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Mittwoch, 8. Mai 2019
Eine Reputation für P.Q.Varus ? - Bilden Sie sich selbst Ihre Meinung
ulrich leyhe, 16:50h
Wer zweifelt schon an der Darstellung, dass Segestes viele Anläufe machte, um Varus von den bösen Absichten der Arminen zu überzeugen. Varus aber unbelehrbar blieb und in sein Verderben zog. Was, wenn der Feldherr dem Germanen Segestes von Beginn an seine Warnung abnahm, aber die Schlacht trotzdem verloren ging. Eine in der Tat seltsame Vorstellung die ich aber trotzdem aufgegriffen habe. Sie ist nicht undenkbar, denn es liegt uns dazu die folgende Überlieferung vor, die man analysieren sollte.
Paterculus 118. (3 + 4) berichtet über Segestes
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In der Kurzform:
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Arminius habe den Zeitpunkt für den Hinterhalt festgelegt und darüber hinaus noch, dass dies dem Varus von Segestes hinterbracht wurde.
In der Übersetzung ist zu lesen:
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Also weihte er (Arminius) anfangs nur wenige, dann aber mehrere in seinen Plan ein; er behauptete und überzeugte sie davon, dass die Römer überwältigt werden könnten, ließ diesen Beschlüssen sofort Taten folgen und setzte den Termin für den Anschlag fest.
Varus wurde das durch einen treuen und vornehmen Mann aus jenem Stamm namens Segestes aufgedeckt.
Aus dem lateinischen Originaltext
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primo igitur paucos, mox pluris in societatem consilii recepit opprimi posse Romanos et dicit et persuadet, decretis facta iungit, tempus insidiarum constituit.
Id Varo per virum eius gentis fidelem clarique nominis, Segesten, indicatur. postulabat etiam
Präziser, eindeutiger und unmissverständlicher lässt es sich kaum in Worte fassen, wie es ein Zeitgenosse von Varus nämlich Velleius Paterculus damals tat. Man kann und muss also daraus sogar schließen dürfen, dass Varus aus dem Munde von Segestes nicht nur über den Hinterhalt bzw. den Zeitpunkt, also den „Tempus“ was Zeit, Dauer, Lage, aber auch den Zeitraum und die Zeitspanne umfasst, bestens informiert war. Er erfuhr von ihm auch noch vieles mehr, was über den geplanten Hinterhalt und den „Tempus“ hinaus ging. Zumindest wusste Varus all das, was auch Segestes wusste. Denn wer über Hinterhalt und Tempus aussagefähig ist, der müsste auch noch mehr gewusst haben. Daran haben wir uns zunächst einmal zu orientieren. Allerdings gibt es noch eine andere Sichtweise zu dem Wissenstand von Varus auf die ich im nächsten Kapitel eingehen möchte, dass sich mit der Person des Segestes beschäftigt. Fortan gilt es also bei taktischen Überlegungen zur weiteren Vorgehensweise des Varus die Überlieferung von Paterculus im Hinterkopf zu behalten. Varus könnte also immer auf der Höhe des Wissenstandes gewesen sein, den auch Segestes besaß und das schon lange vor dem Abzug aus dem Sommerlager. Ihm kamen also möglicherweise weitaus mehr Details zu Ohren, als seine damalige Lage uns aus heutiger Sicht erkennen lässt. Basierend auf diesem Wissensstand ist es schwer vorstellbar, dass die altbekannte Vorstellung einer urplötzlich los brechenden Schlacht die niemand erahnen konnte, im germanischen Regenwald den damaligen Tatsachen entsprach. Hier könnte man auch den Eindruck gewinnen, dass Cassius Dio wie es uns bei den Tacitus Schriften ebenso erscheint, auch die Überlieferungen des Paterculus gar nicht kannte oder nicht in seine Darstellung einfließen ließ. Demnach dürfte auch eine heftigere kriegerische Auseinandersetzung für Varus, immer und je nach Wissenstand des Segestes, oder dessen was er bereit war Varus mitzuteilen, für ihn keine sonderliche Überraschung mehr gewesen sein. Segestes der sicherlich an der Vertragsverhandlung mit Rom teilgenommen haben dürfte, wird und musste aus römischer Sicht natürlich auch als ein absolut loyaler Mann aus dem Stamm der Cherusker gegolten haben und so wird er auch beschrieben und von Varus behandelt worden sein, nämlich als ein treuer Mann der einen angesehenen Namen hatte. Und sicherlich verfügte Segestes zumindest anfänglich auch noch über genügend Schwertgenossen die ihm familiär, freundschaftlich oder aus anderen Interessen heraus betrachtet verpflichtet waren. Denn am Vorabend der Ereignisse konnten Segestes und seine Männer noch zuversichtlich sein, bald die Herren über das ganze Territorium der Cherusker zu sein und so konnte er sich noch auf viele Gleichgesinnte gestützt haben. Er dürfte sich also zu diesem Zeitpunkt noch auf eine ansehnliche Gefolgschaft gestützt haben, die zwar geringer war als die der Arminen aber immer noch beeindruckend und präsent. Sein Machtbereich, den ich zwischen Einbeck und dem Harzvorland sehe war nach Osten orientiert und die dortigen Bewohner verfolgten naturgemäß nicht die Interessen der Wesercherusker. Segimer könnte den Herrschaftsbereich in den nördlich angrenzenden, fruchtbareren und waldärmeren Regionen inne gehabt haben die auch bevölkerungsreicher waren und mehr Kämpfer aufbieten konnten. In Flavus dem auf römischer Seite stehenden Sohn seines Widersachers Segimer hatte Segestes zudem einen Partner im unmittelbaren Familienverband des Segimer und konnte sich aufgrund des cheruskisch/römischen Vertrages vor der Varusschlacht auch noch auf ein breiteres pro Römisches Bündnis stützen. Zudem diente sein Sohn Segimund als Priester in Köln, so dass seine Stimme mehrfach Gewicht unter den Cheruskern besaß. Varus hatte also in Segestes einen äußerst zuverlässigen und vertrauensvollen Mann, der ihn nicht anlügen würde. Es muss in jenen Tagen ein hin und her an Informationen aus den jeweiligen Lagern heraus gegeben haben und Arminius wusste genau wie Segestes über Mittelsmänner auch immer von den Strategien des anderen. Man beobachtete sich, sah jeden Schritt und alles Wissen beruhte auf Gegenseitigkeit und dem Gegner ließ sich nur wenig vorenthalten. Es galt nun vor den Augen des Varus für die beiden germanischen Konfliktparteien beider Fürstenhäuser die Geschehnisse im Vorfeld der Schlacht in ihrem jeweiligen Sinne für sich zu beeinflussen. Varus soll also nach Paterculus sogar den Zeitpunkt gewusst haben, wann der Hinterhalt statt finden sollte. Zeitpunkt kann natürlich nur auf einen groben Hinweis hindeuten, denn Tag und Uhrzeit wird hier wohl nicht gemeint gewesen sein. Varus war jedenfalls im Bild konnte die Situation in seinem Sinne für sich nutzen und seine weiteren Schritte abwägen. Er besaß schließlich eine stattliche Anzahl gut ausgebildeter Legionäre auf die er setzte und meinte sich auf sie verlassen zu können und hatte wohl auch ausreichend Zeit für das Entwerfen von Szenarien, für seine Bewertungen, Einschätzungen und militärische Sandkastenspiele gemeinsam mit seinem Führungsstab. Denn derartige Kommunikationen wie sie zwischen Segestes und ihm abliefen, wenn auch zeitweise nur auf der Ebene von Flüstertönen hinter vorgehaltener Hand dürfte Varus gut verstanden haben. Einen Arminius der nun voll in Verdacht geraten war bzw. stand da er von Segestes in einen solchen gerückt wurde, nämlich mit Gegnern Roms also mit Aufrührern gemeinsame Sache zu machen, konnte sich Varus in den Augen aller Mitwisser nicht leisten. Und davon gab es inzwischen recht viele. Andererseits aber war Arminius seit seiner Rückkehr auch der neue starke Mann auf cheruskischer Seite und das machte die Lage für Varus brisant. Einen Mann der die Emotionen, also die Herzen der Cherusker im Gegensatz zu Segestes auf seiner Seite wusste, ihn durfte er wiederum nicht brüskieren, solange ihm nicht genügend Beweise vorgelegt werden konnten und die hatte Segestes offensichtlich nicht. Er musste nach dem berühmten diplomatischen Mittelweg suchen. Er durfte also auch Segestes nicht vor aller Welt mehr glauben schenken, als Arminius dem zuverlässigen und bewährten Anführer in römischen Diensten. Einem Mann, dem er aber fortan skeptisch gegenüber stehen und dem er misstrauen musste. Segestes ernst nehmen, aber gleichzeitig Arminius seine Zweifel an ihm nicht spüren lassen, war für ihn eine Herausforderung und das Gebot der Stunde. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet arbeitete er an seiner Taktik. Er musste den richtigen Weg finden um die Aufstandspläne zu nichte zu machen, ihn im Keim zu ersticken, also nieder zu schlagen, alle Rädelsführer dingfest zu machen um dann in die Winterlager einzurücken und ein befriedetes Germanien zu hinterlassen. Man könnte sich nun also auch die Frage stellen, wer denn hier wem die bessere Falle stellen konnte oder gestellt hat. Varus, dem Arminius mit dem sicheren Wissen darum seine Pläne zu kennen, ihn aber in dem Glauben lassend, es würde alles so verlaufen, wie er es mit seinen Arminen durchgeplant hatte. Oder Arminius in dem er Varus unbeirrt mit seinen Legionen sein Ziel ansteuern ließ, obwohl er also Arminius genau wusste, dass Varus ihn durchschaut hatte und auch seine Pläne kannte. Beide wussten von jedem viel, aber nicht alles und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen war damals die Kriegskunst. Beide mussten sich wie die Stärkeren und Überlegenen gegenüber dem anderen Part fühlen, denn jeder wusste ja vom anderen alles, und wer wie im Schach am Besten die Züge des anderen voraus denken konnte, war am Ende der Gewinner. Arminius hatte jedoch einen großen Vorteil. Denn er kannte die Stärke besser gesagt die Schwachstellen der römischen Armee, aber Varus kannte nicht die Schlagkraft der Germanen die Arminius in seinem Rücken aufgebaut hatte. Und die kannte auch Segestes nicht in vollem Umfang. Aber eine Schlacht ist kein Brett- und kein Sandkastenspiel und wer wollte da schon wissen, wer von Beiden die besseren Karten haben würde. Eine Schlacht, die die Götter entschieden haben, könnte man meinen, denn Menschen konnten hier in den Augen vieler Germanen allein nicht am Werk gewesen sein. Eine Taktik der zwei aufeinander zu fahrenden Lokomotiven die letztlich für Varus nicht auf ging, weil er sich verschätzte und den Moment verpasste im richtigen Augenblick noch rechtzeitig die Weichen umzulegen. Bei alledem und das ist verständlich, wollte Varus sich, also seine eigene Person natürlich keinem unnötigen Risiko für Leib und Leben aussetzen. Er musste sich also seiner Sache sehr sichern gewesen sein, unbeschadet aus dem Konflikt heraus zu kommen. Aber wissentlich einen oder mehrere Aufrührer innerhalb der römischen Armee also mitten unter sich zu wissen und zu dulden, war auch für Varus kein Kavaliersdelikt. Man hatte ihm dies nach seinem Tod oft genug zum Vorwurf gemacht. Trotzdem ließ er Arminius in seinem Umfeld wirken und ließ ihn sogar später davon reiten, also mehr oder weniger entkommen. Er entschied sich also insgeheim, die Warnungen des Segestes aus taktischen Gründen zu ignorieren und ließ die Sache auf sich zu kommen. Er ermöglichte dem bzw. den Aufrührern die Flucht in der Hoffnung, seine Taktik wäre die bessere und er stünde am Ende als Gewinner da. Varus brauchte keine Nachhilfe, er kannte sich mit Aufrührern bestens aus. Denn vergessen wir hier nicht, dass sich Varus noch wenige Jahre zuvor in einer Region und an einem Orte aufhielt, wo sich auch ein Römer aber mit Namen Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld wusch. Und Varus wusste daher nur zu gut, welche Strafe Aufrührer im römischen Reich zu erwarten hatten bzw. welche Strafe er als oberster Richter gegen die Arminen auszusprechen hatte. Konnte er sich das gegen die Cherusker weit ab vom Rhein auf deren Stammesgebiet leisten. Er wusste nach dem Hinweis bzw. den Hinweisen von Segestes, dass Arminius und Segimer als Drahtzieher hinter dem Aufstand standen, so wäre dies vom Grundsatz her für Varus auch eine sehr gute Gelegenheit gewesen, sich von den Rom kritischen Kräften zu trennen. Er könnte Arminius vor aller Augen als Feind Roms Brandmarken und Segestes als dauerhaften Partner gewinnen, ihn festigen und als Fürst inthronisieren. Aber er konnte es definitiv nicht riskieren. Er begab sich daher mit seinen Legionen demnach also mit voller Absicht in den vermeintlichen Hinterhalt um zu siegen und um somit klare Fakten zu schaffen. Einen Sieg den er brauchte um handlungsfähig zu werden also Beweise zu haben, um danach die Arminen aburteilen zu können. Seinen kampferprobten Elite Legionen erteilte er also irgendwann den Befehl in die Gebiete der Aufständischen vorzurücken. Er persönlich hätte dann nach Beendigung der Kampfhandlungen genügend Beweise gegen Arminius zusammen getragen oder ihn möglicherweise auch schon während der Schlacht gefangen nehmen können. Hätte ihn an den Pranger stellen können, ihn des Verrats beschuldigt, also überführen können um ihn dann zu töten oder ihn nach römischer Sitte in Rom in einem Siegeszug als bezwungenen Gegner in Ketten vorzuführen. Es hätte für ihn keinen größeren Erfolg geben können, aber dazu brauchte er den Erfolg und den Beweis. Erst damit wäre der Front gegen Rom das Genick gebrochen worden. Dann war eben Segestes der neue starke Mann an der Weser und Varus konnte beruhigt an den Rhein ziehen, denn er hätte klare Verhältnisse in Ostwestfalen hinterlassen. Mangels überlebender Führungskräfte aus seinem Generalstab wissen wir von alledem natürlich nichts und Cassius Dio konnte nichts dergleichen berichten. Keine Senatsakten gaben darüber Auskunft, denn die wenigen Überlebenden waren niederen Ranges und wussten nur wenig darüber was der Generalstab in dieser Zeit wusste und plante. So konnten auch Cassius Dio und all die anderen nur spekulieren. Als Varus sich aufmachte zu den Aufrührern zu ziehen blieb Segestes an der Weser zurück und harrte der Dinge. Er ließ Varus in die Schlacht ziehen, an der er nach unserem Kenntnisstand selbst nicht teil nahm. An der Weser stand er aber mit seinem handverlesenen Aufgebot schon bereit und wartete auf die Nachricht vom Untergang der Cherusker und der beteiligten Stämme, um dann Varus im entscheidenden Moment loyal zur Seite springen zu können und um die Macht an der Weser als sein neuer Vasall und Unterstatthalter übernehmen zu können. Damit hätte Segestes sein Lebensziel erreicht, seine Position gestärkt und die Unbesiegbarkeit der römischen Armee war für alle sichtbar ein für allemal zur Tatsache geworden. Eine etwas weit her geholte mögliche Alternative wäre es noch gewesen, dass Arminius seine Unterlegenheit noch rechtzeitig erkannt hätte. Er hätte dann seine Taktik geändert, wäre den Legionen des Varus gegen die vermeintlichen Aufständischen möglicherweise zu Hilfe gekommen und mit Hilfe und Unterstützung seiner cheruskischen Reitern hätte man die Aufrührer unterworfen bzw. sie möglicherweise zum Schein in die Flucht getrieben. Arminius hätte sich als treu ergeben erwiesen und seine Haut gerettet. Dies hätte allerdings für Arminius einen schier unmöglichen Spagat bedurft, denn er hätte damit seine eigenen Stammesgenossen verraten und wie hätte er sie dabei alle schadlos halten sollen. Aber hatte Arminius überhaupt einen "Plan B". Wäre es aber tatsächlich so gekommen hätte Varus genau richtig entschieden, in dem er Arminius geglaubt hatte und nicht Segestes. Segestes wäre in diesem Fall als noch dazu unglaubwürdiger Verräter der in Ungnade Gefallene, und alle Cherusker hätten geschlossen hinter Varus und Arminius gestanden. Sicherlich nicht, denn diese Verhaltensweise hätte nicht zu Arminius gepasst und es ist daher ein kaum vorstellbares Szenario. Andernfalls hätte natürlich Arminius einen drohenden Untergang vor Augen das Schlachtfeld auch immer noch noch Hals über Kopf verlassen können um die Flucht zu ergreifen, wenn seine Taktik nicht aufgegangen wäre. Dann wäre es nie zu der uns bekannt gewordenen „Varusschlacht“ gekommen, sondern sie wäre möglicherweise als „Seditio bzw. Seditionem Cheruscorum“ also als ein lapidarer Cherusker Aufstand in die römischen Reichsannalen eingegangen. Varus wäre in beiden Fällen Gewinner und Herr der Lage gewesen, er musste eben einfach nur die Schlacht gewinnen. Aber es kam anders und ich möchte daher die Geschehnisse, wie ich es gerne praktiziere noch einmal etwas zurück drehen. Aber natürlich ohne dabei von den grundsätzlichen Zügen meiner Theorie abzuweichen. So ist anzunehmen, dass auf Varus in jenen Tagen vor dem Abzug die Ereignisse und Informationen nur so hernieder prasselten. Teils prallten sie an ihm ab, aber immer mussten sie von ihm angemessen bewertet und ernst genommen werden. Als Verwaltungschef einer sich selbst versorgenden Civitas mit integrierter Garnison bzw. großem militärischen Komplex bestimmte und prägte er das unmittelbare Leben von etwa 15.000 bis 20.000 Menschen, römisch, keltisch oder germanischer Gesinnung. Sozusagen als Bürgermeister und Militärgouverneur in einem und somit oberster Mann an der Spitze einer schon fasst Kleinstadt zu nennenden Ansiedlung trug er für alles Verantwortung. Alle und jede Neuigkeit ging über seinen Tisch, aber jene mit militärischem Hintergrund lagen ganz oben auf. Unser besonderes Interesse gilt der Rekonstruktion der letzten Stunden und Tage vor dem Aufbruch. So wissen wir natürlich nicht, wann Varus die erste Nachricht erreichte, dass die Gefahr einer Revolte bei einem germanischen Nachbarstamm bestand und wie sie ihm gegenüber konkretisiert wurde. Sie kam bekanntlich von Segestes, jenem Mann der an der Spitze eines rivalisierenden Clans innerhalb der Cheruskersippe stand und der mit Varus eng kollaborierte. Wir können uns also auch nicht vorstellen, wie viel Zeit Varus danach verblieb, um auf geeignete Weise darauf zu reagieren und sich mit dieser neuen und brisanten Lage vertraut zu machen. Genau von diesem frühesten Moment an, müsste man also im ostwestfälischen Generalstab der römischen Lippe/Weserarmee in einen Krisenmodus umgeschaltet haben. Fortan galt für sie eine Gefährdungsstufe und es bestand die Notwendigkeit diese richtig zu bewerten bzw. einzuschätzen. Eine Prozedur, die sich damals wie heute kaum voneinander unterschieden haben dürfte. Dazu gehört es auch immer den Informanten auf seine Glaubwürdigkeit hin abzuklopfen. Sein mutiges Verhalten Stammes interne Dinge auszuplaudern, brachte den Germanen zwar in die vorderste Position und er gewann im Römerlager an Ansehen und Bedeutung, er weckte aber auch Zweifel unter den Menschen, die bei ihm andere Beweggründe erkannten oder sehen wollten. Wann also erfuhr Varus das erste Mal aus dem Munde von Segestes, dass es Germanen gab, die sich mit revolutionären Absichten trugen. Geschah dies Monate, Wochen oder nur Tage vor dem Ausmarsch. Ob die ersten Informationen darüber kurzfristig, also nur wenige Tage vor dem Abzug aus dem Sommerlager in die römische Strategiedebatte einflossen, oder Varus schon länger über diesen bedrohlich wirkenden Kenntnisstand verfügte, macht hinsichtlich des Betrachtungswinkels auf die Ereignisse einen Unterschied. Und was bedeutet schon die Wortwahl „Warnung“. Was unternimmt man für gewöhnlich in der Position eines Feldherrn, wenn man vor Feinden im umliegenden Bereich und hier sogar schon fasst im Rücken gewarnt wird. Man verschafft sich einen Überblick über die Gefahrenlage, reitet möglicherweise mit dem nötigen Geleitschutz selbst hin, sendet eine Patrouille oder gar eine schlagkräftige Kavallerieeinheit aus. Man kann aber auch das diplomatische Gespräch mit den Aufrührern suchen um sie zu beschwichtigen bzw. um das Sinnvolle mit dem Notwendigen zu verbinden. Also wie hier nahe liegend den Rückzug zum Rhein nutzen, um sich bei dieser Gelegenheit vor Ort mit der Lage vertraut zu machen. Dies war aber aus gesamt strategischen Gründen heraus betrachtet nur deswegen überhaupt möglich, weil man nicht von einer unmittelbar bevorstehenden bzw. drohenden Gefahr einer militärischen Aktion des Feindes ausgehen musste. Und so machte man es dann bekanntlich auch. Man zog also in die Zone für die die Warnungen ausgesprochen wurden bzw. von wo aus man eine Gefahr erwartete. Segestes ist rhetorisch sicherlich bis an sein persönliches Limit gegangen und hatte demnach den ersten Teil dessen, was er für seine Informationspflicht hielt voll erfüllt, nämlich auf ein sich anbahnendes Risiko deutlichst hinzuweisen und auch eine Reaktion auszulösen. Aber er wollte wohl mehr, denn es reichte ihm nicht, dass die Legionen nur einen Umweg machten. Sie sollten wenn es nach seinem Wunsch und Willen ging vehementer gegen die Arminen vorgehen und dies nicht nur halbherzig, sondern massiv. Es musste in diesen Stunden im Zelt des Varus, ich vermute aber bereits die Existenz eines festen Holzgebäudes, eine explosive Stimmung geherrscht haben. Ein sich drohend gebärdender sich echauffierender Segestes der möglicherweise sogar im Beisein von Segimer und Arminius deren sofortige Verhaftung einforderte, war in der Tat eine Eskalation und eine Brüskierung für alle Seiten. Theoretisch betrachtet hätten sogar in diesem Moment Arminius und Segimer Hals über Kopf die Flucht ergreifen können, um einer Inhaftierung zu entgehen wenn sie erkannt hätten, dass Varus dem entsprechen wollte. Damit wäre die gesamte bisherige Bündnispolitik Roms an der Weser unmittelbar vor dem herbstlichen Rückmarsch ins Wanken geraten, wenn nicht sogar gescheitert. Es schien Segestes jedes Mittel recht gewesen zu sein, sich mit seiner Position selbst im letzten Moment noch durchsetzen zu wollen. Sogar seine Forderung, man möge doch die Elite der Cherusker einschließlich seiner eigenen Person in Ketten legen, gehörte ultimativ mit dazu. Alles schien im billig gewesen zu sein, um eine Revolte der Germanen gegen Rom im Keim zu ersticken. Aber selbst ein Kriegs Marschmäßiges Ausrücken der Legionen zu erreichen blieb ihm verwehrt, denn dazu hätte der Auszug der Überlieferung nach bekanntlich militärisch geordneter ablaufen müssen. Den Zug ins Rebellengebiet ging man aus seiner Sicht betrachtet nur unzureichend an, aber Varus wollte auch nicht so weit gehen die Führungsebene der Cherusker kopflos zu machen in dem er sie inhaftierte. Varus war sicherlich nicht dumm und hatte gute Berater. Es ist also durchaus denkbar, dass Varus dem Ausmarsch aus dem Sommerlager einen bewusst friedlichen Anstrich geben wollte um seine wahre Strategie möglichst lange zu verschleiern. Es sogar noch nicht einmal von der Hand zu weisen, dass Varus auch Segestes bis zum Schluss im Unklaren ließ wie er sich entscheiden würde. Varus ließ Arminius sogar mit seinem Gefolge mitreiten um die Harmlosigkeit aller Prophezeiungen zu unterstreichen. In dem Moment als Arminius die Legionen verließ um die Hilfskräfte zu mobilisieren stellt sich allerdings die Frage, wie Varus damit umgehen würde. Er wusste, dass er seinen Widersacher ziehen lassen musste, musste aber aufgrund der Warnungen von Segestes davon ausgehen, dass er nun seine Streitmacht gegen ihn heran führen würde. Von diesem Moment an stand die Frage der Glaubwürdigkeit beider Cheruskerfürsten im Raum. Es war die ultimative Nagelprobe, ob Varus sich in Segestes oder in Arminius getäuscht hatte. In dem Moment in dem Varus Arminius die Genehmigung erteilte seine Hilfskräfte zu mobilisieren war im klar, das es sich für Arminius als den Glaubwürdigeren von beiden entschied. Für den Fall, dass er sich geirrt haben sollte, musste er von Stund an mit einem germanischen Angriff auf seine Legionen rechnen. Doch dieser blieb am ersten Marschtag aus. Varus rückte ins erste Marschlager ein und befestigte es. Anderntags sah es der Plan vor, dass Arminius mit seinen Hilfskräften Varus ins Aufstandsgebiet folgen sollte. Am Morgen vor dem Abzug aus dem ersten Marschlager sah Varus keinen Grund nicht ins Gebiet der Aufrührer marschieren zu sollen, denn er erwartete in Kürze Arminius und sein Kontingent. Natürlich war die Forderung von Segestes ein überaus schlecht durchdachter Vorschlag. Denn den wesentlichen Adelspersonen der cheruskischen Führungsschicht allein schon aufgrund eines nah wie vor nur möglichen Gefahrenszenarios heraus brutal die Freiheit entziehen lassen zu wollen, sie also zu entmachten, wäre für alle Wesergermanen und darüber hinaus ein unvorstellbarer Akt der Erniedrigung und Entmündigung gewesen und hätte zu einem Eklat ungeahndeten Ausmaßes führen können. Segestes hätte sich denken müssen, dass er sich mit dieser Forderung bei Varus nicht durchsetzen konnte und er damit erheblich zu weit gehen würde. Denn allein dieses Verhalten hätte möglicherweise bereits einen Kampf herauf beschwören können. Selbst für einen Varus waren hier wohl die Schmerzgrenzen der Zumutbarkeit erreicht und er bremste die Wünsche von Segestes aus. Mehr noch, dieser in den Raum gestellten Vorschlag hätte Varus auch schon wie eine Einmischung in seine Machtbefugnisse und Untergrabung seiner Kompetenzen sehen können, was Feldherrn gar nicht so gerne haben. Dies verrät auch einiges über die charakterliche Eignung der Person des Segestes. Er konnte Varus zwar keine konkreten Beweise für eine Rebellion vorlegen und alles was er besaß war auf bloße Verdachtsmomente gestützt, aber trotzdem setzte er zuletzt alles auf eine Karte. Und auf diesen vagen Hinweisen basierend sollte Varus trotz seines grundsätzlichen Vertrauens Segestes gegenüber nun ein Exempel seiner Machtvollkommenheit statuieren, kaum vorstellbar. Hätte Segestes in dieser Phase Varus doch nur triftige Argumente in die Hand spielen können, er wäre nicht um eine Verhaftung der Arminen herum gekommen. Und alles noch kurz vor dem Verlassen seines Stützpunktes an der Weser. Andernfalls wäre es ein höchst verwerflicher und undiplomatischer Akt gegenüber einem bis dato vertragstreuen Germanenstamm gewesen, einem Stamm, der ihm bislang noch keinen Anlass geboten hatte restriktiv gegen ihn vorgehen zu müssen. Hinzu käme danach noch eine lange Phase der winterlichen Abwesenheit der Legionen samt ihrem Feldherr. Monate in denen sich jene Cherusker die man gerade noch in Ketten gelegt hätte, auf sich allein gestellt sahen. In denen sie sich aber loyal und vertragsgebunden verhalten und sich den Römern auch weiterhin verpflichtet fühlen sollten. Dies würde alles nicht zusammen passen und Varus erkannte die Lage sicherlich deutlicher als Segestes es wahrhaben wollte. Denn es ließe sich definitiv nicht damit vereinbaren, wenn man kurz zuvor noch die Fürsten dieses Stammes für eine unbekannte Frist eingesperrt hätte. Segestes bewies mit diesem Vorschlag ein sehr unsensibles Verhalten, was ihn als Stammesfürsten schon nahezu disqualifizierte. Aber vergessen wir nicht, dass Segestes dies aus der vollen Überzeugung heraus tat um eine Schlacht und möglicherweise eine Niederlage Roms zu verhindern, was ihn all dies übersehen ließ. Sein Problem war es nur, dies nicht klar genug beweisen zu können, denn dagegen stand sicherlich die Aussage der Arminen, die ihre Hände in völliger Unschuld wuschen. Soweit zum Sachstand. Das Wissen um die Länge der Vorwarnzeit macht einen gewissen Unterschied. Denn je länger sich Segestes bemühte bzw. je häufiger er mit seinen Sorgen bei Varus vorsprach und vorstellig wurde, bzw. fasst schon schwanger ging, je abgestumpfter und oberflächlicher könnte man auch von römischer Seite aus darauf reagiert haben. Denn jede Warnung könnte irgendwann wirkungslos bleiben bzw. sich abnutzen, wenn sie sich nicht bewahrheitete bzw. bestätigten ließ und was Segestes schuldig blieb. Aber hier könnten die Dinge auch anders gelegen haben, denn Segestes könnte und hat auch über tieferes Wissen verfügt. Dazu gehörte möglicherweise auch das Wissen darüber, wo sich der Gefahrenherd zusammen braute, denn er konnte Varus möglicherweise auch einen Hinweis darauf geben, welche germanischen Rädelsführer sich außer den Arminen noch hinter den Aufrührern verbargen. Und Varus soll ja bekanntlich sogar den Zeitpunkt gewusst haben. Varus entschied also aufgrund der Vorwarnungen diese Region auf dem in Bälde anstehenden Rückweg zum Rhein anzusteuern um nach dem Rechten zu sehen. Dieser Ablauf würde plausibel klingen, wenn es da nicht die viel beschworene Ungereimtheit gäbe. Nämlich den Hinweis, dass Varus offensichtlich nicht ernsthaft an die von Segestes vorgetragenen Warnungen glaubte. Denn Segestes musste seine Warnung tatsächlich noch ein weiteres Mal bekräftigen und wiederholen um bei Varus Gehör zu finden. Und selbst noch das letzte Gastmahl vor dem Aufbruch musste dafür herhalten, um Varus noch einmal an diese Gefahrenlage zu erinnern. Aber wir müssen über kreuz denken. Denn in der Tat gelang es doch noch dem Segestes den Feldherrn Varus zu überzeugen, ohne das dieser es aber erkennbar zum Ausdruck bringen durfte. Auch so kann man es sehen. Es schien für alle und nicht nur die späteren Historiker so, als ob Varus es selbst am Vorabend des Rückzuges noch nicht einmal für nötig hielt den Worten von Segestes glauben schenken zu wollen. Aber Varus schwenkte letztlich doch noch auf die Position des Segestes um in dem er sich entschied, sich nun ungeachtet aller anderweitigen Überlegungen doch noch im Sinne der Warnungen des Segestes zu verhalten. Er ließ sich die Entscheidung vielleicht auch bewusst lange offen um einem möglichen Feind die Vorbereitungszeit auf einen Angriff zu verkürzen bzw. deren Strategie zu durchkreuzen. Schließlich müssen wir uns mit unseren Überlegungen immer wieder in die Denkvorgänge eines Feldherrn damaliger Zeiten versetzen. Auch wenn sein Plan die Aufrührer nieder zu werfen schon viel früher festgestanden haben könnte, musste er dies nicht sofort gegenüber seinem ganzen Umfeld verlauten lassen. Denn er wusste wie schnell auch der Feind davon erfahren könnte. Varus ließ die Katze daher vielleicht auch bewusst erst kurz vor dem Ausmarsch aus dem Sack und täuschte in dem er die Frauen und Kinder anfangs noch im Zug mit führte sehr lange einen routinemäßigen Rückzug zum Rhein vor. Erst spät beruhigte er also alle umstehenden mit seiner Entscheidung, nun doch den Rückweg durch das Rebellengebiet antreten zu wollen um sich der angedrohten Gefahr zu stellen und nahm das Angebot von Arminius gerne an Verstärkung zu beschaffen. Diesem Szenario liegt die Annahme zugrunde, Segestes hatte recht, Varus glaubte ihm, es lag in der Tat ein Aufruhr in der Luft. Aber Arminus und Segimer waren nicht die Rädelsführer dieses Aufstandes. Sondern es handelte sich um eine unabhängige Rebellion an der der weder Segimer noch Arminius beteiligt waren. Und die Informanten von Segestes waren für Varus nicht glaubwürdig genug. Das musste doch genügen, was sollte Varus also noch tun. Damit erübrigte sich auch die Frage, wie man im römischen Generalstab die Glaubwürdigkeit eines Segestes einstufte. Man nahm ihn letztlich ernst und handelte entsprechend. Zwar nicht so militant wie Segestes es sich druckvoll erhoffte, aber immerhin plante man nun einen großen Schwenk, beließ es aber dabei und legte Arminius und Segimer vorher auch keine Fesseln an. So gelang es Segestes zwar nicht alle Register zu ziehen und es Varus plausibel zu machen, in welch konkreter Gefahr er und seine Politik schwebten, aber er hatte sein Möglichstes getan und konnte auch einen gewissen Erfolg verbuchen. Nun aber setzten alle auf die Schlag- und Kampfkraft der Legionen der Auxiliareinheiten der germanischen Hilfskräfte und der Kavallerie. Die Äußerungen von Segestes gingen also nicht ins Leere und blieben nicht reaktionslos. Trotzdem vermied es Varus sich vorher selbst noch einen eigenen Überblick über die Lage vor Ort zu verschaffen und er sandte auch vor dem offiziellen Rückzug an den Rhein keine Delegation in die Aufrührerregion, weil er es nicht für nötig hielt. Er hätte es tun sollen. Es gab also jenen offensichtlich von Segestes ausgelösten Umdenkungsprozess bei den Römern bzw. bei Varus der ihnen irgendwann einmal klar machte, dass man sich doch mal in der kritischen Region blicken lassen musste. So hatten die Warnungen des Segestes am letzten Abend doch noch gefruchtet oder es könnte sogar neue Hinweise gegeben haben die seine Äußerungen stützten, die wir aber nicht kennen. Denn nun entschied man wohl doch schon am Vorabend und nicht erst mitten im Verlaufe des ersten Rückzugtages den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Der von einem germanischen Fürsten vorgebrachte Wissensstand, auch wenn dieser einer weniger einflussreichen Führungsriege angehörte, könnte und hat dann doch noch eine gewisse Unruhe unter Varus und seinem Stab entfacht. Der Rückmarsch zum Rhein bedingte aus logistischer Sicht betrachtet zahlreiche Vorbereitungen. Längerfristig geplante und somit ausgereifte Rückzugstrategien umzusetzen liefen natürlich mit einer gewissen Routine ab. Eine kurzfristig geänderte Rückzugroute für die man sich erst nach dem letzten Gastmahl entschied, also die Aufrührerregion in das Marschgeschehen nun mit einbeziehen zu wollen bzw. zu streifen entwickelt einen anderen Charakter. Gleich einer Art Ad hoc Aktion aus dem stegreif heraus nehmen derartige Unternehmen oftmals einen anderen Verlauf. Da keine anderen warnenden Stimmen im Vorfeld bekannt wurden, hat letztlich Segestes diesen Umweg erst ausgelöst und damit eigentlich auch den Ausgang mit zu verantworten gehabt. Kein Segestes – kein Umweg – keine Schlacht ? Varus soll jedenfalls mehrfach von Segestes und das sogar noch bei seinem letzten Gastmahl gewarnt worden sein, was wiederum für einen längeren Vorwarnzeitraum spricht. Varus könnte sich aber auch schon sehr viel früher für einen Zug ins Rebellengebiet entschieden haben wie ich annehme und hatte mit seiner Entscheidung wie ich spekuliere hinter dem Berg gehalten. Segestes drang also am Vorabend nur noch mal zusätzlich darauf, dass Varus sich also definitiv auch auf eine möglicherweise heftige Schlacht vorzubereiten hatte. Auch das würde passen. Segestes nahm man also viel früher ernst und er nutzte den letzten Abend nur noch mal, um seine Sorgen zu bekräftigen. Denn er selbst blieb ja zurück, nahm weder am Zug an den Rhein noch ins Rebellengebiet teil. Er gab ihnen also noch mal einen guten Ratschlag sozusagen mit auf den Weg. Demnach verlief der Rückzug also nicht unter möglicherweise ungeordneten und auch keinen hektischen Bedingungen ab, sondern konnte sorgsam angegangen werden. Unter einem Aufruhr so wie ihn uns die antiken Historiker dargestellt haben, konnte man sich in der damaligen Zeit und können wir uns auch heute vieles vorstellen. Menschen reagieren, wenn sie mit ihren Lebensumständen unzufrieden sind unterschiedlich. Ein Ärger kann auch mit dem Verhalten der eigenen Landsleute zu tun haben, aber hier klingt es nicht nur danach, als ob sich etwas gegen eine ungewollte Obrigkeit zusammen braut, sondern es gibt auch deutliche Hinweise, die dafür sprechen. Da wir nicht wissen wie Segestes die Lage bei den Aufrührern Varus gegenüber konkret begründete bzw. beschrieb, haben wir auch keinen näheren Kenntnisstand darüber was sich genau im Unruheherd zugetragen haben soll bzw. wie man es darstellte. Was uns ebenfalls rätseln lässt, ist immer die Frage, ob Varus überhaupt jemals etwas über eine Rebellion oder gar einen Volksaufstand aus dem Munde der Segestes Rivalen Arminius oder Segimer erfuhr. Hätten nicht auch von dieser Seite warnende Stimmen laut werden müssen. Sicherlich ja, aber doch nur dann, wenn es auch etwas gab, vor dem man die Römer hätte warnen müssen oder wollen. Aber auf diese Taktik bin ich in einem separaten Kapitel eingegangen. Denn Arminius durfte die von ihm eingefädelte Gefahrenlage weder hoch kochen noch durfte er sie herunter spielen. Ein Hochkochen hätte bei Varus eine deutliche militärisch starke Antwort heraus gefordert, ein herunter spielen, hätte Varus aber möglicherweise ganz davon abrücken lassen, überhaupt die Rebellenregion aufzusuchen. Oder er hätte nur seine Kavallerie damit beauftragt für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Varus konnte nicht ahnen, dass es die Absicht der Arminen war nach Möglichkeit alle drei Legionen auszuschalten. Beide Szenarien wären für die Taktik von Arminius fatal gewesen. Vielleicht überließ es Arminius daher auch lange Zeit seinem Widersacher Segestes die Gefahr eines Aufruhrs gegenüber Varus an die Wand zu malen und er konnte sich selbst bedeckt halten. Als vermeintlicher Rädelsführer sollte man vielleicht nicht auch noch unbedingt derjenige sein, der den Feind mit der Nase darauf stößt. Letztlich musste es aber Varus erfahren, denn er sollte ja schließlich in diese Falle laufen und dazu musste er auch wissen, wo sie sich auftat, also welchen Rückzugsweg er dazu einzuschlagen hatte. Arminius trieb ein gefährliches Spiel und musste auch immer der Möglichkeit Raum geben, noch alles abbrechen zu können um zu verhindern, dass sich die Dinge nachteilig entwickelten. Wie er dies hätte anstellen sollen bleibt sein Geheimnis. Eventuell nutzte Arminius in dieser Phase auch indirekt Segestes als einen Erfüllungsgehilfen für seine Pläne. Arminius hätte zum Beispiel die sorgenvollen Warnungen von Segestes abwiegeln und als unbegründet darstellen können, wenn dies zu seinem Plan gepasst hätte. Er hätte sie aber auch genauso so überaus ernst nehmen können und wie Segestes es auch tat zum Handeln aufrufen können. Er musste also mit dieser Situation äußerst geschickt und talentreich umgegangen sein um in dieser alles entscheidenden Phase keine Fehler zu machen. Dazu fügte es sich sehr gut, dass sich Arminius auf Druck der von Segestes beschriebenen Lage großmütig bereit erklärte, sicherheitshalber noch zusätzliche germanische Hilfstruppen zur Verfügung zu stellen. Auch so kann man es darstellen. Hier kommt auch die Frage nach dem Machtbereich eines „segestischen Fürstenhauses“ ins Spiel. Wo waren in dieser äußerst kritischen Phase die Schwertgenossen des Segestes, als es darum ging germanische Hilfstruppen hinzu zu ziehen. Segestes hätte mit einem ähnlichen Angebot basierend auf seinen eigenen Männern bei Varus punkten können. Diese Frage lässt sich damit beantworten, dass sich westlich des Weser nicht das Stammesgebiet des Segestes Clans ausbreitete. Ich hatte es weiter östlich im Raum um Einbeck und Vogelbeck verortet. Aber hier um Höxter und westlich von Corvey besaß Segestes keine Hausmacht. Hinzu kommt, dass sich Männer von Segestes später bei Germanicus rühmten in der Varusschlacht römische Waffen erbeutet zu haben und sogar sein eigener Neffe nicht auf seiner Seite stand. Segestes konnte sich also in seiner Unterstützung für Varus gar nicht auf alle seine Männer verlassen, sie ihm also auch nicht anbieten können. Außerdem hatte ich den Gedanken verfolgt, dass Segestes die Aufgabe hatte an der Weser die Stellung zu halten, wenn sich die Botschaft vom für Rom siegreichen Ausgang der Varusschlacht ausgebreitet hätte. Wie sich das von Segestes als drohend beschriebene Trauma einer möglichen Rebellion entfalten sollte, wissen wir nicht. Segestes verkaufte es Varus gegenüber jedenfalls als absolut glaubwürdig, was die zahlreichen und offensichtlich hartnäckig vorgetragenen Warnungen von ihm unterstreichen. Alles deutete darauf hin, dass er Informanten hatte, die über tiefere und weiter gehende Details verfügten, sonst hätte er nicht so überzeugend auftreten können. Bekanntlich nahmen selbst seine eigenen Männer an der Varusschlacht auf Seiten von Arminius teil, die ihm sicherlich den Grund ihres Wegzuges auch vorher mitgeteilt hatten. Frei nach dem Motto, „geh doch mit Segestes jetzt zeigen wir dem Varus mal wo die Harke hängt“. Vielleicht mit ein Grund dafür mit einigen Informationen gegenüber Varus zurück haltend zu sein. Interessant, aber bei dieser Betrachtung nebensächlich ist und bleibt aber immer noch die Frage wie man den Aufruhr begründet hatte. Arminius benötigte zur Umsetzung seiner Taktik einen germanischen Stamm am Rande römischer Einflusssphäre, der die zukünftige Lage genauso grau in grau sah wie er. Ein Stamm der entfernter angesiedelt sein musste, um die Routenänderung zu rechtfertigen und gleichzeitig einen Stamm, der ebenfalls befürchten musste, dass ihn auf kurz oder lang von römischer Seite ein unredliches Vertragswerk unterbreitet werden könnte, was man vermeiden wollte. Die großräumige Unzufriedenheit der Germanen mit der römischen Besatzungspolitik ist hinreichend überliefert. Allein daraus einen sich anbahnenden Konflikt abzuleiten und dieses Szenario Varus glaubhaft zu machen ist daher nahe liegend. Was Segestes allerdings konkret über den Ablaufplan wusste bzw. über ihn und somit auch gegen Arminius in der Hand hatte, ist nicht überliefert, obwohl sein Wissen über den Zeitpunkt wie es Paterculus hinterließ Rätsel aufgibt. Er erkannte hinter allem nur seine Stammes internen Konkurenten als die Urheber und Drahtzieher die es unbedingt noch rechtzeitig vor dem Aufbruch dingfest zu machen galt, um die Köpfe der Rebellion auszuschalten, sonst schienen es nur vage Behauptungen gewesen zu sein. Ob er selbst wusste, dass es sich bei diesem so genannten Aufruhr lediglich um ein vorgeschobenes Lockmittel der Arminen handelte, es also nur um ein vorgetäuschtes Manöver ging, ist nicht bekannt. Was wusste also Segestes bzw. was könnte er gewusst haben und wie weit reichte sein Informationsstand. Konnte er möglicherweise wissen, dass man im Rebellengebiet schon Tage vor dem Rückzug dabei war germanische Kämpfer zusammen zu ziehen. Kämpfer die man schon an der voraus bestimmten Zugtrasse positionieren wollte. So detailliert sicherlich nicht, denn damit begann man germanischerseits frühestens an dem Morgen, als die Legionen ihr Sommerlager verließen, denn dieser Zeitpunkt war allgemein bekannt. Die Varusschlacht ist anfänglich vorstellbar wie ein Rebellenangriff aus dem Unterholz und dürfte erst im weiteren Verlauf zu schlachtartigen Zusammenballungen geführt haben. Ein Aufruhr wie man ihn den Römer verkündet hat zeigt natürlich andere Merkmale. Diese suchte mal allerdings vergeblich auf dem infrage kommenden Streckenabschnitt, denn da „rührte niemand was auf“. Alles sichtbare das für einen Aufruhr spräche, oder auf einen Aufruhr hinweisen würde, hätte man also von der Anlage her grundsätzlich vergeblich gesucht. Man hätte keines von alledem ausmachen können, da die Germanen bekanntlich nicht kaserniert waren. Jeder Römer aber auch Segestes, hätte er sich denn in den Tagen davor persönlich in der Region umgeschaut, ihnen wäre wohl nichts Auffälliges aufgefallen. Alles was ihnen zu Ohren gekommen wäre, wäre lediglich verbaler Natur gewesen, über greif - und vorzeigbares verfügte Segestes nicht. Im Aufrührergebiet herrschte wohl völlige Ruhe und es brannten dort beileibe keine Hütten, auf die er hätte verweisen können. Alles verlief nach dem Grundsatz einer gewissen Ruhe vor dem Sturm und die spürt ein Außenstehender in der Regel nicht. Schon gar nicht ein Segestes, den man dem gegnerischen Lager zurechnete. Selbst ein Segestes konnte keine Hinweise auf eine Falle vermuteten oder liefern, und schon gar keine Revolution erkennen, die gegen Varus im vollen Gange war. Allerdings kannte Segestes die germanischen Angriffstaktiken, aber die kamen relativ unorthodox zur Anwendung und waren schwer kalkulierbar. Er wusste nur, das auf Varus irgendwo und irgendwann eine äußerst brenzlige Lage zukommen würde, wie auch immer sie geartet war. In Ostwestfalen harrte man unterdessen der Dinge. Aber auch die Informanten von Segestes werden gut daran getan haben, ihm nicht ihr ganzes Wissen preis zu geben, denn jeder der zuviel wusste begab sich in diesen Tagen in Gefahr, wenn er später nicht auf der Gewinnerseite stand. Segestes hätte vielleicht doch mal hin reiten sollen, besser gesagt müssen, um sich ein Bild vor Ort machen zu können. Aber wie hätte die Anwesenheit eines Segestes bei den Germanen links der Weser gewirkt. Es scheint also, als ob er alles nur aus der Distanz heraus bewerten konnte, sozusagen vom Hörensagen und das hörte sich für Varus nicht sonderlich plausibel an, auch wenn er später wunschgemäß die nötigen Register zog. Segestes verkaufte es gegenüber Varus als eine konkrete von den Arminen ausgehende und gesteuerte Gefahr und irgendwann musste Varus dann wohl doch noch eine Reaktion zeigen. Arminius hingegen stapelte tief, verschleierte die Gründe und ließ die Gerüchte gären, denn sie kamen seinem Plan alles unpräzise und haltlos darzustellen entgegen. Aber immer noch wissen wir nicht und werden es nie erfahren, wie und ob sich auch Arminius dazu gegenüber Varus jemals äußerte. Arminius bot jedenfalls germanische Hilfstruppen an, was erkennen lässt, dass er zu einem bestimmten Punkt in die Argumentation des Segestes taktisch einschwenken und es wohl auch letztlich musste, da es geraten schien gegenüber Varus möglicherweise einen deutlichen Beweis der Loyalität liefern zu müssen. Es ist auch denkbar, dass es die Ursprungstaktik von Arminius gar nicht vor sah, sich vom Marschzug abzusondern. Es könnte viel mehr nur ein Grund dafür gewesen sein, um Varus in Sicherheit zu wiegen in dem er vorgab seine Hilfskräfte zu mobilisieren. Hilfskräfte die auch ohne ihn den Weg ins Kampfgebiet gefunden hätten um ihm gegen Varus zu helfen. Ein plausibles Argument, denn um die römischen Abstellungen zu besiegen, kam es letztlich wohl nicht auf die Schar der Kämpfer an, die Arminius begleiteten, als er gemeinsam mit den Legionen das Sommerlager verließ. Jene Germanen, die die Abstellungen nieder kämpften hielten sich bereits frühzeitig in der Nähe dieser römischen Abteilungen auf und wussten demnach auch, wo sich diese befanden. Grundsätzlich dürfte es Arminius aus taktischen Gründen aber eher wie einen lokalen und von Rom unabhängig zu wertenden Putsch ausgesehen haben lassen. Denn eine direkt gegen Rom gerichtete und erkennbare Rebellion müsste Varus wie eine Kriegserklärung betrachten und hätte ihn völlig anders handeln lassen. Varus hätte dann die Cherusker wie eine Auxiliareinheit gegen einen anderen Germanenstamm einsetzen müssen. So wie es hier im Ernstfall auch vorgesehen war. Es soll sich wie inszeniert zunächst nur um einen entfernter wohnenden germanischen Stamm gehandelt haben, der rebellisch wurde. Den Aufruhr schilderte man also aus weiterer Entfernung um Varus zu motivieren sich dahin in Bewegung zu setzen. Danach soll er dann der Überlieferung nach auch auf andere germanische Sippen oder Stämme übergegriffen haben. Was aus Sicht der antiken Berichterstatter auch glaubhaft klingt, so jedenfalls auch die spätere Darstellung von Tacitus. Denn es artete letztlich in einen Schlagabtausch aus, an der rein zahlenmäßig betrachtet schließlich auch mehrere Germanenstämme beteiligt gewesen sein mussten um drei Legionen nieder ringen zu können. Der Aufstand weit ab vom standardmäßigen Rückzugskorridor entwickelte sich demnach möglicherweise in einer Region, in der sich bislang vom Grundsatz her noch gar keine römische Kolonisierung entfaltet hatte. In der sich die römische Provinzialisierung noch nicht übermäßig bemerkbar machte, wo man sich aber durch sie bereits bedroht fühlte. Eine Region in der auch keine „vertragstreuen“ und gebundenen Cherusker mehr siedelten und die auch noch gar nicht in einen engeren Kontakt bzw. in Berührung mit den römischen Aktivitäten an der Weser gekommen war. Eigentlich eine Region in der man noch gar nicht hätte gegenüber dem Imperium in Rage geraten und einen Aufruhr anzetteln können, weil deren negative Auswirkungen bis hier noch nicht sehr intensiv spürbar gewesen waren. Das man sich von von dort aus bereits gegenüber dem Imperium erzürnte bzw. erzürnen sollte, war der Gesamttaktik und der Motivation aller durch Arminius geschuldet. Alles zusammen betrachtet, dürfte es daher Segestes schwer gefallen sein bei Varus Gehör zu finden bzw. weit ab des Weges eine ernsthafte Gefahr für sich und seine Soldaten zu erkennen, denn was sollten die dortigen Bewohner schon für Probleme, geschweige denn mit Rom gehabt haben. Ich hatte in diesem Aufrührerstamm die Marser identifiziert, bei denen noch ältere Rechnungen offen standen. Ihre Wohnsitze vermute ich südlich ab Scherfede entlang der Diemel und möglicherweise auch um Haaren, Essentho und Büren bis zu den Grenzen der Chatten bzw. Brukterer. Ein Stamm auf den mehrere Faktoren zutreffen. So auch der später von ihnen zurück eroberte Adler einer an der Schlacht beteiligten römischen Legion. In diesen Teil Ostwestfalens aber auch schon Nordhessens war also nach meinem Dafürhalten das römische Leben noch gar nicht so tief durch bzw. eingedrungen und nicht so präsent wie an der Lippe sowie zwischen Anreppen und Höxter bzw. nördlich bis Herford. Der Aufruhr wurde von Arminius sicherlich bewusst nebulös geschildert, zumal er in der dargestellten Form nie existierte. Er durfte nie konkret werden und kann nach der Darstellung auch der Arminen noch gut und gern als eine stammesinterne, innere Zwistigkeit gegenüber dem Generalstab im Sommerlager dargestellt worden sein. So kamen eine Reihe argumentativer Pluspunkte für Arminius im Kampf um die Hoheit in der Frage nach der Glaubwürdigkeit zwischen ihm und Segestes zusammen. Vorteile die Varus bewogen haben könnten auch noch sehr lange an der Glaubwürdigkeit von Arminius festzuhalten und die ihn so gar bewogen Arminius noch weg reiten zu lassen. Sollte es also Aussagen von Arminius gleich welcher Art gegenüber Varus gegeben haben, so könnte er völlig andere Ursachen vorgeschoben haben. Ursachen, die also auch nicht unmittelbar etwas mit den römischen Interessen und deren Präsenz in Ostwestfalen zu tun gehabt haben mussten. Damit wurde aus Sicht der Römer die Gefahrenstufe erheblich abgesenkt und man konnte sich trotz der Warnungen des Segestes gelassener ins Aufrührergebiet hinein begeben. Der fiktive Aufruhr wogegen er auch immer gerichtet war, steckte jedenfalls als Segestes begann vor ihm zu warnen noch in einer frühen Anfangsphase und konnte daher von ihm auch nur unterschwellig vermittelt bzw. dargestellt werden. Es war ein Aufruhr bei dem man noch keine lodernden Feuer sah und sie auch nie sehen würde. Für Varus schwebte alles noch in einer Übergangsphase mit dem Potenzial einer gewissen Schlichtungsfähigkeit durch seine höchstrichterliche Person. Denn es ist überliefert, dass Varus bei ihnen bzw. unter ihnen eine Gerichtsverhandlung abhielt bzw. abhalten wollte, um sie anzuhören, zu befrieden, zu beschwichtigen, oder um ihnen wie auch immer eine Lösung für mögliche Probleme anzubieten. Den wahren Ernst der Lage zu erkennen blieb ihm sehr lange verwehrt. Ganz in der Rolle des Landesvaters aufgehend, wäre ihm dieses Verhalten zuzutrauen gewesen. Er wollte sich ein Bild machen um nach Möglichkeit per Gerichtsbeschluss bzw. Dekret die Sache einzudämmen und aus der Welt zu schaffen. Wir müssen uns also auch davor hüten anzunehmen, hier wäre schon früh die Varusschlacht bereits als die Ultima Ratio schlechthin, also als ein unausweichlich sich zuspitzendes bzw. sich frühzeitig hoch schaukelndes Endszenario erkennbar gewesen. Bei weitem nicht, denn aus römischer Sicht war eine Schlacht in den später angenommenen Ausmaßen in der Anmarschphase noch nicht absehbar. Ungeachtet dessen musste Varus trotzdem zwei Szenarien durchspielen um vorbereitet zu sein. Wir würden es heute, wie es damals auch die Römer taten die Gefahr einer größeren Auseinandersetzung etwas herunter spielen. Denn so dramatisch wie es Segestes sehen wollte, sahen es die Römer noch lange nicht. Denn die gemäßigte aber doch nüchterne Lagebeurteilung wie sie anzunehmenderweise Arminius gegenüber Varus zur Situation vor Ort bei den Aufrührern abgab, entsprach mit Abstand nicht dem, was Segestes daraus machte bzw. machen wollte. Denn auch die möglicherweise von Arminius ausgesprochenen Worte gaben es wohl nicht her, dass sich hier in Ostwestfalen das Imperium einer ernsthaften Herausforderung und Bedrohung gegenüber gestellt sah. Varus hätte falls es zwischen Arminius und Segestes eine volle Übereinstimmung in der Lagebeurteilung gegeben hätte, definitiv anders reagiert und entschieden. Er hätte umfängliche Kampfvorbereitungen getroffen und wäre unmittelbar nach dem Auszug aus dem Sommerlager vielleicht schon in einer disziplinierten Formation vorgerückt. Und er hätte sicherlich auch schon in dieser Phase den Frauen und Kindern einen besseren Schutz angedeihen lassen. Trotzdem wird er Vorkehrungen getroffen haben, denn er hatte erfahrene Militärs um sich. Und vor diesem Mix bzw. Hintergrund aus überzogener Schwarzmalerei von der einen Seite und sachlicher Gelassenheit von der anderen Seite aus betrachtet hatte Varus den Mittelweg zu finden. Aber Varus musste auch noch anderen Überlegungen Raum geben. Nämlich eine Interessenslage zu gewichten, die völlig anderen Motivationen folgte. Strategische Dinge die man so heute also im Nachhinein verkennen könnte, wenn man nicht wüsste, dass Varus auch über den Tellerrand hinaus blicken musste. Um es anders auszudrücken, in Rom war man Intrigen erfahrener. So könnte man hier aus Sicht der Römer auch ein germanisches Komplott hinter allem gesehen haben, dass in eine ganz andere Richtung abzielte. Nämlich ein gegenseitiges Ringen innerhalb der germanischen Führungsschicht um die Vorherrschaft, dass bereits imperiale Pläne bedrohte und berührte, die man sich nicht aus der Hand nehmen lassen wollte. Denn Rom gedachte in Ostwestfalen in den nächsten Jahren und darüber hinaus noch viele Dinge anzugehen und umzusetzen. Revolutionäres an Aufbauleistung von denen sich die meisten Germanen vielleicht noch gar keine rechten Vorstellungen machen konnten. Man sah im Zelt des Varus, nach dem Segestes die ersten Warnungen aussprach möglicherweise auch das Bedürfnis eines Mannes, der sich vor die rivalisierende Segimer Partei schieben wollte um mit römischen Zugeständnis allein die zukünftigen Geschicke des Cherusker Hauses lenken zu dürfen. Dies könnte Varus ebenfalls bewogen haben hinter seinen Äußerungen nur ein drittrangiges Ereignis zu erkennen, das man nicht über zu gewichten hatte. Ein Germane der sich Rom derart anbiederte und sich in den Vordergrund schob könnte selbst einem Varus verdächtig gewesen sein. Das es Segestes möglicherweise nicht gelang Varus eindeutig und frühzeitig voll für sich und seine Position zu vereinnahmen, könnte darauf zurück zu führen sein, dass Segestes das Format eines Arminius fehlte. Das beruhigende Angebot von Arminius sogar Hilfstruppen hinzuziehen zu wollen bzw. anzubieten wird dann alle Zweifel bei Varus beseitigt haben und auch ihn davon überzeugt haben nun doch mal im Süden nach dem Rechten zu schauen. Es wird ihm verdeutlicht haben, dass er nicht um einen Abstecher herum kommen würde. Schließlich kam diese Hilfszusage vom möglichen Aufrührer Arminius und nicht vom treuen Segestes und gewann dadurch an Gewicht. Die Augen von Varus hingegen waren in dieser Zeit wie angedeutet auf viele andere zukünftige von ihm zu treffende Entscheidungen gerichtet. Unruhen bei einem weiter entfernt liegenden Stamm besaßen für ihn nur am Rande eine Bedeutung. Unruhen wurden ihm zudem immer mal wieder gemeldet. Mal lagen sie näher mal weiter entfernt. Oft entpuppten sie sich aber als harmlose Familienfehden, oder andere kleinere Delikte, die er von seinem Richterstuhl im Sommerlager aus bereinigte. Sollte Varus etwa jedes Mal eine Legion entsenden nur um nachsehen zu lassen, was an den Gerüchten über Rebellionen oder ähnlichem wahr oder nicht wahr war. Er kam bekanntlich den Cherusker Germanen schon sehr weit entgegen in dem er ihnen seine Abstellungen anvertraute. Hörte man von Unruhen aus anderen Regionen so wurden diese zuerst einmal als belangloser eingestuft, wenn sie außerhalb der Interessensphären lagen. Wurden sie aber aus dem rückwärtigen Raum zwischen Weser und Rhein vermeldet, musste man sie schon ernster nehmen und nahm dafür wie im vorliegenden Fall dann auch einen Umweg in Kauf. Aber Varus schien es, als wollte Segestes und seine Männer ihn für ihre Ideen vereinnahmen und ihn möglicherweise für ihre Pläne und Vorstellungen instrumentalisieren. Varus hielt sie vielleicht sogar nur für die Visionen oder gar Wahnvorstellungen eines Macht besessenen kleinen Regionalfürsten. Hätte es keine Varusschlacht gegeben, ein Mann mit Namen Segestes wäre nie Berühmtheit erlangt und in keinen Annalen der Weltgeschichte aufgetaucht. In den Wochen davor gingen seine Warnungen in der Vielstimmigkeit des bunten Treibens unter. Und uns kamen sie auch nur zu Ohren, weil er damals der Mann war, der am Ende Recht behielt. Es waren zwar keine belanglosen Nichtigkeiten die Segestes hier zu bedenken gab. Es waren immerhin die ernsten Ansichten und Worte aus dem Munde eines angesehenen und als Rom freundlich geltenden Mannes. Aber auch der andere Teil des Bündnispartners mit dem römischen Ritter Arminius an seiner Spitze galt zu dieser Zeit noch als ausgesprochen Rom freundlich und vertrauenswürdig innerhalb des Fürstenhauses der Cherusker. An den Schilderungen des Segestes übte man sicherlich auch keinen direkten Zweifel, man glaubte ihm die Unruhen schon und respektierte ihn auch bis zu einem gewissen Grad, hielt sich aber auch selbst für stark genug diese Aufrührer in ihre Schranken zu weisen. Andernfalls hätte man die Arminen wie von Segestes vorgeschlagen samt ihm selbst in Ketten gelegt, was aber nicht geschah. Ungezählte andere Personen, Sippenälteste, Stammesführer, oder Gesandtschaften aber auch seine eigenen Leute taten es Segestes in diesen Tagen gleich, sie versuchten alle auf ihn Varus und seine Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Varus war unbestritten der starke Mann an der Weser und bei allen und jedem gefragt. Aber Varus trieben auch andere Sorgen um, als nur jener neuerliche kleine Zwist, der sich da im Süden aufzutun schien. Über die Sorgen die Segestes umtrieb oder die er vorschob zu haben, waren an der Weser möglicherweise früher oder später schon alle hinlänglich informiert. Doch alle seine Warnungen und übertriebenem Prophezeiungen nutzten sich irgendwann auch ab, zumal auf sie nichts Bedrohliches folgte. Keine Römer wurden auf ihren Versorgungszügen zur Lippe angegriffen und kein germanisches Heer war im Anmarsch auf das römische Sommerlager. Was allerdings auch nicht nötig war, denn man kam bekanntlich zu ihnen. Später, als alles vorbei war, die Knochen unbestattet in der Sonne bleichten und sich die finsteren Prognosen bewahrheiteten, sah man Segestes mit anderen Augen. Da war man beladen mit einer gehörigen Portion an Selbstvorwürfen und erinnerte sich bitter an alle seine Hinweise zurück. Aber da lag das Kind im Brunnen und jeder rief aus „Warum haben wir damals nur nicht auf Segestes gehört“. Man erkennt unschwer, dass die Aufarbeitung der Varusschlacht Geschehnisse einen umfassenden Komplex berührt, den die alten Schriften auf den ersten Blick nicht erkennen lassen. Erst die Detailanalyse in Verbindung mit vielen logischen Schlussfolgerungen öffnet uns die Augen. Vielleicht müssen wir uns innerlich von lieb gewonnenen Vorstellungen verabschieden und unsere Querdenker Flexibilitäten von Grund auf aktivieren. Die Schlacht als solches war demnach für Varus keine Überraschung. Überraschend kam für ihn nur, wie sie sich aus dem Nichts aufbaute, wie sie ihre unbändige Eigendynamik entwickelte, sich die Rahmenbedingungen ins Nachteilige drehten, wie stark der germanische Widerstand ausfiel und wie erfolglos letztlich seine Legionen operierten bzw. dem Feind gegenüber standen. Die Götter hatten sich gegen sie gewendet. Das Varus mit Arminius auf der gegnerischen Seite zu rechnen hatte, wurde ihm angekündigt. Aber um Einschreiten zu können waren ihm diplomatisch die Hände gebunden. Er hoffte bis zuletzt, die Arminen wären am Aufruhr nicht beteiligt (8.5.2019)
Paterculus 118. (3 + 4) berichtet über Segestes
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In der Kurzform:
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Arminius habe den Zeitpunkt für den Hinterhalt festgelegt und darüber hinaus noch, dass dies dem Varus von Segestes hinterbracht wurde.
In der Übersetzung ist zu lesen:
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Also weihte er (Arminius) anfangs nur wenige, dann aber mehrere in seinen Plan ein; er behauptete und überzeugte sie davon, dass die Römer überwältigt werden könnten, ließ diesen Beschlüssen sofort Taten folgen und setzte den Termin für den Anschlag fest.
Varus wurde das durch einen treuen und vornehmen Mann aus jenem Stamm namens Segestes aufgedeckt.
Aus dem lateinischen Originaltext
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primo igitur paucos, mox pluris in societatem consilii recepit opprimi posse Romanos et dicit et persuadet, decretis facta iungit, tempus insidiarum constituit.
Id Varo per virum eius gentis fidelem clarique nominis, Segesten, indicatur. postulabat etiam
Präziser, eindeutiger und unmissverständlicher lässt es sich kaum in Worte fassen, wie es ein Zeitgenosse von Varus nämlich Velleius Paterculus damals tat. Man kann und muss also daraus sogar schließen dürfen, dass Varus aus dem Munde von Segestes nicht nur über den Hinterhalt bzw. den Zeitpunkt, also den „Tempus“ was Zeit, Dauer, Lage, aber auch den Zeitraum und die Zeitspanne umfasst, bestens informiert war. Er erfuhr von ihm auch noch vieles mehr, was über den geplanten Hinterhalt und den „Tempus“ hinaus ging. Zumindest wusste Varus all das, was auch Segestes wusste. Denn wer über Hinterhalt und Tempus aussagefähig ist, der müsste auch noch mehr gewusst haben. Daran haben wir uns zunächst einmal zu orientieren. Allerdings gibt es noch eine andere Sichtweise zu dem Wissenstand von Varus auf die ich im nächsten Kapitel eingehen möchte, dass sich mit der Person des Segestes beschäftigt. Fortan gilt es also bei taktischen Überlegungen zur weiteren Vorgehensweise des Varus die Überlieferung von Paterculus im Hinterkopf zu behalten. Varus könnte also immer auf der Höhe des Wissenstandes gewesen sein, den auch Segestes besaß und das schon lange vor dem Abzug aus dem Sommerlager. Ihm kamen also möglicherweise weitaus mehr Details zu Ohren, als seine damalige Lage uns aus heutiger Sicht erkennen lässt. Basierend auf diesem Wissensstand ist es schwer vorstellbar, dass die altbekannte Vorstellung einer urplötzlich los brechenden Schlacht die niemand erahnen konnte, im germanischen Regenwald den damaligen Tatsachen entsprach. Hier könnte man auch den Eindruck gewinnen, dass Cassius Dio wie es uns bei den Tacitus Schriften ebenso erscheint, auch die Überlieferungen des Paterculus gar nicht kannte oder nicht in seine Darstellung einfließen ließ. Demnach dürfte auch eine heftigere kriegerische Auseinandersetzung für Varus, immer und je nach Wissenstand des Segestes, oder dessen was er bereit war Varus mitzuteilen, für ihn keine sonderliche Überraschung mehr gewesen sein. Segestes der sicherlich an der Vertragsverhandlung mit Rom teilgenommen haben dürfte, wird und musste aus römischer Sicht natürlich auch als ein absolut loyaler Mann aus dem Stamm der Cherusker gegolten haben und so wird er auch beschrieben und von Varus behandelt worden sein, nämlich als ein treuer Mann der einen angesehenen Namen hatte. Und sicherlich verfügte Segestes zumindest anfänglich auch noch über genügend Schwertgenossen die ihm familiär, freundschaftlich oder aus anderen Interessen heraus betrachtet verpflichtet waren. Denn am Vorabend der Ereignisse konnten Segestes und seine Männer noch zuversichtlich sein, bald die Herren über das ganze Territorium der Cherusker zu sein und so konnte er sich noch auf viele Gleichgesinnte gestützt haben. Er dürfte sich also zu diesem Zeitpunkt noch auf eine ansehnliche Gefolgschaft gestützt haben, die zwar geringer war als die der Arminen aber immer noch beeindruckend und präsent. Sein Machtbereich, den ich zwischen Einbeck und dem Harzvorland sehe war nach Osten orientiert und die dortigen Bewohner verfolgten naturgemäß nicht die Interessen der Wesercherusker. Segimer könnte den Herrschaftsbereich in den nördlich angrenzenden, fruchtbareren und waldärmeren Regionen inne gehabt haben die auch bevölkerungsreicher waren und mehr Kämpfer aufbieten konnten. In Flavus dem auf römischer Seite stehenden Sohn seines Widersachers Segimer hatte Segestes zudem einen Partner im unmittelbaren Familienverband des Segimer und konnte sich aufgrund des cheruskisch/römischen Vertrages vor der Varusschlacht auch noch auf ein breiteres pro Römisches Bündnis stützen. Zudem diente sein Sohn Segimund als Priester in Köln, so dass seine Stimme mehrfach Gewicht unter den Cheruskern besaß. Varus hatte also in Segestes einen äußerst zuverlässigen und vertrauensvollen Mann, der ihn nicht anlügen würde. Es muss in jenen Tagen ein hin und her an Informationen aus den jeweiligen Lagern heraus gegeben haben und Arminius wusste genau wie Segestes über Mittelsmänner auch immer von den Strategien des anderen. Man beobachtete sich, sah jeden Schritt und alles Wissen beruhte auf Gegenseitigkeit und dem Gegner ließ sich nur wenig vorenthalten. Es galt nun vor den Augen des Varus für die beiden germanischen Konfliktparteien beider Fürstenhäuser die Geschehnisse im Vorfeld der Schlacht in ihrem jeweiligen Sinne für sich zu beeinflussen. Varus soll also nach Paterculus sogar den Zeitpunkt gewusst haben, wann der Hinterhalt statt finden sollte. Zeitpunkt kann natürlich nur auf einen groben Hinweis hindeuten, denn Tag und Uhrzeit wird hier wohl nicht gemeint gewesen sein. Varus war jedenfalls im Bild konnte die Situation in seinem Sinne für sich nutzen und seine weiteren Schritte abwägen. Er besaß schließlich eine stattliche Anzahl gut ausgebildeter Legionäre auf die er setzte und meinte sich auf sie verlassen zu können und hatte wohl auch ausreichend Zeit für das Entwerfen von Szenarien, für seine Bewertungen, Einschätzungen und militärische Sandkastenspiele gemeinsam mit seinem Führungsstab. Denn derartige Kommunikationen wie sie zwischen Segestes und ihm abliefen, wenn auch zeitweise nur auf der Ebene von Flüstertönen hinter vorgehaltener Hand dürfte Varus gut verstanden haben. Einen Arminius der nun voll in Verdacht geraten war bzw. stand da er von Segestes in einen solchen gerückt wurde, nämlich mit Gegnern Roms also mit Aufrührern gemeinsame Sache zu machen, konnte sich Varus in den Augen aller Mitwisser nicht leisten. Und davon gab es inzwischen recht viele. Andererseits aber war Arminius seit seiner Rückkehr auch der neue starke Mann auf cheruskischer Seite und das machte die Lage für Varus brisant. Einen Mann der die Emotionen, also die Herzen der Cherusker im Gegensatz zu Segestes auf seiner Seite wusste, ihn durfte er wiederum nicht brüskieren, solange ihm nicht genügend Beweise vorgelegt werden konnten und die hatte Segestes offensichtlich nicht. Er musste nach dem berühmten diplomatischen Mittelweg suchen. Er durfte also auch Segestes nicht vor aller Welt mehr glauben schenken, als Arminius dem zuverlässigen und bewährten Anführer in römischen Diensten. Einem Mann, dem er aber fortan skeptisch gegenüber stehen und dem er misstrauen musste. Segestes ernst nehmen, aber gleichzeitig Arminius seine Zweifel an ihm nicht spüren lassen, war für ihn eine Herausforderung und das Gebot der Stunde. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet arbeitete er an seiner Taktik. Er musste den richtigen Weg finden um die Aufstandspläne zu nichte zu machen, ihn im Keim zu ersticken, also nieder zu schlagen, alle Rädelsführer dingfest zu machen um dann in die Winterlager einzurücken und ein befriedetes Germanien zu hinterlassen. Man könnte sich nun also auch die Frage stellen, wer denn hier wem die bessere Falle stellen konnte oder gestellt hat. Varus, dem Arminius mit dem sicheren Wissen darum seine Pläne zu kennen, ihn aber in dem Glauben lassend, es würde alles so verlaufen, wie er es mit seinen Arminen durchgeplant hatte. Oder Arminius in dem er Varus unbeirrt mit seinen Legionen sein Ziel ansteuern ließ, obwohl er also Arminius genau wusste, dass Varus ihn durchschaut hatte und auch seine Pläne kannte. Beide wussten von jedem viel, aber nicht alles und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen war damals die Kriegskunst. Beide mussten sich wie die Stärkeren und Überlegenen gegenüber dem anderen Part fühlen, denn jeder wusste ja vom anderen alles, und wer wie im Schach am Besten die Züge des anderen voraus denken konnte, war am Ende der Gewinner. Arminius hatte jedoch einen großen Vorteil. Denn er kannte die Stärke besser gesagt die Schwachstellen der römischen Armee, aber Varus kannte nicht die Schlagkraft der Germanen die Arminius in seinem Rücken aufgebaut hatte. Und die kannte auch Segestes nicht in vollem Umfang. Aber eine Schlacht ist kein Brett- und kein Sandkastenspiel und wer wollte da schon wissen, wer von Beiden die besseren Karten haben würde. Eine Schlacht, die die Götter entschieden haben, könnte man meinen, denn Menschen konnten hier in den Augen vieler Germanen allein nicht am Werk gewesen sein. Eine Taktik der zwei aufeinander zu fahrenden Lokomotiven die letztlich für Varus nicht auf ging, weil er sich verschätzte und den Moment verpasste im richtigen Augenblick noch rechtzeitig die Weichen umzulegen. Bei alledem und das ist verständlich, wollte Varus sich, also seine eigene Person natürlich keinem unnötigen Risiko für Leib und Leben aussetzen. Er musste sich also seiner Sache sehr sichern gewesen sein, unbeschadet aus dem Konflikt heraus zu kommen. Aber wissentlich einen oder mehrere Aufrührer innerhalb der römischen Armee also mitten unter sich zu wissen und zu dulden, war auch für Varus kein Kavaliersdelikt. Man hatte ihm dies nach seinem Tod oft genug zum Vorwurf gemacht. Trotzdem ließ er Arminius in seinem Umfeld wirken und ließ ihn sogar später davon reiten, also mehr oder weniger entkommen. Er entschied sich also insgeheim, die Warnungen des Segestes aus taktischen Gründen zu ignorieren und ließ die Sache auf sich zu kommen. Er ermöglichte dem bzw. den Aufrührern die Flucht in der Hoffnung, seine Taktik wäre die bessere und er stünde am Ende als Gewinner da. Varus brauchte keine Nachhilfe, er kannte sich mit Aufrührern bestens aus. Denn vergessen wir hier nicht, dass sich Varus noch wenige Jahre zuvor in einer Region und an einem Orte aufhielt, wo sich auch ein Römer aber mit Namen Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld wusch. Und Varus wusste daher nur zu gut, welche Strafe Aufrührer im römischen Reich zu erwarten hatten bzw. welche Strafe er als oberster Richter gegen die Arminen auszusprechen hatte. Konnte er sich das gegen die Cherusker weit ab vom Rhein auf deren Stammesgebiet leisten. Er wusste nach dem Hinweis bzw. den Hinweisen von Segestes, dass Arminius und Segimer als Drahtzieher hinter dem Aufstand standen, so wäre dies vom Grundsatz her für Varus auch eine sehr gute Gelegenheit gewesen, sich von den Rom kritischen Kräften zu trennen. Er könnte Arminius vor aller Augen als Feind Roms Brandmarken und Segestes als dauerhaften Partner gewinnen, ihn festigen und als Fürst inthronisieren. Aber er konnte es definitiv nicht riskieren. Er begab sich daher mit seinen Legionen demnach also mit voller Absicht in den vermeintlichen Hinterhalt um zu siegen und um somit klare Fakten zu schaffen. Einen Sieg den er brauchte um handlungsfähig zu werden also Beweise zu haben, um danach die Arminen aburteilen zu können. Seinen kampferprobten Elite Legionen erteilte er also irgendwann den Befehl in die Gebiete der Aufständischen vorzurücken. Er persönlich hätte dann nach Beendigung der Kampfhandlungen genügend Beweise gegen Arminius zusammen getragen oder ihn möglicherweise auch schon während der Schlacht gefangen nehmen können. Hätte ihn an den Pranger stellen können, ihn des Verrats beschuldigt, also überführen können um ihn dann zu töten oder ihn nach römischer Sitte in Rom in einem Siegeszug als bezwungenen Gegner in Ketten vorzuführen. Es hätte für ihn keinen größeren Erfolg geben können, aber dazu brauchte er den Erfolg und den Beweis. Erst damit wäre der Front gegen Rom das Genick gebrochen worden. Dann war eben Segestes der neue starke Mann an der Weser und Varus konnte beruhigt an den Rhein ziehen, denn er hätte klare Verhältnisse in Ostwestfalen hinterlassen. Mangels überlebender Führungskräfte aus seinem Generalstab wissen wir von alledem natürlich nichts und Cassius Dio konnte nichts dergleichen berichten. Keine Senatsakten gaben darüber Auskunft, denn die wenigen Überlebenden waren niederen Ranges und wussten nur wenig darüber was der Generalstab in dieser Zeit wusste und plante. So konnten auch Cassius Dio und all die anderen nur spekulieren. Als Varus sich aufmachte zu den Aufrührern zu ziehen blieb Segestes an der Weser zurück und harrte der Dinge. Er ließ Varus in die Schlacht ziehen, an der er nach unserem Kenntnisstand selbst nicht teil nahm. An der Weser stand er aber mit seinem handverlesenen Aufgebot schon bereit und wartete auf die Nachricht vom Untergang der Cherusker und der beteiligten Stämme, um dann Varus im entscheidenden Moment loyal zur Seite springen zu können und um die Macht an der Weser als sein neuer Vasall und Unterstatthalter übernehmen zu können. Damit hätte Segestes sein Lebensziel erreicht, seine Position gestärkt und die Unbesiegbarkeit der römischen Armee war für alle sichtbar ein für allemal zur Tatsache geworden. Eine etwas weit her geholte mögliche Alternative wäre es noch gewesen, dass Arminius seine Unterlegenheit noch rechtzeitig erkannt hätte. Er hätte dann seine Taktik geändert, wäre den Legionen des Varus gegen die vermeintlichen Aufständischen möglicherweise zu Hilfe gekommen und mit Hilfe und Unterstützung seiner cheruskischen Reitern hätte man die Aufrührer unterworfen bzw. sie möglicherweise zum Schein in die Flucht getrieben. Arminius hätte sich als treu ergeben erwiesen und seine Haut gerettet. Dies hätte allerdings für Arminius einen schier unmöglichen Spagat bedurft, denn er hätte damit seine eigenen Stammesgenossen verraten und wie hätte er sie dabei alle schadlos halten sollen. Aber hatte Arminius überhaupt einen "Plan B". Wäre es aber tatsächlich so gekommen hätte Varus genau richtig entschieden, in dem er Arminius geglaubt hatte und nicht Segestes. Segestes wäre in diesem Fall als noch dazu unglaubwürdiger Verräter der in Ungnade Gefallene, und alle Cherusker hätten geschlossen hinter Varus und Arminius gestanden. Sicherlich nicht, denn diese Verhaltensweise hätte nicht zu Arminius gepasst und es ist daher ein kaum vorstellbares Szenario. Andernfalls hätte natürlich Arminius einen drohenden Untergang vor Augen das Schlachtfeld auch immer noch noch Hals über Kopf verlassen können um die Flucht zu ergreifen, wenn seine Taktik nicht aufgegangen wäre. Dann wäre es nie zu der uns bekannt gewordenen „Varusschlacht“ gekommen, sondern sie wäre möglicherweise als „Seditio bzw. Seditionem Cheruscorum“ also als ein lapidarer Cherusker Aufstand in die römischen Reichsannalen eingegangen. Varus wäre in beiden Fällen Gewinner und Herr der Lage gewesen, er musste eben einfach nur die Schlacht gewinnen. Aber es kam anders und ich möchte daher die Geschehnisse, wie ich es gerne praktiziere noch einmal etwas zurück drehen. Aber natürlich ohne dabei von den grundsätzlichen Zügen meiner Theorie abzuweichen. So ist anzunehmen, dass auf Varus in jenen Tagen vor dem Abzug die Ereignisse und Informationen nur so hernieder prasselten. Teils prallten sie an ihm ab, aber immer mussten sie von ihm angemessen bewertet und ernst genommen werden. Als Verwaltungschef einer sich selbst versorgenden Civitas mit integrierter Garnison bzw. großem militärischen Komplex bestimmte und prägte er das unmittelbare Leben von etwa 15.000 bis 20.000 Menschen, römisch, keltisch oder germanischer Gesinnung. Sozusagen als Bürgermeister und Militärgouverneur in einem und somit oberster Mann an der Spitze einer schon fasst Kleinstadt zu nennenden Ansiedlung trug er für alles Verantwortung. Alle und jede Neuigkeit ging über seinen Tisch, aber jene mit militärischem Hintergrund lagen ganz oben auf. Unser besonderes Interesse gilt der Rekonstruktion der letzten Stunden und Tage vor dem Aufbruch. So wissen wir natürlich nicht, wann Varus die erste Nachricht erreichte, dass die Gefahr einer Revolte bei einem germanischen Nachbarstamm bestand und wie sie ihm gegenüber konkretisiert wurde. Sie kam bekanntlich von Segestes, jenem Mann der an der Spitze eines rivalisierenden Clans innerhalb der Cheruskersippe stand und der mit Varus eng kollaborierte. Wir können uns also auch nicht vorstellen, wie viel Zeit Varus danach verblieb, um auf geeignete Weise darauf zu reagieren und sich mit dieser neuen und brisanten Lage vertraut zu machen. Genau von diesem frühesten Moment an, müsste man also im ostwestfälischen Generalstab der römischen Lippe/Weserarmee in einen Krisenmodus umgeschaltet haben. Fortan galt für sie eine Gefährdungsstufe und es bestand die Notwendigkeit diese richtig zu bewerten bzw. einzuschätzen. Eine Prozedur, die sich damals wie heute kaum voneinander unterschieden haben dürfte. Dazu gehört es auch immer den Informanten auf seine Glaubwürdigkeit hin abzuklopfen. Sein mutiges Verhalten Stammes interne Dinge auszuplaudern, brachte den Germanen zwar in die vorderste Position und er gewann im Römerlager an Ansehen und Bedeutung, er weckte aber auch Zweifel unter den Menschen, die bei ihm andere Beweggründe erkannten oder sehen wollten. Wann also erfuhr Varus das erste Mal aus dem Munde von Segestes, dass es Germanen gab, die sich mit revolutionären Absichten trugen. Geschah dies Monate, Wochen oder nur Tage vor dem Ausmarsch. Ob die ersten Informationen darüber kurzfristig, also nur wenige Tage vor dem Abzug aus dem Sommerlager in die römische Strategiedebatte einflossen, oder Varus schon länger über diesen bedrohlich wirkenden Kenntnisstand verfügte, macht hinsichtlich des Betrachtungswinkels auf die Ereignisse einen Unterschied. Und was bedeutet schon die Wortwahl „Warnung“. Was unternimmt man für gewöhnlich in der Position eines Feldherrn, wenn man vor Feinden im umliegenden Bereich und hier sogar schon fasst im Rücken gewarnt wird. Man verschafft sich einen Überblick über die Gefahrenlage, reitet möglicherweise mit dem nötigen Geleitschutz selbst hin, sendet eine Patrouille oder gar eine schlagkräftige Kavallerieeinheit aus. Man kann aber auch das diplomatische Gespräch mit den Aufrührern suchen um sie zu beschwichtigen bzw. um das Sinnvolle mit dem Notwendigen zu verbinden. Also wie hier nahe liegend den Rückzug zum Rhein nutzen, um sich bei dieser Gelegenheit vor Ort mit der Lage vertraut zu machen. Dies war aber aus gesamt strategischen Gründen heraus betrachtet nur deswegen überhaupt möglich, weil man nicht von einer unmittelbar bevorstehenden bzw. drohenden Gefahr einer militärischen Aktion des Feindes ausgehen musste. Und so machte man es dann bekanntlich auch. Man zog also in die Zone für die die Warnungen ausgesprochen wurden bzw. von wo aus man eine Gefahr erwartete. Segestes ist rhetorisch sicherlich bis an sein persönliches Limit gegangen und hatte demnach den ersten Teil dessen, was er für seine Informationspflicht hielt voll erfüllt, nämlich auf ein sich anbahnendes Risiko deutlichst hinzuweisen und auch eine Reaktion auszulösen. Aber er wollte wohl mehr, denn es reichte ihm nicht, dass die Legionen nur einen Umweg machten. Sie sollten wenn es nach seinem Wunsch und Willen ging vehementer gegen die Arminen vorgehen und dies nicht nur halbherzig, sondern massiv. Es musste in diesen Stunden im Zelt des Varus, ich vermute aber bereits die Existenz eines festen Holzgebäudes, eine explosive Stimmung geherrscht haben. Ein sich drohend gebärdender sich echauffierender Segestes der möglicherweise sogar im Beisein von Segimer und Arminius deren sofortige Verhaftung einforderte, war in der Tat eine Eskalation und eine Brüskierung für alle Seiten. Theoretisch betrachtet hätten sogar in diesem Moment Arminius und Segimer Hals über Kopf die Flucht ergreifen können, um einer Inhaftierung zu entgehen wenn sie erkannt hätten, dass Varus dem entsprechen wollte. Damit wäre die gesamte bisherige Bündnispolitik Roms an der Weser unmittelbar vor dem herbstlichen Rückmarsch ins Wanken geraten, wenn nicht sogar gescheitert. Es schien Segestes jedes Mittel recht gewesen zu sein, sich mit seiner Position selbst im letzten Moment noch durchsetzen zu wollen. Sogar seine Forderung, man möge doch die Elite der Cherusker einschließlich seiner eigenen Person in Ketten legen, gehörte ultimativ mit dazu. Alles schien im billig gewesen zu sein, um eine Revolte der Germanen gegen Rom im Keim zu ersticken. Aber selbst ein Kriegs Marschmäßiges Ausrücken der Legionen zu erreichen blieb ihm verwehrt, denn dazu hätte der Auszug der Überlieferung nach bekanntlich militärisch geordneter ablaufen müssen. Den Zug ins Rebellengebiet ging man aus seiner Sicht betrachtet nur unzureichend an, aber Varus wollte auch nicht so weit gehen die Führungsebene der Cherusker kopflos zu machen in dem er sie inhaftierte. Varus war sicherlich nicht dumm und hatte gute Berater. Es ist also durchaus denkbar, dass Varus dem Ausmarsch aus dem Sommerlager einen bewusst friedlichen Anstrich geben wollte um seine wahre Strategie möglichst lange zu verschleiern. Es sogar noch nicht einmal von der Hand zu weisen, dass Varus auch Segestes bis zum Schluss im Unklaren ließ wie er sich entscheiden würde. Varus ließ Arminius sogar mit seinem Gefolge mitreiten um die Harmlosigkeit aller Prophezeiungen zu unterstreichen. In dem Moment als Arminius die Legionen verließ um die Hilfskräfte zu mobilisieren stellt sich allerdings die Frage, wie Varus damit umgehen würde. Er wusste, dass er seinen Widersacher ziehen lassen musste, musste aber aufgrund der Warnungen von Segestes davon ausgehen, dass er nun seine Streitmacht gegen ihn heran führen würde. Von diesem Moment an stand die Frage der Glaubwürdigkeit beider Cheruskerfürsten im Raum. Es war die ultimative Nagelprobe, ob Varus sich in Segestes oder in Arminius getäuscht hatte. In dem Moment in dem Varus Arminius die Genehmigung erteilte seine Hilfskräfte zu mobilisieren war im klar, das es sich für Arminius als den Glaubwürdigeren von beiden entschied. Für den Fall, dass er sich geirrt haben sollte, musste er von Stund an mit einem germanischen Angriff auf seine Legionen rechnen. Doch dieser blieb am ersten Marschtag aus. Varus rückte ins erste Marschlager ein und befestigte es. Anderntags sah es der Plan vor, dass Arminius mit seinen Hilfskräften Varus ins Aufstandsgebiet folgen sollte. Am Morgen vor dem Abzug aus dem ersten Marschlager sah Varus keinen Grund nicht ins Gebiet der Aufrührer marschieren zu sollen, denn er erwartete in Kürze Arminius und sein Kontingent. Natürlich war die Forderung von Segestes ein überaus schlecht durchdachter Vorschlag. Denn den wesentlichen Adelspersonen der cheruskischen Führungsschicht allein schon aufgrund eines nah wie vor nur möglichen Gefahrenszenarios heraus brutal die Freiheit entziehen lassen zu wollen, sie also zu entmachten, wäre für alle Wesergermanen und darüber hinaus ein unvorstellbarer Akt der Erniedrigung und Entmündigung gewesen und hätte zu einem Eklat ungeahndeten Ausmaßes führen können. Segestes hätte sich denken müssen, dass er sich mit dieser Forderung bei Varus nicht durchsetzen konnte und er damit erheblich zu weit gehen würde. Denn allein dieses Verhalten hätte möglicherweise bereits einen Kampf herauf beschwören können. Selbst für einen Varus waren hier wohl die Schmerzgrenzen der Zumutbarkeit erreicht und er bremste die Wünsche von Segestes aus. Mehr noch, dieser in den Raum gestellten Vorschlag hätte Varus auch schon wie eine Einmischung in seine Machtbefugnisse und Untergrabung seiner Kompetenzen sehen können, was Feldherrn gar nicht so gerne haben. Dies verrät auch einiges über die charakterliche Eignung der Person des Segestes. Er konnte Varus zwar keine konkreten Beweise für eine Rebellion vorlegen und alles was er besaß war auf bloße Verdachtsmomente gestützt, aber trotzdem setzte er zuletzt alles auf eine Karte. Und auf diesen vagen Hinweisen basierend sollte Varus trotz seines grundsätzlichen Vertrauens Segestes gegenüber nun ein Exempel seiner Machtvollkommenheit statuieren, kaum vorstellbar. Hätte Segestes in dieser Phase Varus doch nur triftige Argumente in die Hand spielen können, er wäre nicht um eine Verhaftung der Arminen herum gekommen. Und alles noch kurz vor dem Verlassen seines Stützpunktes an der Weser. Andernfalls wäre es ein höchst verwerflicher und undiplomatischer Akt gegenüber einem bis dato vertragstreuen Germanenstamm gewesen, einem Stamm, der ihm bislang noch keinen Anlass geboten hatte restriktiv gegen ihn vorgehen zu müssen. Hinzu käme danach noch eine lange Phase der winterlichen Abwesenheit der Legionen samt ihrem Feldherr. Monate in denen sich jene Cherusker die man gerade noch in Ketten gelegt hätte, auf sich allein gestellt sahen. In denen sie sich aber loyal und vertragsgebunden verhalten und sich den Römern auch weiterhin verpflichtet fühlen sollten. Dies würde alles nicht zusammen passen und Varus erkannte die Lage sicherlich deutlicher als Segestes es wahrhaben wollte. Denn es ließe sich definitiv nicht damit vereinbaren, wenn man kurz zuvor noch die Fürsten dieses Stammes für eine unbekannte Frist eingesperrt hätte. Segestes bewies mit diesem Vorschlag ein sehr unsensibles Verhalten, was ihn als Stammesfürsten schon nahezu disqualifizierte. Aber vergessen wir nicht, dass Segestes dies aus der vollen Überzeugung heraus tat um eine Schlacht und möglicherweise eine Niederlage Roms zu verhindern, was ihn all dies übersehen ließ. Sein Problem war es nur, dies nicht klar genug beweisen zu können, denn dagegen stand sicherlich die Aussage der Arminen, die ihre Hände in völliger Unschuld wuschen. Soweit zum Sachstand. Das Wissen um die Länge der Vorwarnzeit macht einen gewissen Unterschied. Denn je länger sich Segestes bemühte bzw. je häufiger er mit seinen Sorgen bei Varus vorsprach und vorstellig wurde, bzw. fasst schon schwanger ging, je abgestumpfter und oberflächlicher könnte man auch von römischer Seite aus darauf reagiert haben. Denn jede Warnung könnte irgendwann wirkungslos bleiben bzw. sich abnutzen, wenn sie sich nicht bewahrheitete bzw. bestätigten ließ und was Segestes schuldig blieb. Aber hier könnten die Dinge auch anders gelegen haben, denn Segestes könnte und hat auch über tieferes Wissen verfügt. Dazu gehörte möglicherweise auch das Wissen darüber, wo sich der Gefahrenherd zusammen braute, denn er konnte Varus möglicherweise auch einen Hinweis darauf geben, welche germanischen Rädelsführer sich außer den Arminen noch hinter den Aufrührern verbargen. Und Varus soll ja bekanntlich sogar den Zeitpunkt gewusst haben. Varus entschied also aufgrund der Vorwarnungen diese Region auf dem in Bälde anstehenden Rückweg zum Rhein anzusteuern um nach dem Rechten zu sehen. Dieser Ablauf würde plausibel klingen, wenn es da nicht die viel beschworene Ungereimtheit gäbe. Nämlich den Hinweis, dass Varus offensichtlich nicht ernsthaft an die von Segestes vorgetragenen Warnungen glaubte. Denn Segestes musste seine Warnung tatsächlich noch ein weiteres Mal bekräftigen und wiederholen um bei Varus Gehör zu finden. Und selbst noch das letzte Gastmahl vor dem Aufbruch musste dafür herhalten, um Varus noch einmal an diese Gefahrenlage zu erinnern. Aber wir müssen über kreuz denken. Denn in der Tat gelang es doch noch dem Segestes den Feldherrn Varus zu überzeugen, ohne das dieser es aber erkennbar zum Ausdruck bringen durfte. Auch so kann man es sehen. Es schien für alle und nicht nur die späteren Historiker so, als ob Varus es selbst am Vorabend des Rückzuges noch nicht einmal für nötig hielt den Worten von Segestes glauben schenken zu wollen. Aber Varus schwenkte letztlich doch noch auf die Position des Segestes um in dem er sich entschied, sich nun ungeachtet aller anderweitigen Überlegungen doch noch im Sinne der Warnungen des Segestes zu verhalten. Er ließ sich die Entscheidung vielleicht auch bewusst lange offen um einem möglichen Feind die Vorbereitungszeit auf einen Angriff zu verkürzen bzw. deren Strategie zu durchkreuzen. Schließlich müssen wir uns mit unseren Überlegungen immer wieder in die Denkvorgänge eines Feldherrn damaliger Zeiten versetzen. Auch wenn sein Plan die Aufrührer nieder zu werfen schon viel früher festgestanden haben könnte, musste er dies nicht sofort gegenüber seinem ganzen Umfeld verlauten lassen. Denn er wusste wie schnell auch der Feind davon erfahren könnte. Varus ließ die Katze daher vielleicht auch bewusst erst kurz vor dem Ausmarsch aus dem Sack und täuschte in dem er die Frauen und Kinder anfangs noch im Zug mit führte sehr lange einen routinemäßigen Rückzug zum Rhein vor. Erst spät beruhigte er also alle umstehenden mit seiner Entscheidung, nun doch den Rückweg durch das Rebellengebiet antreten zu wollen um sich der angedrohten Gefahr zu stellen und nahm das Angebot von Arminius gerne an Verstärkung zu beschaffen. Diesem Szenario liegt die Annahme zugrunde, Segestes hatte recht, Varus glaubte ihm, es lag in der Tat ein Aufruhr in der Luft. Aber Arminus und Segimer waren nicht die Rädelsführer dieses Aufstandes. Sondern es handelte sich um eine unabhängige Rebellion an der der weder Segimer noch Arminius beteiligt waren. Und die Informanten von Segestes waren für Varus nicht glaubwürdig genug. Das musste doch genügen, was sollte Varus also noch tun. Damit erübrigte sich auch die Frage, wie man im römischen Generalstab die Glaubwürdigkeit eines Segestes einstufte. Man nahm ihn letztlich ernst und handelte entsprechend. Zwar nicht so militant wie Segestes es sich druckvoll erhoffte, aber immerhin plante man nun einen großen Schwenk, beließ es aber dabei und legte Arminius und Segimer vorher auch keine Fesseln an. So gelang es Segestes zwar nicht alle Register zu ziehen und es Varus plausibel zu machen, in welch konkreter Gefahr er und seine Politik schwebten, aber er hatte sein Möglichstes getan und konnte auch einen gewissen Erfolg verbuchen. Nun aber setzten alle auf die Schlag- und Kampfkraft der Legionen der Auxiliareinheiten der germanischen Hilfskräfte und der Kavallerie. Die Äußerungen von Segestes gingen also nicht ins Leere und blieben nicht reaktionslos. Trotzdem vermied es Varus sich vorher selbst noch einen eigenen Überblick über die Lage vor Ort zu verschaffen und er sandte auch vor dem offiziellen Rückzug an den Rhein keine Delegation in die Aufrührerregion, weil er es nicht für nötig hielt. Er hätte es tun sollen. Es gab also jenen offensichtlich von Segestes ausgelösten Umdenkungsprozess bei den Römern bzw. bei Varus der ihnen irgendwann einmal klar machte, dass man sich doch mal in der kritischen Region blicken lassen musste. So hatten die Warnungen des Segestes am letzten Abend doch noch gefruchtet oder es könnte sogar neue Hinweise gegeben haben die seine Äußerungen stützten, die wir aber nicht kennen. Denn nun entschied man wohl doch schon am Vorabend und nicht erst mitten im Verlaufe des ersten Rückzugtages den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Der von einem germanischen Fürsten vorgebrachte Wissensstand, auch wenn dieser einer weniger einflussreichen Führungsriege angehörte, könnte und hat dann doch noch eine gewisse Unruhe unter Varus und seinem Stab entfacht. Der Rückmarsch zum Rhein bedingte aus logistischer Sicht betrachtet zahlreiche Vorbereitungen. Längerfristig geplante und somit ausgereifte Rückzugstrategien umzusetzen liefen natürlich mit einer gewissen Routine ab. Eine kurzfristig geänderte Rückzugroute für die man sich erst nach dem letzten Gastmahl entschied, also die Aufrührerregion in das Marschgeschehen nun mit einbeziehen zu wollen bzw. zu streifen entwickelt einen anderen Charakter. Gleich einer Art Ad hoc Aktion aus dem stegreif heraus nehmen derartige Unternehmen oftmals einen anderen Verlauf. Da keine anderen warnenden Stimmen im Vorfeld bekannt wurden, hat letztlich Segestes diesen Umweg erst ausgelöst und damit eigentlich auch den Ausgang mit zu verantworten gehabt. Kein Segestes – kein Umweg – keine Schlacht ? Varus soll jedenfalls mehrfach von Segestes und das sogar noch bei seinem letzten Gastmahl gewarnt worden sein, was wiederum für einen längeren Vorwarnzeitraum spricht. Varus könnte sich aber auch schon sehr viel früher für einen Zug ins Rebellengebiet entschieden haben wie ich annehme und hatte mit seiner Entscheidung wie ich spekuliere hinter dem Berg gehalten. Segestes drang also am Vorabend nur noch mal zusätzlich darauf, dass Varus sich also definitiv auch auf eine möglicherweise heftige Schlacht vorzubereiten hatte. Auch das würde passen. Segestes nahm man also viel früher ernst und er nutzte den letzten Abend nur noch mal, um seine Sorgen zu bekräftigen. Denn er selbst blieb ja zurück, nahm weder am Zug an den Rhein noch ins Rebellengebiet teil. Er gab ihnen also noch mal einen guten Ratschlag sozusagen mit auf den Weg. Demnach verlief der Rückzug also nicht unter möglicherweise ungeordneten und auch keinen hektischen Bedingungen ab, sondern konnte sorgsam angegangen werden. Unter einem Aufruhr so wie ihn uns die antiken Historiker dargestellt haben, konnte man sich in der damaligen Zeit und können wir uns auch heute vieles vorstellen. Menschen reagieren, wenn sie mit ihren Lebensumständen unzufrieden sind unterschiedlich. Ein Ärger kann auch mit dem Verhalten der eigenen Landsleute zu tun haben, aber hier klingt es nicht nur danach, als ob sich etwas gegen eine ungewollte Obrigkeit zusammen braut, sondern es gibt auch deutliche Hinweise, die dafür sprechen. Da wir nicht wissen wie Segestes die Lage bei den Aufrührern Varus gegenüber konkret begründete bzw. beschrieb, haben wir auch keinen näheren Kenntnisstand darüber was sich genau im Unruheherd zugetragen haben soll bzw. wie man es darstellte. Was uns ebenfalls rätseln lässt, ist immer die Frage, ob Varus überhaupt jemals etwas über eine Rebellion oder gar einen Volksaufstand aus dem Munde der Segestes Rivalen Arminius oder Segimer erfuhr. Hätten nicht auch von dieser Seite warnende Stimmen laut werden müssen. Sicherlich ja, aber doch nur dann, wenn es auch etwas gab, vor dem man die Römer hätte warnen müssen oder wollen. Aber auf diese Taktik bin ich in einem separaten Kapitel eingegangen. Denn Arminius durfte die von ihm eingefädelte Gefahrenlage weder hoch kochen noch durfte er sie herunter spielen. Ein Hochkochen hätte bei Varus eine deutliche militärisch starke Antwort heraus gefordert, ein herunter spielen, hätte Varus aber möglicherweise ganz davon abrücken lassen, überhaupt die Rebellenregion aufzusuchen. Oder er hätte nur seine Kavallerie damit beauftragt für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Varus konnte nicht ahnen, dass es die Absicht der Arminen war nach Möglichkeit alle drei Legionen auszuschalten. Beide Szenarien wären für die Taktik von Arminius fatal gewesen. Vielleicht überließ es Arminius daher auch lange Zeit seinem Widersacher Segestes die Gefahr eines Aufruhrs gegenüber Varus an die Wand zu malen und er konnte sich selbst bedeckt halten. Als vermeintlicher Rädelsführer sollte man vielleicht nicht auch noch unbedingt derjenige sein, der den Feind mit der Nase darauf stößt. Letztlich musste es aber Varus erfahren, denn er sollte ja schließlich in diese Falle laufen und dazu musste er auch wissen, wo sie sich auftat, also welchen Rückzugsweg er dazu einzuschlagen hatte. Arminius trieb ein gefährliches Spiel und musste auch immer der Möglichkeit Raum geben, noch alles abbrechen zu können um zu verhindern, dass sich die Dinge nachteilig entwickelten. Wie er dies hätte anstellen sollen bleibt sein Geheimnis. Eventuell nutzte Arminius in dieser Phase auch indirekt Segestes als einen Erfüllungsgehilfen für seine Pläne. Arminius hätte zum Beispiel die sorgenvollen Warnungen von Segestes abwiegeln und als unbegründet darstellen können, wenn dies zu seinem Plan gepasst hätte. Er hätte sie aber auch genauso so überaus ernst nehmen können und wie Segestes es auch tat zum Handeln aufrufen können. Er musste also mit dieser Situation äußerst geschickt und talentreich umgegangen sein um in dieser alles entscheidenden Phase keine Fehler zu machen. Dazu fügte es sich sehr gut, dass sich Arminius auf Druck der von Segestes beschriebenen Lage großmütig bereit erklärte, sicherheitshalber noch zusätzliche germanische Hilfstruppen zur Verfügung zu stellen. Auch so kann man es darstellen. Hier kommt auch die Frage nach dem Machtbereich eines „segestischen Fürstenhauses“ ins Spiel. Wo waren in dieser äußerst kritischen Phase die Schwertgenossen des Segestes, als es darum ging germanische Hilfstruppen hinzu zu ziehen. Segestes hätte mit einem ähnlichen Angebot basierend auf seinen eigenen Männern bei Varus punkten können. Diese Frage lässt sich damit beantworten, dass sich westlich des Weser nicht das Stammesgebiet des Segestes Clans ausbreitete. Ich hatte es weiter östlich im Raum um Einbeck und Vogelbeck verortet. Aber hier um Höxter und westlich von Corvey besaß Segestes keine Hausmacht. Hinzu kommt, dass sich Männer von Segestes später bei Germanicus rühmten in der Varusschlacht römische Waffen erbeutet zu haben und sogar sein eigener Neffe nicht auf seiner Seite stand. Segestes konnte sich also in seiner Unterstützung für Varus gar nicht auf alle seine Männer verlassen, sie ihm also auch nicht anbieten können. Außerdem hatte ich den Gedanken verfolgt, dass Segestes die Aufgabe hatte an der Weser die Stellung zu halten, wenn sich die Botschaft vom für Rom siegreichen Ausgang der Varusschlacht ausgebreitet hätte. Wie sich das von Segestes als drohend beschriebene Trauma einer möglichen Rebellion entfalten sollte, wissen wir nicht. Segestes verkaufte es Varus gegenüber jedenfalls als absolut glaubwürdig, was die zahlreichen und offensichtlich hartnäckig vorgetragenen Warnungen von ihm unterstreichen. Alles deutete darauf hin, dass er Informanten hatte, die über tiefere und weiter gehende Details verfügten, sonst hätte er nicht so überzeugend auftreten können. Bekanntlich nahmen selbst seine eigenen Männer an der Varusschlacht auf Seiten von Arminius teil, die ihm sicherlich den Grund ihres Wegzuges auch vorher mitgeteilt hatten. Frei nach dem Motto, „geh doch mit Segestes jetzt zeigen wir dem Varus mal wo die Harke hängt“. Vielleicht mit ein Grund dafür mit einigen Informationen gegenüber Varus zurück haltend zu sein. Interessant, aber bei dieser Betrachtung nebensächlich ist und bleibt aber immer noch die Frage wie man den Aufruhr begründet hatte. Arminius benötigte zur Umsetzung seiner Taktik einen germanischen Stamm am Rande römischer Einflusssphäre, der die zukünftige Lage genauso grau in grau sah wie er. Ein Stamm der entfernter angesiedelt sein musste, um die Routenänderung zu rechtfertigen und gleichzeitig einen Stamm, der ebenfalls befürchten musste, dass ihn auf kurz oder lang von römischer Seite ein unredliches Vertragswerk unterbreitet werden könnte, was man vermeiden wollte. Die großräumige Unzufriedenheit der Germanen mit der römischen Besatzungspolitik ist hinreichend überliefert. Allein daraus einen sich anbahnenden Konflikt abzuleiten und dieses Szenario Varus glaubhaft zu machen ist daher nahe liegend. Was Segestes allerdings konkret über den Ablaufplan wusste bzw. über ihn und somit auch gegen Arminius in der Hand hatte, ist nicht überliefert, obwohl sein Wissen über den Zeitpunkt wie es Paterculus hinterließ Rätsel aufgibt. Er erkannte hinter allem nur seine Stammes internen Konkurenten als die Urheber und Drahtzieher die es unbedingt noch rechtzeitig vor dem Aufbruch dingfest zu machen galt, um die Köpfe der Rebellion auszuschalten, sonst schienen es nur vage Behauptungen gewesen zu sein. Ob er selbst wusste, dass es sich bei diesem so genannten Aufruhr lediglich um ein vorgeschobenes Lockmittel der Arminen handelte, es also nur um ein vorgetäuschtes Manöver ging, ist nicht bekannt. Was wusste also Segestes bzw. was könnte er gewusst haben und wie weit reichte sein Informationsstand. Konnte er möglicherweise wissen, dass man im Rebellengebiet schon Tage vor dem Rückzug dabei war germanische Kämpfer zusammen zu ziehen. Kämpfer die man schon an der voraus bestimmten Zugtrasse positionieren wollte. So detailliert sicherlich nicht, denn damit begann man germanischerseits frühestens an dem Morgen, als die Legionen ihr Sommerlager verließen, denn dieser Zeitpunkt war allgemein bekannt. Die Varusschlacht ist anfänglich vorstellbar wie ein Rebellenangriff aus dem Unterholz und dürfte erst im weiteren Verlauf zu schlachtartigen Zusammenballungen geführt haben. Ein Aufruhr wie man ihn den Römer verkündet hat zeigt natürlich andere Merkmale. Diese suchte mal allerdings vergeblich auf dem infrage kommenden Streckenabschnitt, denn da „rührte niemand was auf“. Alles sichtbare das für einen Aufruhr spräche, oder auf einen Aufruhr hinweisen würde, hätte man also von der Anlage her grundsätzlich vergeblich gesucht. Man hätte keines von alledem ausmachen können, da die Germanen bekanntlich nicht kaserniert waren. Jeder Römer aber auch Segestes, hätte er sich denn in den Tagen davor persönlich in der Region umgeschaut, ihnen wäre wohl nichts Auffälliges aufgefallen. Alles was ihnen zu Ohren gekommen wäre, wäre lediglich verbaler Natur gewesen, über greif - und vorzeigbares verfügte Segestes nicht. Im Aufrührergebiet herrschte wohl völlige Ruhe und es brannten dort beileibe keine Hütten, auf die er hätte verweisen können. Alles verlief nach dem Grundsatz einer gewissen Ruhe vor dem Sturm und die spürt ein Außenstehender in der Regel nicht. Schon gar nicht ein Segestes, den man dem gegnerischen Lager zurechnete. Selbst ein Segestes konnte keine Hinweise auf eine Falle vermuteten oder liefern, und schon gar keine Revolution erkennen, die gegen Varus im vollen Gange war. Allerdings kannte Segestes die germanischen Angriffstaktiken, aber die kamen relativ unorthodox zur Anwendung und waren schwer kalkulierbar. Er wusste nur, das auf Varus irgendwo und irgendwann eine äußerst brenzlige Lage zukommen würde, wie auch immer sie geartet war. In Ostwestfalen harrte man unterdessen der Dinge. Aber auch die Informanten von Segestes werden gut daran getan haben, ihm nicht ihr ganzes Wissen preis zu geben, denn jeder der zuviel wusste begab sich in diesen Tagen in Gefahr, wenn er später nicht auf der Gewinnerseite stand. Segestes hätte vielleicht doch mal hin reiten sollen, besser gesagt müssen, um sich ein Bild vor Ort machen zu können. Aber wie hätte die Anwesenheit eines Segestes bei den Germanen links der Weser gewirkt. Es scheint also, als ob er alles nur aus der Distanz heraus bewerten konnte, sozusagen vom Hörensagen und das hörte sich für Varus nicht sonderlich plausibel an, auch wenn er später wunschgemäß die nötigen Register zog. Segestes verkaufte es gegenüber Varus als eine konkrete von den Arminen ausgehende und gesteuerte Gefahr und irgendwann musste Varus dann wohl doch noch eine Reaktion zeigen. Arminius hingegen stapelte tief, verschleierte die Gründe und ließ die Gerüchte gären, denn sie kamen seinem Plan alles unpräzise und haltlos darzustellen entgegen. Aber immer noch wissen wir nicht und werden es nie erfahren, wie und ob sich auch Arminius dazu gegenüber Varus jemals äußerte. Arminius bot jedenfalls germanische Hilfstruppen an, was erkennen lässt, dass er zu einem bestimmten Punkt in die Argumentation des Segestes taktisch einschwenken und es wohl auch letztlich musste, da es geraten schien gegenüber Varus möglicherweise einen deutlichen Beweis der Loyalität liefern zu müssen. Es ist auch denkbar, dass es die Ursprungstaktik von Arminius gar nicht vor sah, sich vom Marschzug abzusondern. Es könnte viel mehr nur ein Grund dafür gewesen sein, um Varus in Sicherheit zu wiegen in dem er vorgab seine Hilfskräfte zu mobilisieren. Hilfskräfte die auch ohne ihn den Weg ins Kampfgebiet gefunden hätten um ihm gegen Varus zu helfen. Ein plausibles Argument, denn um die römischen Abstellungen zu besiegen, kam es letztlich wohl nicht auf die Schar der Kämpfer an, die Arminius begleiteten, als er gemeinsam mit den Legionen das Sommerlager verließ. Jene Germanen, die die Abstellungen nieder kämpften hielten sich bereits frühzeitig in der Nähe dieser römischen Abteilungen auf und wussten demnach auch, wo sich diese befanden. Grundsätzlich dürfte es Arminius aus taktischen Gründen aber eher wie einen lokalen und von Rom unabhängig zu wertenden Putsch ausgesehen haben lassen. Denn eine direkt gegen Rom gerichtete und erkennbare Rebellion müsste Varus wie eine Kriegserklärung betrachten und hätte ihn völlig anders handeln lassen. Varus hätte dann die Cherusker wie eine Auxiliareinheit gegen einen anderen Germanenstamm einsetzen müssen. So wie es hier im Ernstfall auch vorgesehen war. Es soll sich wie inszeniert zunächst nur um einen entfernter wohnenden germanischen Stamm gehandelt haben, der rebellisch wurde. Den Aufruhr schilderte man also aus weiterer Entfernung um Varus zu motivieren sich dahin in Bewegung zu setzen. Danach soll er dann der Überlieferung nach auch auf andere germanische Sippen oder Stämme übergegriffen haben. Was aus Sicht der antiken Berichterstatter auch glaubhaft klingt, so jedenfalls auch die spätere Darstellung von Tacitus. Denn es artete letztlich in einen Schlagabtausch aus, an der rein zahlenmäßig betrachtet schließlich auch mehrere Germanenstämme beteiligt gewesen sein mussten um drei Legionen nieder ringen zu können. Der Aufstand weit ab vom standardmäßigen Rückzugskorridor entwickelte sich demnach möglicherweise in einer Region, in der sich bislang vom Grundsatz her noch gar keine römische Kolonisierung entfaltet hatte. In der sich die römische Provinzialisierung noch nicht übermäßig bemerkbar machte, wo man sich aber durch sie bereits bedroht fühlte. Eine Region in der auch keine „vertragstreuen“ und gebundenen Cherusker mehr siedelten und die auch noch gar nicht in einen engeren Kontakt bzw. in Berührung mit den römischen Aktivitäten an der Weser gekommen war. Eigentlich eine Region in der man noch gar nicht hätte gegenüber dem Imperium in Rage geraten und einen Aufruhr anzetteln können, weil deren negative Auswirkungen bis hier noch nicht sehr intensiv spürbar gewesen waren. Das man sich von von dort aus bereits gegenüber dem Imperium erzürnte bzw. erzürnen sollte, war der Gesamttaktik und der Motivation aller durch Arminius geschuldet. Alles zusammen betrachtet, dürfte es daher Segestes schwer gefallen sein bei Varus Gehör zu finden bzw. weit ab des Weges eine ernsthafte Gefahr für sich und seine Soldaten zu erkennen, denn was sollten die dortigen Bewohner schon für Probleme, geschweige denn mit Rom gehabt haben. Ich hatte in diesem Aufrührerstamm die Marser identifiziert, bei denen noch ältere Rechnungen offen standen. Ihre Wohnsitze vermute ich südlich ab Scherfede entlang der Diemel und möglicherweise auch um Haaren, Essentho und Büren bis zu den Grenzen der Chatten bzw. Brukterer. Ein Stamm auf den mehrere Faktoren zutreffen. So auch der später von ihnen zurück eroberte Adler einer an der Schlacht beteiligten römischen Legion. In diesen Teil Ostwestfalens aber auch schon Nordhessens war also nach meinem Dafürhalten das römische Leben noch gar nicht so tief durch bzw. eingedrungen und nicht so präsent wie an der Lippe sowie zwischen Anreppen und Höxter bzw. nördlich bis Herford. Der Aufruhr wurde von Arminius sicherlich bewusst nebulös geschildert, zumal er in der dargestellten Form nie existierte. Er durfte nie konkret werden und kann nach der Darstellung auch der Arminen noch gut und gern als eine stammesinterne, innere Zwistigkeit gegenüber dem Generalstab im Sommerlager dargestellt worden sein. So kamen eine Reihe argumentativer Pluspunkte für Arminius im Kampf um die Hoheit in der Frage nach der Glaubwürdigkeit zwischen ihm und Segestes zusammen. Vorteile die Varus bewogen haben könnten auch noch sehr lange an der Glaubwürdigkeit von Arminius festzuhalten und die ihn so gar bewogen Arminius noch weg reiten zu lassen. Sollte es also Aussagen von Arminius gleich welcher Art gegenüber Varus gegeben haben, so könnte er völlig andere Ursachen vorgeschoben haben. Ursachen, die also auch nicht unmittelbar etwas mit den römischen Interessen und deren Präsenz in Ostwestfalen zu tun gehabt haben mussten. Damit wurde aus Sicht der Römer die Gefahrenstufe erheblich abgesenkt und man konnte sich trotz der Warnungen des Segestes gelassener ins Aufrührergebiet hinein begeben. Der fiktive Aufruhr wogegen er auch immer gerichtet war, steckte jedenfalls als Segestes begann vor ihm zu warnen noch in einer frühen Anfangsphase und konnte daher von ihm auch nur unterschwellig vermittelt bzw. dargestellt werden. Es war ein Aufruhr bei dem man noch keine lodernden Feuer sah und sie auch nie sehen würde. Für Varus schwebte alles noch in einer Übergangsphase mit dem Potenzial einer gewissen Schlichtungsfähigkeit durch seine höchstrichterliche Person. Denn es ist überliefert, dass Varus bei ihnen bzw. unter ihnen eine Gerichtsverhandlung abhielt bzw. abhalten wollte, um sie anzuhören, zu befrieden, zu beschwichtigen, oder um ihnen wie auch immer eine Lösung für mögliche Probleme anzubieten. Den wahren Ernst der Lage zu erkennen blieb ihm sehr lange verwehrt. Ganz in der Rolle des Landesvaters aufgehend, wäre ihm dieses Verhalten zuzutrauen gewesen. Er wollte sich ein Bild machen um nach Möglichkeit per Gerichtsbeschluss bzw. Dekret die Sache einzudämmen und aus der Welt zu schaffen. Wir müssen uns also auch davor hüten anzunehmen, hier wäre schon früh die Varusschlacht bereits als die Ultima Ratio schlechthin, also als ein unausweichlich sich zuspitzendes bzw. sich frühzeitig hoch schaukelndes Endszenario erkennbar gewesen. Bei weitem nicht, denn aus römischer Sicht war eine Schlacht in den später angenommenen Ausmaßen in der Anmarschphase noch nicht absehbar. Ungeachtet dessen musste Varus trotzdem zwei Szenarien durchspielen um vorbereitet zu sein. Wir würden es heute, wie es damals auch die Römer taten die Gefahr einer größeren Auseinandersetzung etwas herunter spielen. Denn so dramatisch wie es Segestes sehen wollte, sahen es die Römer noch lange nicht. Denn die gemäßigte aber doch nüchterne Lagebeurteilung wie sie anzunehmenderweise Arminius gegenüber Varus zur Situation vor Ort bei den Aufrührern abgab, entsprach mit Abstand nicht dem, was Segestes daraus machte bzw. machen wollte. Denn auch die möglicherweise von Arminius ausgesprochenen Worte gaben es wohl nicht her, dass sich hier in Ostwestfalen das Imperium einer ernsthaften Herausforderung und Bedrohung gegenüber gestellt sah. Varus hätte falls es zwischen Arminius und Segestes eine volle Übereinstimmung in der Lagebeurteilung gegeben hätte, definitiv anders reagiert und entschieden. Er hätte umfängliche Kampfvorbereitungen getroffen und wäre unmittelbar nach dem Auszug aus dem Sommerlager vielleicht schon in einer disziplinierten Formation vorgerückt. Und er hätte sicherlich auch schon in dieser Phase den Frauen und Kindern einen besseren Schutz angedeihen lassen. Trotzdem wird er Vorkehrungen getroffen haben, denn er hatte erfahrene Militärs um sich. Und vor diesem Mix bzw. Hintergrund aus überzogener Schwarzmalerei von der einen Seite und sachlicher Gelassenheit von der anderen Seite aus betrachtet hatte Varus den Mittelweg zu finden. Aber Varus musste auch noch anderen Überlegungen Raum geben. Nämlich eine Interessenslage zu gewichten, die völlig anderen Motivationen folgte. Strategische Dinge die man so heute also im Nachhinein verkennen könnte, wenn man nicht wüsste, dass Varus auch über den Tellerrand hinaus blicken musste. Um es anders auszudrücken, in Rom war man Intrigen erfahrener. So könnte man hier aus Sicht der Römer auch ein germanisches Komplott hinter allem gesehen haben, dass in eine ganz andere Richtung abzielte. Nämlich ein gegenseitiges Ringen innerhalb der germanischen Führungsschicht um die Vorherrschaft, dass bereits imperiale Pläne bedrohte und berührte, die man sich nicht aus der Hand nehmen lassen wollte. Denn Rom gedachte in Ostwestfalen in den nächsten Jahren und darüber hinaus noch viele Dinge anzugehen und umzusetzen. Revolutionäres an Aufbauleistung von denen sich die meisten Germanen vielleicht noch gar keine rechten Vorstellungen machen konnten. Man sah im Zelt des Varus, nach dem Segestes die ersten Warnungen aussprach möglicherweise auch das Bedürfnis eines Mannes, der sich vor die rivalisierende Segimer Partei schieben wollte um mit römischen Zugeständnis allein die zukünftigen Geschicke des Cherusker Hauses lenken zu dürfen. Dies könnte Varus ebenfalls bewogen haben hinter seinen Äußerungen nur ein drittrangiges Ereignis zu erkennen, das man nicht über zu gewichten hatte. Ein Germane der sich Rom derart anbiederte und sich in den Vordergrund schob könnte selbst einem Varus verdächtig gewesen sein. Das es Segestes möglicherweise nicht gelang Varus eindeutig und frühzeitig voll für sich und seine Position zu vereinnahmen, könnte darauf zurück zu führen sein, dass Segestes das Format eines Arminius fehlte. Das beruhigende Angebot von Arminius sogar Hilfstruppen hinzuziehen zu wollen bzw. anzubieten wird dann alle Zweifel bei Varus beseitigt haben und auch ihn davon überzeugt haben nun doch mal im Süden nach dem Rechten zu schauen. Es wird ihm verdeutlicht haben, dass er nicht um einen Abstecher herum kommen würde. Schließlich kam diese Hilfszusage vom möglichen Aufrührer Arminius und nicht vom treuen Segestes und gewann dadurch an Gewicht. Die Augen von Varus hingegen waren in dieser Zeit wie angedeutet auf viele andere zukünftige von ihm zu treffende Entscheidungen gerichtet. Unruhen bei einem weiter entfernt liegenden Stamm besaßen für ihn nur am Rande eine Bedeutung. Unruhen wurden ihm zudem immer mal wieder gemeldet. Mal lagen sie näher mal weiter entfernt. Oft entpuppten sie sich aber als harmlose Familienfehden, oder andere kleinere Delikte, die er von seinem Richterstuhl im Sommerlager aus bereinigte. Sollte Varus etwa jedes Mal eine Legion entsenden nur um nachsehen zu lassen, was an den Gerüchten über Rebellionen oder ähnlichem wahr oder nicht wahr war. Er kam bekanntlich den Cherusker Germanen schon sehr weit entgegen in dem er ihnen seine Abstellungen anvertraute. Hörte man von Unruhen aus anderen Regionen so wurden diese zuerst einmal als belangloser eingestuft, wenn sie außerhalb der Interessensphären lagen. Wurden sie aber aus dem rückwärtigen Raum zwischen Weser und Rhein vermeldet, musste man sie schon ernster nehmen und nahm dafür wie im vorliegenden Fall dann auch einen Umweg in Kauf. Aber Varus schien es, als wollte Segestes und seine Männer ihn für ihre Ideen vereinnahmen und ihn möglicherweise für ihre Pläne und Vorstellungen instrumentalisieren. Varus hielt sie vielleicht sogar nur für die Visionen oder gar Wahnvorstellungen eines Macht besessenen kleinen Regionalfürsten. Hätte es keine Varusschlacht gegeben, ein Mann mit Namen Segestes wäre nie Berühmtheit erlangt und in keinen Annalen der Weltgeschichte aufgetaucht. In den Wochen davor gingen seine Warnungen in der Vielstimmigkeit des bunten Treibens unter. Und uns kamen sie auch nur zu Ohren, weil er damals der Mann war, der am Ende Recht behielt. Es waren zwar keine belanglosen Nichtigkeiten die Segestes hier zu bedenken gab. Es waren immerhin die ernsten Ansichten und Worte aus dem Munde eines angesehenen und als Rom freundlich geltenden Mannes. Aber auch der andere Teil des Bündnispartners mit dem römischen Ritter Arminius an seiner Spitze galt zu dieser Zeit noch als ausgesprochen Rom freundlich und vertrauenswürdig innerhalb des Fürstenhauses der Cherusker. An den Schilderungen des Segestes übte man sicherlich auch keinen direkten Zweifel, man glaubte ihm die Unruhen schon und respektierte ihn auch bis zu einem gewissen Grad, hielt sich aber auch selbst für stark genug diese Aufrührer in ihre Schranken zu weisen. Andernfalls hätte man die Arminen wie von Segestes vorgeschlagen samt ihm selbst in Ketten gelegt, was aber nicht geschah. Ungezählte andere Personen, Sippenälteste, Stammesführer, oder Gesandtschaften aber auch seine eigenen Leute taten es Segestes in diesen Tagen gleich, sie versuchten alle auf ihn Varus und seine Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Varus war unbestritten der starke Mann an der Weser und bei allen und jedem gefragt. Aber Varus trieben auch andere Sorgen um, als nur jener neuerliche kleine Zwist, der sich da im Süden aufzutun schien. Über die Sorgen die Segestes umtrieb oder die er vorschob zu haben, waren an der Weser möglicherweise früher oder später schon alle hinlänglich informiert. Doch alle seine Warnungen und übertriebenem Prophezeiungen nutzten sich irgendwann auch ab, zumal auf sie nichts Bedrohliches folgte. Keine Römer wurden auf ihren Versorgungszügen zur Lippe angegriffen und kein germanisches Heer war im Anmarsch auf das römische Sommerlager. Was allerdings auch nicht nötig war, denn man kam bekanntlich zu ihnen. Später, als alles vorbei war, die Knochen unbestattet in der Sonne bleichten und sich die finsteren Prognosen bewahrheiteten, sah man Segestes mit anderen Augen. Da war man beladen mit einer gehörigen Portion an Selbstvorwürfen und erinnerte sich bitter an alle seine Hinweise zurück. Aber da lag das Kind im Brunnen und jeder rief aus „Warum haben wir damals nur nicht auf Segestes gehört“. Man erkennt unschwer, dass die Aufarbeitung der Varusschlacht Geschehnisse einen umfassenden Komplex berührt, den die alten Schriften auf den ersten Blick nicht erkennen lassen. Erst die Detailanalyse in Verbindung mit vielen logischen Schlussfolgerungen öffnet uns die Augen. Vielleicht müssen wir uns innerlich von lieb gewonnenen Vorstellungen verabschieden und unsere Querdenker Flexibilitäten von Grund auf aktivieren. Die Schlacht als solches war demnach für Varus keine Überraschung. Überraschend kam für ihn nur, wie sie sich aus dem Nichts aufbaute, wie sie ihre unbändige Eigendynamik entwickelte, sich die Rahmenbedingungen ins Nachteilige drehten, wie stark der germanische Widerstand ausfiel und wie erfolglos letztlich seine Legionen operierten bzw. dem Feind gegenüber standen. Die Götter hatten sich gegen sie gewendet. Das Varus mit Arminius auf der gegnerischen Seite zu rechnen hatte, wurde ihm angekündigt. Aber um Einschreiten zu können waren ihm diplomatisch die Hände gebunden. Er hoffte bis zuletzt, die Arminen wären am Aufruhr nicht beteiligt (8.5.2019)
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Dienstag, 7. Mai 2019
An Segestes scheiden sich die Geister
ulrich leyhe, 23:44h
Nichts ist explosiver, als das was sich vor der Hitze einer jeden Schlacht oder eines Kampfes zusammen braut. Eine Phase in der die Nervosität langsam ansteigt sich aber noch nicht entladen kann. Und nichts ist komplexer als der Versuch einen Blick auf diese frühe Phase eines sich heran nahenden Gefechtes zu werfen um die Geschehnisse zu rekonstruieren. In den letzten Stunden und Tagen davor fallen Vorentscheidungen die später kaum korrigierbar sind. Bezogen auf die Varusschlacht fällt Segestes hierbei eine bedeutende Schlüsselfunktion zu, da er es war, der diesen Zeitraum durch sein fragwürdiges Tun stark mit beeinflusst und für Unruhe gesorgt hat. Allen damals mitwirkenden Gestalten die sich für uns wie vor einem diffusen Licht Schleier hin und her bewegen versuchen wir ein Gesicht zu geben um ihre Persönlichkeit dahinter besser erraten und verstehen zu können. Man versetzt sich wie in halb wachen Momenten in ihre Lage und wünscht sich, man könne noch einen ihrer Blicke auffangen. Das Verhalten und die Beweggründe von Segestes Varus vor seinem eigenen Germanenstamm warnen zu müssen, vor allem aber die Reaktion des Varus darauf gibt uns viele Rätsel auf. Wie immer ist es mein Ziel auch dieses und die folgenden Kapitel in denen ich mich mit Segestes beschäftige, wieder sehr umfänglich anzugehen in dem ich es von mehreren Seiten aus beleuchten möchte. Das bedeutet ich muss sie entführen in ein Labyrinth aus Argumenten und Gegenargumenten von denen am Ende "vielleicht" nur eines den Weg in die Varusschlacht kennt. Wenn Sie interessiert sind, nehmen Sie sich bitte die Zeit und versuchen Sie meine Gedanken mit zu denken. Im Zusammenspiel der Kräfte schien es so, als ob Segestes über den Weg des Verrats die Macht über Sieg oder Niederlage der Legionen in die Hände gespielt worden sein könnte. Unter der Vielzahl an Stimmen die sich damals bei Varus Gehör zu verschaffen suchten, war die des Germanen Segestes für Varus sicherlich eine der Aufdringlichsten aber auch jene, die bei ihm das meiste Kopfzerbrechen auslöste und in der Nachwelt hallten seine Worte noch besonders lange nach. Seine Untat an der vermeintlich guten Sache seiner Landsleute brachte ihm seither einen der vorderen, aber auch negativ besetzten Plätze in den deutschen und internationalen Geschichtsbüchern ein. Sein Verrat war für alle späteren Generationen unverzeihlich. Aber es gelang ihm nicht dadurch den Untergang der Legionen aufzuhalten bzw. zu verhindern. Wäre es ihm gelungen mit seinem Verrat das Blatt für Varus zu wenden, befänden sich in den Geschichtsbüchern, wenn es sie in diesem Fall überhaupt geben würde, diesbezüglich nur leere Seiten. Unser historisches Wissen über Segestes endet schlagartig mit den letzten Zeilen über ihn aus den Federn der antiken Historiker und danach kam nichts Neues mehr über ihn hinzu. Unsterblich machte er sich aber nicht nur mit dem, was wir über ihn schriftlich erfahren haben. Möglicherweise hat er auch in einer Schrift losen Zeit in alten Sagen und Legenden weiter gelebt und wir müssen darin nach ihm weiter suchen. So könnte seine dunkle Vergangenheit aus ihm einen bevorzugten Darsteller bei der Rollensuche nach Verrätern und Bösewichtern abgegeben haben. Aber auch auf den später die Bühne betretenden Nibelungen Hagen von Tronje dürfte dieses Image wie Mass geschneidert zugetroffen haben. In einer Zeit, als man sich zwischen dem 9/10. und 13. Jahrhundert wieder der alten Geschichten aus der Völkerwanderung und davor besann, schienen derartige Personen gut in die Prosa der Zeit zu passen. Will man sich also der Clades Variana nähern, führt kein Weg an diesem Segestes vorbei. Er war einer der beiden „schillernden“ Großfürsten über den wir im zerstrittenen Stammesgeflecht der Cherusker einiges erfahren haben. Er dürfte nach dem großen Krieg, also dem Immensum Bellum der im Jahre 5 + endete noch über eine respektierliche Hausmacht verfügt und daher bei den Vertragsverhandlungen mit Rom eine gewichtige Rolle gespielt haben. Eine Macht die aber in der darauf folgenden Zeit schwinden sollte, als sich die römische Besetzung Ostwestfalens zunehmend als problematisch erwies. Noch lange nach der Varusschlacht und bis zu seinem Tod, stand er auf der Seite seiner römischen Verbündeten, die ihm Schutz gegen seine eigenen Landsleute gewährten. Er war lange Zeit eine Stütze der römischen Machtpolitik an der Weser und ohne ihn hätte es möglicherweise eine römische Provinzialisierung auf cheruskischem Territorium und das auf anfänglich noch relativ friedlicher Basis in der Weser Region gar nicht gegeben. Segestes Macht und Einfluss durfte und wurde daher auch von keiner Seite unterschätzt. Er hatte seine Augen, Ohren und Informanten überall. Und seine internen Widersacher denen er sich mittels Verrat entledigen wollte, saßen im eigenen Stamm. Vor dem Ausbruch der Schlacht gingen ihm jedoch langsam seine Mitstreiter aus und er begann sich zu isolieren. Seine Antipathie gegenüber der anderen Fürstenfamilie aus dem Hause Segimer wuchs und dürfte rein persönlicher Natur also auf Machtgewinn ausgerichtet gewesen sein, denn Stammes interne Interessen bezogen auf seine eigene Sippe bzw. seine Verwandten werden nicht deutlich. Und das Anstreben einer gemeinsamen germanischen Zukunft in trauter Eintracht mit dem römischen Reich möchte man ihm auch nicht zubilligen bzw. abnehmen. Erst recht nach der von Arminius siegreich beendeten Varusschlacht veränderte und verschärfte, anders ausgedrückt spitzte sich das Verhältnis zwischen den beiden Fürstenfamilien im Cheruskerstamm noch weiter zu und sollte später im Zusammenhang mit seiner Tochter dramatische Ausmaße annehmen. Der ganze Stamm der Cherusker stand letztlich gegen ihn und nicht einmal seine eigene Sippe hielt geschlossen zu ihm. Es musste für Segestes daher eine besondere Schmach gewesen sein, als seine eigenen Männer Germanicus 15 + noch stolz die in der Varusschlacht erbeuteten Waffen vorführten. Hinzu kam noch, dass man anfänglich selbst dem Sohn seines Bruders Segimer, nicht zu verwechseln mit dem Vater von Arminius gleichen Namens, die Aufnahme und damit die Rettung in römische Obhut versagen wollte. Denn sein Neffe zählte damals auch zu jenen Kriegern, die noch selbst den Leichnam von Varus verspottet haben sollen. Auch er kämpfte folglich auf der Seite von Arminius gegen Rom. Das sagt aber auch aus, dass viele Kämpfer aus der Sippe des Segestes mit an vorderster Front im Kampf gegen Varus gestanden haben und waren demnach sogar noch so lange dabei, als sein verbrannter Leichnam vor ihnen lag. Auch das zeigt wie breit die Allianz der Arminen damals gegen Varus ausgelegt war und wie tief sie in die Sippe des Segestes hinein ragte.
Tacitus 1.55 (3) berichtet dazu:
-----------------------------------
„Segestes wurde durch den einstimmigen Willen des Volkes in den Krieg hineingezogen, stand aber mit dem Herz nicht dahinter“.
Da fragt man sich natürlich unwillkürlich, was Segestes bewogen haben könnte, sich derart penetrant auf die römische Seite zu stellen und welches Herz da wohl in seiner Brust geschlagen haben könnte. Ein patriotisches Herz kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Und noch nicht einmal ein Herz das von der Sorge einer möglichen germanischen Niederlage getragen war. Denn die nahm er billigend in kauf. Tacitus bringt es recht deutlich zum Ausdruck, denn offensichtlich musste sich Segestes und das sicherlich widerwillig, nicht nur einer Mehrheitsmeinung innerhalb der Cherusker beugen, sondern sich der Meinung des ganzen Stammes der Cherusker unterwerfen. Seine Originalworte lauten „consensu gentis“. Also in Übereinstimmung mit der gesamten „gentis“. Gentis kann je nach Übersetzung für Familie, Stamm, Volk, Geschlecht oder Sippe gestanden haben. Man kann also an dieser Stelle rätseln, wie sich diese Mehrheitsmeinung bildete bzw. zusammen setzte. Und man darf spekulieren über wie viele andere „gentis“ die Cherusker noch verfügt haben könnten, die an dieser Befragung nicht teil nahmen. Beispielsweise Sippen oder Stämme nördlich oder östlich des Harzes. Oder bestand möglicherweise die ganze Führungsebene des cheruskischen Stammes nur aus den Sippen des Segestes und des Segimer. Nach allem was man sich vorstellen kann in Verbindung mit dem was man weiß, könnte es so gewesen sein und es keine anderen Cheruskerfürsten mehr gegeben haben. Dies klingt schon fasst so, als ob Segestes nahezu der einzige Cherusker war, der auf römischer Seite stand, was sicherlich auch nicht ganz der Realität entsprach, denn einem Einzelkämpfer hätte niemand Gehör geschenkt. Dies alles hielt ihn aber nicht davon ab, genau diese überwältigende Mehrheit des gesamten Stammes oder Volkes der Cherusker zu hinter gehen. Er hätte schließlich, auch wenn er nicht sein Volk hinter sich gewusst hätte und deren Ansinnen nicht geteilt hätte, nicht gleich den umstrittensten aller Wege einschlagen, und zum Verräter an ihm werden müssen. Segestes genoss demnach in keinem der Machtblöcke jener Zeit große Sympathien. Er spielte über die Bande und die besondere Form der Darstellung wie sie Tacitus wählte verrät uns indirekt, dass er mit diesem Verhalten auch im römischen Lager nicht auf Gegenliebe gestoßen sein konnte. Aber das Imperium wurde von Politikern regiert für die nur die Macht zählte und Segestes war nur einer von vielen Marionetten, die ihm zuarbeiteten. (7.5.2019)
Tacitus 1.55 (3) berichtet dazu:
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„Segestes wurde durch den einstimmigen Willen des Volkes in den Krieg hineingezogen, stand aber mit dem Herz nicht dahinter“.
Da fragt man sich natürlich unwillkürlich, was Segestes bewogen haben könnte, sich derart penetrant auf die römische Seite zu stellen und welches Herz da wohl in seiner Brust geschlagen haben könnte. Ein patriotisches Herz kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Und noch nicht einmal ein Herz das von der Sorge einer möglichen germanischen Niederlage getragen war. Denn die nahm er billigend in kauf. Tacitus bringt es recht deutlich zum Ausdruck, denn offensichtlich musste sich Segestes und das sicherlich widerwillig, nicht nur einer Mehrheitsmeinung innerhalb der Cherusker beugen, sondern sich der Meinung des ganzen Stammes der Cherusker unterwerfen. Seine Originalworte lauten „consensu gentis“. Also in Übereinstimmung mit der gesamten „gentis“. Gentis kann je nach Übersetzung für Familie, Stamm, Volk, Geschlecht oder Sippe gestanden haben. Man kann also an dieser Stelle rätseln, wie sich diese Mehrheitsmeinung bildete bzw. zusammen setzte. Und man darf spekulieren über wie viele andere „gentis“ die Cherusker noch verfügt haben könnten, die an dieser Befragung nicht teil nahmen. Beispielsweise Sippen oder Stämme nördlich oder östlich des Harzes. Oder bestand möglicherweise die ganze Führungsebene des cheruskischen Stammes nur aus den Sippen des Segestes und des Segimer. Nach allem was man sich vorstellen kann in Verbindung mit dem was man weiß, könnte es so gewesen sein und es keine anderen Cheruskerfürsten mehr gegeben haben. Dies klingt schon fasst so, als ob Segestes nahezu der einzige Cherusker war, der auf römischer Seite stand, was sicherlich auch nicht ganz der Realität entsprach, denn einem Einzelkämpfer hätte niemand Gehör geschenkt. Dies alles hielt ihn aber nicht davon ab, genau diese überwältigende Mehrheit des gesamten Stammes oder Volkes der Cherusker zu hinter gehen. Er hätte schließlich, auch wenn er nicht sein Volk hinter sich gewusst hätte und deren Ansinnen nicht geteilt hätte, nicht gleich den umstrittensten aller Wege einschlagen, und zum Verräter an ihm werden müssen. Segestes genoss demnach in keinem der Machtblöcke jener Zeit große Sympathien. Er spielte über die Bande und die besondere Form der Darstellung wie sie Tacitus wählte verrät uns indirekt, dass er mit diesem Verhalten auch im römischen Lager nicht auf Gegenliebe gestoßen sein konnte. Aber das Imperium wurde von Politikern regiert für die nur die Macht zählte und Segestes war nur einer von vielen Marionetten, die ihm zuarbeiteten. (7.5.2019)
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Montag, 15. April 2019
Cassius Dio konnte sich als Historiker frei bewegen - „Er war der letzte seiner Zunft“
ulrich leyhe, 01:56h
Denn unmittelbar nach seinem Tod im Jahre 235 + tat sich die „große varianische Leere“ auf. Eine fasst 1300 Jahre währende Nachrichtenlücke über alles was wir von Varus und seiner Zeit auf wissenschaftlicher Basis wissen. Sie endete erst im Jahre 1507/1508 mit dem Auffinden besser gesagt dem Diebstahl der Annalen des Tacitus. Im Kloster Corvey nahe Höxter wo man sie entdeckte und entwendete, staubte diese Abschrift einer Urhandschrift vermutlich seit dem 9. Jahrhundert vor sich hin. Der Fundort fasst schon innerhalb der dort von mir vermuteten ehemaligen Palisaden des römischen Sommerlagers gelegen, machte den Weserbogen seit ehedem schon sehr verdächtig. Man stahl die Tacitus Annalen noch Jahre bevor die Bücher von Cassius Dio erstmals durch Henricus Stephanus 1548 in Paris heraus gegeben wurden. Ans Licht kamen sie aber schon etwas früher und zwar 1526 in einer italienischen Übersetzung von Nicolo Leoniceno. Die unmittelbaren Schauplätze der Varusschlacht wurden von mir in mehr oder weniger groben Zügen bereits fixiert. Aber auch die zahlreichen Hinweise auf die Regionen und Örtlichkeiten die mit der Schlacht in einen direkten Zusammenhang gebracht werden können, wie die Landschaftsbeschreibungen aus den Zeiten der Germanicus Feldzüge, die Bezüge auf die kriegerischen Ereignisse unter Drusus, aber auch die Vielzahl an ergrabenen Zeugnissen haben unseren Wissensstand erweitert und verdichtet. Der Betrachtungsraum erstreckt sich weiträumig zwischen der Weser und den Oberläufen von Lippe und Ems, sowie der Nethe in ihrem Zentrum, aber auch der Diemel im Süden und der Emmer im Norden. Verbindet man alle Stationen miteinander da wo ich sie verortet habe, wird ein Liniengeflecht augenscheinlich. Ein Netz das nicht nur den Zugkorridor der Bewegungsschlacht offen legt. Es offenbart unter anderem auch die Wege die Germanicus, Caecina oder Stertinius später im Zuge ihrer Kämpfe bzw. Erkundungen zurück legen mussten. Aber ohne einen Fahrplan zu haben bzw. den Zeitablauf oder einen Zeitbedarf zu kennen, lässt sich kein Schlachtenverlauf rekonsturieren. Es hängt entscheidend davon ab, über welchen Zeitraum also über wie viel Tage und möglichst auch Stunden sich die Mehrtagesschlacht erstreckte. Daher ist es unvermeidbar, die Handlungsabfolgen und die Tagesetappen in ein realistisches Licht zu rücken. Erst wenn hier Klarheit herrscht, lassen sich die jeweils von Cassius Dio beschriebenen Ereignisse befriedigend den Tagen zuordnen. In diesem Kapitel habe ich es mir zur Aufgabe gesetzt, aus den uns von Cassius Dio
hinterlassenen Textstellen eine chronologische Abfolge herauszufiltern. Im letzten Kapitel habe mich der seltsamen Verknüpfung zwischen den Textstellen 56,19,4 und 56,19,5 gewidmet, aus der ich einen Hinweis ableite, dass Cassius Dio die zwei ersten Marschtage von einander abtrennen wollte. Wenn es denn zutreffen würde, würde schon hier für uns eine Tür aufgestoßen, die eine komplette Schlachtenrekonstruktion erlaubt. Aber ich denke, das uns Cassius Dio weitere Hinweise geliefert hat mit denen er uns helfen wollte, den Verlauf verständlicher zu machen. Verständlicher insofern, als dass aus seinem Schlachtengemälde bildlich gesprochen all das abgeleitet werden kann, was wir unter einer 3 ½ bzw. 4 tägigen Schlacht verstehen. Wie viel Kilometer legt ein Marschzug pro Tag zurück. Wie viel Zeit ist dafür anzusetzen. Wie viel Arbeitsstunden verbergen sich hinter dem Hinweis, dass Bäume zu fällen sind. Wie lange dauert es ein Nachtlager für tausende von Menschen vorzubereiten. Wie viel Zeit verstreicht damit gebrochene Achsen zu reparieren, oder die nötige Nahrung aufzubereiten. Alle diese Dinge wollen abgeleistet sein und kosteten Zeit die einzuplanen war. Was Cassius Dio letztlich bewogen hat und was ihn antrieb, so lange nach dem Ende der Varusschlacht noch einmal über sie zu berichten bleibt unergründlich. Es könnte dazu viele Anlässe gegeben haben. Als er dafür die Feder in die Hand nahm, weilten die Menschen aus Varuszeiten längst nicht mehr unter den Lebenden. Wer wusste 200 Jahre nach der Schlacht noch etwas über einen Feldherrn Varus. Ebenso hatten auch schon alle Historiker die vor ihm schrieben das Zeitliche gesegnet. Cassius Dio selbst verstarb im Jahre 235 +, könnte aber noch von der militärischen Ausdünnung des Limes erfahren haben. Eine damals notwendige Maßnahme um weitere römische Kräfte für die Sassanidenkämpfe der Jahre 231/232 + frei zu setzen. Kämpfe die im römischen Osten statt fanden und die dann die Alamannen für ihren großen Einfall unter anderem ins reichsrömische Maintaunus Gebiet nutzten. Jene Epoche in der sich Kaiser Maximinus Thrax gezwungen sah die Germanen zurück zu drängen, was in der Konsequenz ins Harzhorn Ereignis des Jahres 235/236 + östlich von Einbeck mündete. Eine längst vergangene Schlacht, die uns unvermittelt bis in unsere Zeit einholt und uns plötzlich wieder die uralte römisch/germanische Auseinandersetzung vor Augen führte. Auch unser Interesse daran ist immer noch nicht erloschen und scheinbar ungebrochen, wie es uns ein flugs aus dem Boden gestampftes „Harzhorn – Info Zentrum“ a` la Kalkriese unter Beweis stellt. So könnte man auch schlussfolgern, dass in den Zeiten von Cassius Dio die Germanengefahr immer noch allgegenwärtig und präsent war und er sich noch mal berufen fühlte, eine alte Verbindung zur fasst vergessenen Varusschlacht zu schlagen. So als ob er sagen wollte, 250 Jahre Germanenkriege und immer noch kein Ende in Sicht. Die nötige Wort Akrobatik historische Abläufe auf verständliche Weise wieder zu geben, anstatt sich im Dschungel kruder und heilloser Argumentationstränge zu verlieren, erfordert ein Höchstmaß an Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen um sich in die Gedankenwelt des modernen Lesers zu vergraben, der nicht so tief im Thema steckt wie man selbst. Ich hoffe es gelingt mir ganz besonders im Verlauf der Darstellung meiner nachfolgenden Hypothesen. Ich möchte also weitere Bedenken ins Feld führen, die ich im Hinblick auf die gesamte chronologische Gewissenhaftigkeit bzw. den damaligen Wissensstand von Cassius Dio geäußert hatte, oder sollte ich besser Spagat sagen. Alles was uns von Cassius Dio wie im Zeitrafferformat präsentiert wurde, verlief naturgemäß weitaus umfänglicher und aufwändiger, als uns seine kurz gehaltene Überlieferung glauben macht. Tausende von Menschen samt ihren Transportfahrzeugen mit Material und Ausrüstung, Verpflegung sowie Hab und Gut, ließen sich nicht in nur zwölf hellen Tagesstunden komplikationslos von A nach B in ein vermeintlich anderes Lager transferieren bzw. verlagern. In diesem Fall ungeachtet meiner Hypothese, ob man nun zuerst noch ein Zwischenlager „Brakel“ oder direkt das Untergangslager „Prima Vari castra“ ansteuerte. Was Cassius Dio mit nur wenigen Worten und Sätzen ausdrückt war folglich ein komplexer logistischer Prozess bzw. ein Kraftakt, den er für uns erschwerend noch hinter einer Fülle anderer Informationen verbarg, die für uns relativ unerheblich sind. Seine kurz gehaltene Überlieferung birgt somit Stoff für ganze Romanreihen und muss sich daher an Kausalität und Realität messen lassen, da ein Tag auch vor 2000 Jahren nur aus 24 Tages - und Nachtstunden bestand. Wobei in diese Zeit das Äquinoktium, also die Tages und Nachtgleiche fiel. Fehlendes Wissen füllte und schmückte er mit etwas Prosa also Alttagssprache, womit er aber auch sein Werk etwas ins Wanken brachte und Zweifler an seiner Überlieferung auf den Plan rief. Nehmen wir also an, Varus wäre bereits an dem ersten Marschtag von den Germanen angegriffen worden, als dieser die Weser verließ. Was müsste dann alles in der Zeit zwischen dem Verlassen bzw. dem frühen Aufbruch aus dem Sommerlager, bis zum Beginn der ersten Nahkämpfe geschehen sein. Nahkämpfe die noch dazu erst begonnen haben sollen, nachdem die Pioniere sich schon gezwungen sahen Bäume zu fällen. Und da möchte ich einige seiner Passagen aufgreifen die meine Bedenken rechtfertigen. Bedenken allerdings nicht am Inhalt seiner Überlieferung, als viel mehr an der Methodik seiner Darstellung. Will man alles, was uns Cassius Dio überlieferte eins zu eins in unser heutiges Verständnis überführen, muss man sich zuerst die berühmte "3 - D Brille" aufsetzen, sich in die Zeit zurück versetzen und die Uhr 2000 Jahre zurück stellen. In Stichworten ausgedrückt, würde es also so klingen. 1.) Die Legionen verlassen das Sommerlager 2.) Anfänglich werden sie von den Germanen begleitet 3.) Die Germanen reiten weg 4.) Die Pioniere müssen Bäume fällen 5.) die ersten Nahkämpfe setzen ein. Rollt man es hingegen von hinten auf, fängt also bei den Nahkämpfen an, so wächst erneut der Glaube daran, dass all dies an einem einzigen Tag unmöglich statt gefunden haben kann. Denn die Germanen konnten Varus nicht erst kurz vor dem Einbrechen der Dämmerung bzw. der völligen Dunkelheit angegriffen haben. Das ergibt militärisch keinen Sinn zumal schlechte Wetterbedingungen die Sichtverhältnisse erschweren und dadurch die Dunkelheit schneller voran schreitet. In dieser Jahreszeit fand der Sonnenuntergang gegen 19:34 Uhr statt. Die germanischen Angriffe sollten also noch im Hellen und bei relativ guter Sicht statt gefunden haben bzw. begonnen worden sein. Wann beginnt man einen Feind anzugreifen, den man in Gänze besiegen wollte und musste, dem man eine herbe Niederlage bereiten und dessen Kampflinien man unterbrechen wollte, wenn die Sonne um 19:34 Uhr unter geht und die Dämmerung schon etwa 45 Minuten vorher einsetzt. In jedem Fall musste der Angriff viele Stunden vor dem Eintritt der Dämmerungsphase erfolgen, wenn man nicht in die Nacht hinein kämpfen wollte. Die Germanen waren gezwungen an diesem Tag vollendete Tatsachen zu schaffen und konnten keine halben Sachen riskieren oder hinter lassen. Denn jeder Überraschungsangriff verliert auch irgendwann mal seinen Überraschungseffekt. Denn so wie es uns Cassius Dio beschrieb, war es an diesem Tag schon kein harmloses Geplänkel mehr mit dem die Germanen auf Zeit und Zermürbungstaktik setzen wollten. Das „worst case Szenario“ bei verspätetem Kampfbeginn wäre es gewesen, dass die Römer Zeit gewonnen hätten und sich über Nacht hätten untereinander warnen können, sie hätten ihre ihre Hörner geblasen und hätten die Zeit zum Sammeln genutzt, um sie dann am Folgetag aufzureiben. Um eine aus theoretisch drei, wenn auch geschwächten Legionen bestehende Streitmacht auch während eines Marschzuges am helllichten Tag anzugreifen, so sollte man tunlichst so früh wie möglich damit beginnen. Der frühe Nachmittag gegen 14 Uhr wäre wohl die späteste fiktive Zeitannahme um ein derartiges Unternehmen noch rechtzeitig beginnen lassen zu können. Da aber die römischen Pioniere schon vor den Kämpfen mit dem Bäume fällen beschäftigt waren, so muss auch dies schon einige Zeit bzw. einige Stunden in Anspruch genommen haben, also entsprechend früher vor Beginn der Kampfhandlungen passiert sein. Man könnte also um die frühe Mittagszeit gegen 11 Uhr mit den Wegeausbauarbeiten begonnen haben bzw. „müssen“. Man kann es also drehen und wenden wie man möchte, aber gegen Mittag also etwa 11 Uhr hatte man am ersten Marschtag erst maximal 10 Kilometer Wegstrecke nach dem Sommerlager zurück gelegt. Man befand sich also fasst noch in Sichtweite zum Sommerlager, soll sich aber dennoch schon im unwirtlichen Gelände befunden haben, wo man Bäume zu fällen hatte. Dies klingt nicht sehr plausibel. Die cheruskische Begleitung hätte sich bei den ersten nötigen Fällarbeiten angenommen gegen 11 Uhr dann möglicherweise vielleicht sogar noch unter den Römern befunden haben können. Das kollidiert allerdings mit den Inhalten der Überlieferung des Cassius Dio. Denn die Arminen sind ja erst noch ein Stück gemeinsam mit den Römern geritten und sind nicht schon unmittelbar nach dem Verlassen des Sommerlagers davon geritten um ihre Hilfskräfte zu mobilisieren. Wären sie unmittelbar nach dem Aufbruch aus dem Sommerlager schon zu ihren Hilfskräften geeilt, wäre die Formulierung von Cassius Dio eine andere gewesen. Sie erkennen anhand dieser kurzen Zusammenfassung wiederum die Unmöglichkeit dessen, was man aus den Zeilen des Cassius Dio heraus lesen könnte, will man sie denn so interpretieren. Als das nämlich die Zeit vom Verlassen des Sommerlagers bis zum Beginn der ersten Nahkämpfe auf einen einzigen Tag herunter gebrochen werden könnte. Wir erkennen daraus umso eher eine Deutlichkeit die für zwei Marschtage spricht. Man darf vielleicht auch noch mal fragen, wo denn eigentlich die Textstellen 56.19,6 bis 56.19,9 abgeblieben sind, wenn es sie denn je gegeben hat. Denn nach 56.19,5 folgt direkt die Textstelle 56.20,1. Haben wir da was verpasst, wurde da etwas weg gelassen oder wurde uns etwas vorbehalten. Wir wollen nicht spekulieren, also finden wir uns damit ab. Die Pionierarbeiten konnten sich also noch nicht nach einer so kurzen Distanz nach dem Ausrücken aus dem Sommerlager entfaltet haben, denn den schlechten Wegezustand so unmittelbar nach dem Sommerlager, hätte man im Generalstab des Feldherrn vorher gekannt, skeptisch bewertet bzw. einkalkuliert. Hätte man die Pionierarbeiten aber erst zu fortgeschrittener Tageszeit nach etwa 15 Kilometer Wegstrecke aufgenommen, so wäre man da aber fasst schon am Ziel des ersten Marschtages, nämlich am ersten Etappenlager gewesen. In diesen Nachmittagsstunden wäre es auch bereits zu spät für einen darauf folgenden germanischen Angriff geworden. Denn es ging in die Dämmerungsphase hinein in der man keinen Waffengang mehr austrägt. Meiner Auffassung nach, wurden die Pionierarbeiten laut Textstelle 56,20,1 erst in einer den Römern unbekannteren Region nötig und in die stieß man erst am zweiten Marschtag nach dem Verlassen des Etappenlagers Brakel vor. Nach meinem Dafürhalten begannen die Fällarbeiten also erst am späten Vormittag des zweiten Marschtages. Parallel dazu könnte eine erste berittene römische Vorhut sich schon jener Region genähert haben, in der man dann später das Gerichtslager abstecken wollte. Aus Sicht der römischen Militärführung sollte nach dem entspannten ersten Marschtag, auch der zweite Marschtag den gleichen ruhigen Verlauf nehmen. Niemand erwartete auf römischer Seite schon in der Anmarschphase zum Gerichtslager am zweiten Marschtag germanische Angriffe oder Revolten. Nach dem allgemeinen Selbstverständnis zu urteilen, erwartete man von Seiten der als unzufrieden beschriebenen Rebellen, dass diese erst ihrem Unmut Luft machen würden, nachdem man in ihr Stammesgebiet eingedrungen war bzw. man dort die Gerichtssitzung abhalten wollte. Dies war vermutlich auch die Darstellung bzw. die von den Cherusker gewählte Taktik. Erst im Zuge der Gerichtssitzung konnte es ihrer Meinung nach zu Unruhen kommen, aber nicht bereits auf dem Hinweg in das Gebiet der Aufrührer. Und rechtzeitig vor dem Eintreffen bzw. dem Eintreten dieser möglichen Gefahr, sollten auch die germanischen Hilfstruppen zu Stelle sein. Am zweiten Marschtag hatte man womöglich noch alle Zeit der Welt, die nötigen Wegearbeiten zu den Rebellen noch ordentlich und gewissenhaft anzugehen, denn dieser fiktive 25.09.0009 sollte nach Plan ein reiner Anmarschtag werden. Waffengänge zwischen Germanen und Römern sind innerhalb dieser Textstelle 56,20,1 zwar schon dokumentiert, sie sollten aber erst einsetzen, nach dem die Baumfällarbeiten, die nach meinem Zeitplan ab etwa 11 Uhr begannen, beschrieben sind. Nach meinem Zeitplan wäre das ab etwa 14 Uhr gewesen, von wo an ich spätestens die ersten Nahkämpfe erwartet hätte. Wie viel Körperkraft und Ausdauer besaß ein Germane vor 2000 Jahren, wie sah es mit dem beiderseitigen Kräfteverhältnis aus, aber fünf bis sechs Kampfstunden hätten nach Ansicht der Germanen am ersten Kampftag ausreichen müssen um die Legionen entscheidend zu schwächen bzw. ins Chaos zu stürzen. Aber ließen denn die Germanen die Römer während dem sie Bäume fällten, völlig ungestört ihre Säge ziehen oder ihre Axt schwingen ? Anfänglich so ist es dargestellt sicherlich, aber dann mussten letztlich doch alle Legionäre ihre Axt in kurzer Zeit mit dem Schwert tauschen, da es zum Kämpfen besser geeignet war. Die Kämpfe entfalteten also ihre volle Wirkungskraft ab etwa 15 Uhr. Blicken wir nun zurück auf die davor liegende Textstelle 56,19,5. Auch darin wurde uns von Cassius Dio angekündigt, dass die Germanen Varus angreifen und sogar furchtbares Unheil anrichten würden. In beiden Textstellen sowohl in 56,19,5 als auch in 56,20,1 sagte uns Cassius Dio die Angriffe der Germanen voraus, noch bevor sie passierten und man fragt sich unwillkürlich warum er die Warnung bzw. den Hinweis gleich zwei mal vorzog bzw. aussprach. Der Ordnung halber sei erwähnt, dass die Germanen die Legionäre auch noch nicht angegriffen hatten, als uns Cassius Dio schon unter der Textstelle 56,19,2 mitteilte, dass die Frauen und Kinder zur Auflösung des Marschzuges beitrugen. Da herrschte also auch noch völlige Kampfesruhe im Zug. Ebenso wurden uns auch noch keine germanischen Attacken innerhalb der Textstelle 56,20,3 angekündigt. In einer Textstelle, in der sich das Wetter schon als sehr wendig erwies und die Marschbedingungen zusehend schlechter wurden, hielten sich die Germanen also immer noch zurück. Cassius Dio kündigte uns vieles vom Bevorstehenden bereits im Vorfeld an, bevor es dann letztlich dazu kam. Er stimmte den Leser förmlich schon auf das Grauen ein und bediente sich dabei vorweg nehmender Formulierungen. In Textstelle 56,19,5 kündigte er den Angriff auf Varus an und in Textstelle 56,20,1 weist er daraufhin, dass die Römer schon vor den Angriffen Mühe mit dem Bäume fällen hatten. Aber dienten denn alle die frühen Hinweise auf das was die Römer erwarten würde nur dem einen Zweck, bei den Lesern einen Nervenkitzel vor dem Unausweichlichen auszulösen. Eigentlich eine Einstellung die einem seriösen Historiker fremd sein sollte. Ich kann es mir daher auch nicht vorstellen. So erkenne ich dahinter eher eine gewisse Methodik. Nämlich durch die Vorgriffe, den Geschehnissen die chronologische Reihenfolge zu entziehen. Dies ging zu Lasten der Übersichtlichkeit womit es ihm aber gelang, seinen fehlenden Wissenstand zu kaschieren. Fehlten ihm also die Fakten, so half er demnach mit etwas Poesie nach. Was blieb ihm letztlich übrig, bzw. was wäre andernfalls seine Alternative gewesen. Im Zweifelsfall wüssten wir noch weniger als wir schon wissen. Die harten Fakten der Varusschlacht beginnen also erst mit der Textstelle 56,20,4, als den Römern die ersten germanischen Speere um die Köpfe flogen. Unterdrücken wir aber seine weniger zielführenden Einlassungen und erstellen statt dessen mal eine Kurzzusammenfassung des mittleren Teiles der Cassius Dio Überlieferung. Sie liegt zwischen dem Ausmarsch aus dem Sommerlager und der ersten Feindberührung. Verzichtet man nun auf seine Randbemerkungen und auf seine Lagebeschreibungen, versucht also ohne sie aus zu kommen, so liest es sich plausibler und damit schnörkelloser. Dann wirkt jene Phase zwischen dem Abzug aus dem Sommerlager bis zum Einsetzen der Kämpfe wesentlich nüchterner und sachlicher. Allemal ein Versuch wert um dem nacktem Sachverhalt etwas näher zu kommen und uns nicht vom Unwesentlichen irritieren zu lassen. Nur unter Verwendung der faktenbezogenen Textbausteine, Sätze und Halbsätze, wie sie uns von Cassius Dio überliefert sind bzw. wie sie übersetzt wurden, hätten wir es sozusagen mit einer modernen Variante zu tun. Und ab der Textstelle 56,19,4 bis zur Textstelle 56,20,4 würde uns dieses reizvolle Experiment vielleicht auch einige Schlußfolgerungen und neue Sichtweisen gestatten. Die Darstellung kommt der besseren Lesbarkeit ohne Hinweise auf die jeweiligen Textstellen Nummern von Cassius Dio aus. Ebenso verwende ich aus dem gleichem Grund ein Vokabular, das sich geschmeidiger, zeitgemäßer und flüssiger einfügen lässt und verzichte auf diverse Umschreibungen.
Die protokollarische Version
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„Um Varus besser überwältigen zu können, vermittelten ihm die Germanen den Eindruck, er befände sich in einem befreundeten Land, bzw. sei darin unterwegs. Dies gelang auch den Germanen, denn Varus traf keine Vorsichtsmaßnahmen. Er ging nur von lokal begrenzten Zwistigkeiten aus und nicht von einem überraschend vorgetragenen Volksaufstand. Aber trotzdem entschied man sich im gegenseitigen Einvernehmen mit den Cheruskern dazu, sicherheitshalber zusätzliche germanische Hilfstruppen zu mobilisieren. Sie sollten Varus auf dem Zug in den Unruheherd begleiten. Germanen die den Varuszug anfänglich noch begleiteten verließen ihn an einer vereinbarten Stelle, um die dafür nötigen weiteren Hilfstruppen zu benachrichtigen. Diese sollten dann später in den römischen Marschzug integriert werden um gegenüber den Rebellen gemeinsam Stärke zu zeigen. Unterdessen setzten die römischen Legionen ihren Marsch ungehindert fort. Unter ihnen befanden sich auch viele Frauen, Kinder und andere nicht militärische Personen. Die Anwesenheit dieser vielen Zivilpersonen führte naturgemäß auch zu einem ungeordneten Marschverlauf. Die Germanen unter denen sich vermutlich auch Arminius befand erreichten parallel zum weiter ziehenden Marschzug der Varuslegionen ihre Stammesgenossen. Im weiteren Verlauf der Geschehnisse nahmen die Germanen den Kampf gegen jene römischen Einheiten auf, die vorher von Varus in den germanischen Gebieten zurück gelassen wurden und vernichteten diese. Varus, dem diese Scharmützel nicht zu Ohren kamen, zog während dessen weiter in die Richtung der Rebellen. (Das Übernachtungslager bei Brakel gibt die Übersetzung natürlich nicht her) Auf dem Weg zu den Aufrührern verschlechterten sich die Marschbedingungen und die Wetterverhältnisse zunehmend. Umfangreiche Wegeausbaumaßnahmen wurden daher nötig und führten zu Verzögerungen“.
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Dieser hier textuell umgestaltete Ablaufbericht verdeutlicht, dass Cassius Dio auch in Gänze auf die von ihm in Textstelle 56,19.5 und 56,20.1 voraus geschickten Ankündigungen auf die bevorstehenden Kämpfe der Germanen hätte verzichten können, ohne das darunter die Gesamtlogik gelitten hätte. Es wäre ihm also auch gelungen auf dieses Beiwerk zu verzichten, ohne uns in ein informatives Defizit zu entlassen. Halten wir also minimalistisch fest, dass bei ihm eine chronologisch und sachlich orientierte Überlieferung nicht im Vordergrund seiner Bemühungen stand. Erst ab Textstelle 56,20.4 beschrieb er dann wie die Kämpfe entbrannten. Er zog also die den Römern drohenden Ereignisse zwei Mal vor, obwohl er sie später doch noch detaillierter erläutern sollte. Was mag ihn also bewogen haben auf die Dinge schon einige Kapitel früher einzugehen. Ebenso kann man sich die Frage stellen, warum Cassius Dio die Anwesenheit von Frauen und Kindern im Marschzug zu einem Zeitpunkt erwähnte, als diese möglicherweise schon nicht mehr in diesem in Brakel abgespaltenen Teil des Marschzug anwesend waren. Im ersteren Fall zog er Ereignisse vor, die sich erst in der späteren Textstelle 56,20.4 voll entfalten sollten und im letzteren Fall verschob er „möglicherweise“ einen Vorgang nach vorne, der besser in die hintere Textstelle 56,19,4 gepasst hätte. Wollte man Cassius Dio „auf die Füße treten“ könnte man ihm eine konfuse nicht gradlinig verlaufende historische Fehlleistung unterstellen. Ich sage hingegen, dass er aus seinem Wissensstand heraus unter den damaligen Bedingungen noch das Beste gemacht hat. Er hat zwar weite Teile seiner Überlieferung auf den Kopf gestellt, uns aber doch bei genauem Hinsehen, das wirklich wichtige auch nicht verschwiegen. Aus seiner Situation heraus eine Meisterleistung. Er verschob zwar untereinander die Chronologie, seine Stilrichtung ist für uns aber erkennbar, also nachvollziehbar geblieben und seine Arbeit gewinnt somit an Glaubwürdigkeit. Er blieb sich also treu. Damit zeigte er eine gewisse historische Größe, weil er sich damit bewusst dem Risiko der Anfechtbarkeit aussetzte, denn jedem der sein Werk las musste auffallen, dass er einige Erklärungslücken übertünchen musste. Und es fiel auf. Die starke Aussagekraft seines Hinweises auf die „FRAUEN UND KINDER“ im Marschzug wird dadurch auch nicht geschmälert, aber alles zeugt davon, dass es in seiner Zeit keine Priorität hatte, in sich flüssige Texte zu hinterlassen. Ob die Pionierarbeiten von einigen Legionären sogar noch während der germanischen Angriffe fort gesetzt werden mussten, ob man vorne im Marschzug wusste was hinten geschah, oder ob die Frauen und Kinder zum Zeitpunkt der herab fallenden Baumkronen noch Bestandteil der Marschkolonne waren, alles lässt er zum Spielball freier Interpretation werden. Muss seine Überlieferung gar so bewertet werden, dass wer die wichtige Textstellen Ordnung verlässt, sich selbst untergräbt. Aber Cassius Dio ging das Wagnis ein, denn es sollte nach ihm keinen antiken Historiker mehr geben, der sich der Varusschlacht widmete. Vermutlich ahnte er es. Er opfert sein Werk der Nachwelt, gibt es Preis und stellt es zur Disposition. Geht man also davon aus, dass auch der Inhalt der Textstelle 56,20,2 mit dem wichtigen Hinweis auf die Frauen und Kinder im Marschzug nicht in die Gesamtchronologie passt, so birgt dies weiteren Stoff für interessante Schlussfolgerungen. Diese Schlussfolgerung würde mir bei meiner Bewertung der Varusschlacht Ereignisse in die Hände spielen, denn sie würde sich mit meiner Theorie decken. Der Theorie, die hin zu einem zusätzlichen Marschtag von Höxter/Corvey nach Brakel tendiert und die von einer Marschzugaufteilung in einen Marschzug mit Kampfauftrag und einen mit zivilem Auftrag aus geht. Bislang ist diese Textstelle 56,20,2 immer unumstritten als ein Synonym dafür gewertet und auch als ein solches allgemein aufgefasst worden, als dass Varus dieser Schurke, es selbst Frauen und Kindern zumutete, in einem als gefährlich eingestuften Krisengebiet möglicherweise den Tod finden zu können. Damit aber, dass sich Cassius Dio seine verwirrende Komposition selbst aushebelt und in gewisser Weise in Teilen dafür auch seine Glaubwürdigkeit opfert, hilft er uns aber daraus wieder eine Spur abzuleiten, nämlich die die meine „Zwei – Marsch – Rück – Zug - Theorie“ zum Rhein stützt. Eine kritische unwirtliche Randregion anzusteuern, die abseits bereits kolonisierter Gebiete lag und wo sich sogar die Germanen unter Arminius anboten sicherheitshalber noch zusätzliche Hilfskräfte zur Unterstützung der Römer für den Marsch dorthin zu mobilisieren, musste als gefährlich eingestuft werden und die Vorsichtsmaßnahmen nötig erscheinen lassen. Und unter diesen misslichen Umständen soll sich also Varus darüber hinweg gesetzt haben und nicht davor zurück geschreckt sein, sogar Frauen, Kinder, Alte und Kranke etc. in diesen ungezähmten böswilligen Landstrich mitzunehmen. Aber jeder Historiker der diese Textstelle zehn Mal rauf und runter las und in alle Richtungen interpretierte, konnte auch zu keiner anderen Auffassung gelangen, als dass Varus tatsächlich zu derartig verwerflichem Tun imstande war und es ihm auch jeder zutraute, so wie er von der Geschichte verrissen wurde. Und Cassius Dio schrieb es ja auch letztlich alles so auf wie er es vorfand, keiner wollte am von ihm Hinterlassenen rütteln und warum hätte man ihn auch anders verstehen bzw. diese Textstelle auch anders auffassen sollen. Es stand ja alles sorgfältig notiert schwarz auf weiß auf dem Papier. Erst im Zuge der akribischen Nachuntersuchung bei Aufdeckung des „verschütteten“ Marschtages und der abenteuerlichen Chronologie bzw. unter der Zusammenfassung und Analyse verschiedener logischer Schritte ist man auch erst imstande, die Zeilen von Cassius Dio einmal anders deuten zu können, ohne ihm „post mortem“ zu nahe treten zu wollen. Das Cassius Dio auch schon in früheren Zeiten innerhalb der Wissenschaft Aufmerksamkeit erregte bzw. durch die Art seiner Darstellung Kritik hervor rief bestätigt meine Theorie zweier Anmarschtage ins Rebellengebiet mit einem unvermeidlichen Zwischenstopp im Raum Brakel. Denn auch von anderer Seite wurde ihm schon vorgeworfen, dass er trotz vieler Verweise und Wiederholungen die chronologische Klarheit verfehlte und sich oft zu zweideutig äußerte. Er korrigierte auch die Undeutlichkeit seiner Überlieferung an keiner Stelle. Mehr noch als die Unbestimmbarkeit werden ihm aber falsche pragmatische Verknüpfungen angekreidet. Sein Bestreben die annalistische Darstellung umzuordnen führt zu Konfusionen. Als Cassius Dio über die Cäsarenmörder des Jahres 44 - berichtete, hatte er vorher schon die Ereignisse des späteren Triumvirats des Jahres 43 – vorgezogen und unter dem Zerreißen der Synchronismen leidet zwangsläufig seine gesamte historische Darstellung. Ähnliche Fehler unterliefen ihm mehrere, so bei der Darstellung der Schlacht bei Mutina und in dem er Caesars Konsulwahl vor die Versöhnung zwischen Antonius und Lepidus schob. Obwohl Cassius Dio Polybios als Vorbild hatte, erreichte er aber diesen nicht, was seine Beurteilungskraft, Anordnung und Einteilung sowie seine inhaltliche Tiefe anbelangt. Denn natürlich hatte Varus Frauen und Kinder unbestritten anfänglich, nämlich am ersten Marschtag auch mitgeführt, er konnte sie ja nicht zurück lassen, da stimmt wohl auch jeder mit Dio und seinen Quellen überein. Wenn man sie allerdings in den zweiten Marschtag hinüber holen möchte und ihre Existenz vom ersten Marschtag ablöst, so führt dies schnell zu ganz anderen Überlegungen. Übrigens hat sich passenderweise dazu auch noch kein heutiger Historiker gefunden, bzw. es wurde nicht der Frage nach dem späteren Verbleib dieser vielen Frauen und Kinder ernsthaft nach gegangen oder hat sich ihr auch nur angenähert. Denn bis auf eine nebulös geschilderte Flucht aus einem scheinbar römischen und undefinierbaren Lager mit unbekannten Namen in einer kalten Winternacht, die später von Trompetenklängen begleitet wurde, auf die ich noch in einem anderen Abschnitt eingehen möchte, hat sich auch kein Geschichtsforscher mehr gewagt die Fragen nach ihrer Position im Marschzug einmal in einen anderen Kontext zu rücken. Man bezog die Ereignisse um die Flucht der Frauen und Kinder zum rettenden Rhein immer und einzig auf das Lager Aliso hinter dem ich das Örtchen Schwaney sehe und vergaß dabei auch anderen Überlegungen zu folgen. Auch hier bin ich zu einer anderen Auffassung gelangt. Nun sind wir aber wieder einen Schritt weiter, denn zum einen liegt nun tatsächlich ein Konzept auf dem Tisch, nämlich die lückenlose Aneinanderreihung eines fasst viertägigen Marsches. Der Zugverlauf und die ersten Stationen bis zum Beginn der Varusschlacht liegt nun offen erkennbar vor unseren Augen. Und der harte Kern dieser Varusschlacht beginnt demnach gemäß Textstelle 56,20,4 am zweiten Marschtag nachmittags, als die Germanen von allen Seiten auf die Legionäre zu strömten, als sich diese schon nicht mehr wehren konnten oder wollten und er endete mit dem blutigen Abzug aus dem „Prima Vari Castra“ dem Gerichtslager am Morgen des dritten Marschtages. Am dritten Marschtag nachmittags oder im Verlaufe des Vormittages des vierten Marschtages war aus meiner Sicht die Schlacht geschlagen. Heillose Fluchtbewegungen werden den Ausklang gebildet haben. Sie dürften sich vordringlich in den „Teutoburgiensi Saltu“ hinein erstreckt haben, da nur diese Schlucht den rettenden Ausweg nach Westen bot. Nennenswerte Kämpfe werden um diese Zeit nicht mehr statt gefunden haben. Nun war auch die Zeit für Varus gekommen. Seine Leibwache und die Reste seiner Armee werden sich um ihn geschart haben. Den dritten Marschtag und die Nacht vom dritten auf den vierten Marschtag könnte er noch erlebt haben. Der Aufstieg in den „Teutoburgiensi saltu“ wird aber für ihn das Ende gebracht haben. Spätestens oben angekommen dürfte sich sein Schicksal erfüllt und er sein Leben ausgehaucht haben. Die deutliche Erwähnung, Heraushebung und die besondere Begrifflichkeit des „Teutoburgiensi saltu“ bei Tacitus in dem noch die Knochen der Opfer unbestattet gelegen haben sollen verstärkt den Eindruck, dass sich nur hier der Vorhang schloss und die Tragödie ihr Ende fand. Wo sich der steile „Teutoburgiensi saltu“ ins Soratfeld öffnet erreichten die letzten Überlebenden die Paderborner Hochebene die danach leicht in Richtung Kleinenberg abfällt. Unterdessen vermutlich am Abend des dritten Marschtages oder am letzten Marschtag dürften auch die Schwadronen des Paterculus Varus und mit ihm das sinkende Schiff verlassen haben. Wir erkennen nun deutlicher, dass Varus den Marschzug der Frauen und Kinder in Brakel abkoppelte und keiner spricht später auch mehr von ihnen. In einer Phase in der in einem umkämpften Lager hilfesuchende umher irrende Frauen und Kinder eigentlich einen festen historischen Platz hätten einnehmen müssen. Und letztlich können wir daraus auch die zusätzliche Schwächung der Kampflegionen im Saltus ableiten, denn die Bewachung des Marschzuges der Frauen und Kindern ab Brakel zur Lippe kostete Varus wieder zahlreiche Soldaten die ihm während der Kämpfe fehlen sollten. (16.04.2019)
hinterlassenen Textstellen eine chronologische Abfolge herauszufiltern. Im letzten Kapitel habe mich der seltsamen Verknüpfung zwischen den Textstellen 56,19,4 und 56,19,5 gewidmet, aus der ich einen Hinweis ableite, dass Cassius Dio die zwei ersten Marschtage von einander abtrennen wollte. Wenn es denn zutreffen würde, würde schon hier für uns eine Tür aufgestoßen, die eine komplette Schlachtenrekonstruktion erlaubt. Aber ich denke, das uns Cassius Dio weitere Hinweise geliefert hat mit denen er uns helfen wollte, den Verlauf verständlicher zu machen. Verständlicher insofern, als dass aus seinem Schlachtengemälde bildlich gesprochen all das abgeleitet werden kann, was wir unter einer 3 ½ bzw. 4 tägigen Schlacht verstehen. Wie viel Kilometer legt ein Marschzug pro Tag zurück. Wie viel Zeit ist dafür anzusetzen. Wie viel Arbeitsstunden verbergen sich hinter dem Hinweis, dass Bäume zu fällen sind. Wie lange dauert es ein Nachtlager für tausende von Menschen vorzubereiten. Wie viel Zeit verstreicht damit gebrochene Achsen zu reparieren, oder die nötige Nahrung aufzubereiten. Alle diese Dinge wollen abgeleistet sein und kosteten Zeit die einzuplanen war. Was Cassius Dio letztlich bewogen hat und was ihn antrieb, so lange nach dem Ende der Varusschlacht noch einmal über sie zu berichten bleibt unergründlich. Es könnte dazu viele Anlässe gegeben haben. Als er dafür die Feder in die Hand nahm, weilten die Menschen aus Varuszeiten längst nicht mehr unter den Lebenden. Wer wusste 200 Jahre nach der Schlacht noch etwas über einen Feldherrn Varus. Ebenso hatten auch schon alle Historiker die vor ihm schrieben das Zeitliche gesegnet. Cassius Dio selbst verstarb im Jahre 235 +, könnte aber noch von der militärischen Ausdünnung des Limes erfahren haben. Eine damals notwendige Maßnahme um weitere römische Kräfte für die Sassanidenkämpfe der Jahre 231/232 + frei zu setzen. Kämpfe die im römischen Osten statt fanden und die dann die Alamannen für ihren großen Einfall unter anderem ins reichsrömische Maintaunus Gebiet nutzten. Jene Epoche in der sich Kaiser Maximinus Thrax gezwungen sah die Germanen zurück zu drängen, was in der Konsequenz ins Harzhorn Ereignis des Jahres 235/236 + östlich von Einbeck mündete. Eine längst vergangene Schlacht, die uns unvermittelt bis in unsere Zeit einholt und uns plötzlich wieder die uralte römisch/germanische Auseinandersetzung vor Augen führte. Auch unser Interesse daran ist immer noch nicht erloschen und scheinbar ungebrochen, wie es uns ein flugs aus dem Boden gestampftes „Harzhorn – Info Zentrum“ a` la Kalkriese unter Beweis stellt. So könnte man auch schlussfolgern, dass in den Zeiten von Cassius Dio die Germanengefahr immer noch allgegenwärtig und präsent war und er sich noch mal berufen fühlte, eine alte Verbindung zur fasst vergessenen Varusschlacht zu schlagen. So als ob er sagen wollte, 250 Jahre Germanenkriege und immer noch kein Ende in Sicht. Die nötige Wort Akrobatik historische Abläufe auf verständliche Weise wieder zu geben, anstatt sich im Dschungel kruder und heilloser Argumentationstränge zu verlieren, erfordert ein Höchstmaß an Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen um sich in die Gedankenwelt des modernen Lesers zu vergraben, der nicht so tief im Thema steckt wie man selbst. Ich hoffe es gelingt mir ganz besonders im Verlauf der Darstellung meiner nachfolgenden Hypothesen. Ich möchte also weitere Bedenken ins Feld führen, die ich im Hinblick auf die gesamte chronologische Gewissenhaftigkeit bzw. den damaligen Wissensstand von Cassius Dio geäußert hatte, oder sollte ich besser Spagat sagen. Alles was uns von Cassius Dio wie im Zeitrafferformat präsentiert wurde, verlief naturgemäß weitaus umfänglicher und aufwändiger, als uns seine kurz gehaltene Überlieferung glauben macht. Tausende von Menschen samt ihren Transportfahrzeugen mit Material und Ausrüstung, Verpflegung sowie Hab und Gut, ließen sich nicht in nur zwölf hellen Tagesstunden komplikationslos von A nach B in ein vermeintlich anderes Lager transferieren bzw. verlagern. In diesem Fall ungeachtet meiner Hypothese, ob man nun zuerst noch ein Zwischenlager „Brakel“ oder direkt das Untergangslager „Prima Vari castra“ ansteuerte. Was Cassius Dio mit nur wenigen Worten und Sätzen ausdrückt war folglich ein komplexer logistischer Prozess bzw. ein Kraftakt, den er für uns erschwerend noch hinter einer Fülle anderer Informationen verbarg, die für uns relativ unerheblich sind. Seine kurz gehaltene Überlieferung birgt somit Stoff für ganze Romanreihen und muss sich daher an Kausalität und Realität messen lassen, da ein Tag auch vor 2000 Jahren nur aus 24 Tages - und Nachtstunden bestand. Wobei in diese Zeit das Äquinoktium, also die Tages und Nachtgleiche fiel. Fehlendes Wissen füllte und schmückte er mit etwas Prosa also Alttagssprache, womit er aber auch sein Werk etwas ins Wanken brachte und Zweifler an seiner Überlieferung auf den Plan rief. Nehmen wir also an, Varus wäre bereits an dem ersten Marschtag von den Germanen angegriffen worden, als dieser die Weser verließ. Was müsste dann alles in der Zeit zwischen dem Verlassen bzw. dem frühen Aufbruch aus dem Sommerlager, bis zum Beginn der ersten Nahkämpfe geschehen sein. Nahkämpfe die noch dazu erst begonnen haben sollen, nachdem die Pioniere sich schon gezwungen sahen Bäume zu fällen. Und da möchte ich einige seiner Passagen aufgreifen die meine Bedenken rechtfertigen. Bedenken allerdings nicht am Inhalt seiner Überlieferung, als viel mehr an der Methodik seiner Darstellung. Will man alles, was uns Cassius Dio überlieferte eins zu eins in unser heutiges Verständnis überführen, muss man sich zuerst die berühmte "3 - D Brille" aufsetzen, sich in die Zeit zurück versetzen und die Uhr 2000 Jahre zurück stellen. In Stichworten ausgedrückt, würde es also so klingen. 1.) Die Legionen verlassen das Sommerlager 2.) Anfänglich werden sie von den Germanen begleitet 3.) Die Germanen reiten weg 4.) Die Pioniere müssen Bäume fällen 5.) die ersten Nahkämpfe setzen ein. Rollt man es hingegen von hinten auf, fängt also bei den Nahkämpfen an, so wächst erneut der Glaube daran, dass all dies an einem einzigen Tag unmöglich statt gefunden haben kann. Denn die Germanen konnten Varus nicht erst kurz vor dem Einbrechen der Dämmerung bzw. der völligen Dunkelheit angegriffen haben. Das ergibt militärisch keinen Sinn zumal schlechte Wetterbedingungen die Sichtverhältnisse erschweren und dadurch die Dunkelheit schneller voran schreitet. In dieser Jahreszeit fand der Sonnenuntergang gegen 19:34 Uhr statt. Die germanischen Angriffe sollten also noch im Hellen und bei relativ guter Sicht statt gefunden haben bzw. begonnen worden sein. Wann beginnt man einen Feind anzugreifen, den man in Gänze besiegen wollte und musste, dem man eine herbe Niederlage bereiten und dessen Kampflinien man unterbrechen wollte, wenn die Sonne um 19:34 Uhr unter geht und die Dämmerung schon etwa 45 Minuten vorher einsetzt. In jedem Fall musste der Angriff viele Stunden vor dem Eintritt der Dämmerungsphase erfolgen, wenn man nicht in die Nacht hinein kämpfen wollte. Die Germanen waren gezwungen an diesem Tag vollendete Tatsachen zu schaffen und konnten keine halben Sachen riskieren oder hinter lassen. Denn jeder Überraschungsangriff verliert auch irgendwann mal seinen Überraschungseffekt. Denn so wie es uns Cassius Dio beschrieb, war es an diesem Tag schon kein harmloses Geplänkel mehr mit dem die Germanen auf Zeit und Zermürbungstaktik setzen wollten. Das „worst case Szenario“ bei verspätetem Kampfbeginn wäre es gewesen, dass die Römer Zeit gewonnen hätten und sich über Nacht hätten untereinander warnen können, sie hätten ihre ihre Hörner geblasen und hätten die Zeit zum Sammeln genutzt, um sie dann am Folgetag aufzureiben. Um eine aus theoretisch drei, wenn auch geschwächten Legionen bestehende Streitmacht auch während eines Marschzuges am helllichten Tag anzugreifen, so sollte man tunlichst so früh wie möglich damit beginnen. Der frühe Nachmittag gegen 14 Uhr wäre wohl die späteste fiktive Zeitannahme um ein derartiges Unternehmen noch rechtzeitig beginnen lassen zu können. Da aber die römischen Pioniere schon vor den Kämpfen mit dem Bäume fällen beschäftigt waren, so muss auch dies schon einige Zeit bzw. einige Stunden in Anspruch genommen haben, also entsprechend früher vor Beginn der Kampfhandlungen passiert sein. Man könnte also um die frühe Mittagszeit gegen 11 Uhr mit den Wegeausbauarbeiten begonnen haben bzw. „müssen“. Man kann es also drehen und wenden wie man möchte, aber gegen Mittag also etwa 11 Uhr hatte man am ersten Marschtag erst maximal 10 Kilometer Wegstrecke nach dem Sommerlager zurück gelegt. Man befand sich also fasst noch in Sichtweite zum Sommerlager, soll sich aber dennoch schon im unwirtlichen Gelände befunden haben, wo man Bäume zu fällen hatte. Dies klingt nicht sehr plausibel. Die cheruskische Begleitung hätte sich bei den ersten nötigen Fällarbeiten angenommen gegen 11 Uhr dann möglicherweise vielleicht sogar noch unter den Römern befunden haben können. Das kollidiert allerdings mit den Inhalten der Überlieferung des Cassius Dio. Denn die Arminen sind ja erst noch ein Stück gemeinsam mit den Römern geritten und sind nicht schon unmittelbar nach dem Verlassen des Sommerlagers davon geritten um ihre Hilfskräfte zu mobilisieren. Wären sie unmittelbar nach dem Aufbruch aus dem Sommerlager schon zu ihren Hilfskräften geeilt, wäre die Formulierung von Cassius Dio eine andere gewesen. Sie erkennen anhand dieser kurzen Zusammenfassung wiederum die Unmöglichkeit dessen, was man aus den Zeilen des Cassius Dio heraus lesen könnte, will man sie denn so interpretieren. Als das nämlich die Zeit vom Verlassen des Sommerlagers bis zum Beginn der ersten Nahkämpfe auf einen einzigen Tag herunter gebrochen werden könnte. Wir erkennen daraus umso eher eine Deutlichkeit die für zwei Marschtage spricht. Man darf vielleicht auch noch mal fragen, wo denn eigentlich die Textstellen 56.19,6 bis 56.19,9 abgeblieben sind, wenn es sie denn je gegeben hat. Denn nach 56.19,5 folgt direkt die Textstelle 56.20,1. Haben wir da was verpasst, wurde da etwas weg gelassen oder wurde uns etwas vorbehalten. Wir wollen nicht spekulieren, also finden wir uns damit ab. Die Pionierarbeiten konnten sich also noch nicht nach einer so kurzen Distanz nach dem Ausrücken aus dem Sommerlager entfaltet haben, denn den schlechten Wegezustand so unmittelbar nach dem Sommerlager, hätte man im Generalstab des Feldherrn vorher gekannt, skeptisch bewertet bzw. einkalkuliert. Hätte man die Pionierarbeiten aber erst zu fortgeschrittener Tageszeit nach etwa 15 Kilometer Wegstrecke aufgenommen, so wäre man da aber fasst schon am Ziel des ersten Marschtages, nämlich am ersten Etappenlager gewesen. In diesen Nachmittagsstunden wäre es auch bereits zu spät für einen darauf folgenden germanischen Angriff geworden. Denn es ging in die Dämmerungsphase hinein in der man keinen Waffengang mehr austrägt. Meiner Auffassung nach, wurden die Pionierarbeiten laut Textstelle 56,20,1 erst in einer den Römern unbekannteren Region nötig und in die stieß man erst am zweiten Marschtag nach dem Verlassen des Etappenlagers Brakel vor. Nach meinem Dafürhalten begannen die Fällarbeiten also erst am späten Vormittag des zweiten Marschtages. Parallel dazu könnte eine erste berittene römische Vorhut sich schon jener Region genähert haben, in der man dann später das Gerichtslager abstecken wollte. Aus Sicht der römischen Militärführung sollte nach dem entspannten ersten Marschtag, auch der zweite Marschtag den gleichen ruhigen Verlauf nehmen. Niemand erwartete auf römischer Seite schon in der Anmarschphase zum Gerichtslager am zweiten Marschtag germanische Angriffe oder Revolten. Nach dem allgemeinen Selbstverständnis zu urteilen, erwartete man von Seiten der als unzufrieden beschriebenen Rebellen, dass diese erst ihrem Unmut Luft machen würden, nachdem man in ihr Stammesgebiet eingedrungen war bzw. man dort die Gerichtssitzung abhalten wollte. Dies war vermutlich auch die Darstellung bzw. die von den Cherusker gewählte Taktik. Erst im Zuge der Gerichtssitzung konnte es ihrer Meinung nach zu Unruhen kommen, aber nicht bereits auf dem Hinweg in das Gebiet der Aufrührer. Und rechtzeitig vor dem Eintreffen bzw. dem Eintreten dieser möglichen Gefahr, sollten auch die germanischen Hilfstruppen zu Stelle sein. Am zweiten Marschtag hatte man womöglich noch alle Zeit der Welt, die nötigen Wegearbeiten zu den Rebellen noch ordentlich und gewissenhaft anzugehen, denn dieser fiktive 25.09.0009 sollte nach Plan ein reiner Anmarschtag werden. Waffengänge zwischen Germanen und Römern sind innerhalb dieser Textstelle 56,20,1 zwar schon dokumentiert, sie sollten aber erst einsetzen, nach dem die Baumfällarbeiten, die nach meinem Zeitplan ab etwa 11 Uhr begannen, beschrieben sind. Nach meinem Zeitplan wäre das ab etwa 14 Uhr gewesen, von wo an ich spätestens die ersten Nahkämpfe erwartet hätte. Wie viel Körperkraft und Ausdauer besaß ein Germane vor 2000 Jahren, wie sah es mit dem beiderseitigen Kräfteverhältnis aus, aber fünf bis sechs Kampfstunden hätten nach Ansicht der Germanen am ersten Kampftag ausreichen müssen um die Legionen entscheidend zu schwächen bzw. ins Chaos zu stürzen. Aber ließen denn die Germanen die Römer während dem sie Bäume fällten, völlig ungestört ihre Säge ziehen oder ihre Axt schwingen ? Anfänglich so ist es dargestellt sicherlich, aber dann mussten letztlich doch alle Legionäre ihre Axt in kurzer Zeit mit dem Schwert tauschen, da es zum Kämpfen besser geeignet war. Die Kämpfe entfalteten also ihre volle Wirkungskraft ab etwa 15 Uhr. Blicken wir nun zurück auf die davor liegende Textstelle 56,19,5. Auch darin wurde uns von Cassius Dio angekündigt, dass die Germanen Varus angreifen und sogar furchtbares Unheil anrichten würden. In beiden Textstellen sowohl in 56,19,5 als auch in 56,20,1 sagte uns Cassius Dio die Angriffe der Germanen voraus, noch bevor sie passierten und man fragt sich unwillkürlich warum er die Warnung bzw. den Hinweis gleich zwei mal vorzog bzw. aussprach. Der Ordnung halber sei erwähnt, dass die Germanen die Legionäre auch noch nicht angegriffen hatten, als uns Cassius Dio schon unter der Textstelle 56,19,2 mitteilte, dass die Frauen und Kinder zur Auflösung des Marschzuges beitrugen. Da herrschte also auch noch völlige Kampfesruhe im Zug. Ebenso wurden uns auch noch keine germanischen Attacken innerhalb der Textstelle 56,20,3 angekündigt. In einer Textstelle, in der sich das Wetter schon als sehr wendig erwies und die Marschbedingungen zusehend schlechter wurden, hielten sich die Germanen also immer noch zurück. Cassius Dio kündigte uns vieles vom Bevorstehenden bereits im Vorfeld an, bevor es dann letztlich dazu kam. Er stimmte den Leser förmlich schon auf das Grauen ein und bediente sich dabei vorweg nehmender Formulierungen. In Textstelle 56,19,5 kündigte er den Angriff auf Varus an und in Textstelle 56,20,1 weist er daraufhin, dass die Römer schon vor den Angriffen Mühe mit dem Bäume fällen hatten. Aber dienten denn alle die frühen Hinweise auf das was die Römer erwarten würde nur dem einen Zweck, bei den Lesern einen Nervenkitzel vor dem Unausweichlichen auszulösen. Eigentlich eine Einstellung die einem seriösen Historiker fremd sein sollte. Ich kann es mir daher auch nicht vorstellen. So erkenne ich dahinter eher eine gewisse Methodik. Nämlich durch die Vorgriffe, den Geschehnissen die chronologische Reihenfolge zu entziehen. Dies ging zu Lasten der Übersichtlichkeit womit es ihm aber gelang, seinen fehlenden Wissenstand zu kaschieren. Fehlten ihm also die Fakten, so half er demnach mit etwas Poesie nach. Was blieb ihm letztlich übrig, bzw. was wäre andernfalls seine Alternative gewesen. Im Zweifelsfall wüssten wir noch weniger als wir schon wissen. Die harten Fakten der Varusschlacht beginnen also erst mit der Textstelle 56,20,4, als den Römern die ersten germanischen Speere um die Köpfe flogen. Unterdrücken wir aber seine weniger zielführenden Einlassungen und erstellen statt dessen mal eine Kurzzusammenfassung des mittleren Teiles der Cassius Dio Überlieferung. Sie liegt zwischen dem Ausmarsch aus dem Sommerlager und der ersten Feindberührung. Verzichtet man nun auf seine Randbemerkungen und auf seine Lagebeschreibungen, versucht also ohne sie aus zu kommen, so liest es sich plausibler und damit schnörkelloser. Dann wirkt jene Phase zwischen dem Abzug aus dem Sommerlager bis zum Einsetzen der Kämpfe wesentlich nüchterner und sachlicher. Allemal ein Versuch wert um dem nacktem Sachverhalt etwas näher zu kommen und uns nicht vom Unwesentlichen irritieren zu lassen. Nur unter Verwendung der faktenbezogenen Textbausteine, Sätze und Halbsätze, wie sie uns von Cassius Dio überliefert sind bzw. wie sie übersetzt wurden, hätten wir es sozusagen mit einer modernen Variante zu tun. Und ab der Textstelle 56,19,4 bis zur Textstelle 56,20,4 würde uns dieses reizvolle Experiment vielleicht auch einige Schlußfolgerungen und neue Sichtweisen gestatten. Die Darstellung kommt der besseren Lesbarkeit ohne Hinweise auf die jeweiligen Textstellen Nummern von Cassius Dio aus. Ebenso verwende ich aus dem gleichem Grund ein Vokabular, das sich geschmeidiger, zeitgemäßer und flüssiger einfügen lässt und verzichte auf diverse Umschreibungen.
Die protokollarische Version
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„Um Varus besser überwältigen zu können, vermittelten ihm die Germanen den Eindruck, er befände sich in einem befreundeten Land, bzw. sei darin unterwegs. Dies gelang auch den Germanen, denn Varus traf keine Vorsichtsmaßnahmen. Er ging nur von lokal begrenzten Zwistigkeiten aus und nicht von einem überraschend vorgetragenen Volksaufstand. Aber trotzdem entschied man sich im gegenseitigen Einvernehmen mit den Cheruskern dazu, sicherheitshalber zusätzliche germanische Hilfstruppen zu mobilisieren. Sie sollten Varus auf dem Zug in den Unruheherd begleiten. Germanen die den Varuszug anfänglich noch begleiteten verließen ihn an einer vereinbarten Stelle, um die dafür nötigen weiteren Hilfstruppen zu benachrichtigen. Diese sollten dann später in den römischen Marschzug integriert werden um gegenüber den Rebellen gemeinsam Stärke zu zeigen. Unterdessen setzten die römischen Legionen ihren Marsch ungehindert fort. Unter ihnen befanden sich auch viele Frauen, Kinder und andere nicht militärische Personen. Die Anwesenheit dieser vielen Zivilpersonen führte naturgemäß auch zu einem ungeordneten Marschverlauf. Die Germanen unter denen sich vermutlich auch Arminius befand erreichten parallel zum weiter ziehenden Marschzug der Varuslegionen ihre Stammesgenossen. Im weiteren Verlauf der Geschehnisse nahmen die Germanen den Kampf gegen jene römischen Einheiten auf, die vorher von Varus in den germanischen Gebieten zurück gelassen wurden und vernichteten diese. Varus, dem diese Scharmützel nicht zu Ohren kamen, zog während dessen weiter in die Richtung der Rebellen. (Das Übernachtungslager bei Brakel gibt die Übersetzung natürlich nicht her) Auf dem Weg zu den Aufrührern verschlechterten sich die Marschbedingungen und die Wetterverhältnisse zunehmend. Umfangreiche Wegeausbaumaßnahmen wurden daher nötig und führten zu Verzögerungen“.
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Dieser hier textuell umgestaltete Ablaufbericht verdeutlicht, dass Cassius Dio auch in Gänze auf die von ihm in Textstelle 56,19.5 und 56,20.1 voraus geschickten Ankündigungen auf die bevorstehenden Kämpfe der Germanen hätte verzichten können, ohne das darunter die Gesamtlogik gelitten hätte. Es wäre ihm also auch gelungen auf dieses Beiwerk zu verzichten, ohne uns in ein informatives Defizit zu entlassen. Halten wir also minimalistisch fest, dass bei ihm eine chronologisch und sachlich orientierte Überlieferung nicht im Vordergrund seiner Bemühungen stand. Erst ab Textstelle 56,20.4 beschrieb er dann wie die Kämpfe entbrannten. Er zog also die den Römern drohenden Ereignisse zwei Mal vor, obwohl er sie später doch noch detaillierter erläutern sollte. Was mag ihn also bewogen haben auf die Dinge schon einige Kapitel früher einzugehen. Ebenso kann man sich die Frage stellen, warum Cassius Dio die Anwesenheit von Frauen und Kindern im Marschzug zu einem Zeitpunkt erwähnte, als diese möglicherweise schon nicht mehr in diesem in Brakel abgespaltenen Teil des Marschzug anwesend waren. Im ersteren Fall zog er Ereignisse vor, die sich erst in der späteren Textstelle 56,20.4 voll entfalten sollten und im letzteren Fall verschob er „möglicherweise“ einen Vorgang nach vorne, der besser in die hintere Textstelle 56,19,4 gepasst hätte. Wollte man Cassius Dio „auf die Füße treten“ könnte man ihm eine konfuse nicht gradlinig verlaufende historische Fehlleistung unterstellen. Ich sage hingegen, dass er aus seinem Wissensstand heraus unter den damaligen Bedingungen noch das Beste gemacht hat. Er hat zwar weite Teile seiner Überlieferung auf den Kopf gestellt, uns aber doch bei genauem Hinsehen, das wirklich wichtige auch nicht verschwiegen. Aus seiner Situation heraus eine Meisterleistung. Er verschob zwar untereinander die Chronologie, seine Stilrichtung ist für uns aber erkennbar, also nachvollziehbar geblieben und seine Arbeit gewinnt somit an Glaubwürdigkeit. Er blieb sich also treu. Damit zeigte er eine gewisse historische Größe, weil er sich damit bewusst dem Risiko der Anfechtbarkeit aussetzte, denn jedem der sein Werk las musste auffallen, dass er einige Erklärungslücken übertünchen musste. Und es fiel auf. Die starke Aussagekraft seines Hinweises auf die „FRAUEN UND KINDER“ im Marschzug wird dadurch auch nicht geschmälert, aber alles zeugt davon, dass es in seiner Zeit keine Priorität hatte, in sich flüssige Texte zu hinterlassen. Ob die Pionierarbeiten von einigen Legionären sogar noch während der germanischen Angriffe fort gesetzt werden mussten, ob man vorne im Marschzug wusste was hinten geschah, oder ob die Frauen und Kinder zum Zeitpunkt der herab fallenden Baumkronen noch Bestandteil der Marschkolonne waren, alles lässt er zum Spielball freier Interpretation werden. Muss seine Überlieferung gar so bewertet werden, dass wer die wichtige Textstellen Ordnung verlässt, sich selbst untergräbt. Aber Cassius Dio ging das Wagnis ein, denn es sollte nach ihm keinen antiken Historiker mehr geben, der sich der Varusschlacht widmete. Vermutlich ahnte er es. Er opfert sein Werk der Nachwelt, gibt es Preis und stellt es zur Disposition. Geht man also davon aus, dass auch der Inhalt der Textstelle 56,20,2 mit dem wichtigen Hinweis auf die Frauen und Kinder im Marschzug nicht in die Gesamtchronologie passt, so birgt dies weiteren Stoff für interessante Schlussfolgerungen. Diese Schlussfolgerung würde mir bei meiner Bewertung der Varusschlacht Ereignisse in die Hände spielen, denn sie würde sich mit meiner Theorie decken. Der Theorie, die hin zu einem zusätzlichen Marschtag von Höxter/Corvey nach Brakel tendiert und die von einer Marschzugaufteilung in einen Marschzug mit Kampfauftrag und einen mit zivilem Auftrag aus geht. Bislang ist diese Textstelle 56,20,2 immer unumstritten als ein Synonym dafür gewertet und auch als ein solches allgemein aufgefasst worden, als dass Varus dieser Schurke, es selbst Frauen und Kindern zumutete, in einem als gefährlich eingestuften Krisengebiet möglicherweise den Tod finden zu können. Damit aber, dass sich Cassius Dio seine verwirrende Komposition selbst aushebelt und in gewisser Weise in Teilen dafür auch seine Glaubwürdigkeit opfert, hilft er uns aber daraus wieder eine Spur abzuleiten, nämlich die die meine „Zwei – Marsch – Rück – Zug - Theorie“ zum Rhein stützt. Eine kritische unwirtliche Randregion anzusteuern, die abseits bereits kolonisierter Gebiete lag und wo sich sogar die Germanen unter Arminius anboten sicherheitshalber noch zusätzliche Hilfskräfte zur Unterstützung der Römer für den Marsch dorthin zu mobilisieren, musste als gefährlich eingestuft werden und die Vorsichtsmaßnahmen nötig erscheinen lassen. Und unter diesen misslichen Umständen soll sich also Varus darüber hinweg gesetzt haben und nicht davor zurück geschreckt sein, sogar Frauen, Kinder, Alte und Kranke etc. in diesen ungezähmten böswilligen Landstrich mitzunehmen. Aber jeder Historiker der diese Textstelle zehn Mal rauf und runter las und in alle Richtungen interpretierte, konnte auch zu keiner anderen Auffassung gelangen, als dass Varus tatsächlich zu derartig verwerflichem Tun imstande war und es ihm auch jeder zutraute, so wie er von der Geschichte verrissen wurde. Und Cassius Dio schrieb es ja auch letztlich alles so auf wie er es vorfand, keiner wollte am von ihm Hinterlassenen rütteln und warum hätte man ihn auch anders verstehen bzw. diese Textstelle auch anders auffassen sollen. Es stand ja alles sorgfältig notiert schwarz auf weiß auf dem Papier. Erst im Zuge der akribischen Nachuntersuchung bei Aufdeckung des „verschütteten“ Marschtages und der abenteuerlichen Chronologie bzw. unter der Zusammenfassung und Analyse verschiedener logischer Schritte ist man auch erst imstande, die Zeilen von Cassius Dio einmal anders deuten zu können, ohne ihm „post mortem“ zu nahe treten zu wollen. Das Cassius Dio auch schon in früheren Zeiten innerhalb der Wissenschaft Aufmerksamkeit erregte bzw. durch die Art seiner Darstellung Kritik hervor rief bestätigt meine Theorie zweier Anmarschtage ins Rebellengebiet mit einem unvermeidlichen Zwischenstopp im Raum Brakel. Denn auch von anderer Seite wurde ihm schon vorgeworfen, dass er trotz vieler Verweise und Wiederholungen die chronologische Klarheit verfehlte und sich oft zu zweideutig äußerte. Er korrigierte auch die Undeutlichkeit seiner Überlieferung an keiner Stelle. Mehr noch als die Unbestimmbarkeit werden ihm aber falsche pragmatische Verknüpfungen angekreidet. Sein Bestreben die annalistische Darstellung umzuordnen führt zu Konfusionen. Als Cassius Dio über die Cäsarenmörder des Jahres 44 - berichtete, hatte er vorher schon die Ereignisse des späteren Triumvirats des Jahres 43 – vorgezogen und unter dem Zerreißen der Synchronismen leidet zwangsläufig seine gesamte historische Darstellung. Ähnliche Fehler unterliefen ihm mehrere, so bei der Darstellung der Schlacht bei Mutina und in dem er Caesars Konsulwahl vor die Versöhnung zwischen Antonius und Lepidus schob. Obwohl Cassius Dio Polybios als Vorbild hatte, erreichte er aber diesen nicht, was seine Beurteilungskraft, Anordnung und Einteilung sowie seine inhaltliche Tiefe anbelangt. Denn natürlich hatte Varus Frauen und Kinder unbestritten anfänglich, nämlich am ersten Marschtag auch mitgeführt, er konnte sie ja nicht zurück lassen, da stimmt wohl auch jeder mit Dio und seinen Quellen überein. Wenn man sie allerdings in den zweiten Marschtag hinüber holen möchte und ihre Existenz vom ersten Marschtag ablöst, so führt dies schnell zu ganz anderen Überlegungen. Übrigens hat sich passenderweise dazu auch noch kein heutiger Historiker gefunden, bzw. es wurde nicht der Frage nach dem späteren Verbleib dieser vielen Frauen und Kinder ernsthaft nach gegangen oder hat sich ihr auch nur angenähert. Denn bis auf eine nebulös geschilderte Flucht aus einem scheinbar römischen und undefinierbaren Lager mit unbekannten Namen in einer kalten Winternacht, die später von Trompetenklängen begleitet wurde, auf die ich noch in einem anderen Abschnitt eingehen möchte, hat sich auch kein Geschichtsforscher mehr gewagt die Fragen nach ihrer Position im Marschzug einmal in einen anderen Kontext zu rücken. Man bezog die Ereignisse um die Flucht der Frauen und Kinder zum rettenden Rhein immer und einzig auf das Lager Aliso hinter dem ich das Örtchen Schwaney sehe und vergaß dabei auch anderen Überlegungen zu folgen. Auch hier bin ich zu einer anderen Auffassung gelangt. Nun sind wir aber wieder einen Schritt weiter, denn zum einen liegt nun tatsächlich ein Konzept auf dem Tisch, nämlich die lückenlose Aneinanderreihung eines fasst viertägigen Marsches. Der Zugverlauf und die ersten Stationen bis zum Beginn der Varusschlacht liegt nun offen erkennbar vor unseren Augen. Und der harte Kern dieser Varusschlacht beginnt demnach gemäß Textstelle 56,20,4 am zweiten Marschtag nachmittags, als die Germanen von allen Seiten auf die Legionäre zu strömten, als sich diese schon nicht mehr wehren konnten oder wollten und er endete mit dem blutigen Abzug aus dem „Prima Vari Castra“ dem Gerichtslager am Morgen des dritten Marschtages. Am dritten Marschtag nachmittags oder im Verlaufe des Vormittages des vierten Marschtages war aus meiner Sicht die Schlacht geschlagen. Heillose Fluchtbewegungen werden den Ausklang gebildet haben. Sie dürften sich vordringlich in den „Teutoburgiensi Saltu“ hinein erstreckt haben, da nur diese Schlucht den rettenden Ausweg nach Westen bot. Nennenswerte Kämpfe werden um diese Zeit nicht mehr statt gefunden haben. Nun war auch die Zeit für Varus gekommen. Seine Leibwache und die Reste seiner Armee werden sich um ihn geschart haben. Den dritten Marschtag und die Nacht vom dritten auf den vierten Marschtag könnte er noch erlebt haben. Der Aufstieg in den „Teutoburgiensi saltu“ wird aber für ihn das Ende gebracht haben. Spätestens oben angekommen dürfte sich sein Schicksal erfüllt und er sein Leben ausgehaucht haben. Die deutliche Erwähnung, Heraushebung und die besondere Begrifflichkeit des „Teutoburgiensi saltu“ bei Tacitus in dem noch die Knochen der Opfer unbestattet gelegen haben sollen verstärkt den Eindruck, dass sich nur hier der Vorhang schloss und die Tragödie ihr Ende fand. Wo sich der steile „Teutoburgiensi saltu“ ins Soratfeld öffnet erreichten die letzten Überlebenden die Paderborner Hochebene die danach leicht in Richtung Kleinenberg abfällt. Unterdessen vermutlich am Abend des dritten Marschtages oder am letzten Marschtag dürften auch die Schwadronen des Paterculus Varus und mit ihm das sinkende Schiff verlassen haben. Wir erkennen nun deutlicher, dass Varus den Marschzug der Frauen und Kinder in Brakel abkoppelte und keiner spricht später auch mehr von ihnen. In einer Phase in der in einem umkämpften Lager hilfesuchende umher irrende Frauen und Kinder eigentlich einen festen historischen Platz hätten einnehmen müssen. Und letztlich können wir daraus auch die zusätzliche Schwächung der Kampflegionen im Saltus ableiten, denn die Bewachung des Marschzuges der Frauen und Kindern ab Brakel zur Lippe kostete Varus wieder zahlreiche Soldaten die ihm während der Kämpfe fehlen sollten. (16.04.2019)
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