Donnerstag, 16. November 2017
Tiberius (Claudius Nero)
Der spätere Kaiser Tiberius, der mit dem Titel den Zusatznamen Julius Caesar Augustus annahm, lebte von 42 – bis 37 +. In seine Zeit als Feldherr aber auch als Kaiser fiel Tiberius über den gesamten Zeitraum der Germanenkriege eine interessante, aber auch eine fragwürdige bis dubiose Schlüsselrolle zu. Eine insgesamt betrachtet denkwürdige Epoche frühester Geschichte auf heutigem deutschen Boden. Er ging nach Meinung vieler Historiker als eine rätselhafte Gestalt in die Geschichte ein. Sueton und Tacitus beschrieben ihn als hinterlistig und boshaft. Auch Überheblichkeit bis zur Arroganz wurde ihm nachgesagt. Geistig war er beweglich und man stellte bei ihm auch Anzeichen von Depressivität fest, wie man heute sagen würde. Was trieb ihn aber dazu im Jahre 9 – die körperliche Anstrengung auf sich zu nehmen binnen kürzester Zeit von Mainz nach Ostwestfalen zu reiten um noch seinen Bruder Drusus lebend anzutreffen und zu sprechen, der nicht lange danach verstarb. War die Bruderliebe so groß oder gab es da noch was zu regeln oder für Tiberius noch was zu erfahren, vermutete Tiberius hinter dem „vermeindlichen“ Pferdesturz eine Finte die er durchschauen wollte, nahm er vielleicht an, Drusus wolle eventuell eine Verletzung nur vortäuschen um Zeit für andere Aktionen zu gewinnen, war er besorgt die Germanen könnten sich seiner bemächtigen, brauchte er noch Informationen über die Völker rechts der Elbe, oder kann Depression ein auslösender Faktor gewesen sein ? Kaffeesatzleserei, aber es bleibt unklar was ihn in damaliger Zeit derart antrieb Ostwestfalen in Tag - und Nachtritten zu erreichen. Aber nach dem Tod seines Bruders Drusus war Tiberius als sein Nachfolger in Germanien gesetzt und führte im Jahre 8/7 – wie nicht anders zu erwarten war, „erfolgreich” die Feldzüge seines im Jahr 9 - verstorbenen Bruders zu Ende. Wie sich diese Feldzüge in der Realität auch immer gestalteten ist nicht überliefert, vermutlich passierte in Germanien nach 8 – aber auch erst einmal gar nichts mehr. Zwangsläufig musste er aber um agieren zu können nach der Beisetzung seines Bruders in Rom wieder an den Rhein zurück gekommen sein, um dann dort die Legionen des Drusus für weitere Aktionen übernehmen zu können. Möglicherweise hat er noch das eine oder andere Scharmützel ausgetragen, hat sich dann aber den Umsiedelungen der Sugambrer auf die linke Rheinseite, sowie den Sueben gewidmet. Innerfamiliäre Probleme ließen ihn in Germanien vorerst nicht mehr aktiv werden, so dass nach dem Jahr 7 – Lucius Domitius Ahenobarbus die Feldzüge in Germanien weiter führte. Der erste Vorstoß von Ahenobarbus ist für das Jahr 3 – überliefert. Folglich hat Tiberius zwischen 8/7 – und 4 + in Germanien mit Abwesenheit geglänzt. Er trat in Germanien erst wieder im Zuge des Immensum Bellum in Erscheinung der 1 + ausbrach und in den er 4 + eingriff, nachdem der zwischenzeitlich eingesetzte Feldherr Marcus Vinicius wohl erfolglos blieb. Tiberius beendete ihn dann 5 +. Obwohl Tiberius 12 lange Jahre in Germanien nicht mehr präsent war und sich die dortigen Kräfteverhältnisse in dieser Zeit sicherlich verschoben haben, galt er wohl immer noch als der Germanien Kenner schlechthin und Kaiser Augustus traute ihm zu vor Ort die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die häufigen Durchzüge der römischen Legionen kreuz und quer durch Germanien von Drusus über Ahenobarbus bis Vinicius die auch immer wieder mit heftigen Kämpfen verbunden waren, haben die Germanen zusammen geschweißt und den Nährboden für den Immensum Bellum geschaffen für den Tiberius ab 4 + wieder zuständig war. Tiberius mag sich mit Ahenobarbus nach dessen kurzer Eskapade über die Elbe im Jahre 3 – oder auch mit Marcus Vinicius abgestimmt haben und man wird Kaiser Augustus dazu bewogen haben Entscheidungen zum härteren Durchgreifen zu treffen. Die Fehleinschätzung von Tiberius der den Immensum Bellum als Siegesserie und danach die Lage in Germanien als stabil dargestellt hatte, mündete dann in die Entscheidung Varus nach Ostwestfalen zu entsenden und das Ende kennen wir. Es kam wohl auch unter der Mitwirkung und Beratertätigkeit des Tiberius zustande, dass man Varus herbei rief, der dann die Sache in den Sand setzte. Trotzdem sprach Kaiser Augustus ihm wegen seiner strategischen Erfahrungen mit dem sichtbaren Zeichen der Übertragung des „imperium proconsulare“ sein Vertrauen aus und entsendete ihn zwecks Wiederherstellung der Stabilität vielleicht schon direkt oder erst ein Jahr später nach der Varusniederlage als Mann für besondere Aufgaben erneut an die Germanenfront. Während ihm danach sein "schreibender Verehrer" Velleius Paterculus sogar wieder Vorstöße ins Landesinnere testierte, überliefert uns Cassius Dio keine nennenswerten Übertritte auf die andere Rheinseite und auch archäologisch gibt es dazu keine Befunde. Die Aussagen von C. Dio werden als Glaubhaft betrachtet. Allerdings liegen uns dazu noch ergänzende Überlieferungen von Johannes Zonaras aus dem 12. Jhd. vor, der uns verschollene Teile aus dem C. Dio Text überliefert hat. In etwa mit dem Wortlaut, dass die Germanen befürchteten, Tiberius würde mit einem bedeutenden Heere die Lippe aufwärts heranrücken, um sie nach der Varusschlacht anzugreifen. Dies geschah im Zusammenhang mit dem Entsatz eines Römerlagers, dass von den Germanen bis dato erfolglos belagert wurde. Bei diesem Römerlager indem sich auch Überlebende der Varusschlacht aufgehalten haben könnten, handelte es sich meines Erachtens um das „Bollwerk - bzw. Winterfluchtlager“ Haltern, also das Lager, dass sich den Germanen in den Weg gestellt haben soll, um ihnen den Übertritt über den Rhein zu verwehren bzw. sie aufzuhalten. Dies soll sich wegen des Hinweises auf die Kälte der Nacht im Winter 9/10 + zugetragen haben. Während allerdings C. Dio noch selbst überliefert hat, dass es die von Asprenas dem Feldherrn von Tiberius geschickte Truppe gewesen wäre. Natürlich musste Tiberius trotz seiner Anwesenheit am Rhein nicht unbedingt auch persönlich mit den Legionen den Rhein in Richtung Haltern überquert haben, aber der Vorfall zeigt doch, dass es noch zu begrenzten Einsätzen auf rechtsrheinischem Gebiet im Nachgang zur Varusschlacht in dieser Zeit kam. Grund für keine weiteren Kämpfe in Germanien unmittelbar nach der Varuskatastrophe wird die angespannte unklare Lage und natürlich die winterliche Jahreszeit gewesen sein. Was die verängstigten germanischen Belagerer vor Haltern auch nicht wissen konnten, war die Risikoscheu die Tiberius nach dem Varus Debakel an den Tag legte. Sueton betonte, dass Tiberius sehr umsichtig vorging und sich auch die Vorschläge eines Kriegsrates anhörte. Möglicherweise ein Hinweis darauf, dass diese Gespräche bei Varus zu kurz kamen. Für einen Feldherr ungewöhnlich kontrollierte er sogar bei Vorstößen ins Landesinnere persönlich die Trossladungen um unnötige Beladung zu verhindern. Auch hier wieder der Seitenhieb auf Varus, der sich wohl mit einem zu üppigen Tross belastete. Tiberius wollte vermeiden, dass sich alte Fehler wiederholen konnten, er forderte Disziplin die Varus vielleicht auch vermissen ließ und bewegte sich auch nur innerhalb eines Streifens unbekannter Breite östlich des Rheins, den er noch für vertretbar hielt, da er laut Sueton auf gefährliche Unternehmungen während seines Kommandos am Rhein bis 12 + verzichtete. Aber Anfang 13 + weilt Tiberius auch schon wieder bei Hofe und brachte von dort aus vermutlich auch Germanicus in Stellung, der dann 14 + die Rachefeldzüge aufnahm, die dann wiederum 16 + bei Bramsche ihr Ende fanden. Tiberius scheint sich trotz widriger Bedingungen letztlich immer so geschickt verhalten haben, dass er am Ende immer oben schwamm und wirkte mal vor und mal hinter den Kulissen. Als ihm dann nahezu schicksalhaft mangels anderer familiärer Thronfolger die Nachfolge von Augustus in den Schoss fiel, tat er sich sehr schwer damit sie anzutreten und scheute sich offensichtlich vor der plötzlichen Übernahme dieser gewaltigen Verantwortung und Herausforderung. Erst auf Druck des Senats soll er dann wohl mehr halbherzig der Übernahme dieses hohen Amtes zugestimmt haben. Vor diesem Hintergrund müssen wir versuchen die politische Lage nach der Varusschlacht in Rom einzuschätzen. Augustus musste sich eingestehen an Tiberius nach dem Tod seiner bevorzugten Enkel nicht mehr vorbei zu kommen und hatte sich sehr schwer getan in ihm seinen Nachfolger zu sehen. Auch für Augustus traf Tiberius wohl eine nicht zu unterschätzende Mitschuld an allem was in Germanien schief ging, aber als geschickter Taktiker konnte und wollte er ihn auch nicht vor der Öffentlichkeit demontieren. Theatralisch wofür er bekannt war, heute würde man sagen medienwirksam, samt seiner Sondereinlage “Kopf an die Wand schlagen” präsentierte Augustus der Nachwelt seinen verdächtig gut inszenierten Zornesausbruch. Wenn berichtet wird, dass er in Schwermut versank und seine Hygiene vernachlässigte, so wäre er nicht Augustus gewesen, wenn er nicht auch dieses Mittel im Sinne seiner Methode einen Staat zu lenken eingesetzt hätte. Mit dem Druckmittel, das Imperium sei in Gefahr ließen sich bequemer nicht opportune Entscheidungen begründen und die Senatoren durften nie übermütig werden. Auch der Tacitus Hinweis, dass er seine von ihm sofort nach der Katastrophe entlassene germanische Leibwache, die er aber nur geschickt irgendwo versteckt haben soll, schon wenige Jahre später wieder zurück holte lässt erkennen, dass sein Groll befristet war. Er richtete seine Bestürzung auch bewusst nur gegen Varus der nun mal so war wie er war, nämlich alles andere als ein erfolgreicher Feldherr in Germanien. Während Augustus Varus bzw. seinem Kopf ein, nennen wir es Staatsbegräbnis gewährte, litt seine Frau Claudia Pulchra und der Varus Sprössling noch lange unter den Repressalien des Tiberius, die ihm vermutlich äußerst peinlich all seine persönlichen Verfehlungen im Nachhinein in die Schuhe schob. Eine personelle Fehlbesetzung ist eben auch immer die Fehlentscheidung der “Personalabteilung” und die Umstände könnten dafür sprechen, dass Tiberius an der Varusentsendung einen nicht unerheblichen Anteil hatte. Nachdem aber die Rheinfront ruhig blieb, wird Kaiser Augustus die Varusniederlage schnell verdaut haben, da er ja schließlich auch noch andere Konfliktregionen zu befrieden hatte. Tiberius begegnet uns nach den unbefriedigenden Germanicus Feldzügen wieder als Kaiser und fällt durch seine erstaunliche und wahrhaft kaiserliche Entscheidung auf, man möge doch jetzt in Germanien weitere Eroberungen stoppen und die Rheinfront akzeptieren und zu stabilisieren. Die weise Entscheidung eines Mannes, der in diesem Fall sicherlich richtig handelte. Mit diesem Exkurs über Tiberius wollte ich aber auch die gärende Frage nach der möglichen “Verfälschung der Senatsakten” aufgreifen bzw. nochmal aufwerfen. Schließlich neigen viele Historiker dazu, dass Werk des Historikers C. Dio was seine Überlieferung zur Varusschlacht anbelangt, deswegen in Frage zu stellen. C. Dio hatte bekanntlich indirekt den Wahrheitsgehalt der Senatsakten infrage gestellt und damit Spekulationen geschürt, dass alles was er über die Varusschlacht schreiben würde zweifelhaft sein könnte. Wie er zu der Auffassung gelangte wissen wir nicht. Vielleicht kamen ihm die ganzen Schilderungen aber auch so schier unglaublich vor, dass man bzw. er sie selbst kaum glauben konnte. Wurden die Schriften im Archiv tatsächlich wahrheitswidrig verfasst oder verändert dann hätte C. Dio auf diesen tönernen Füssen basierend die Welt trotz seines Hinweises letztlich aber doch getäuscht, so müsste sein Werk zur Varusschlacht verworfen werden. Handelt ein Historiker in dergestalt, dass er eine ausführliche Darstellung veröffentlicht die er aber gleichzeitig wieder in Frage stellt. Wäre sein Verdacht allerdings tiefer verwurzelt und konkret gewesen, hätte er ihn als guter Historiker möglicherweise komplett weg gelassen. Daher ist diese Frage nach der Glaubwürdigkeit für die gesamte Varusforschung auch von elementarer Bedeutung. Träfe es zu, bliebe uns nur noch die Florus - Lager - Überfall - Variante und sie müsste allen Strängen der Interpretation zugrunde gelegt werden. Dies würde das Feld des möglichen Schlachtenverlaufs erheblich einschränken und viele Spekulationen schlagartig verstummen lassen. Stellt man sich nun die Frage, wer ein Interesse daran gehabt haben könnte, die zu Papier gebrachten Senatsakten umzudeuten, zu verändern oder wie auch immer zu beschönigen, so wird bevorzugt auf Kaiser Augustus verwiesen, obwohl diese Handlungsweise noch eher Tiberius zuzutrauen gewesen wäre oder vielleicht auch anderen unbekannten Experten für Verdunkelungen. Tiberius folgte ihm im Amt und mögliche Darstellungen die schlechtes Licht auf seine aktive Rolle in Sachen „Varus“ hätten werfen konnten, wollte er darin nicht sehen. Denn er war es immerhin, der damals noch als Feldherr mitten im Geschehen stand, die besten Kenntnisse von den Ereignissen gehabt haben musste und zudem viele Weichen mit stellte die zum späteren Desaster führten. Andererseits brauchte Tiberius sich diese Mühe wiederum nicht zu machen, denn von ihm war ja im Zuge und nach der Varusschlacht überhaupt nicht mehr die Rede gewesen, da Augustus die politische Verantwortung für alles übernahm. Schuld trug eben in den Augen aller immer Varus der Versager, die vertragsbrüchigen und untreuen Germanen, die zornigen Götter und das schlechte Wetter. Warum also von den Schreiberlingen nach dem Tod von Augustus oder seinem Nachfolger noch mal in alten Papieren wühlen lassen. Kaiser Tiberius hatte jetzt die Macht, aber auch andere Sorgen und größere Probleme als Geschichtsklitterung zu betreiben, zumal man derartiges in Rom auch sicherlich nicht hätte geheim halten können. Meiner Ansicht nach wurden diese Akten von den Beamten angelegt, nachdem sie sich ein glaubhaftes Bild über die Abfolge der Ereignisse machen konnten und man wollte keinesfalls den Kenntnisstand „der Straße“ übernehmen. Inwieweit von den Beamten spätere zusätzliche Erkenntnisse zeitversetzt ergänzt und dann nachgetragen wurden ist unbekannt. Man könnte spekulieren und sagen, dass die ersten Nachrichten die aus dem Norden in Rom eintrafen wie ein Lagerüberfall geschildert wurden und späteren Nachrichten andere und vielleicht detailliertere und authentischere oder einfach nur glaubhaftere Informationen zu entnehmen waren. So zum Beispiel, dass der Niedergang Angesichts der Vielzahl der getöteten Legionäre, immerhin waren es drei Legionen definitiv nicht das Resultat eines einzigen Lagerüberfalls gewesen sein konnte. Eine Vernichtungsschlacht die sich über Tage hingezogen hatte schien da wohl für alle zutreffender zu sein. Eben genau so wie Dio sie bei den Beamten abschrieb und uns überlieferte. Vielleicht grassierten in den Senatsakten auch unterschiedliche Erläuterungen und Betrachtungen zum Schlachtverlauf und sie hatten die freie Auswahl. Was soll ein Beamter zu Papier bringen, dem man nach und nach die unterschiedlichsten Versionen vorlegte. So zitierten die späteren antiken Historiker mal aus diesem und mal aus jenem Papier, je nachdem was ihnen die Beamten nach den vielen Jahren aus den verstaubten Archiven hervor holten. Von einer geplanten Manipulation von kaiserlicher Seite, wer es auch immer von beiden hätte angeordnet haben können, gehe ich daher nicht aus. (zuletzt bearbeitet 10.12.2017 - 23:29)

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Sonntag, 12. November 2017
Publius Quin(c)tilius Varus
Was war er für ein Mensch dieser Varus dem die Bewohner von Athen, Tenos und Pergamon zwischen 22/21 und 19 – seltsamerweise mit Statuen samt ehrenvollen Inschriften huldigten, obwohl er „nur“ als Geschäftsmann aber mit ausgeprägtem finanziellen Interesse im Sinne des Imperiums gemeinsam mit Kaiser Augustus ihre Provinzen bereiste. Vermutlich standen die Stelen auch schon, bevor er eintraf um sie ihm präsentieren zu können oder sie von ihm enthüllen zu lassen. Im Nachhinein errichtet, dürften sie ihren Zweck verfehlt haben. Sicherlich werden um diese Zeit die Huldigungen für Augustus ungleich größer ausgefallen sein um das Verhältnis zu wahren. Aber dies waren damals untrügliche Reaktionen einer besorgten Bevölkerungsschicht, die sich der Gefahr bewusst war, dass da auch einer kommen würde, der ihnen ans Geld wollte. Nicht nur den Kaiser, sondern auch seine Staatsbeamte wie Varus musste man schon im Vorfeld freundlich stimmen und ihnen unterwürfig gegenüber treten, um zumindest das Schlimmste zu verhindern. Und damit ist eigentlich schon alles gesagt, denn eine bessere Visitenkarte konnten uns die Bürger in Griechenland und Kleinasien zur Person des Varus eigentlich gar nicht hinterlassen. Kaiser Augustus konnte es einschätzen, wen er in sein Team aufnahm und wen er für die finanziellen Dinge als geeignet betrachtete und Leute wie Varus waren mit Gold nicht aufzuwiegen. Sie verstanden es dem Reich und auch seiner persönlichen Schatulle die nötigen Mittel zuzuspülen, die er für seine Regierungsgeschäfte brauchte. Waren Leute wie Varus erfolgreich, florierte sein Staatsapparat wie geölt und auf diese willigen, und auch keineswegs uneigennützigen Helfer konnte er nicht verzichten, auch wenn sie manchmal vielleicht etwas zu hart an die Sache herangehen mussten. Sie waren der Garant für das Erfolgssystem Augustus und von diesem Typus wird er auch noch andere Helfer in seinen vielen Provinzen gehabt haben. Wenn die Kasse stimmte, wurde eben mal weggeschaut. Wie wir heute aus der Retrospektive wissen, folgte auf den Spuren dieses Finanzierungsmodells später noch eine andere Organisation, die dieses einträgliche Geschäft übernahm und es noch bis heute praktiziert. Auch diese Staaten ähnliche Struktur, übrigens passend zum Lutherjahr die sich allerdings einer anderen Form der Eternität verschrieben hat, verstand es Gelder aus ganz Europa nach Rom zu lenken, um sich damit unter anderem Ihre Prachtbauten zu leisten. Aber an Varus reiben sich natürlich alle Historiker bis heute, sind aber neuerdings nachdem man sich damit in den letzten 2000 Jahren sehr schwer getan hat eifrig bemüht, an ihm auch mal positive Seiten zu entdecken. Es sind aber in der Literatur überwiegend mehr kritische als wohlwollende Eigenschaften von ihm überliefert. Trotzdem würde sich sein Kopf wohl heute noch im Grabe bewegen, gäbe man ihm noch einmal die Möglichkeit, sich selbst vor einem Welten Gericht für die Umstände der Katastrophe verantworten und rechtfertigen zu dürfen. Gewährte man ihm diese einmalige Chance, er würde den Gerichtssaal sicherlich nicht ohne seine Anwälte betreten. Aber bei allem Unbill fand er dann doch noch, dank der Fürsprache seines großen Nutznießers und Förderers Kaiser Augustus eine ehrenvolle Ruhestätte in der Familiengruft der Quinctilier, wohl unweit der heutigen Via Appia. Vielleicht muss man daher seinen Aufschrei der Verzweifelung vor diesem Hintergrund auch ganz neu bewerten. In etwa, „Varus, wer finanziert mir jetzt meinen Staat“. Wie man einer Münze mit seiner Kopf Gravur entnehmen kann, hatte er wulstige Lippen, wäre charakteristisch demnach ein Familienmensch gewesen. Er soll auch ein mildes Wesen und einen ruhigen Charakter gehabt haben, trotzdem war er nicht zimperlich. Sozusagen ein Mann mit zwei Gesichtern. Denn beschrieben wird er auch als unschlüssig, träge, schwächlich und geistig unflexibel. Ein psychologisches Gutachten aus alledem könnte ihn auch in die Kategorie skrupellos, ohne eigene Risiken eingehend, aber bei drohender Gefahr möglichst andere vorschickend, einstufen. Ohne diese Eigenschaften wäre er allerdings für seine Aufgabe in den Provinzen sicherlich ungeeignet gewesen. Was eine derartige Charaktermischung ergibt, lässt sich in etwa auch an den Reaktionen und Entscheidungen im Vorfeld der Schlacht ablesen. Was er aber wieder mit den Germanen gemeinsam hatte, war die ihm nachgesagte Muße im Lageralltag gewesen, denn dem Müßiggang frönten auch schon die alten Germanen. Und zur Muße gehört selbstredend insbesondere das süße Nichtstun möglichst in Verbindung mit vielen Annehmlichkeiten. Sein Vater als auch sein Großvater verabschiedeten sich schon fasst vorsätzlich mit Selbstmord aus dem Leben und stahlen sich aus der Verantwortung. Auch sie hatten wohl schon mehr Mut zum Sterben als zum Kämpfen besessen. Mit seiner Freitod Entscheidung tat er jedoch den Germanen unbeabsichtigt noch einen großen Gefallen. Denn mit dieser menschlichen Kriegsbeute richtig umzugehen, hätte er sie noch in große Konflikte gebracht. Sowohl Gefangenschaft, als auch Geiselhaft in Verbindung mit einer Lösegeldforderung oder sogar seine Götteropferung alles wäre in den Reihen der Germanen allemal auf großen Zuspruch gestoßen. Ein frei gekaufter also überlebender Varus zurück in Rom hätte bedrohlicher für sie werden können, als alle folgenden Rachefeldzüge eines Germanicus. Denn er hätte es aufgrund seiner Insiderkenntnisse sicherlich verstanden, im zweiten Anlauf alles richtig zu machen. Wehe seinen Widersachern, er hätte sie bis ans Ende der Welt verfolgen lassen. Sogar ein römisches Bündnis gemeinsam mit Marbod gegen die Westgermanen wäre nicht auszuschließen gewesen und hätte zur römischen Strategie gut gepasst. Vermutlich wuchs Varus immer dann über sich hinaus, wenn er Wehrlose vor sich hatte, die er in die Schranken weisen konnte und die keine Wahl hatten und sich von ihm und seinen Waffenträgern noch dazu beeindrucken ließen. Eigenschaften die ihm leider auch in unserer Zeit gute berufliche Aufstiegsmöglichkeiten geboten hätten. Varus konnte schon zu seinen Lebzeiten auf einen Stammbaum verweisen, der bis in den römischen Uradel der Antike zurück reichte und war bereits mit etwa 30 Jahren Kommandeur von einer der drei später in Ostwestfalen untergegangenen Legionen, nämlich der Neunzehnten, die um 15 – noch an einem siegreichen Alpenfeldzug unter Tiberius und Drusus gegen die Kelten teilnahm. Später kam er als Statthalter, aber wohl eher als Geldeintreiber nach Syrien, wo er als Richter in Beirut im Prozess gegen Antipatros, übrigens einer sehr reichen Familie auftrat. Antipatros war der Bruder des bekannten Herodes Antipas der an der Kreuzigung von Jesus beteiligt war. Antipatros wurde vorgeworfen, er wollte den gemeinsamen Vater der auch Herodes hieß umbringen. Er wird es auch zweifellos verstanden haben, die überlieferten Reichtümer des Herodes anzuzapfen. In den Jahren 6 + oder 7 + wurde er in die klimatisch ungünstigere germanische Diaspora entsendet wo, um ihm bei seinen Plänen den Rücken zu stärken wieder die altbekannte, vorher in Dangstetten am Oberrhein nachgewiesene 19. Legion unterstellt wurde, von der Teile nach dem Immensum Bellum vermutlich in Haltern stationiert waren. Ältere Legionäre könnten ihn daher bei seiner Ankunft in Germanien schon wie einen alten Bekannten begrüßt haben. Die Quellen berichten übereinstimmend, dass er es disziplinarisch übertrieb und wo möglich seine Macht ausspielte. In dem Bewusstsein ein Weltreich hinter sich zu wissen, überzog er sowohl seine Selbstherrlichkeit als auch sein Bedürfnis Vollkommenheit zu erreichen. Es ging dann bekanntlich so weit, dass die Germanen ihm vor seinem Untergang schon Streitigkeiten zur Schlichtung vorspielen konnten, ohne das es ihm scheinbar selbst auffiel. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was das für komödienhafte Gerichtsspektakel gewesen sein müssen. Und dazu gehörte schon ein gehöriges Maß an Ignoranz bzw. fehlendem Realitätssinn gegenüber den vorherrschenden Sitten und Gebräuchen seiner neuen Untertanen. Hier musste der Wesenszug der Schlitzohrigkeit unter den Germanen schon förmlich Salto geschlagen haben, man schlug sich auf die Oberschenkel und es entstand erstmals unter ihnen auch das Gefühl einer gewissen Überlegen- und später auch Siegesgewissheit, nach dem Motto, mit dem muss man doch wohl noch fertig werden können. Dies führte in späteren Zeiten sogar dazu, dass sich die Römer zumindest hinter vorgehaltener Hand in den rechtsrheinischen Landen einer gewissen Lächerlichkeit ausgesetzt sahen. Natürlich überspielte man in Germanien mit derartigem Gebaren auch immer noch die unterschwellige Sorge letztlich doch nicht zu hochmütig werden zu dürfen, denn Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Und so blieb es wohl eher bei den bekannten Stammtischparolen. Varus überschritt mit seinem vom Ehrgeiz befeuerten Verhalten mit der Zeit auch seinen persönlichen Rubikon und sammelte oder duldete zuletzt wohl mehr Claqueure um sich, als ernsthafte Berater. In dieser Phase begann die germanische Seele zu kochen und fand in Arminius einen gewandten und überzeugungsfähigen Anführer. Die cheruskische Fürstenfamilie könnte zum Beispiel ihren würdigen Stammsitz außer auf dem Brunsberg besser noch auf dem 110 Meter über der Weser liegenden Fürstenberg gehabt haben. Dieser markante Bergausläufer steil über der Weser hatte immer schon strategische Bedeutung wie die Hinweise auf mehrere mittelalterliche Burganlagen bestätigen. Der Name Fürstenberg geht auf die überlieferten Namen Vorstenberch und Forstinberg zurück. Vorsten, der Vorderste, oder der Vorstehende und dem althochdeutschen Wort “furisto” für der Erste, bilden die gemeinsame Wurzel und stellen die Verbindung des Vorstenberch zum “Berch des Furisto” her. Von diesem Sporn mit Steilhang zum Fluss konnten die Cherusker von erhöhter Warte aus nicht nur über die Weser weit nach Westen blicken und die Lebensader der Weserfurt kontrollieren, sondern sahen auch das bunte Treiben in den ständig größer werdenden Siedlungen der Region an Nethe und Weser. Im Rücken hatten sie den waldreichen Solling, der sie nach Osten abschirmte und daran anschließend den Harz der sich wohl von silva hercyniae oder herkynischen Wald ableitet. Es blieb dem Fürstenhaus des Segimer auch nicht verborgen, dass ihnen die Kontrolle über „ihre“ Weserfurt die auch Standort bestimmend für den Hauptort ihrer Sippe war, langsam entglitt und fortan die Soldaten des Varus vor ihrer Haustür das Sagen hatten. Die Fürstenfamilie fühlte sich nicht nur bewacht, sie wurde es auch. Arminius konnte damals mit eigenen Augen lebhaft mit zusehen, wie gefangene Germanen, seine Landsleute Varus vorgeführt wurden um von ihm gerichtet oder besser gesagt abgerichtet zu werden. Im eigenen freien Land schmachvoll zu Sklaven und Knechten gedemütigt zu werden war bitter. Das stolze Geschlecht der Cheruskerfürsten an der Weser, das auch auf lange Traditionen zurück blicken konnte, fungierte und funktionierte nur noch von Varus Gnaden. Segestes der dem Varus zugeneigte, aber eher nachrangige Cheruskerfürst vermutlich im Norden des Segimerclans ansässig, bildete da natürlich die Ausnahme. Da Varus ihm möglicherweise mehr Macht und Ansehen versprach, ihn aber strategisch zappeln ließ, denn er war das Gegengewicht zu Segimer, war er für Varus ein wichtiger Trumpf in der Hinterhand, falls Arminius nicht so spuren würde, wie er sollte und mit dem Varus geschickt taktieren konnte. Der nächste Schritt der Römer würde es sein, die Lager winterfest zu machen, mit einer wehrfähigen Besatzung auszustatten und die Tributpflicht einzuführen bzw. anzuheben. Das Jahr 9 + könnte das letzte Jahr gewesen sein, in dem Varus die Weser vor Einbruch des Winters noch mal verlassen würde, denn es lagen schon Pläne für den Bau von Hypokausten in seiner Schublade, wenn diese nicht sogar schon in tom Roden bei Corvey verlegt waren. Noch wehrfähigere Lager mit höheren Wachttürmen, stabilen Palisaden, breiteren Wällen und tieferen Gräben wären dann zu uneinnehmbaren Festungen geworden. Soweit durfte es Arminius und seine Verbündeten es nicht kommen lassen. Jetzt oder nie lautete daher sein Plan - er musste handeln bevor sich Varus in Ostwestfalen fest gebissen hatte. (zuletzt bearbeitet 23.11.2017 - 18:59)

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Mittwoch, 8. November 2017
Inbesitznahme nach römischem Recht
Spätestens der aus römischer Sicht erfolgreiche Ausgang des von V. Paterculus überlieferten Immensum Bellum mit der genauen lateinischen Bezeichnung “immensum exarserat bellum”  also in etwa ein mit einem Weltenbrand zu vergleichender Krieg, der unter der Führung von Tiberius von 1 + bis 5 + den Norden und die Mitte Germaniens erschütterte, ließ unterschwellig keinen Zweifel mehr daran, wie es in Germanien um die neuen Machtverhältnisse stand. Paterculus selbst nahm bekanntlich an der Varusschlacht nicht teil, stand aber diesem Ereignis als Zeitgenosse, wie auch Auffidius Bassus sehr nahe. Ihm waren die Stärken vor allem aber Schwächen eines Varus daher wohl gut bekannt, denn er wurde zum glühenden Verfechter, man würde heute sagen Fan von Tiberius von dem er wohl beeindruckt war. Und dies wohl nicht zuletzt deswegen, weil der die Attribute eines erfolgreichen Feldherrn besaß, die er bei Varus später so schmerzlich vermisste. Wie der Name Immensum Bellum vermittelt, waren die Kämpfe unermesslich, umfangreich und erstreckten sich über große Räume und Landstriche. Germanien wurde mit allen Formen kriegerischen Handelns unterworfen und sogar die entfernt lebenden Langobarden an der Elbe mussten sich nach einem verlorenen Kampf gegen die Legionen auf die Ostseite der Elbe retten und erlebten erstmals mit welcher militärischen Präzisionsarmee sie es da zu tun hatten. Jeder Widerstand schien in diesen Zeiten zwecklos. Nein, nicht jeder, denn Tiberius sah sich auf dem langen Rückmarsch zum Rhein doch noch einem germanischen Überfall unbekannten Ausmaßes ausgesetzt. Möglicherweise boten sie in Unterzahl „wie üblich“ den Stämmen eine schwache Flanke in einem Hinterhalt oder in unübersichtlichen Gelände. Wer wollte es bei den leidigen Erfahrungen im Umgang mit der Großmacht jenen Cherusker verdenken, wenn sich diese mit den Zähnen knirschend, gegen eine Vertragsregelung mit Rom stemmten. Germanien war nach dem Immensum Bellum offensichtlich entgegen den Augustus Äußerungen doch nicht überall befriedet. Aber die Cheruskerhäupter übten sich in ungewohnter Diplomatie und stimmten einem Bündnis, allerdings nach ihrem Rechtsverständnis zu. Und ungeachtet der unübersehbaren Missstimmung zwischen den ungleichen Partnern, war man im Lager des Varus natürlich aus rein strategischen Erwägungen heraus sehr zufrieden, den nun Treue signalisierenden Widersachern einen Vertrag in ihrem Sinne aufgedrückt zu haben. Der letzte Feldzug im Jahre 5 + im Rahmen des Immensum Bellum wurde noch tief ins Land geführt und war umfangreich, so dass er sich bis in den Herbst hingezogen haben könnte. Nach der anschließenden Lagebesprechung in einem Winterlager am Rhein, wird es eine Beurteilung gegeben haben, die Tiberius Kaiser Augustus vorgetragen haben dürfte. Daraufhin wird dieser in der Folgezeit die weitere Vorgehensweise bestimmt haben und sich für einen Konsul mit Namen Varus als Statthalter in Germanien entschieden haben. Auch mit Varus wie, mit den meisten großen römischen Häuptern auch, die er in Germanien einsetzte, war er verwandtschaftlich verbunden. Er berief ihn folglich in Palästina ab, um ihn nach Germanien zu entsenden, wo er vermutlich erst bzw. schon je nach dem welche Reisezeiten man zugrunde legt 6 + oder 7 + eintraf. Man wird nun damit begonnen haben, viele kleinere und größere römische Posten, Marsch- und Legionslager vom Signalturm über den Burgi bis zum Standlager die der militärischen und wirtschaftlichen Erschließung dienten, über die Weiten des Weserberglandes zu verteilen. Diese wurden alle zur Machterhaltung des Imperiums Romana und zum Schutz der nötigen Handelswege aufgrund einer permanent unsicheren Lageeinschätzung durch hohe Palisaden, tiefe und breite Gräben, angespitzte Schanzpfähle und heimtückische Annäherungshindernisse gesichert werden. Freizügig- und Durchlässigkeit sieht anders aus. Die Überlandwege führten vom Umschlagplatz am Oberlauf der Lippe fächerförmig vermutlich auch begleitet von Signaltürmen in die wichtigsten Richtungen. Dem Weserraum wird man aber Priorität eingeräumt haben. Die Verbindung des römischen Schnellweges von „Ad Ripam“ über Schwaney und Brakel steuerte gradlinig den Mittellauf der Weser südlich Höxter zum Übergang über den Fluss an und sie musste nur auf die geologischen Bedingungen wie die Ab- und Anstiege und die Umgehung wie zum Beispiel des Gradberges Rücksicht nehmen. Für Varus war Waffengewalt, auch wenn er davor seinen Richterspruch setzte, immer Mittel zum Zweck. Dafür das er nicht sehr zurück haltend war sie einzusetzen sprechen die von ihm überlieferten drakonischen, aber wohl für die damalige Zeit üblichen Strafmaßnahmen in Syrien und auch die Germanen sollten sie noch zu spüren bekommen. Hier an der Weser wollte er römischen Prunk und Machtentfaltung sehen und etwas Abseits davon gesellte sich dann auch die nötige Abschreckung zur Diplomatie. Anfänglich wollte er die Germanen noch von den Segnungen seiner Kultur überzeugen und das sollte nicht unbedingt im Angesicht waffenstarrender Legionäre statt finden und so trennte er nach seinem Gutdünken die Judikative von der Exekutive und konnte auf diese Weise seine Hände immer in Unschuld waschen bis man seine Taktik durchschaute. Römischer Methodik folgend, wurde das religiös/politische Zentrum davon fern gehalten. Während man die Legionslager bzw. Arrestanstalten die der Exekutive zugeordnet waren, in einem gewissen strategischen Sicherheitsabstand weiter südlich oder nördlich an der großen Weserbiegung ansiedelte bzw. im Bereich der heutigen Dörfer Godelheim, Wehrden und Amelunxen an der Nethemündung. Bei der Auswahl ihrer Lager- und Siedlungsplätze haben die Römer schon im Vorfeld darauf geachtet, dass die Versorgung für Mensch und Tier mit gutem Trink- und reichlich Brauchwasser gewährleistet war. Regenwasser, das in Zisternen aufgefangen, oder oder über die Dächer der Lagerinnenbauten gewonnen wurde, sowie die Trinkwasserbeschaffung über Brunnen und Quellen, das mittels Leitungen transportiert wurde, waren die wichtigen Stützpfeiler römischer Wasserversorgung und Infrastruktur. Quelleinfassungen, ein Rinnensystem aber auch die Ableitung der oberirdischen Niederschlagswässer und der Fäkalienbeseitigung mittels Gefälle waren demzufolge Standard für jedes Römerlager oder jede Römersiedlung, ob zivil oder militärisch genutzt. Die Nethe in Verbindung mit einem recht hohen Grundwasserstand wird sicherlich auch eine Bedeutung für die Wasserversorgung gehabt und für günstige Siedlungsbedingungen gesorgt haben. Bildauswertungen der im Boden liegenden luftarchäologisch nachgewiesenen Spuren römischer Gutshöfe in der Region rechtfertigen die Annahme, dass hier auch Versorgungszentren lagen, die im Zuge stärkerer Besiedlung mit der Kapitale zusammen gewachsen wären. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Setzt man voraus, dass Varus erst nach seiner allerdings nicht sicher beweisbaren Ernennung zum "legatus Augusti pro praetore" seine neue Funktion antrat, könnte man annehmen, dass er das Weserbergland auch erst im Frühjahr 7 + erreichte, obwohl manche Historiker auch das Jahr 6 + für möglich halten und so konnte er auch dann erst seine größeren Bautätigkeiten in Angriff nehmen. Varus und Arminius kamen in etwa zeitgleich im heutigen Ostwestfalen an. Etwa 7 + oder 8 + soll Arminius aus Pannonien in seine Stammesgebiete zurück gekehrt sein. Das cheruskische Fürstenhaus stand um diese Zeiten vermutlich noch relativ widerspruchslos trotz einiger Heißsporne auf der Seite der römischen Eroberer. Segimer der Vater von Arminius, sein Onkel Inguiomer, sein Bruder Flavus und natürlich Segestes fanden sich mit der neuen Lage ab, dass nun Varus ihr Stammesgebiet beherrschte und als neue Provinz ins römische Reich einverleiben wollte. Dies war sein Ziel und mit der Hilfe der Cherusker ließ es sich besser erreichen. Arminius, etwas heroisch dargestellt noch mit unverheilten Kampfspuren am Körper und als halber Fremdling, dafür aber mit brauchbaren lateinischen Sprachkenntnissen und einer Portion Wut im Bauch traf nach langem Ritt in der alten Heimat ein. Er hatte seinen „Wehrdienst“ für Rom abgeleistet und Rom brauchte den wie man annahm domestizierten Germanen in Germanien für neue politische Aufgaben. Um diese Zeit hatte er noch nicht seine spätere Führungsposition innerhalb seiner Familie inne, aber es gab Familienangehörige die ihn schon vorsichtig aber in ihrem Sinne darauf vorbereiteten. Sein Vater dürfte um diese Zeit trotz allem noch die Weichen gemeinsam mit Varus und Segestes ganz im Sinne römischer Expansion gestellt haben und musste Realist sein. Varus und Segimer und die ihnen nahe stehende Führungsschicht haben die weiteren Schritte untereinander abgesprochen. Unklar bzw. nicht überliefert ist auch, wie viel cheruskische Fürstenhäuser sich das gesamte Stammesgebiet unter sich aufgeteilt haben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass im Sollingraum und Nordharz noch Raum für weitere Stammessitze vorhanden war, die noch nicht zum engeren aktiveren Kreis der Protagonisten zählten oder schon zu den Langobarden tendierten. Varus dominierte die Gespräche kraft seiner Überlegenheit, aber er wird seinen Spagat trotzdem nicht überzogen haben, um die fragile Allianz nicht zu gefährden und die Cherusker nicht zu entehren. Die gemeinsame Festlegung bzw. Einigung auf den wichtigen Weserstützpunkt bzw. Übergang war von großer Bedeutung. Logistische und militärische Fragen haben dabei die entscheidende Rolle gespielt. Im Vordergrund stand immer die Versorgung der Legionen, die Auswahl der Örtlichkeit im Sinne territorialer Machtentfaltung. Die punktuelle Lage im geographisch günstigsten Mittelabschnitt der Weser zwischen Lippe und Elbe also die Suche nach dem besten Zentralort zu den nahe liegenden Germanenstämmen der Großregion um deren Kontrolle und Anbindung sicher zu stellen, war ausschlaggebend. Die Cherusker waren ein kleiner aber mitbestimmender Partner. Welchen Einfluss konnten sie bei der Festlegung des neuen Hauptortes geltend machen ? Wollten, konnten oder durften sie sich überhaupt an der Entscheidung beteiligen, bzw. durchsetzen oder ließen es Varus und seine Legaten gar nicht erst zu und verbaten sich sogar jede Einmischung. Zu diesen Anfangszeiten wird es wenn, dann nur geringe Spannungen zwischen beiden Parteien gegeben haben und man stand sich trotz vergangener Zwistigkeiten im großen und ganzen noch relativ unbelastet gegenüber. Die römische Dominanz war trotzdem unübersehbar, maßgebend und präsent. Wo könnte es bei allem noch Schnittmengen in der Interessenlage beider Lager gegeben haben ? Waren die jeweiligen Cheruskerfürsten bemüht, dass neue römische Zentrum in die Nähe ihres Stammessitzes zu holen, argumentierten sie gar selbst für einen Standort unterhalb des Fürstenberges an der Furt oder nahe Corvey oder hätten sie es gar vorgezogen, wenn das römische Hauptlager möglichst auf Distanz zu ihnen blieb. Rechneten sie sich gar mit zunehmender Nähe zu ihren Wohnsitzen einen Machtgewinn gegenüber anderen Stämmen aus, oder wollten die Cherusker auch damals schon die Römer letztlich doch nur an die Weser locken um ihren Rückmarsch zum Rhein zu verlängern ? Varus hingegen wollte alle seine Juniorpartner auch unter Betrachtung anderer nicht cheruskischer Stämme im Auge behalten und so entschied man sich letztlich für eine räumliche Nähe zu allen regionalen Stämmen aber mit dem jeweils nötigem Sicherheitsabstand aber den Cheruskern als einheimischer Schutzmacht. Kritischen Situationen bzw. Notfällen sollte der schnelle Rückweg zur Lippe dienen, der noch ausbaufähig war. Das cheruskische Fürstenhaus arrangierte sich mit “Bigbrother” und stimmte der Standortwahl zu. Die Bedingungen für die Versorgung der Kavallerie stimmte und die Entfernung von etwa 47 Kilometern zum römischen Lippe Hafen passte noch gerade so in die Logistik von zwei Tagesmärschen. Es wird sich ab dem Jahr 7 + ein Pendelverkehr zwischen Lippe und Weser eingespielt haben. Maultierkolonnen haben die nötigen Güter heran geschafft und es wird in den üblichen Abständen bereits erste Raststationen und Posten gegeben haben, die man noch weiter ausgebaut hätte. Rom fühlte sich in dieser Zeit an der Weser sicher, die Stimmung war gut und es stellten sich erste Erfolge ein, indem sich die Germanen als lernfähig erwiesen und wie man so hört auch schon Märkte besuchten. Varus wird die Zeit bis zum jeweiligen Herbstrückzug an den Rhein genutzt haben, um sich von seiner besten Seite zu zeigen und wird weiteren hochgestellten Oberhäuptern und Fürsten die ihn umschmeichelten das römische Bürgerrecht angeboten und sich ihrer Unterstützung versichert haben. Damit verlief sein erstes Jahr in Germanien schon mal ganz ordentlich nach Plan. Doch schon nach dem ersten Winter im Frühjahr 8 + hörte man bei den Germanen die Nachtigall trapsen oder anders ausgedrückt, es fielen ihnen so langsam die Schuppen von den Augen. Ungeheuerliche Geschichten und Begebenheiten der Südländer machten die Runde und schaukelten sich hoch, die ihnen so gar nicht in den Kram passten. Und in der Tat im Jahr 8 + gingen die Römer auch schon mehr zur Sache und wurden mutiger. So fielen ins Jahr 9 + hinein auch schon erste dunklen Schatten voraus, denn die römischen Gewalttaten und die Zahl ungerechter Urteile wuchsen. Dieser neue auf dem römischen Reißbrett geplante Mittelpunkt ihrer Kolonialmacht im Inneren Germaniens baute sich auf guten Versorgungsstrukturen und den Erfahrungen aus früheren Städteplanungen auf. Ackerbau und Viehzucht waren genau so notwendig wie die Salzgewinnung, die Bauholzbeschaffung und die Verhüttung von Rohstoffen. Dies verschaffte um diese Zeiten vielen Menschen bessere Lebensbedingungen, vielleicht blieb auch schon mal eine römische Münze hängen und es wehte schon etwas der zarte Hauch von Wohlstand in die Hinterhöfe uralter Traditionen. Hätten es nun die Römer verstanden die Menschen an ihrer örtlichen Kulturstufe abzuholen und sie als Gleichberechtigte zu integrieren, wäre vielleicht vieles anders verlaufen. Doch diese Klaviatur verstand man in Rom nicht. Aber wie man so sagt, “hätte hätte Fahrradkette”, so war der Lauf der Dinge ein anderer. Die Römer zeigten vermehrt und zu offen ihre Dominanz, denn sie besaßen ja schließlich die Macht, die Waffen und die Technologie und wer wollte denn von ihnen verlangen, dass sie sich auf eine untere barbarische Kulturstufe zu bewegen sollten. Damit hat übrigens auch bis in die heutige Zeit betrachtet so manch andere Weltmacht immer noch so ihre Probleme. Alles in allem lief es doch auch so schon ganz prächtig und warum sollte man von alten erfolgreichen Rezepten abweichen. Viele ehemalige auch starke Mächte am Mittelmeer, mussten sich schon dem alten Stadtstaat Rom beugen, so war örtlicher Widerstand für die römischen Besatzer auch nichts Ungewöhnliches und wenn er denn in Form von Aufständen irgendwo ausbrach, so galt es eben ihn im Keim zu ersticken und zu brechen. Man reagierte also recht zeitnah auf drohende sich anbahnende Konflikte. (zuletzt bearbeitet 08.11.2017 - 12:27)

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