres vorstellen, als wenn man mitten im Kampf ohne Ankündigung vom Nebenmann plötzlich den Schädel eingeschlagen bekommt. Es muss daraufhin unter den Römern und den zu ihnen stehenden Auxiliarkräften eine demoralisierende Fassungslosigkeit ausgebrochen sein, die in diesem Moment kurzzeitig zum Zusammenbruch jeglicher Kampfaktivitäten geführt haben könnte, woraufhin erst einmal ein Horn zum Rückzug blies. Die allgemeine Bestürzung die durch die römischen Reihen ging, wertete Arminius wie ein Zeichen des Himmels, denn dies wies ihm einen bis dato noch fehlenden taktischen Schritt im späteren Freiheitskampf gegen Varus. Man könnte es mal rekapitulieren. Mit der Methode den römischen Heereszug aus dem befestigten Sommerlager herauszulocken übernahm er die Sugambrer Taktik aus der Clades Lolliana, den Hinterhalt schmiedete er wie Abgar von Osroene in der Schlacht bei Carrhae, den plötzlichen „Frontenwechsel“ machten ihm die Pannonier vor, die Zermürbungstaktik um die offene Feldschlacht zu vermeiden erzwang die römische Überlegenheit und der „Engpass im Saltus“, um nicht auch noch an Leonidas zu erinnern, bot ihm die Geographie und er bildete den Abschluss der 3 ½ tägigen Ereignisse im Nethegau. Es kristallisiert sich heraus, dass Arminius für alle seine strategischen Schritte passende Vorbilder gehabt haben könnte, er brauchte also das Rad nicht neu zu erfinden. Alles zusammen genommen könnte und war letztlich die Lösung um Varus kein Entrinnen zu ermöglichen. Alles was Arminius noch fehlte und was er zum späteren Sieg brauchte, lehrte ihn zuletzt die blutige Realität in Pannonien. Arminius ließen die Erfahrungen militärisch reifen und erweiterten seinen Horizont in jeder Hinsicht. Rom zog sich seine Rebellen selbst heran in dem es zuließ, die Söhne hoher germanischer Fürsten in ihr Reichsgefüge aufzunehmen und zu integrieren. Man gewährte ihnen einen Einblick in die Stärken und Schwächen des Systems und wie man sieht manchmal offensichtlich auch noch mehr als ihnen bewusst war. Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Gewalttaten und kulturelle Barbarei konnten und mussten die Kampfes willigen Geiseln wie Arminius einer gewesen sein könnte, aus den germanischen Adelsfamilien ebenfalls mit erleben. Wir wissen wie der moralisierend schreibende Tacitus die Tugenden der Germanen gegenüber den römisch dekadenten Gepflogenheiten hochstilisierte und können uns daher gut vorstellen, wie alles auf das Geisel oder den Söldner Arminius eingewirkt haben könnte. So erlebte der germanische Krieger Arminius auch die brutale Zwangsherrschaft der römischen Machthaber in Pannonien. Der pannonische Anführer Bato gab dazu Tiberius nach dem Aufstand die passende Antwort in dem er sagte “Ihr Römer tragt doch selbst die Schuld an unserem Aufstand, schicktet ihr doch zu uns als Wächter keine Hunde und Hirten, sondern Wölfe“. Für Tiberius war dies nichts Neues, er kannte seinen Staat, seine Landsleute und das Erfolgssystem des Imperium Romanum, aber auch er sollte daraus noch seine Lehren im Verlauf seiner späteren Amtsjahre ziehen. Aber Arminius übersah auch nicht die tieferen Gründe die zum Pannonien Aufstand führten und wenn er noch ein Lehrbeispiel für die Inszenierung der Varusschlacht brauchte, so bekam er die letzten Lektionen die ihm die spätere Entscheidung erleichterten in Pannonien. Dieser Krieg lieferte ihm und seinen Gefährten in zahlreichen Episoden, die ihnen tagtäglich bitter vor Augen geführt wurden die Vorbilder, die sie brauchten um sich in Rage zu bringen aber auch um sie erfolgreich in Ostwestfalen anwenden und umsetzen zu können. Aber wie hat man sich denn das alles so vorzustellen. Gleich, ob die verschworene Cherusker Kampfeinheit sich nun irgendwo in den Weiten Illyriens abends am Lagerfeuer die Wunden des Tages verpflegte, oder ob man nach der Rückkehr einen Blick auf die von Fremden besiedelte Weseraue warf, man sah sich zum Handeln genötigt. Vor allem aber fühlte man sich Angesichts der mediterranen militärischen Dampfwalze aufgefordert auch handeln zu müssen und wollte dem Treiben nicht tatenlos zusehen. Die Pannonier hatten ihnen den fliegenden Flankenwechsel vor exerziert, mag er zwei Monate oder auch acht Monate hinter ihnen gelegen haben. In Pannonien machte er die Cherusker noch nachdenklich, in Ostwestfalen lieferte er ihnen aber ihr Handlungsmodell. Arminius wurde auf der staatlichen Rebellenschule des römischen Reiches für angehende Widerstandskämpfer am praktischen Gegner unter Ernstfall Bedingungen erfolgreich geschult also ausgebildet und was er in der pannonischen Praxis lernte war keine Theorie. Auch Varus kannte die Lage und die Verhältnisse in Pannonien. Er wusste ebenfalls um Ursache und Wirkung und auch von den daraus resultierenden späteren Gegenmaßnahmen den Gewaltexzessen und der Unterdrückung der Bevölkerung die Rom ergriff, um wieder Herr der Lage zu werden. Er war informiert. Ein Volksaufstand hatte im Imperium seit Spartakus einen faden Beigeschmack und die alten Ereignisse dürften immer noch lebendig gewesen sein.Der Aufstand der britannischen Icener 61 + unter ihrer Anführerin Boudicca über den uns Tacitus und Dio Berichte hinterließen und der 52 Jahre nach der Varusschlacht statt fand, verdeutlicht wie das Imperium dem Freiheitswillen unterdrückter Stämme begegnete und in Pannonien wird es ähnlich verlaufen sein. Als Arminius später an der Weser eben vor der Gefahr eines konfliktträchtigen Aufstandes a` la Pannonien auch in Germanien warnte, müssen diese Schilderungen für Varus und seinen Offiziersstab, so kurz nach dem Pannonien Krieg wie ein Drohruf geklungen und auf alle beunruhigend und beklemmend zugleich gewirkt haben. Seine Aufgabe bestand darin, den Frieden in Ostwestfalen um jeden Preis zu wahren, so lange Marbod noch einen unberechenbaren und unumschränkten Gegenpol zum Imperium darstellte. Aber besonders die Offiziere die in seinen drei Legionen dienten und gerade erst aus Pannonien zurück kamen, wurden bei dem Wort Aufruhr besonders hellhörig. Ein Volk das rebellisch und aufsässig ist, sich gegen ihre Unterdrücker stellt und sogar zu den Waffen greift und an Aufruhr nicht nur dachte, sondern einen Aufstand auch auslöste, gilt nach unserem modernen Sprachgebrauch als Revolutionär. Im Pannonien Aufstand könnte man daher auch die erste Revolution unserer Zeitrechnung, also der Zeit nach Christi Geburt erkennen. Und ein Aufstand löste wie jedes Aufbegehren eines unterdrückten Volkes Besitzängste innerhalb der betroffenen Oberschicht aus. Dem hohen Maß an Gewalt mit dem das Imperium dem pannonischen Volk entgegen trat, um daraus keinen Flächenbrand entstehen und keinen Übergriff auf Italien werden zu lassen, war bis dato in Mitteleuropa und vermutlich auch darüber hinaus beispiellos und Arminius machte sich die Botschaft die daraus sprach zu nutze. Allein mit der bloßen Ankündigung eines möglichen Aufruhrs und das auch in den Wäldern Germaniens, konnte man Varus erzittern lassen. Sah er sich doch dann im möglichen Zentrum einer Bedrohung. Und war es nicht in Pannonien und Ostwestfalen der gleiche Sachstand, sich gegen eine Unterdrückung zur Wehr setzen zu müssen. Das Prädikat und Siegel „Revolution“ wäre somit gerechtfertigt. Und schon mit einer einfachen Vergleichs Rhetorik zu den Ereignissen in Pannonien könnte es Arminius gelungen sein, die römischen Streitkräfte in die gewünschte Richtung hin, zum germanischen Aufrührer zu dirigieren. Das sich dann aber der anfänglich nur als Schreckgespenst künstlich zur Schau gestellte Aufruhr, später doch in eine Schlacht der Weser Germanen gegen Rom verwandeln sollte, ließ aus der Ankündigung einer Schlacht einen Akt mit revolutionärem Charakters werden. Arminius wurde daher auch besonders in der DDR als Befreier vom „Sklaventum" verehrt, während man ihn in Westdeutschland eher in die Ecke der „Volkstümelei“ stellte. Damit hätten wir es sogar mit der ersten Revolution in einer Region zu tun, die heute zum Deutschen Staatsgebiet zählt und damit ergo auf deutschem Boden statt fand. Das sich mit dem taciteischen Wort „Teutoburgiensi“ auch noch eine römisch/deutsch/italienische Sprachparallele bis in unsere heutige Zeit erhalten hat, ist da schon fasst eine Ironie der Geschichte. Denn aus dem Wort „Teuto“ aus der gemeinsamen indogermanischen Wurzel „Teuteh“ für Volk entwickelte sich im Altfränkischen das Wort „Theodisce“ aus dem das althochdeutsche Wort „Diutisc“ ein Vorläufer des Namens Deutschland wurde. In Italien folgte man dagegen noch der älteren direkten Wortentwicklung und formte das Wort „Theodisce“ in „Tedesca“ um. Danach bezeichnet man Deutschland auch heute noch in Italien mit dem Namen „Repubblica Federale Tedesca“. Und die Schlacht im Teutoburger Wald wird in Italien unter dem Namen „La battaglia della Selva di teutoburgo“ oder „La battaglia della Foresta di Teutoburgo“ geführt. (5.2.2019)
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