... newer stories
Samstag, 20. Januar 2018
Die Carruca hat die Schlacht (mit) entschieden aber wie lässt sich die Zugtrasse orten
ulrich leyhe, 23:31h
Noch vor meine Überlegungen wie Arminius alles eingefädelt haben könnte, schiebt sich die Frage, welchem Weg Varus zur Lippe den Vorzug gab. So kommen wir nicht umhin, auch noch einen Blick auf die damaligen Transportbedingungen zu werfen und dürfen am Rande unweigerlich auch nicht den Straßenzustandsbericht verpassen. Denn zu den grundsätzlichen militärischen Entscheidungen bewegt sich die nötige Logistik immer auf Augenhöhe. Wie wir wissen, wollte sich Varus mit einem ungewöhnlich umfangreichen Tross zurück an den Rhein begeben und das bedeutet, dass man auch sehr viele Fahrzeuge mitgeführt haben dürfte. Neben den jeweils mit einander verbundenen Lasten tragenden Maultier - oder Esel Kolonnen unterscheidet die einschlägige Forschung zwischen einer Vielzahl von Transportmitteln die die römische Welt seinerzeit nutzte. Einige davon könnten auch Bestandteil dieses Marschzuges gewesen sein. Als da wären, das Plaustrum ein einachsiger von Ochsen gezogener schwerer Lastkarren; die Birota eine einachsige Kutsche für etwa zwei Personen, das Cisium, eine offene leichte und einachsige Reisekutsche. Das Carpentum, ein schwerer, überdachter und einachsiger Lastkarren, die Carruca ein vierrädriger und sogar überdachter Transportwagen sowie der kleinere Gepäckkarren namens Carrus. Alle diese Gefährte könnten im Zuge des Rückzuges genutzt worden sein. Das römische Straßennetz diente in erster Linie der Erschließung und Eroberung neuer Territorien und daher werden sich auch nur die Wegstrecken in einem guten Ausbauzustand befunden haben, die diesem Zweck zugute kamen. Insbesondere die Steilstrecken gehörten dazu. Infolgedessen war der größte möglicherweise zwei achsige und von mehreren Ochsen gezogene Karren vom Zuladevolumen her betrachtet zwar der Bedeutsamste für den Transport schwerer Materialien aber hinsichtlich seiner Wegebeanspruchung auch die Schwachstelle des Marschzuges. Denn dieser Wagen bzw. auch schon die Kategorie der mittelgroßen Fahrzeuge benötigte befahrbare Strecken und diese waren auch zu Zeiten der Römer nicht überall, schon gar nicht in Ostwestfalen gepflastert und erst recht nicht im Überfluss vorhanden. Hatte es tags zuvor mehr oder weniger stark geregnet war schweißtreibende Muskelkraft von Mensch und Tier gefordert. Und selbst ebene aber von Bächen oder sumpfigen Wiesen durchkreuzte Regionen konnten da schon zu erheblichen Problemen führen. Man wird es sich daher auch damals nicht geleistet haben können, jeden Eggeübergang so zu gestalten, dass er von den Schwertransporten der damaligen Zeit genutzt werden konnte. Bei den meisten Eggeübergängen wird es sich daher wohl eher nur um fußläufige Verbindungen für den Eselstreck gehandelt haben oder sie werden für Ross und Reiter nutzbar gewesen sein. Hatten sich die Holzräder einmal eine ungünstige Spur gegraben und waren auf die Schnelle nicht mehr flott zu machen, konnte sich in der Tat ein Marschzug unkontrolliert in die Länge ziehen, wenn von vorne kein geordneter Stopp beschlossen wurde. Ostwestfalen war bei weitem straßenbautechnisch nicht so gut erschlossen wie die linksrheinischen Gebiete wo die Römerstraßen noch bis ins hohe Mittelalter und darüber hinaus bevorzugt genutzt wurden und wir wissen von Johann Wolfgang von Goethe, dass selbst die Straßen in Ostwestfalen noch im 18. Jhd., also rund 1800 Jahre nach Varus alles andere als komfortabel waren und er oft über Achsenbrüche und dergleichen klagte. Obwohl sich die Frage nach dem optimalen Rückzugsweg schon nahezu von selbst beantwortet, möchte ich doch allen möglichen alternativen Überlegungen genügenden Raum geben und daher auch die Karten von Carl Ludwig von Le Coq hinzuziehen. Gehen wir der komplexen Lage also auf den Grund, so stellen wir uns einen Halbkreis vor und begeben uns gedanklich in dessen Zentrum an die Mittelweser. Vom Mittelpunkt also von Corvey aus schlagen wir den Halbkreis in die westliche Richtung. Und das vereinfacht die Suche nach dem einen und entscheidenden Zugkorridor schon erheblich. Ich gehe aufgrund der Corvey Theorie also mal den umgekehrten Weg und schlage ihn nicht von Anreppen aus in die östliche Richtung. Wo könnte also rein pragmatisch gedacht der Marschweg, vor allem auch unter Berücksichtigung möglicher Hinterhaltqualitäten ins Krisengebiet verlaufen sein. Die Auswahlmöglichkeiten die Varus für den Rückweg blieben bzw. ihm zur Verfügung standen, waren da wie vorher schon dargestellt prinzipiell nicht sonderlich umfangreich und genau genommen war es auch nur eine infrage kommende Trasse, nämlich die gleiche die er und sein Gefolge immer nahm, wenn er im Frühjahr an die Weser zog und im Herbst wieder zurück. Denn viele Varianten ließ die schroffe Egge nicht zu. Fasst man trotzdem den Kreis der alternativen Routen größer, so gilt als Ausschlusskriterium natürlich die östlich der Weser liegende Region. Wenn wir das Sommerlager an der Weser sehen und einen Rückzugsweg zum Rhein suchen, so erwartet man diesen natürlich nicht im Osten und so klammere ich infolgedessen den Solling und sein Vorland auch aus. Das schränkt den Untersuchungsraum bereits um 50 % ein Des Weiteren ist man sich sicherlich darin einig Varus von Corvey nach Anreppen auch nicht über das nördliche Horn oder das südliche Diemeltal ziehen zu lassen wodurch sich der Halbkreis nahezu halbiert. Welchen anderen Weg als den favorisierten könnten die Legionen also noch eingeschlagen haben, wenn wir sie nicht unbedingt unmittelbar am Herrschaftssitz des Varus dem heutigen Corvey, sondern vom militärischen Komplex, also einem Legionslager abziehen lassen. Traditionell entfaltet ein derart umfangreicher Ausmarsch, der auf viele Kilometer Länge taxiert wird und ein Militärlager verlässt, immer eine große symbolische Wirkung auf alle Teilnehmer und Zuschauer gleich einer Machtdemonstration, vor allem wenn er in dieser Formation nur einmal im Jahr statt findet. Und da begibt sich ein Feldherr für den feierlichen Akt der damit einhergehenden Fahnenweihe oder ähnlichen rituellen Handlungen zu seinen Truppen und nicht umgekehrt. Betrachten wir also die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auf Basis der Zielrichtung Anreppen und die auf diesem Terrain befindlichen geologischen Gegebenheiten. Ich verorte das, oder die Legionslager im Großraum Corvey der sich von der großen Weserschleife um tom Roden über die Nethemündung hinweg bis Amelunxen erstreckt haben könnte. Als da wären zum einen die nördliche Tangente über Marienmünster und Altenbeken nach Anreppen. Die mittlere Halbtangente über die Bosseborner Höhe zunächst nach Brakel und von dort nach Anreppen zu gelangen, sowie die südliche Tangente über den Hellweg von Amelunxen Nethe aufwärts und ebenfalls über Brakel nach Anreppen. Nur über diese drei Varianten konnte der damalige Rückweg vom Grundsatz her betrachtet gelaufen sein, um von dem besagten Abschnitt an der Mittelweser den Oberlauf der Lippe zu erreichen. Und auch nur einer dieser drei Wege muss das nötige Potenzial gehabt haben, um die Legionen von dieser Route einen Schwenk bzw. eine Abweichung vollziehen zu lassen, der sie letztlich in das Gebiet der Aufrührer brachte. Beginnen wir bei der nördlichen Tangente und werfen einen Blick auf diese Alternative. Allerdings erkenne ich hierin nur eine theoretische Möglichkeit, da in diese Richtung keine der bekannten Altstraßen verlaufen und auch nicht der viel zitierte Hellweg. Diese Strecke setzt voraus, dass sich das Legionslager im näheren Umfeld von Corvey befunden haben müsste und der Marschzug seinen Ausgang in etwa an der Lütmarser Straße in Höxter genommen hätte. Ihn hier zu sehen würde aber auch bedeuten, dass die Legionen zuerst ein steileres Anfangsstück zu überwinden gehabt hätten und sie dann noch eine reine Luftlinie von etwa 54 km Höxter – Anreppen zu bewältigen hatten. Es ist aber fraglich und wird von historischer Seite bestritten, dass es in jener Zeit einen für den Tross karrentauglichen Weg über den Rehberg gegeben hat, den die Legionen später bei Altenbeken hätten nutzen können um den Eggekamm zu erklimmen. Der Le Coq Karte ist keine durchgängige Landstraße von Höxter nach Altenbeken zu entnehmen jedoch der Hinweis auf befahrbare Straßen. Vertritt man nun die Ansicht, dass es den Hinterhalt bereits zwischen Corvey und Anreppen gab, so müssen diese Überlegungen natürlich stichhaltig sein. Sollten also die Cherusker die Legionen trotz der grundsätzlichen Abwegigkeit über den Bremer Berg in diese Landschaft gelockt haben, so hätte man den Hinterhalt auch mitten in die Siedlungsgebiete der Cherusker legen müssen. Denn diese erstreckten sich nach allgemeiner Auffassung parallel zu dieser Route. Wir wissen allerdings nicht, wo die südlichsten Stammesgebiete der Angrivarier, der späteren Engern damals begonnen haben die in dieser Region noch bis über die Diemel reichend auch ein Sprachkeil hinterlassen haben, oder ob für die Planung des Hinterhalts bereits deren möglicherweise nördlich von Marienmünster angrenzende Territorien mit beansprucht werden mussten. In diesem Fall wären die Angrivarier theoretisch der abtrünnige Stamm gewesen, was ich aber ausschließe, da die Angrivarier nicht als ein Teilnehmerstamm der Varusschlacht überliefert wurden. Und noch ein weiteres gewichtiges Argument spricht meines Erachtens gegen die Trasse Höxter - Altenbeken. An diesem Rückmarschweg durch Cheruskerland einen Hinterhalt zu legen klingt undenkbar. Denn man hätte den Römern glaubhaft vermitteln müssen, warum sich auf ihren ureigensten Stammesgebieten nun urplötztlich und praktisch über Nacht und vor der Haustür der Legionslager Zwistigkeiten aufgebaut hätten. Damit hätten sich die Cherusker selbst zum Aufrührerstamm erklärt. Aber das es die Cherusker selbst gewesen sein sollen, ist historisch an keiner Stelle vermerkt. Und ein Stamm mit dem man einen Bündnisvertrag ausgehandelt hat und dessen Fürst bei ihnen im Wort stand, sollte ihnen nun offenbaren, dass sie in seinem eigenen Land vor Angriffen seiner eigenen Leute nun nicht mehr sicher sein sollten, unglaublich. Ob die römischen Funde im Raum Nieheim und Marienmünster die Annahme einer Trasse durch dieses Gebiet bereits rechtfertigen, schließe ich daher auch aus. Auch der Cherusker Segestes hätte am Vorabend nicht verschleiern können, dass es gar keinen entfernten Aufrührerstamm gab, sondern das der Chef der Aufrührer bereits mit ihnen unter einem Dach saß und er sie später schon bei Marienmünster erwarten würde. In dieser Region ein Aufbegehren zu konstruieren spräche folglich gegen jede Logik. Arminius hätte auf Basis der frühen Form römischer Verträge dafür gerade gestanden, dass es so etwas in seinen bzw. im Herrschaftsgebiet der Cherusker nicht hätte geben können. Dafür hatte er sich einen anderen toten Winkel ausgesucht. Für den Rückzug über die mittlere Tangente Bosseborn, spricht das gleiche was für Varus galt, als er den Weg von Anreppen zur Weser einschlug. Der beschwerlichere Streckenverlauf über die vermeidbaren Höhenlagen wäre auch für einen Rückzug unvorteilhaft, zumal man dies über die Kehre bei Amelunxen Nethe aufwärts leichter haben kann. Und so kommen wir zu der von mir vorgeschlagenen Variante drei, nämlich der Südtangente, dem späteren Hellweg, der nach Westen direkt zur Lippe bei Paderborn führte und der für die römische Armee der Hauptzubringer in beide Richtungen war. Er führte von der Weser über die Driburger Höhe und Schwaney nach Anreppen und verband als wichtigste strategische Verbindung die drei Flüsse Weser, Ems und Lippe miteinander. Nun zu der Frage der Hinterhaltstrategie die Arminius zu entwickeln hatte und die in alle Überlegungen hinein spielt. Diese Hauptzugtrasse mit der Überlegung an ihren Randbereich oder direkt auf der Trasse selbst einen Hinterhalt zu legen oder entstehen zu lassen, hat die Analyse der überlieferten Textstellen nicht hergegeben. Trotzdem möchte ich es mir nicht leicht machen und möglichst jeder Spur nachgehen. Auch dieser römische Karrenweg, unter dem man sich zweifellos keine trassenidentische Übereinstimmung mit den späteren mittelalterlichen, moderneren und teils gut befestigten Hellwegsverbindungen vorstellen darf, entspricht einer schnellen zielgerichteten Standverbindung unter weitgehender Umgehung allzu kritischer Anstiege. Er kam sicherlich ohne überflüssige Umwege aus und war durch Marschlager und kleine Raststationen gut erschlossen und gesichert. Diese Verbindung dürfte für einen Überraschungsangriff gänzlich ungeeignet gewesen sein. Römische Militärstraßen verfügten aus Sicherheitsgründen oft rechts und links des Weges auch noch über ein freies Sichtfeld, waren für Materialtransporte steigungstechnisch tauglich und auch gut begehbar. Spekulieren wir trotzdem, so hätten die Cherusker den Hinterhalt natürlich auch noch an oder in die Nähe dieser Hauptnachschublinie von der Weser an die Lippe legen können. So hätten sie, wie man es auch andernorts für möglich hielt den Marschzug von versetzten und sichtgeschützten Verteidigungswällen aus attackieren können. Und auch dieser häufig genutzte und später Brakeler Hellweg genannte Verbindungsweg hätte sich trotz vieler Zweifel angeboten. Stabile und nicht leicht zu überwindende Holzhindernisse über Nacht in einem schwer einsehbaren Gelände, einer Wegekurve, einem Bachtal oder dergleichen auf dieser Wegstrecke aufzutürmen, könnten die Germanen also in Betracht gezogen haben. Dies hätte sicherlich viel Aufwand und einiges an Vorarbeit erfordert, zudem noch in einer sehr kurzen Zeit und womöglich während der Nachtstunden. Es hätte einer großen Anzahl an Helfern bedurft diese Barriere möglichst unauffällig bzw. lautlos zu errichten. Und dieses alles hätte man unerkannt, natürlich recht kurzfristig und noch rechtzeitig vor dem Rückmarsch der Legionen durchführen müssen. Zudem hätte alles an diesem Streckenabschnitt mit ungeahnten Konsequenzen für die Germanen ausgehen können, wenn es am Cherusker Highway gescheitert wäre. Hier wären die Stämme ein enormes Risiko eingegangen zumal wir die Position der zwei Asprenas Legionen nicht kennen. Auch hätten hier im Notfall noch römische Kontingente zum Einsatz kommen können, die weiter nördlich jenseits der Dörenschlucht oder Hameln stationiert waren und den Zug nach Anreppen über den Umweg Höxter gar nicht einschlagen brauchten, da sie direkt auf Anreppen zu marschierten. Auf dieser wichtigen Strecke könnten auch schon früh am Morgen römische Meldereiter unterwegs gewesen sein, oder den dort möglicherweise stationierten Wachtposten hätte es auffallen können. Dieser Hellweg in der Kernzone des Aufmarschgebietes lag definitiv unter starker Beobachtung auch der Auxiliareinheiten romfreundlicher Stämme. Es musste ein Hinterhalt sein, der einige Kilometer davon entfernt liegen sollte. Barrikaden zur Seite zu räumen, wäre übrigens für drei Legionen auf dieser ansonsten recht gut ausgebauten Passage sicherlich nur ein Frühsport wert gewesen und hätte keines großen Aufwandes bedurft. Ich suche trotzdem verzweifelt nach Argumenten und will es daher immer noch nicht gänzlich ausschließen. Denn für einen möglichen Hinterhalt hätte sich dennoch der steile Anstieg vom Gradberg nach Schwaney angeboten haben können und muss hier daher auch theoretisch auf der Suche nach dem Hinterhalt in Betracht gezogen werden. Die geografischen Bedingungen deuten darauf hin, dass auch der Hellweg zwischen Höxter und mindestens bis zur Eggekante bei Schwaney durch cheruskische Stammlande verlief. Dürfte aber andernfalls zumindest durch cheruskisches Einflussgebiet bzw. Niemandsland geführt haben. Damit ist auch die Südvariante vergleichbar mit meiner Einschätzung hinsichtlich der ersten Tangente über Marienmünster die ebenfalls Cheruskergebiet tangierte. Das wäre zwar alles immer noch kein zwingender Grund gewesen, ein Sperrwerk nahe der heutigen L 828 nicht zu errichten, aber es wäre bei Licht betrachtet eben nicht die beste Lösung gewesen um Varus die Schlinge umzulegen. Aber Arminius hatte einen besseren Plan, denn er musste Varus „nur“ von diesem gut ausgebauten Brakeler Hellweg in eine andere Richtung umdirigieren. Eben zu jenem besagten Ort, wo ihn bereits die Aufrührer erwarteten, die er im Vorbeigehen nieder schlagen wollte. - Varus sollte also „kurz mal“ vom Hellweg abweichen, damit Cassius Dio mit seiner Überlieferung recht behalten konnte - . Alles entscheidend ist der überlieferte Hinweis, dass man Varus letztlich in einen Hinterhalt lockte, indem man ihn glauben machte, es würden sich „weiter entfernt“ wohnende Stämme gegen ihn auflehnen. Das spricht alles für eine Region abseits des häufig genutzten Hellweges und hört sich nicht nach Kampfhandlungen an eben dieser Römerkarrenbahn an. Verfechter der Werretheorie könnten im Begriff Hinterhalt an das althochdeutsche Wort lāga für Legung gleich Hinterhalt anknüpfen und auf diesem Wege den Ort Lage im Kreis Lippe favorisieren. Es musste also ein Umweg nötig gewesen sein, um den Plan zum Gelingen zu bringen. Und „weiter entfernt“ wohnende bedeutet auch nicht gerade, dass dieser abtrünnige Stamm zwischen Weser und Lippe siedelte, denn dann wären es letzten Endes wie schon ausgeführt die Cherusker sogar selbst gewesen, die sich abtrünnig verhielten. Und von aufrührerischen Cheruskern ist weder zum Zeitpunkt des Ausmarsches bei den alten Historikern noch an irgendeiner anderen Stelle der alten Schriften ein Hinweis zu lesen. Außerdem zeigt sich anhand der Überlieferungen, dass es sich letztlich um einen recht beschwerlichen Umweg handelte, der unter anderem auch das Fällen von Bäumen erforderlich machte. Das trifft für den Brakeler Hellweg ebenfalls nicht zu. Man kann die Betrachtung natürlich ausufern lassen und an diesen wegzuräumenden Bäumen vom Brakeler Hauptweg schon die Handschrift der Germanen ablesen bzw. alles unter der Prämisse sehen, dass sogar heute noch nach Stürmen auch Bäume auf Straßen und Eisenbahnschienen fallen. Halten wir uns an Cassius Dio der schreibt, dass der Umweg letztlich zu diesem „weiter entfernt“ liegenden unbekannten, da namentlich nicht überlieferten Germanenstamm führen sollte. Der konstruierte Umweg durfte aber wiederum auf keinen Fall sein Ende in einer Region finden, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Würde er in eine ausweglose Sackgasse ähnlich einem toten Winkel ohne Möglichkeiten des Weiterkommens münden, hätte das für die Planung verhängnisvoll sein können. Denn den Legionen musste in jedem Fall noch eine plausible Gelegenheit zum Weiterzug an die Lippe erhalten bleiben, wenn sie den Aufstand erfolgreich nieder geschlagen hätten. Auch die Römer kannten sich noch einigermaßen, wenn auch nicht so gut in der Region aus um sich nicht völlig ins Bockshorn jagen zu lassen. Wäre dies nicht Bestandteil des Planes gewesen, so hätte man Verdacht geschöpft und zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Arminius musste für Varus also diesen Rückzugskorridor zur Lippe sozusagen als eine Art Sollbruchstelle offen lassen sprich einplanen. Auf der ersten Etappe nach dem Verlassen des Sommerlagerkomplexes von Fluss zu Fluss durch das von Cheruskern kontrollierte und daher aus Sicht der Römer sichere Gebiet, sollten sie sich wie im tiefsten Frieden fühlen. Varus ignorierte bekanntlich die alte Weisheit, dass man Gegner besser über, als unterschätzen sollte. Am Ende des Brakeler Hellweges auf den Eggehöhen im Raum Schwaney und einem weiten Blick schon fasst bis zum heutigen Paderborn angekommen, wäre man zudem meiner Theorie nach auf der Paderborner Hochebene bereits bei den äußersten Brukterern angelangt. Diesen Stamm, der am traditionellen Fernweg und am östlichsten Rand der Münsterländer Bucht beheimatet war, aber als einen „weiter entfernt“ siedelnden Stamm zu bezeichnen, hätte auch nicht zu der bekannten Kenntnislage gepasst, denn diese Gegend samt den Brukterern war den Römern wieder bestens bekannt. Und wenn die Brukterer der revoltierende Stamm gewesen wären, hätten uns dies die alten Historiker nicht verschwiegen. Aber den Stamm ohne Namen identifizierte für uns keiner dieser Chronisten und wir dürfen rätseln. (zuletzt bearbeitet, 20.01.2018 - 22:31 Uhr )
... link
Montag, 15. Januar 2018
althochdeutsch "hintar" mittelhochdeutsch "hinderhalt" - Arminius könnte es auch so genannt haben.
ulrich leyhe, 14:12h
Mit welchem bestechenden Plan konnte der Cheruskerfürst damals aufwarten um die Großen der germanischen Allianz davon zu überzeugen ihm für die Grundzüge seiner vorgeschlagenen Strategie ihre Zustimmung zu geben. Er konnte nicht alles und nicht jeden Schritt bis ins Detail vorab geplant haben und hat daher sicherlich nur die grobe Richtung vorgegeben. Natürlich haben bei alle dem die Clanchefs ein gewichtiges Wort mit gesprochen. Der Hinterhalt war die Seele und die Festlegung der Örtlichkeit das Herzstück der Operation. Arminius hatte den geeigneten Eingang bzw. die Route in den Marschkorridor, der im Hinterhalt enden sollte, ausfindig gemacht. Eine Landschaft in der er die größten Erfolgsaussichten für einen Überraschungsangriff sah. Denn wer die geologischen Gegebenheiten der teilweise über 4oo Meter hoch aufragenden Egge nicht mit ins Kalkül zieht und die Möglichkeiten nicht erkennt und sie nicht in seine Planungen mit einbezieht, der bringt sich wohl um die besten Chancen sich in Unterzahl gegen einen stärkeren Gegner zu behaupten. Das Eggegebirge wird von wem auch immer der Name zutreffenderweise kreiert wurde, auch die cheruskische Gebirgsfaltung genannt. Sie entstand im Oligozän also vor etwa 30 Millionen Jahren und erhebt sich westlich eines 16 km langen Senkungsgrabens zwischen Neuenheerse und Bonenburg. Nun aber galt es Varus in einem zweiten Schritt, diesen getarnten und wahrlich hinterhältigen Fallstrick schmackhaft zu machen. Nach der Devise, mit dem richtigen Speck fängt man nicht nur Mäuse, durfte es nicht nur ein guter, sondern es musste sogar ein zwingender Plan gewesen sein. Einer, wie er nur von perfekten Regisseuren oder Schachspielern ausgesonnen werden kann und von diesen beherrscht wird. Dazu gehört es den Zügen des Gegners mit gut durchdachten Gegenzügen immer einen oder mehrere Schritte voraus zu sein. Übersehen wir auch nicht, dass hier damals nicht wie heute zivilisationsgeschädigte Mitmenschen am Werk waren, die zwar wissen, wie man einen Einkaufswagen schiebt, aber bei Stromausfall bereits den Notarzt rufen. Menschen die Nahkämpfe im Sumpf oder Wald auch ohne Schuhwerk aus zu tragen gewohnt sind und die Tücken der heimischen Natur kennen, sind robuster und anpassungsfähiger. Bekanntlich kann man einen Hinterhalt gut daran erkennen, dass man ihn nicht erkennt. Einen Hinterhalt kann man zweifellos an vielen Stellen legen, es ist nur fraglich, ob er auch überall funktioniert. Einen perfekten man ist geneigt zu sagen besonders perfiden Hinterhalt gibt es nicht, man weiß erst am Ende wie gut oder wie schlecht er war. Aber letztlich ist er nichts anderes, als vor einer inszenierten und damit voraussehbaren Handlungsabfolge unbemerkt den vermeintlichen Protagonisten das Ruder zu entnehmen und selbst die Regie zu übernehmen um ihn im Idealfall in einem finalen Überraschungseffekt zum Erfolg zu führen. Der Hinterhalt sollte also so geplant sein und umgesetzt werden, dass eine einzelne Person oder auch gleich drei Legionen unbemerkt in eine bestimmte und unausweichliche Situation manövriert werden. In der Tat keine leichte Aufgabenstellung, die hier den Cassius Dio Verteidigern an Denkstrategie abverlangt wird. Schließlich nahmen es Arminius und seine Männer nicht nur mit einem wie man es auch immer sehen mag erfahrenen Feldherrn Varus, sondern gleich mit einer Vielzahl führender Offiziere samt Lagerkommandeuren auf. Die Legionen wie sie uns beschrieben wurden, sollen allesamt aus altgedienten und besonders Kriegs- und kampferfahrenen Soldaten bestanden haben. die im Zuge der Clades Variana ihr Leben lassen sollten. Und jeder einzelne von ihnen wäre daher auch imstande gewesen eine sich anbahnende Bedrohungslage schon frühzeitig zu erkennen.(zuletzt bearbeitet - 15.01.2018 - 13:12 Uhr)
... link
Montag, 8. Januar 2018
Varus verließ die Civitas an der Weser - nach dem die Gestirne grünes Licht gaben
ulrich leyhe, 00:18h
Wo ich nun beginne mich näher mit dem Ausgangslager, also dem schon fasst sprichwörtlichen römischen Sommerlager an der Weser zu beschäftigen und mir im weiteren Verlauf dieses Kapitels Gedanken über das Abzugszenario gemacht habe, tritt natürlich wieder eine vieles überragende Frage in den Vordergrund. Nämlich die Frage nach dem, oder den möglichen Standorten des Lagerkomplexes, je nach dem wie man die Frage der Truppendislozierung, aber auch die der damit einhergehenden zivilen Flächeninanspruchnahme also der dafür insgesamt benötigten Grundfläche angeht. Die im Zuge der Varusschlacht nach Historikerschätzung umgekommenen 15 - 20.000 Menschen sind in etwa vergleichbar mit der heutigen Einwohnerzahl der in der Nähe von Höxter liegenden ostwestfälischen Kleinstadt Brakel mit etwa 16.500 Einwohnern. Die besiedelte Fläche der Stadt misst heute etwa 2.200 x 2.200 Meter. Wir reden hier also demnach schon nicht mehr von einem Sommerlager, sondern sagen wohl besser Kleinstadt, auch wenn die damalige Besiedelung komprimierter gewesen sein dürfte. So wird man sich unter diesem so genannten Sommerlager auch schon nicht mehr nur eine rustikale mit Palisaden umgebene Zelt- oder Holzhüttenstadt vorzustellen haben. Vielleicht sollten wir uns bei dieser Gelegenheit von derartigen Phantasien verabschieden. Wenn, dann passt diese Begrifflichkeit noch eher auf einen abgetrennten und diszipliniert geführten Baracken artigen Militärkomplex zu. Anhand der Zusammensetzung der umgekommenen Menschenmassen, wie sie uns die alten Historiker geschildert haben, können wir aber auch Rückschlüsse auf deren Lebensbedingungen vor den Kämpfen in Ostwestfalen ziehen. Denn es war ja nicht nur Militär an der Weser stationiert, sondern es lebten dort auch Frauen, Kinder, Alte und Junge, Kaufleute, Sklaven, Knechte und viele andere mehr aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. So müssen wir uns dort eigentlich ein Lebensumfeld vorstellen, auf das eher die Bezeichnung Niederlassung zutrifft. Und diese nahm bereits Formen an, die man irgendwo zwischen einer frühen dörflichen und einer schon Stadt ähnlichen Siedlung suchen könnte. All diese Menschen mussten vor dem Abzug irgendwo gelebt, gearbeitet und geschlafen haben und sie standen über die Sommermonate im regen Austausch mit den vielen im nahen und weiteren Umland siedelnden Cheruskern. Hinzu kam ein Personenkreis, der sich aus keltischen und germanischen Hilfstruppen anderer Stämme zusammen setzte und die man nicht alle in den Legionslagern untergebracht haben dürfte, wenn überhaupt. Diese Menschen trugen noch zusätzlich zu einer sprachlichen und kulturellen Vielfalt einer neu entstehenden Mischbevölkerung an der Weser bei. Da darin viel Stoff für Konflikte verborgen lag, bedurfte es auch klarer Richtlinien, Anweisungen und Strukturen, ohne die nichts funktionieren konnte. Varus wird öfter hart durchgegriffen haben müssen um sich auch unter Landsleuten und Legionären Respekt zu verschaffen. Denn die Sitten in der römischen Armee waren auch nicht immer nur rau aber herzlich. Für den Aufbau einer neuen Civitas aus dem Nichts heraus war auch Stränge vonnöten und unvermeidbar. Wenn die Nachwelt Varus heute zum Hobby Richter degradiert, sollte man beachten, dass er auch für die Disziplin im eigenen Lager zuständig war. Dies scheint bislang wenig Beachtung gefunden zu haben, denn in allen Zeiten stand immer im Vordergrund Argumente für die germanische Revolte zu sammeln. Und auch in Corvey geschah spiegelbildlich nur das, was nur wenige Jahrzehnte vorher bereits die neuen Civitas Gründungen am Rhein der Grenze zu Germanien in Bonn oder Köln durch machten, alles war noch nicht in sich gefestigt, war sehr fragil und bedurfte einer starken Hand. Rom verfügte über eine enorme Potenz an Zivilisationswillen, die nicht nur von Macht, Mut und Eroberung getragen war, sondern auch von einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein. Viele Eigenschaften belegen einen hohen Toleranz Pegel im römischen Staat, wie sie in den Freiheiten des Municipal Rechtes und den weitreichenden Zugeständnissen an die Völker mit anderem Götterglauben erkennbar werden. Mit dieser alten Wertewelt muss man sich vertrauter machen, will man sein Vorstellungsvermögen vertiefen und erweitern und nicht nur alles auf das reine Schlachtengeschehen reduzieren, so wie es uns Dio, Tacitus oder Florus hinterlassen haben. Unter dem Strich betrachtet, war nach drei Jahren Varus an der Weser und den in dieser Zeit durchgeführten Aufbauarbeiten schon mehr erreicht, als man sich heute erdenken kann und wir wissen auch nicht, was in den Jahren davor bereits geschaffen wurde. Denn Rom war schon lange allerdings mit wechselndem Erfolg in Ostwestfalen präsent. Schon zu Beginn meiner Hypothese bin ich nur am Rande auf die interessanten Hinweise eingegangen, was die Analyse der ehemaligen Reichsabtei Corvey im Hinblick auf einen möglicherweise römischen Ursprung bzw. Zusammenhang anbelangt. Wenn ich also nun schlussfolgere, dass die römischen Truppen im Großraum Corvey am alten Ostwesthellweg stationiert waren und das heutige Corvey damals eine Schlüsselrolle einnahm, so sind stichhaltige und vor allem neue Argumente für diese Theorie natürlich immer sehr willkommen. Als sich für Heribert Klabes kurz nach dem Ende des II. Weltkriegs als noch jungem Bauingenieur erste Fragen nach dem Alter des Westwerks auftaten, hatte ihn der Bazillus den Ursprüngen nachgehen zu wollen schon befallen. Und als dann die Kirchenmaler 1954 durch Zufall die interessanten Wandmalereien frei legten, stand die Frage nach den baulichen Bezügen zur Römerzeit schlaglichtartig wieder im Raum, da man sich schlecht vorstellen konnte, dass die Benediktiner Mönche im 9. Jhd. heidnische Erotendarstellungen an den Innenwänden ihrer Klöster zuließen. Dabei hat heidnische Symbolik in christlichen Kathedralen und Abteien, wenn auch teils unbeabsichtigt eine gewisse Tradition. Denn wie viele zu Taufbecken umgearbeitete ehemalige Kultsteine mögen heute noch so manches Gotteshaus schmücken. Besonders hervor tut sich dabei allerdings der Trierer Dom, die älteste Bischofskirche in Deutschland. Sie kann sich eines, wenn auch zweifelhaften Ruhms erfreuen. Denn diese Bischofskirche, die wohl einzige nördlich der Alpen gewährt noch einem echten heidnischen Gott, wenn auch nur aus Stein Unterschlupf. Der Grund dafür ist aber einzig der Statik der Kathedrale geschuldet. Als diese im 6. Jhd. im Zuge der Völkerwanderung beschädigt wurde, musste eine tragende Säule im inneren des Doms erneuert werden. Da Säulen zu Reparaturzwecken im 6. Jhd. nicht beliebig erhältlich waren entschloss man sich damals, auf die heidnische Säule eines alten Tempels zurück zu greifen. Man baute sie also ein um sie aber sogleich wieder zuzumauern, denn aus der Spitze der Säule gut sichtbar ragte immer noch der Kopf eines heidnischen Gottes. Es handelt sich dabei um den griechischen Gott Dionysos. Gott des Weines, der Freude, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase. Der Einmaligkeit wegen entschloss man sich aber dankenswerterweise, dem interessierten Dom Besucher einen Blick auf diesen Kopf zu gestatten, in dem man ihn wieder sichtbar machte und frei legte. Verschämt in etwa 15 Meter Höhe blickt er seit dem leicht verträumt aus einer auf seine Größe zugeschnittenen kleinen Fensteröffnung auf die Menschen hinab. Natürlich ist die Lage dieses Gotteskopfes nur wenigen bekannt und das soll auch so bleiben. Vor diesem Hintergrund wäre es Zeit für ein neues Toleranz Edikt im Umkehrschluss zu dem des Galerius aus dem Jahre 311 +. Im Zusammenhang mit der römischen Erforschung des ehemaligen Reichsklosters Corvey wäre das für viele Historiker mal eine gute Idee. Seit der Entdeckung der Wandmalereien im Atrium des Westwerks blicken auch viele Zeitgenossen mit gemischten Gefühlen auf all jene, die den römischen Zusammenhang für möglich halten oder in den Verdacht gerieten mit diesen Thesen zu sympathisieren. Vermutlich ist auch das Buch “Corvey” von Heribert Klabes in seiner Neuausgabe von 2008 noch nicht im Museums Shop der ehemaligen Reichsabtei erhältlich. Wer könnte sich auch je vorstellen, dass die römischen Eroberer derartige und heute noch sichtbare oberirdische Bauwerke an der Weser hinterlassen haben könnten. Und das ist in der Tat auch sicherlich verständlich und nachvollziehbar. Aber nach der Entdeckung und Freilegung der römischen Marschlager in abstandsgerechter und regelmäßiger Westostausrichtung parallel zur Lippe wurde vieles glaubhafter, was früher nach einem Scherz klang. Schon 1816 gab es den konkreten Hinweis auf Römerlager bei Haltern, denen aber erst 1899 wissenschaftlich nachgegangen wurde und in Xanten/Vetera begannen systematische Ausgrabungen erst 1905. Als 1967/1968 das Römerlager Anreppen entdeckt wurde und Funde zutage traten, nahm das Thema wieder an Fahrt auf. Aber diese Geschehnisse berührten die Region um Corvey damals nur recht wenig. Wollte man über alle Verdächtigungen erhaben sein, den Fundamenten der ehrwürdigen ehemaligen Reichsabtei keine baulichen römischen Reste entlocken zu wollen, musste man schon die Gnade einer sehr frühen Geburt haben. Was sagen will, dass Personen, die sich mit einer römischen Forschungsgeschichte von Corvey näher beschäftigen wollten, tunlichst schon etwas länger nicht mehr unter den Lebenden weilen sollten, um vom Bazillus unbeeinflusst geblieben zu sein. Heribert Klabes beschäftigte sich in vielerlei Hinsicht mit dem Baukörper und dem ganzen Umfeld, aber sehr intensiv auch mit der Steinplatte und ihrer Inschrift die über der Portalzone der Westfassade angebracht ist und ganz besonders hatte es ihm darauf der Name Civitatem als Akkusativ von Civitas angetan. Aber nicht nur Heribert Klabes beschäftigte sich mit der Bedeutung dieses lateinischen Wortes und den vielen anderen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der römischen Vorgeschichte von Corvey. So griff auch Dr. Leiermann die vielseitigen Vorarbeiten Heribert Klabes auf, ergänzte sie noch durch zusätzliche Erkenntnisse und Forschungen und legte eine umfängliche Faktensammlung ungeklärter Fragen an. Nicht nur das Buch von Heribert Klabes, sondern auch seine Abhandlung unter der Bezeichnung „Kritische Bemerkungen zu dem Buch von Hilde Clausen und Anna Skriver – Die Klosterkirche Corvey Band II Wandmalereien und Stuck aus karolingischer Zeit“ – verdienen es, sich ihnen eingehend zu widmen. Und nicht nur die Feststellung des Präsidenten der angesehenen bayerische Benediktinerakademie (Historische Sektion) e.V. aus dem Jahr 2006, dass „die Wandbilder römisch“ seien, lässt aufhorchen auch die weiteren 28 Punkte seiner Auflistung verdienen besondere Aufmerksamkeit. So auch ein weiterer Hinweis von ihm, dem ich nachgegangen bin. Denn wir können in der deutschen Forschungsgeschichte auch noch auf andere Personen verweisen, die sich in früherer Zeit mit dem Begriff und der Entwicklungsgeschichte der Civitas bzw. Civitates näher beschäftigt haben. Die Trier Universitätsbibliothek hält dazu wie ich feststellen durfte, aufgrund des Alters ein nicht zur Ausleihe vorgesehenes Buch des Historikers Siegfried Rietschel bereit, der im Jahre 1894 in einem Verlag in Leipzig das Buch „Die Civitas auf deutschem Boden bis zum Ausgang der Karolingerzeit” also dem Zeitraum bis 911, heraus gegeben hat. Auch in Höxter hat man sich schon mit Siegfried Rietschel näher befasst, aber vermutlich nur mit seinem Werk “Das Burggrafenamt und die hohe Gerichtsbarkeit in den deutschen Bischofsstädten während des früheren Mittelalters”. Leipzig 1905. Die Inschrift auf der Steinplatte eingelassen im Westwerk lautet. “„CIVITATEM ISTAM TV CIRCUMDA DNE ET ANGELI TVI CVSTODIANT MVROS EIVS“ – und in der Übersetzung “Herr, um gib diese Stadt und lass deine Engel Wächter ihrer Mauern sein.” Es gibt auch noch die Übersetzungsvariante “Diese Civitates umfasse du Herr und deine Boten mögen ihre Mauern bewachen.” Das Wort Domine, das sich hinter dem DNE verbirgt und in beiden Übersetzungen als Herr gedeutet wird, lässt sich auch anders erklären. Denn das sich Kaiser Augustus außer imperator auch dominus (DNE) und auch domine priceps oder domine imperator nannte und genannt wurde, ist überliefert. Er soll aber die Anrede dominus unter anderem auch wegen übertriebener Schmeichelei abgelehnt, ja sogar verboten haben. Konnte es aber nie ganz vermeiden. Der jüngere Plinius redete in seinen Briefen zum Beispiel Kaiser Trajan im 1. Jhd. grundsätzlich immer mit dem Prädikat “Dominus” an. Das lateinische Wort Dominus (DNE) ist also letztlich keine Erfindung der christlichen Lehre, sondern wesentlich älteren Ursprungs. Aber es gibt auch noch andere Hinweise zur Corveyer Inschrift die in die Antike zurück reichen. Um die Jahrtausendwende sollten neue Zeiten anbrechen, die die damalige Welt in andere Richtungen lenken sollten. Allein die Tatsache das Kaiser Augustus Zeitgenosse von Jesus war, lässt da viele Parallelen erahnen die es zu ergründen gilt und aus denen sich erschließen lässt, wie eng weltliche und geistliche Macht in gewisser Hinsicht, wenn auch nicht Hand in Hand, so doch gleichermaßen am Aufbau einer gemeinsamen neuen Weltordnung im heutigen Europa beteiligt waren und beides eng ineinander verzahnt war. Und mehr noch, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Kaiser Augustus war als Staatsmann für das größte Reich in der Paläarktis verantwortlich, mit dem zu seiner Zeit nur das chinesische Reich der Han – Dynastie konkurrieren konnte. Aber es brachte wie alle Großreiche auch viel Ungleichheit und Ungerechtigkeit hervor. Die Zeit war damit reif für eine neue Heilsbotschaft mit der man dieser scheinbar für die Ewigkeit angelegten römischen Allmacht entgegen treten konnte. Kaiser Augustus war nicht nur die personifizierte Staatsreligion mit dem Gott gleichen Anspruchsdenken jener Tage, sondern er führte im Kaisertitel auch noch die Bezeichnung “divi filius”, also dem Namen nach wie auch Jesus der Sohn eines vergöttlichten Vorfahren zu sein was schon eine seltsame Parallelität durchblicken lässt und Assoziationen weckt. Aber ungeachtet des katholisch/orthodoxen Dauerkonfliktes dürfte der normale Bürger auch damals schon erkannt haben, dass ein Mensch kein Gott sein konnte und durfte. Da Kaiser Augustus kaum einen Feind zu fürchten hatte, konnte ihm nur eine überirdische Macht Paroli bieten und auf dem Weg einer neuen Glaubensrichtung Einhalt gebieten. Neue Religionen wie die christliche Lehre wachsen nicht über Nacht und mussten sich strukturieren. Jesus baute sich ein “Team” Gleichgesinnter auf, seine Botschaften fielen auf fruchtbaren Boden und verbreiteten sich vor allem bei den unterdrückten Völkern der damaligen Welt. Völker wie die Griechen, die unter römischer Last und einhergehendem Machtverlust zu leiden hatten, waren dafür besonders empfänglich. Dennoch war das Christentum im 2. Jhd. noch kaum wahrnehmbar. Aber Augustus hatte das Zepter in der Hand und duldete keine Widerstandsgruppen, Stämme oder gar Völker, weder in Palästina noch in Germanien. Er prägte das Geld, er hob die Legionen aus, er versorgte sein Volk mit Nahrung und er trieb dafür die nötigen Steuern ein. Rom bestimmte als Jesus das Licht der Welt erblickte schon seit vielen Jahrhunderten wie die Völker zu leben hatten, Rom erließ die Gesetze und Rom prägte das öffentliche Leben. Rom beherrschte die Geisteswissenschaften, die Kunst, die Rhetorik bis zur Philosophie, bediente sich zahlreicher Lehrkörper aus der damals bekannten Welt, dominierte alles mit Hilfe der lateinischen Sprache und war bemüht der griechischen Sprache keine Dominanz zuzugestehen. In diese Phase und in dieses gefährliche Räderwerk unumschränkter Machtkonzentration und Fülle geriet Jesus als er die Menschheit zum Umdenken brachte. Er trennte und unterschied das Profane vom Unsterblichen und bekam doch immer wieder die harten Spielregeln römischer Gesetzgebung zu spüren. Seine Geburt verdankte er der Volkszählung von Kaiser Augustus, die “seine Eltern” zwangen nach Betlehem aufzubrechen und selbst sein Todesurteil fällte letztlich der römische Staat. Man bediente sich in jener Zeit und in jeder Hinsicht der römischen Dialektik wenn man sich verständigen wollte und musste, obwohl die frühen Christen dem römischen System innerlich ab schworen und eine neue friedliche Welt anstrebten, zwangsläufig die lateinische Sprache, und damit das bittere römische Vokabular der Unterdrücker übernehmen. Jesus kannte immer nur einen weltlichen Herrscher und der hieß Augustus. Als uns der Apostel Lukas seine Weihnachtsgeschichte hinterließ, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt werden sollte, geschah dies erstmals im römischen Reich, da es Augustus in diesem Zusammenhang offensichtlich um Steuereinnahmen ging und das Ende kennen wir. Viele christliche Liturgien die in dieser Zeit entstanden orientierten sich an alttestamentarischen Vorbildern, aber auch das alltägliche römische und somit heidnisch geprägte Leben der Landbevölkerung floss in die neue Religion mit ein. Wer will heute noch mit Bestimmtheit sagen was überwog. Die Christen mussten es sich in den Katakomben die ihnen die römische Welt ließ noch auf lange Zeit einrichten und begannen im verborgenen die vorherrschende heidnische Welt im christlichen Sinne von innen heraus umzudeuten. Aber der Allmachtsanspruch von Augustus bot sich an gerade in dieser Zeit einen Gegenpol aufzubauen. Mit der hoch stehenden Kultur des römischen Reiches konnte das frühe Christentum in keiner Weise mithalten und wollte es letztlich auch nicht, aber sie war für das Christentum der Zeit das Maß aller Dinge was es im christlichen Sinne zu bekämpfen galt und dessen Untergang mit dem Eintreffen des Apostel Paulus in der damaligen Weltstadt Rom seinen Anfang nahm. Vieles was sich in den Anfängen der christlichen Lehre entwickelte beruhte auch auf den heidnischen Errungenschaften eines Staatswesen in dem die Vielfalt des Götterhimmels den Alltag beherrschte. Das Christentum interpretierte vieles um, um eine bessere Welt zu erschaffen, aber das Fundament steckte noch tief im allgegenwärtigen römischen und damit heidnischen Denken jener Zeit. So entschied Augustus ausgestattet mit der ganzen Machtfülle, dass der Tag seiner eigenen Geburt zukünftig den Jahresbeginn kennzeichnen soll und das war zufälligerweise auch immer der Tag des Äquinoktiums, also der Tagundnachtgleiche nämlich der 23. September eines jeden Jahres. Die Christen übernahmen diese Geburtstradition wie es ihnen Kaiser Augustus vorexerzierte, erhöhten aber die Geburt Jesus im Sinne einer völlig neuen Zeitrechnung und begründeten damit ein Jahr Null. Sie wollten also nicht nur wie Augustus den Jahresbeginn fixieren, sondern die gesamte Zeitrechnung revolutionieren. Ein weiteres Beispiel für die Verwendung vorchristlicher Begriffe ist auch das Wort Evangelium aus dem Altgriechischen, was man im Imperium Romanum unter dem vergöttlichten Kaiser Augustus als eine gute Nachricht aus dem hohen Kaiserhaus aufnahm bzw. betrachtete. Es existiert dazu eine Übersetzung aus dem Jahr 9 – in der es in etwa heißt “Der Geburtstag des Gottes Augustus ist für die Welt eine freudige Botschaft, also in diesem Sinne ein Evangelium”. Die frühe Christenheit entlehnte zahlreiche Vokabularien aus der griechischen und lateinischen Sprache und verwendete sie für ihre Zeremonien. Wie sich die Gesänge und Huldigungen des römischen Kaisers an besonderen Festtagen anhörten wissen wir nicht. Chöre und Fanfarenklänge wie man sie aus Historienfilmen kennt zeigen wie emsig man heutzutage bemüht ist diese Wissenslücke zu schließen. Horaz komponierte um diese Zeit im Auftrag von Kaiser Augustus eine Festrede als ein säkularisierter Gesang in dem er das Herannahen einer goldenen Zeit anpries und prophezeite. 27 Jungen und 27 Mädchen trugen die einstudierten Gesänge in etwa im Stil des Responsorium, des Antwortgesanges der gregorianischen Choräle in dem mal die Knaben, mal die Mädchen und mal beide sangen vor. Auf die Säkularfeier zu der Horaz seinen Beitrag leistete komme ich später noch mal im Zusammenhang mit der Corveyer Inschriftentafel zurück. Aber auch die ersten Christen proklamierten den baldigen Anbruch nie endender Glückseligkeit für sich und so trat man in Konkurrenz zueinander bei der letztlich die Religion die Oberhand gewann, da sie nicht auf staatlichen Strukturen basierte und sich der Ewigkeit verpflichtet sah. Nach dem Untergang des römischen Reiches trat das Christentum auf ihre Weise in die Fußstapfen der alten weltlichen Macht und bediente sich an den reichlich vorhandenen Ruinen jener Zeit, sowohl was deren schriftliche Zeugnisse als auch deren hinterlassene Strukturen und teilweise auch Ideologien anbetraf. So wie es jede neue Religion, Kultur oder Weltanschauung praktiziert, wenn sie das ihnen passende überleben lässt und das ungewünschte ausmerzt. Die Verbreitung des Christentums nördlich der Alpen führte im Verlauf der Jahrhunderte auch zwangsläufig zur Wiederentdeckung alter römischer Kultur wie es bei der karolingischen Renaissance zum Ausdruck kommt, da die darin steckende Substanz zeitlos war. Man verrückte die Pole und fortan stand nicht nicht mehr die ewige Stadt Rom im Zentrum, sondern es bezog sich alles auf die heilige Stadt Jerusalem. Ganz so, wie es der schöne Kronleuchter im Aachener Dom veranschaulicht, der die Stadt Jerusalem symbolisiert und ein Geschenk von Friedrich Barbarossa war. In christlicher Zeit vernebelten sich die alten Untaten aus römischen Zeiten bis zur Unkenntlichkeit und man arrangierte sich mit der einstigen heidnischen Metropole Rom die noch auf Jahrhunderte durch die monumentalen Gebäude jener Epoche gekennzeichnet aber offensichtlich dadurch nicht belastet war und machte sie zur Vatikanstadt. In der heutigen Zeit in der das Christentum auf Nabelschau umgeschaltet hat und Bereitschaft zeigt die eigenen Sünden der Vergangenheit aufzuarbeiten, fällt es auch leichter andere alte und immer noch unbeantwortete Fragen neu zu stellen. So zum Beispiel die Frage nach dem Verbleib der Bücher des Tacitus über die Jahre 29 + 30 + und 31 + aber auch spätere Jahre die nach Aussagen des Vatikans verschollen sein sollen. Diese Bücher behandeln genau den Zeitraum von Jesus von Nazareth und die Schicksalstage als dieser Mann hingerichtet wurde und Pontius Pilatus Präfekt der römischen Provinz Judäa war. Die Inschrift “ Civitatem istam tu circumda, Domine, et angeli tui custodiant muros eius” am Westwerk der Corveyer Abtei enthält aber definitiv keinen direkten Hinweis auf die heilige Stadt Jerusalem. Würde aus der Inschrift auch nur ein Name mit klarem Bezug etwa zu Augustus oder seiner Herrschaft hervor gehen, wäre die Inschrift sicherlich einem späteren Bildersturm zum Opfer gefallen. Die Undefinierbarkeit der textuellen Aussage und die spätere Umdeutung verhalf der Inschrift offenbar die Jahrhunderte zu überdauern. Die Epochen und Jahrhunderte aus denen die von Papst Gregor der noch zu Zeiten der Völkerwanderung geboren wurde gesammelten Choräle stammen und mit der der Text der Inschrift auch in Verbindung gebracht wird, können auf alten Fassungen und auf Zeiten fußen die bis in die römische Antike zurück reichen als Rom noch Nabel der Welt war und nicht Jerusalem. Wissenschaftlich lässt es sich für uns nicht mehr erschließen und unsere Unkenntnis überwiegt. Was wir aber unstrittig wissen, ist das die Buchstaben am Westwerk in lateinischer Schrift verfasst sind. Bereits Gaius Iulius Caesar verwendete in seinen Werken “Commentarii de bello Gallico” oder “Commentariorum libri tres de bello civili” eben auch jene in der Inschrift verwendeten Worte wie “circumda” oder “custodiant” wie sie uns auch auf der Corveyer Inschrift begegnen. Was natürlich auch nicht verwundert, denn Latein war eben die Schrift jener Zeit. Ab dem Moment wo das Christentum am 27.Februar 380 unter Kaiser Theodosius I zur Staatsreligion erklärt wurde, beginnt nun leider mit dem gleichem Eifer und Enthusiasmus ein Feldzug der Christenheit gegen alle Andersgläubigen wie die Welt ihn lange über sich ergehen lassen musste. Nahezu zeitgleich setzte die große Völkerwanderung die von 375 bis 568 andauerte ein, die das Imperium lange verhindern konnte und alles vermittelt bei uns den Eindruck, als ob den Völkern nur noch das Christentum helfen konnte um sich gegen die enormen Verwerfungen zur Wehr setzen zu können und man es daher passieren ließ. Und nach dem Hunneneinfall und den Zeiten des “dunklen” Mittelalters war die christliche Welt ab dem Jahr 800 auch nicht mehr die gleiche, wie sie uns noch in den Katakomben von Rom erscheint und wie wir dann am Verhalten und Auftreten der Karolinger ablesen können. Inzwischen war man aber besonnen genug um eine angemessene Rückbesinnung an die Zeiten der Pax Romana einzuläuten. Zu dieser Zeit standen die Werke der römischen Dichter und Philosophen aber noch überall in Reih und Glied in den Regalen und Bibliotheken der Herrschenden, der Klöster und Abteien die sie bewahrten besser gesagt retten konnten und sie wurden von jenen die sie lesen konnten auch rege genutzt und dienten der Orientierung in schwierigen Zeiten. Sie führten aber auch immer wieder zu Konflikten wie es Umberto Eco schön in seinem Film “Der Name der Rose” darstellt, wo schon die Freude am Lachen als sittlicher Verfall thematisiert wird, den man in christlichen Zeiten bekämpfen wollte. Daher kann man für das frühe 9. Jhd. auch ausschließen, dass man in Corvey zur Freskenmalerei auf heidnische Eroten zurück griff. Und so wurden in späterer Zeit letztlich jene Werke herausgefiltert, die sich nicht mit der gängigen katholisch/christlichen Lehrmeinung vertrugen und sich deckten und sie verschwanden auf immer. Selbst der Zufallsfund wie der der Tacitus Annalen im 16. Jhd war nicht sicher, um in den Händen der Nachwelt überleben zu können wie wir wissen. Denn noch selbst 1000 Jahre später fielen Teile der Werke von Tacitus unter die Zensur päpstlicher Obrigkeit und waren dann nicht mehr auffindbar. Was mögen sie enthalten haben und was alles wollte und musste man früher verbergen um den frommen Schein zu wahren. Und warum vieles neu erfinden, was es nicht schon seit Jahrhunderten gab und nur leicht verändert angepasst wieder in Gebrauch genommen werden konnte. Möchte man eingefahrene Wege verlassen, so muss man auch so konsequent sein und die Herstellungszeit der Inschriftentafel am Corveyer Westwerk deren Buchstabenaufbau unter dem Namen “Capitalis quadrata” bekannt ist folgerichtig auch in die römische Kaiserzeit zurück datieren. Diese in den Zeiten von Kaiser Augustus angewendete Schriftart war in antiker Zeit nicht von langer Dauer und hatte schon im 3. Jhd. ihren Höhepunkt erreicht bzw. überschritten. Ihre Hauptverwendungzeit fiel aber in jene Epoche, in der Ostwestfalen unter römische Besatzung geriet und Varus dort die Verwaltungsgeschäfte übernehmen sollte. Diese “Capitalis quadrata” genannte Schrift ist die klassische lateinische Buchschrift die man aber nur dann benutzte, wenn man die Buchstaben noch mit der Hand auf Pergament schreiben wollte und sie nicht eimeißelte. Sie ist daher die handschriftliche Variante der in Stein gemeißelten “Capitalis monumentalis”. Mit römischen Majuskeln in “Capitalis quadrata” schrieb man im Zweiliniensystem, aber sie befand sich im steten Rückgang begriffen und war nur noch bis ins 6. Jhd. in Gebrauch. Nach der karolingischen Schreibreform wurde dann nur noch die karolingische Minuskel in Handschriften, also in Büchern und für Überschriften und Rubriken verwendet. Die “Capitalis quadrata” wurde in den Zeiten des römischen Reiches nicht für steinerne Inschriften verwendet, dafür nutzte man also die “Capitalis monumentalis”. Sollte die Inschrift am Corveyer Westwerk zu Zeiten der Karolinger eingefügt worden sein, so ist es aus heutiger Sicht rätselhaft, warum man sich noch im 9. Jhd. für eine Inschrift entschieden haben soll, die schon im 6. Jhd. sozusagen in den letzten Zügen lag und bei der es sich zudem um die altrömische “Hand” Schriftform nämlich die “Capitalis quadrata” handelte und nicht für die zu Römerzeiten für Steingravuren typische Schreibweise “Capitalis monumentalis”.Warum verwendete man nicht schon die ausgereifte karolingische Minuskel. Warum hätte man die Zeit zurück drehen sollen, um sich etwa wieder der Antike zuzuwenden ? Wollte man optisch an Alteingesessenes anknüpfen und etwas besonderes erschaffen, sich traditioneller Werte bekennen und ihnen gar zur Widergeburt verhelfen ? Wollte man auf diese Weise gegen den karolingischen neuen Reichsgedanken der auch ein neues einheitliches Schriftbild vorsah opponieren ? Kaum vorstellbar, denn wer hätte dies anordnen sollen. Der Sohn Karls des Großen, Ludwig der Fromme sicherlich nicht. Die karolingische Renaissance sollte sicherlich andere Züge bekommen, als noch mal in dieser Form eine Auferstehung zu erleben. Warum hätte man zu Zeiten der Karolinger also noch mal auf eine altrömische Schrifttradition zurück greifen sollen, die zudem nur für Handschriften und nicht für Gravuren üblich war. Zuviele Ungereimtheiten, so daß ich spekuliere, dass in Corvey noch Rom selbst am Werk gewesen war und hier die Hand noch mit ihm Spiel hatte. Unter Varus wollte man es wie eine versöhnende Handschrift aussehen lassen und nicht wie eine monumentale Schrift die Macht aber auch Gewalt verkörpert hätte. Denn man kam ja in “friedlicher Absicht” nach Ostwestfalen und wollte dort auch die lateinische Sprache verbreiten, die sogar schon Arminius mit ostwestfälischem Akzent sprechen konnte. Im 9. Jhd. war die “Capitalis monumentalis” jedenfalls nicht mehr in Gebrauch und auch die “Capitalis quadrata”, die der Schreibschrift vorbehalten war, wurde im 9. Jhd.schon seit immerhin dreihundert Jahren nicht mehr genutzt. Die römische Schrift der “Capitalis quadrata” noch der Zeit von Ludwig dem Frommen zuzuschreiben würde auch bedeuten, dass man sich sogar noch im 9. Jhd. also 800 Jahre nach dem Tod von Kaiser Augustus schriftlich betrachtet immer noch nicht von der römischen Kaiserzeit abgenabelt hat bzw. abnabeln wollte. Aber so war es bekanntlich nicht, denn man hatte bereits damit begonnen sich deutlich davon abzusetzen, in dem man sich nach neuen Schreibweisen umschaute. Man wollte sich modernisieren, sich auch nach Ostrom orientieren und hat ein Zeichen gesetzt, indem man die Epoche der “Capitalis quadrata” abschließen bzw. sie auslaufen lassen wollte. So war es sogar die Corveyer Mutterabtei Corbie selbst, die nur 14 Jahre nach dem Ende der Merowingerzeit begann, im Jahre 765 mit den ersten karolingischen Minuskeln zu experimentieren. Die alte “Capitalis quadrata” eine antike römische Majuskelschrift war um diese Zeit nur noch als Prachthandschrift für die besondere Gestaltung von Büchern in Gebrauch, als man in Corbie schon dabei war schrifthistorisch in ein neues Zeitalter einzutreten. Dies ereignete sich schon 13 Jahre vor der Geburt Ludwig des Frommen der später zum Begründer der Abtei Corvey werden sollte. Corbie hatte also noch viel Zeit um die Minuskel auch für eine Verwendung in Corvey “serienreif” zu machen. Corvey war ein Ableger von Corbie und die Entwicklungen und Geschehnisse in Corvey hielt man sicherlich noch lange von Corbie aus im Auge. Es ist daher schlecht vorstellbar, dass man zu Zeiten der Gründung von Corvey Anfang des 9 Jhd. noch eine Schriftform nutzen wollte, die in Corbie bereits als Auslaufmodell gehandelt wurde und die man doch auch auf Geheiß Karls des Großen abschaffen wollte. Kulturelle Weiterentwicklungen wie die Schrift wollte man nicht mehr rückgängig machen und zurück fallen in überholt geglaubte Zeiten. Es wäre so, als ob man in unserer Zeit noch mal zur Sütterlin Schrift zurück kehren wollte. Die antike römische Westwerk Inschrift nach dem System “Capitalis quadrata” und dem Wortlaut “Civitatem istam tu circumda, Domine, et angeli tui custodiant muros eius” findet man auch in der Gregorianik wieder, denn sie erscheint textuell in gregorianischen Chorälen. Es handelt sich bei dem Text um den ersten Teil eines Antiphon also eines Wechselgesangs, der in Verbindung mit Psalm 79 gebracht wird und mit Prophet Daniel 16.2 Bestandteil eines Responsorium auch Antwortgesang genannt wird. Komplettiert wurde der Text der Inschrift für den Choral noch durch den Anhang “exaudi Domine populum tuum cum misericordia.” der in der Übersetzung lautet “Erhöre, Herr, dein Volk mit deiner Barmherzigkeit.”. Sich mit der Frage zu beschäftigen, warum sich am Corveyer Westwerk eine Inschrift aus der römischen Kaiserzeit von Augustus befindet, die dann später zum Bestandteil christlicher Chormusik wurde, ist eine interessante Herausforderung der ich nach gehen möchte. Die Konsequenz aus dem gewaltigen Krieg gegen die Germanen dem “Immensum bellum” den Tiberius 5 + siegreich beendete und der die endgültige Besetzung Ostwestfalens durch das Imperium nach sich zog war, das Feldherr Varus zwei Jahre später vermutlich im Jahre 7 + mit drei Legionen anrückte um die Interessen des Reiches in Germanien durch zu setzen. Bis etwa 5 – eher 4 - war er als Statthalter noch für die Provinzen Palästina/Syria einschließlich Judäa zuständig. Diese Provinz stand erst seit 56 Jahren unter römischer Verwaltung als Varus um etwa 7 – oder 6 – begann dort den Kaiser zu vertreten. Auch in dieser Grenzprovinz befehligte er machtvoll einen der stärksten Heeresverbände des Reiches bestehend aus drei Legionen. Die besonderen Anforderungen die dort an ihn gestellt wurden zwangen bzw. verlangten in einem sehr schwierigen politischem Umfeld viel von ihm ab. Kluge Richtersprüche, Schlichtungsverhandlungen unter verfeindeten Stämmen, drakonische Strafmaßnahmen und dergleichen waren für ihn nahezu alltäglich aber offensichtlich bewährte er sich. Und bei alledem musste er noch sicherstellen, dass die regelmäßigen Steuerzahlungen pünktlich in Rom eintrafen. In der Provinz am Mittelmeer hatte er es zumindest mit einer römisch in etwa gleichwertig hohen Kultur zu tun. Um aber letztlich 2000 jüdische Rädelsführer am Kreuz hinzurichten, brauchte er sicherlich auch die nötige Rückendeckung der religiösen Würdenträger im Lande, die sich später auch gegenüber Jesus als die größten Kritiker hervor tun sollten und besaß sicherlich besonders ausgefeilte Qualitäten in der Kunst der Ränkeschmiede, die ihn aber später aufgrund abweichender Mentalitäten in Germanien im Stich ließen. Varus verließ die Provinz Syria/Palästina lange bevor dort im Jahre 66 + die ersten großen Unruhen gegen die römischen Besatzer ausbrachen und er nahm all sein Wissen und seine Erfahrung mit nach Germanien wo er seinen persönlichen Kulturschock erleben sollte, denn bis dato kannte er wohl nur nur den keltischen Teil des Landes aus dem Jahre 15 – als er gemeinsam mit Tiberius bei Oberammergau die Helvetier bekämpfte. Aber Ostwestfalen war nicht Judäa und auch kein Keltenland und dort empfingen ihn bekanntlich keine Menschen sondern wie man sagte nur “halbwilde”. Varus hatte sich auf seine neuen Aufgaben in Germanien vorbereitet und hatte wohl schon Vorstellungen um nicht zu sagen einen Schlachtplan zu dem, was er dort zu tun gedachte. Er wusste von den Städteplanungen und Neugründungen im Lande der Germanen und von den schon im Bau befindlichen rechtsrheinischen Provinzzentren zwischen Haltern und dem Lahngau aber auch von den Völkervertreibungen um Ruhe am rechten Rheinufer herzustellen. Er würde nun auch seines dazu beitragen, damit der Kaiser mit ihm zufrieden sein konnte. Die Kultur im Lande der Syrer und Palästinenser reichte weit in die Vergangenheit zurück, war aber nicht mit dem Imperium oder gar mit Rom vergleichbar. Sie stand aber immer noch erheblich über dem, was ihn in Germanien erwarten sollte. Aber Rom war damals unangefochten der geistige Mittelpunkt der Welt. Der “göttliche” bzw. vergöttlichte Kaiser Augustus zog Dichter, Denker und Philosophen magisch an und scharte die besten unter ihnen in sein persönliches Umfeld. Gaius Cilnius Maecenas sein Freund und Berater förderte die großen Dichter seiner Zeit wie Vergil, Horaz, Properz, forderte dafür von ihnen aber auch die absolute Loyalität gegenüber dem Kaiser ein. Diese Zeit brachte unter Augustus Männer hervor, die die antike Kultur bis in unsere Tage lebendig halten, sie prägen, auf deren Leistungen wir mit Ehrfurcht blicken und von denen wir unsere geistige Haltung noch bis heute gerne beeinflussen lassen. Ganz so wie es uns geht, wenn wir die Ausdruckskraft der alten flämischen Meister bewundern. Es ist umstritten wann das Mittelalter von innen heraus imstande war an die Weisheiten dieser Vordenker anzuknüpfen. Möglicherweise erst im 15. Jhd. unter Mitwirkung von Leonardo da Vinco oder Erasmus von Rotterdam. Die lange Leere nach dem Zerfall des römischen Reiches und den nie endend erscheinenden Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst sowie den Kreuzzügen ließ nicht viel an neuem Gedankengut Gedeihen. In den Klöstern beschränkte man sich zu Zeiten der frühen Mission auf das Abschreiben alter Werke, konkurrierte und verschließ sich mit anderen frommen Ordensgemeinschaften auch in England, Schottland und Irland um den richtigen Weg zum Seelenheil und unterdrückte freigeistiges Denken, wo es sich nur zeigte. Nach dem Motto “Da sprach der König zum Priester: Halte du sie dumm, ich halte sie arm” setzte sich der ewige Prozess der Unterdrückung fort. Die antike Welt lag in Scherben, warf aber immer noch ihren großen Schatten über alles was danach kam und die Architekten der alten Welt waren immer noch richtungsweisend und gaben unterschwellig den Ton an. Das damals nicht nur allem Römischen noch das Heidentum innewohnte, wusste man auch zu Zeiten der Konzile. Vergil mit seinen drei Hauptwerken. Horaz neben Vergil der bedeutendste römische Dichter der die Römer mahnte die Götter zu achten und an die Tugenden Genügsamkeit, Tapferkeit, Treue, Standhaftigkeit, Gerechtigkeit und Ehrfurcht appellierte. Aber auch Albius Tibullus und Sextus Propertius seien erwähnt und ganz besonders der tragische Ovid und nicht zu vergessen Titus Livius. Sie alle hinterließen ihre schriftlichen Fußabdrücke, die die wieder erwachende Welt nördlich der Alpen nach den grauen Regierungsjahren der Merowinger, die zwar das Christentum übernahmen aber die Leistungen der iro/schottischen Mission ausbremsten aufsaugen konnten. Was die Christenheit nach einer Vielzahl von Konzilen zuwege brachte und die Auseinandersetzungen mit der Orthodoxie übrig ließ, dürfte mit wenigen Ausnahmen nicht für große innerkirchlich intellektuelle Sprünge gereicht haben. Papst Gregor dem Großen, dem man in Angedenken zum Vater der gregorianischen Choräle ernannte und seine Nachfolger dürften noch über einen großen Zeitraum vom alten Wissen profitiert haben, allerdings ohne es groß zu propagieren. In den Huldigungsgesängen für den vergöttlichten Kaiser Augustus wie sie bei Horaz anklingen steckte auch schon viel vom späteren liturgischen Kirchenspiel der Gregorianik. Es verwundert daher auch nicht, dass wir das gesamte lateinische Vokabular der Corveyer Inschrift nur in andere Zusammenhänge gesetzt, wenn nicht in den Werken von Cäsar, so aber doch bei den Dichtern zu Zeiten von Augustus wieder finden. Ob man es Wechselgesänge, Antwortgesänge Responsorien oder Antiphone nennt, letztlich könnte sich alles um Kombinationen, Bausteinen, Varianten oder Zusammenstellungen aus dem Ideenspektrum und der Feder altrömischer Ursprünge handeln. Die Inschrift wie sie uns am Westwerk hinterlassen ist, kann der Arbeit eines Handwerkers aus augusteischen Zeiten entsprungen sein, der den Auftrag hatte den vorgegebenen Text bildhauerisch umzusetzen in denen der Schutz der Gebäudeanlagen durch die höheren Mächte römischer Götterwelt zum Ausdruck gebracht werden sollte. Ein Text, der sich auf die Gesandten des vergöttlichten Augustus beziehen sollte die dort an der Weser eine neue Stadt entstehen lassen sollten und diese zu bewachen hatten. Varus hinterließ in Corvey uns zum Rätsel und Kaiser Augustus zur Huldigung diese Inschrift, denn alle Städte des Imperiums sollten den gleichen Schutz erfahren wie Rom selbst. Späteren Generationen war es dann vorbehalten, die antiken lateinischen Worte im christlichen Sinne umzudeuten um sie für ihre geistlichen Werte und Grundüberzeugungen zu verwenden. Denn nicht nur dort wo einst heidnische Götter in Tempeln oder Hainen verehrt wurden überbaute man diese in christlichen Zeiten mit Gotteshäusern und übertünchte sie mit frommer Symbolik. Wie dieser Fall zeigt, wurden auch die alten Schriften der heidnischen Welt entrissen um sie im Sinne der neuen christlichen Lehre umzudeuten. Um für die altrömische Herkunft der Inschrift weitere Erklärungen anzubieten, bedarf es des Einstiegs in eine umfangreiche Chronologie. Dazu muss man sich noch mal die Inschrift also die Übersetzung des 1. Abschnittes des Responsorium aus dem gregorianischen Repertoire anschauen. “Civitatem istam tu circumda, Domine et angeli tui custodiant muros eius” gleich “Zieh einen Ring um diese Stadt Herr deine Engel mögen ihre Mauern schützen”. Hier soll also eine Stadt (Civitas) insbesondere die Stadtmauern (muros) von einem alles überragenden Herrscher (Domine) vor Feinden geschützt werden, indem dieser dafür seine Engel, Gesandte oder Boten (angeli) abstellt. Natürlich mit dem Ziel, dass sich diese Stadt den Feinden widersetzt und nicht erobert werden kann. Spätestens als die Mönche von Hethis an der Weser eintrafen sahen sie am alten Mauerwerk die lateinische Inschrift, die sie sich nicht erklären konnten. Aber sie konnten die Inschrift problemlos übersetzen. Was wir nicht wissen ist, wie sie mit dem Text verfuhren. Verwendeten sie ihn für ihre Liturgie und waren sie es die ihn möglicherweise durch einen 2. Teil dem “exaudi Domine populum tuum cum misericordia” ergänzten, oder geschah dies erst in späteren Jahrhunderten. Entdeckte man den Text von Beginn an als Responsorium oder hielt man ihn erst später auch für Kirchengesänge geeignet ? Nach gängiger Lesart bezieht man die Inschrift heute auf ein im Mittelalter entstandenes Responsorium, dass auf die alttestamentarischen Quellen Bezug nimmt. Die da sind der Psalm 79. Vers 2 und Daniel 09. Vers 16. In beiden alten Schriften beschäftigt man sich mit der heiligen Stadt Jerusalem. Allerdings ist in der Bibel die Rede davon ist, dass die Stadt Jerusalem nach Psalm 79 nur noch einem Steinhaufen glich und nach Daniel war großes Unheil über Jerusalem gekommen. Genau genommen betrachtet, war Jerusalem nach der Bibelauslegung also bereits komplett zerstört von den Feinden erobert,der Lächerlichkeit preis gegeben worden und die Überlebenden litten Hunger. Die Inschrift im Westwerk besagt allerdings, dass die "Angeli" die Aufgabe hatten die Mauern zu schützen. So gab es demnach im Gegensatz zur Inschrift in Jerusalem für die “Angeli”auch nichts mehr, was es zu schützen gegeben hätte, denn es war bereits alles zerstört. Wer stellte also den unpassenden Bezug zwischen der Inschriftentafel im Westwerk und den zwei alttestamentarischen Bibelstellen her, wenn dieses nicht stimmig war ? War das in damaliger Zeit nicht von besonderer Bedeutung, nahm man es nicht so genau mit den Inhalten, oder konnte man im alten Testament keinen besseren Bezug finden oder herstellen ? Ungeachtet dessen war für die Bibelforschung die Sache offensichtlich klar. Man hatte ein Responsorium ohne aber genau zu Wissen in welcher Zeit es entstand und man hatte vorzeigbare Bibelstellen. Da ich nun die Hypothese aufstellen möchte, dass die Inschriftentafel bereits im Jahre 8 + noch kurz vor dem Untergang der Varuslegionen ihren Platz im neuen Gebäude fand muss man sich nach den richtigen Bezügen in der Antike umsehen. Varus der aus dem heiligen Land abberufen wurde trat seine Rückfahrt sicherlich mit dem Schiff an und gelangte von Palästina aus zunächst nach Rom. Wo er sich nach der Rückkehr in den etwa 9 oder 10 Jahren von 4 – bis etwa 6 + aufhielt ist nicht bekannt. In Rom nahm er schließlich seine “Versetzungsurkunde” entgegen und trat dann vermutlich schon im Jahre 5 + oder 6 + den beschwerlichen Weg zu Lande nach Germanien an. Von Palästina bis Xanten mit Zwischenstopp in Rom wird er vor 2000 Jahren schon eine gewisse Zeit gebraucht haben und eine Erholung sein ihm gegönnt gewesen. Nach einer langen Zeit der Abwesenheit erreichte er noch vor der Zeitenwende vermutlich im Jahre 3 - Rom, dass sich unter der Führung von Kaiser Augustus in einem goldenen Zeitalter wähnte. Die pompöse Säkularfeier im Jahre 17 – lag noch nicht weit zurück, als man das Ende eines alten und den Beginn eines neues Zeitalters feierlich beging. Kaiser Augustus wollte damit seine Machtposition stärken und man kann darin den Anfang des augusteischen Zeitalter sehen. Als Varus nach Rom zurück kehrte könnte es noch im Rausch gelegen haben und das Imperium war um diese Zeit auf dem Höhepunkt seiner Macht. Größe und Herrschaft Roms sollten nun alle Völker zu spüren bekommen. In dieser Zeit genauer gesagt im Jahre 8 – drang Tiberius bis zur Elbe vor und Kaiser Augustus wurde im Jahr 2 - der Ehrentitel Pater Patriae also Vater des Vaterlandes verliehen. Varus könnte also zeitlich betrachtet einer seiner Gäste anlässlich dieser Feierstunde gewesen sein und erlebte in diesen Tagen eine Stadt im Ausnahmezustand. Die Säkularfeier des Jahres 17 - die “ludi saeculares” war das große Sühnefest um seinem Volk den Anbruch goldener und sicherer Zeiten anzukündigen. Er bediente sich dabei einer älteren traditionellen Feier die den Namen “ludi tarentini” trug. Diese Feier nahm ihren Ausgang als es in Rom zu Zeiten des ersten Punischen Krieges der von 264 – bis 241 - andauerte viele unheilvolle Zeichen gab, die das Volk unter dem Stichwort “Hannibal ante Portas” sehr beunruhigten. Es schlugen Blitze sogar in die Stadtmauer zwischen der Porta Collini und Esquillina ein und man blickte mit großer Sorge in die Zukunft. Und bezogen auf die “ludi tarentini” ist hier unmissverständlich von einer römischen Stadtmauer der muros die Rede, während man diesen eindeutigen Bezug auf die bereits zerstörte Stadt Jerusalem vermisst. Also befragte man damals wie in Krisensituationen üblich die Orakel der sybellinischen Bücher der Prophetin Sibylline, was denn gegen die punische Gefahr zu tun sei. Die Antwort lautete, man solle drei Nächte lang Spiele veranstalten und vorgeschriebene Opfertiere schlachten. Obwohl aber für die “ludi tarentini” ein zeitlicher Abstand von 100 Jahren vorgesehen war und sie im Jahre 49 - bzw. 46 - fällig gewesen wären, änderte Kaiser August diesen Rhythmus. Denn der von ihm zelebrierte Beginn einer neuen Zeit besaß für Augustus so viel symbolische Bedeutung, dass er dieses lange zurück liegende Ereignis nutzte und dafür sogar die alte Ordnung störte bzw. außer Kraft setzte, indem er die “ludi tarentini” Feierlichkeiten für das Jahre 17 – anordnete. Die “ludi tarentini” schienen ihm sehr gut geeignet gewesen zu sein, um im Staate ein wichtiges Zeichen zu setzen und auf diese Weise seinem Volk wieder neue religiöse und sittliche Werte zu vermitteln. Am dritten und damit letzten Festtag trugen die Kinder die von Horaz komponierte gregorianisch anmutende Hymne vor. Man erinnerte sich also in diesen Zeiten des besonderen Dankfestes der “ludi traventini” wodurch damals die Stadt Rom der Eroberung und Zerstörung entging. Zu Ehren der Prophetin folgend und im Angedenken wurde es gefeiert. Und jedem wurde in Erinnerung gerufen, dass die Mauern der Stadt von Blitzen getroffen wurden und man nur hilflos zuschauen konnte, wie sie auf die Stadtmauern Roms hernieder gingen. Rom hatte es überstanden und es durfte gefeiert werden. Dies war die Botschaft die seinerzeit im Auftrag von Kaiser Augustus von Rom aus in alle Welt vermittelt werden sollte, und alle die in den Diensten Roms standen hatten nun die Aufgabe und die Verpflichtung der Aufforderung Folge zu leisten. Diese Botschaft sollte den Völkern wie ein persönliches Vermächtnis erscheinen und man gab ihr daher den Anstrich einer persönlichen Note und nicht den Charakter einer monumentalen Anweisung. Das nämlich die Gesandten des Augustus dafür Sorge trugen, dass nicht nur die Stadtmauern von Rom zu schützen sind, sondern die Mauern aller römischen Städte von Abgesandten des Kaiser bewacht würden. Und im Gegensatz zu Jerusalem, das die Boten nicht schützen konnten und es daher in Schutt und Asche fiel, blieb Rom dank der sybellinischen Weisheit die Zerstörung erspart. Damit hätten wir auch einen plausibleren und passenderen Bezug zur Inschrift am Corveyer Westwerk als einen hinkenden Bibelbezug. Zudem kam dem Schutz von Stadtmauern seit jeher eine große Bedeutung zu, ob man sie nun mit den “ludi tarentini” oder mit anderen Ereignissen in Verbindung bringt.Da man keine festen Städte in Germanien kannte, kannte man anders als in Südeuropa auch keine Stadtmauern. Diese Mauern zu schützen war daher in den antiken urbanen Zivilisationen immer oberstes Gebot bevor sie im Mittelalter auch in Deutschland Einzug hielten. Städtische Festveranstaltungen im antiken Rom handelten daher oft auch von der Bedeutung einer sicheren Stadtmauer. In diesem Zusammenhang sind uns auch die römischen Amburbialien überliefert. Ein Festumzug mit dem Charakter eines Buß- oder Opferganges der in heidnischer Zeit mit brennenden Kerzen um die gesamte Stadtmauer von Rom verlief und an einem Altar zum Stillstand kam, wo ein Opfertier geschlachtet wurde. Dabei soll es wie es über die Kerzen zum Ausdruck kommt bereits zu Antiphonen Gesängen den Vorläufern der Gregorianik gekommen sein. Eine Feierlichkeit die auch im Zusammenhang mit der Befragung der sybellinischen Bücher steht und bei der die rituelle Reinigung im Vordergrund stand. Begleitet wurde der Umzug unter anderem auch von Auguren und Vestalinnen. In christlichen Zeiten wurde auch diese Tradition aufgehoben und zu Ehren der Gottesmutter umgewandelt. Auch hier tut sich eine Spur in die Antike auf, die in der Inschrift am Corveyer Westwerk ihren Ausdruck findet, in der man besonders auf den Schutz der Mauer eingeht. Als nun Varus die Reise nach Norden antrat, könnte er eine römische Inschriftentafel mit einer Botschaft aus dem fernen Rom im Gepäck gehabt haben, in einer Ausarbeitung, Präzision und Schönheit, wie sie die Handwerker an Rhein und Mosel in jenen Jahren noch nicht fertig brachten. Vielleicht stößt man auch noch in Waldgirmes auf eine ähnliche Inschriftentafel. Der Text mag für Varus zweitrangig gewesen sein, aber die majestätische Schönheit, die Würde und Ausstrahlungskraft einer mit vergoldeten Buchstaben versehenen Inschriftentafel, wird ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Varus war das Verbindungsglied zwischen der Zentrale der Macht und dem grauen Germanien und er trug im Auftrag des Kaisers eine Botschaft mit sich deren Bedeutung vor 2000 Jahren noch niemand ahnen konnte. Man kann diese Darstellung ohne große Anstrengung durchaus als Phantasterei abtun, wenn nicht die Wissenschaft durch ihr Verwirrspiel immer wieder neues Wasser auf die Mühlräder der Zweifel gießen würde. Es ist noch nicht lange her, als man sich entschloss 1985 diese historisch wertvolle Inschriftentafel aus dem Westwerk zu entfernen und durch eine Kopie auszutauschen, damit sie nicht im Zuge der Verwitterung weiterer Zerstörung ausgesetzt ist. Als man sich von wissenschaftlicher Seite diese Inschriftentafel bei dieser Gelegenheit mal genauer ansah, drängte sich wohl, auch bedingt durch die Ähnlichkeit zur antiken “Capitalis quadrata” dann doch irgendwann mal der eigentlich naheliegende Vergleich mit antiken römischen Inschriften auf, die mit Goldbuchstaben ausgefüllt waren. Und dieser Verdacht ließ dann die fatale Vermutung aufkommen, es könnten sich doch tatsächlich in den Vertiefungen der Inschrift mal Metallbuchstaben befunden haben. Was übrigens immer schon als hoch wahrscheinlich galt, aber in den Augen der Wissenschaftler von 1985 anfänglich nicht so sicher schien. Man ging dieser Spur nach und stellte dann tatsächlich anhand von Ausgrabungen fest, dass noch Reste von zwei Buchstaben existierten. Außerdem sind von den ehemals 193 Verstiftungen immerhin noch 31 Stück erhalten geblieben, die ebenfalls gefunden wurden und das ehemalige Vorhandensein von metallenen Buchstaben in der Inschriftentafel damit bestätigen. Wobei es natürlich erstaunlich ist, dass man nach so langer Zeit noch 31 Verstiftungen im Geröll sicher stellen konnte, denn diese besaßen letztlich einen gewissen Eigenwert und hätten Begehrlichkeiten auslösen müssen. Die Metallbuchstaben wurden wie sich heraus stellte aus vergoldetem Kupferblech hergestellt. Im Zuge der Ausgrabungen und der Sicherstellung der originalen Inschriftentafel kam es jedoch dazu, dass von den 31 Befestigungsstiften 10 Stifte illegal entwendet wurden. Hobbyforscher sahen sich offensichtlich genötigt diese zu stehlen um damit eine nicht autorisierte Altersbestimmung durchzuführen. Dabei wurden von den zehn entwendeten Stiften neun Exemplare beschädigt, aber der zehnte gestohlene Stift konnte einer Altersbestimmung zugeführt werden. Es konnte jedoch wie es heißt, anhand dieses illegal entwendeten zehnten Stiftes keine Altersbestimmung erfolgen. Ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren wurde später leider wegen angeblichen Mangels an öffentlichem Interesse eingestellt. Dieser Vorfall wirft viele Fragen auf. Aus historischer Sicht betrachtet zuerst natürlich die Frage, warum sich Personen dieser Metallstifte illegal bemächtigten, um sie einer Altersbestimmung zuzuführen wohl wissend, dass sie sich damit möglicherweise eines Vergehens schuldig machen. Im Zuge der Schutzmaßnahme um die Inschriftentafel für die Nachwelt zu sichern und durch eine Kopie zu ersetzen ist es doch bekanntermaßen wissenschaftlicher Standard derartige Gelegenheiten zu nutzen, um den Kenntnisstand dieses einmaligen Reliktes ältester deutscher Vergangenheit auf Herz und Nieren zu untersuchen. Es bedurfte also demzufolge gar keiner illegalen Maßnahme, denn die Experten vom zuständigen Denkmalamt waren schließlich vor Ort und hatten sicherlich die gleiche Absicht. Da die Buchstaben aus vergoldetem Kupferblech hergestellt wurden und die Stifte möglicherweise ebenfalls, stand und steht noch für eine archäometallurgische Analyse genügend Fundmateral zur Verfügung um von fachkompetenter Seite die nötige Altersbestimmung durchzuführen. Denn bei drei unterschiedlichen Metallarten dürfte heutzutage die Möglichkeit bestehen eine entsprechende Herkunftsanalyse der Objekte oder mehr im Zuge der Isotopen - und der Spurenelementanalyse durchzuführen, wenn dies noch nicht geschehen sein sollte. Es wäre daher sehr interessant das Ergebnis zu erfahren. Aber im weiteren Verlauf interessiert jetzt mehr die Begrifflichkeit der Civitas. Wie die beiden Übersetzungsmöglichkeiten der Corveyer Inschrift zeigen, lag den alten Verfassern des Textes viel daran darauf hinzuweisen, dass die Civitas, nennen wir sie hier der Verständlichkeit wegen beim aktuellen Namen Corvey, mit starken Mauern umgeben, also äußerst wehrhaft war. Das die einen darin mehr die Wehrhaftigkeit des Glaubens und die anderen mehr die Wehrhaftigkeit im profanen Sinne zu sehen glauben ist eine Frage des Standpunktes. Aber es spricht doch stärker ein massiver, verteidigender Charakter aus dem Wort Mauer als ein symbolisch moralischer Wert. Diese Civitas konnte sich also auch gut zur Wehr setzen. Die ursprüngliche lateinische Bedeutung des Wortes Civitas bezeichnet das Verwaltungs- oder das Bürgerrecht innerhalb einer durch Mauern geschützten städtischen Kernzelle. Folglich einer Innenstadt jedoch keiner ehemaligen Reichsabtei. In dieser Urform der Bedeutung passen die Begriffe ummauert und Civitas plausibel zusammen, so wie es auch die Inschrift ausdrückt. Zu einer Civitas wurde aber in der Römerzeit auch schon der ummauerte Vorort der die innere Civitas umschloss mit gerechnet. Also der Teil der Stadt, auf denen sich auf den Straßen und in den Wohnhäusern das öffentliche Alltagsleben der Bewohner abspielte. Beides umfasst der Begriff Civitas. Heute würde man vielleicht die Civitas die City, also den Stadtkern mit wichtigen Gebäuden wie Rathaus oder Banken nennen. Aber im Wort City steckt ja bereits der Name Civitas. Um diese Kern Civitas gruppierten sich dann Vorstadt artig die einzelnen Quartiere. Und soweit davon entfernt waren die altgermanischen Handelsplätze u.a. an den Flussufern von Elbe und Weser eigentlich auch nicht mehr. Ihnen fehlten zwar die pompösen Bauwerke aber Handwerk und Wohnen wird sich auch schon in der damaligen Zeit zentralisiert haben. Ptolemäus überlieferte für einige von ihnen bereits feste Ortsbezeichnungen. Stießen die römischen Eroberer ins unbekanntere Landesinnere vor, so hielten sie zuallererst Ausschau nach den jeweiligen Machtzentren der einheimischen Führungsschicht um diese taktischen Nervenzellen eines Volkes zuerst unter ihre Kontrolle zu bringen. Hatten sie diese Hauptorte des einheimischen Adels einmal identifiziert, so konzentrierten sie deren Strukturen und dies auch teils mit Gewalt, in den jeweiligen Regionen auf die von ihnen festgelegten Civitates genannten Siedlungsschwerpunkte. So, wie sie es bereits in Gallien und Süddeutschland praktizierten. Eine Civitas wie es auf der Corveyer Inschrift steht, könnte also auf einen derartigen zentralen Hauptort hinweisen bzw. ihn ausgeschildert haben. Für die römischen Besatzer war es allerdings von Nachteil, dass sie aufgrund dieser Eroberungsstrategie auch immer nur ihre Macht in diesen begrenzten Bereichen ausüben konnten. So kontrollierten sie auch immer nur einzelne Siedlungsgebiete und keine größeren zusammen hängenden Landesteile der unterworfenen Völker und nicht durchgängig das ganze Land. Cassius Dio beschrieb dieses Dilemma passend mit den Worten „Die Römer besaßen zwar einige Teile dieses Landes, doch kein zusammenhängendes Gebiet, sondern wie sie es gerade zufällig erobert hatten”. Civitates waren innerhalb des Imperiums teil autonome Verwaltungseinheiten, lagen an wichtigen Durchgangsstraßen und zeichneten sich dadurch aus, dass sie von Verwaltungsgebäuden geprägt waren, die die Römer im Zuge der Kolonisierung errichteten und damit einhergehend eine zeitgemäße Infrastruktur herstellten. Dazu gehörten in der römischen Welt unter anderem Tempel, Theater und dergleichen. Lagen Civitates in Grenzregionen befanden sich in der Nähe auch militärische Stützpunkte wie Kavallerieeinheiten. Civitas Hauptorte waren auch Kolonien, wobei sich diese Begriffe nicht klar unterscheiden lassen. Im Zuge ihrer Eroberungszüge in Gallien trafen die Römer auf unabhängige Völkerschaften die sich politisch voneinander abtrennten, jene Civitates. Aus praktischen Erwägungen heraus knüpften die Römer an diese schon vorhandenen nationalen Grenzen an. So gründeten sie nach ihren Vorstellungen in den bedeutendsten Orten eine Kolonie, überließen aber auch vorhandene nicht mehr erforderliche Stätten der Einheimischen dem Verfall in dem sie die Bewohner in ihre Zentralorte überführten. So konzentrierten sie auch auf Autun das römische Augustodunum, die keltische Widerstandsregion von Bibracte. In römischer Zeit war die Bezeichnung Civitas sowohl für ein Stadtgebiet als auch eine Stadt in Gebrauch. In den neuen Hauptorten siedelten die Römer den einheimischen Adel an den sie so leichter dominieren konnten und machten daraus ihren Beamtensitz. Gegen Ende des 4. Jhd war Gallien komplett zerfallen und verteilte sich nun auf 115 Städte in 17 Provinzen. Die Civitas bildeten in Gallien kein eigenes Gemeinwesen und waren nur der Zentralpunkt eines größeren Gemeinwesens. Das gebräuchliche Wort für eine große römische Stadt lautete Urbs. Auch Rom war eine Urbs. Kleinere Orten nannten sich Municipia oder Oppida. Meistens war die Urbs auch der Vorort der Civitas. Eine bereits ummauerte Ortschaft, also keine Stadt gleich ob sie der Vorort einer Civitas war oder nicht nannte sich Oppidum. Das Wort Castrum hatte immer militärische Bedeutung und Dörfer nannten sich Vici. Aber auch Dörfer hatten wie Städte ihren Bezirk, und bildeten damit einen Teil einer Civitas mit eigener Verfassung. Der Name des Dorfgebietes nannte sich Pagus, manchmal hieß auch das ganze Dorf Pagus. Die alten römischen Civitates blieben auch in den fränkischen Zeiten wirtschaftliche Zentren. Im 5.Jhd. ersetzte und raubte die fränkische Gauverfassung mit dem Gaugrafen viele bis dahin bestehende römische Freiheiten. Ungeachtet dessen, hat die Civitas trotzdem Einfluss auf die fränkische Grafschaftsverfassung genommen. Und so verschieden auch Gau und Civitas waren, so hielt man sich doch fasst genau an die alte Landesgliederung. In Gallien fiel der Gau mit der Civitas räumlich zusammen und trug dann auch selbst den Namen Civitas. Bei den deutschen Lateinschreibern haben sich die römischen Civitas Ortsbezeichnungen noch erhalten. Danach machte die Civitas jedoch eine Wandlung durch. So lag in der Karolingerzeit der Schwerpunkt des Reiches noch in den alten Römergebieten also den Civitas Städten links des Rheins, während sich rechts des Rheins die Burgstädte entwickelten. In der Regel ist eine Urbs der Vorort einer Civitas und an die Civitas knüpfte in den römischen Landesteilen die Gaulandschaft an, so dass in Gallien der Gau mit der Civitas räumlich zusammen fiel und dann auch selbst den Namen Civitas führte. Aber diese Civitas war nicht mehr die altrömische Civitas. Mit Einführung des Christentums wurde die Stadt zur bischöflichen Residenz und das Stadtgebiet die Civitas wurde zur bischöflichen Diözese. Damit gab die katholische Kirche der Civitas einen neuen Gehalt und die Diözeseneinteilung wurde zur Grundlage der Gaueinteilung. Die Civitas wurde damit im ausgehenden Imperium zur Bischofsstadt. Auf dem Konzil 451 wurde entschieden, dass bei der Neueinrichtung einer Civitas die kirchliche der staatlichen Ordnung folgen sollte. Wird ein Castrum zur Civitas, bekommt die Dorfkirche einen Bischof. Denn es galt immer der Leitbegriff keine Civitas ohne Bischof. Die ehemalige Reichsabtei Corvey war wie wir wissen, allerdings nie eine Bischofsstadt. Wiederum wurden auch fränkische Diözesen die nie eine Civitas waren später zum Gau. Wo nahm nun die fränkische Gaueinteilung ihren Ausgang, von der politischen Civitas oder von der kirchlichen Diözese. Dazu schreibt Siegfried Rietschel, dass die alte Civitas verloren ging, wo sie nicht mit der Diözese zusammen fiel. Civitas wurde dann der Name der Diözese, gleich welchen Ursprung sie hatte. Civitas und Bischofssitz fielen auch in merowingischer Zeit regelmäßig zusammen. Hinzu kamen noch die Civitates in den früheren Kastellen. So wurden die römisch - keltisch - politischen Civitates zu merowingisch - kirchlichen Diözesen. An die kirchliche und nicht an die römisch - keltische Civitas lehnte sich die Gaueinteilung an. Gregor von Tours macht noch den Unterschied zwischen Vicus gleich Dorf und Villa gleich Domäne. In der Karolingerzeit bekamen Villa und Vicus die gleiche Bedeutung. In einer Urkunde Ludwig des Frommen wird zum Beispiel für Würzburg die Schenkung von 28 Kirchen in unterschiedlichen als Villae bezeichneten Ortschaften an den Heiligen Kilian genannt. In der Karolingerzeit werden Büraburg, Duisburg und Koblenz jedoch verwirrend mit dem untergeordneten Namen Oppida bezeichnet. Ein Bischof ohne eine Civitas war im Merowingerreich undenkbar. In der Merowingerzeit war Civitas grundsätzlich der Name für eine bischöfliche Diözese als auch eine Bischofsstadt sowie der große Gau mit seinem Gauhauptort. Rietschel zieht bei seiner Betrachtung die Sprachgrenze und befasst sich daher nicht mehr Toul und Verdun aber mit dem damals deutschsprachigen Metz und stellte klar fest, dass sich nur befestigte also ummauerte Bischofssitze auch Civitas nannten, unbefestigte Städte nicht. Mit dieser Feststellung untermauert Siegfried Rietschel gewissermaßen die inhaltliche Aussage der Corveyer Inschrift. In diesem Sinne formuliere ich den Text der Inschrift etwas um, denn man könnte auch sagen “Diese Civitates schütze du Kaiser Augustus und deine Abgesandten mögen ihre Mauern bewachen.” Siegfried Rietschel bedauerte auch, dass über einen langen Zeitraum die Forschungen zu Stadtgründungen in der karolingischen Zeit leider ein Stiefkind waren. Die Grundbevölkerung in den Ländern am Rhein und auch noch nördlich davon war die gleiche wie in Gallien mit einer nach Norden veränderten Vermischung und stärkerem germanischen Anteil. Die römische Municipalverfassung lehnte sich an die bestehenden Völkerverbände an. Ob diese keltisch oder germanisch war machte da wenig aus. An der Mosel lehnte sich die Civitas an die Völker der Treverer und Mediomatriker an. So verloren die Vororte ihre alten einheimischen Namen wie zbs. Divodurum/Metz. Im deutschsprachigen Ostfrankenreich unter den Karolingern waren die alten römischen Bezeichnungen von Anfang an fremdartig. Aber was bedeuteten Urbs und Civitas in der Karolingerzeit. Also in jener Zeit in der Ludwig dem Frommen und Ludwig dem Deutschen die Reichsabtei Corvey unterstand. Welche Orte werden nun auf deutschem Boden Civitas genannt. Aber Achtung, denn nicht jeder Civitas genannte Ort lässt sich auf eine Ebene mit den regelmäßig überlieferten Civitas Orten stellen. Sächsische Quellen übersetzen zum Beispiel fälschlicherweise immer Civitas mit Burg und es waren nur sehr wenige Städte die immer schon den Namen Civitas trugen. Siegfried Rietschel machte bei seiner Auswertung den wichtigen Unterschied zwischen Privaturkunden und Königsurkungen, da die Bedeutung der letzteren Urkunden aussagekräftiger war. Seine Erkenntnisse aus den Privaturkunden habe ich in diesen Text daher auch nicht übernommen. So war Konstanz immer schon eine Civitas und Ludwig der Fromme nennt Strassburg und Worms entweder Civitas oder Urbs, so wie auch Speyer. Nur Augsburg wurde immer nur Civitas genannt und Regensburg ist Spitzenreiter in den Königsurkunden und wird durchgängig Civitas bzw. Urbs genannt. Aduatuca verlor an Bedeutung und wurde durch Civitas Tungrorum ersetzt. Speyer wird in den Königsurkunden 7 x Civitas genannt. Mainz wird in den Karolingerurkunden 6 x Civitas genannt. Köln wird aber nur ein Mal in einer Königsurkunde von Lothar II 866 Civitas genannt und verlor seinen Namen Civitas Agripinnensis erst im Mittelalter. Wie bedeutsam sollte da ein Corvey werden, wenn sogar Köln nur mäßige Erwähnung findet. Trier heißt regelmäßig Civitas. Corvey als Civitas Auguensis erscheint natürlich erwartungesgemäß an keiner Stelle. Das Ende der "Civitas Auguensis (Corvey)" fiel in die Zeit, als Kaiser Tiberius nach den Germanicus Feldzüge anordnete sich auf die Rheingrenze zurück zu besinnen. Und zwangsläufig konnten alle im Betrachtungsraum von Rietschel untersuchten 13 Städte, die ausschließlich und durchgängig immer Urbs oder Civitas genannt werden auch auf Gründungen in der Römerzeit zurück geführt werden. Die "Civitas Auguensis (Corvey)" wie ich sie mal nennen möchte, sollte meines Erachtens und vielleicht in Reihenfolge mit der Römerstadt Waldgirmes, die nach Ansicht der Historiker auch als Civitas geplant war und die das gleiche Schicksal traf die 14. bzw. 15. Römerstadt in der Germania Magna werden. Da der Bau von Waldgirmes bereits dendrochronologisch für das Jahr 4 – angegeben wird, käme diese Gründung einer Civitas Corvey gegenüber sogar noch um 11 Jahre zuvor, wenn man den Baubeginn in Corvey für das Jahr 7 + annimmt. Rietschel geht mit großer Wahrscheinlichkeit auch davon aus, dass diese 13 Städte auch in der ausgehenden Römerzeit bereits Bischofssitze waren. Da sich die ehemalige Reichsabtei Corvey die keinen Bischofsstuhl besaß durch die Hinweistafel Civitatem ebenfalls als Civitas ausweist, kann demnach nur bedeuten, dass hier eine römische Civitas in der Entstehung begriffen war und vielleicht für damalige Verhältnisse sogar schon existierte und daher den Namen auch zu Recht tragen durfte. Corvey wäre bei durchgängig geschichtlicher Entwicklung ohne Brüche also später auch automatisch der Sitz eines Bischofs zugefallen. Da die römischen Eroberungen jedoch zum Stillstand kamen, wurden auch die dortigen Civitas Aktivitäten eingestellt und verharrten auf dem Stand des Jahres 9 +. Das nahe gelegene Bistum Paderborn wurde 799 von Papst Leo III gegründet und war nie eine Civitas. Und nicht nur Bischof Badurad von Paderborn, ebenso auch die Bischöfe der in der gleichen Epoche gegründeten deutschen Bischofssitze hätten eine vom Himmel gefallene “Civitas” Reichsabtei Corvey ohne jeglichen Bezug zu den traditionellen Civitas Städten nicht geduldet. Sie hätten es sicherlich verstanden den Äbten von Corvey gehörig die Leviten zu lesen, wenn diese sich im Zuge der Einweihungszeremonien während der Karolingerzeit grundlos mit der ehrwürdigen Bezeichnung Civitas hätten schmücken wollen. Die Ausnahme konnte also nur darin bestanden haben, dass die Inschriftentafel bereits vor der Einweihung der Abtei ins Mauerwerk der Portalfassade eingelassen war und man sie daher als zur schon bestehenden Bausubstanz gehörig, zur Kenntnis nahm. In Paderborn waren 799 die alten Baureste am Weserufer bekannt. Auf den Zusammenbruch des römisches Reiches folgte nach der Märtyrerzeit die schwierige Phase der Neuorientierung, was sich aber mit der Taufe Chlodwigs um 500 änderte. Von da an lebten die vorhergehenden Bischofssitze wieder auf. Und 12 von den 13 Civitates Orten waren in der Merowingerzeit schon am Anfang des 7. Jhd. wieder oder immer noch Bischofssitze und es waren auch gleichzeitig die bis dato einzigen Bischofssitze auf deutschsprachigem Gebiet. Und genau diese 12 Bischofssitze der Merowingerzeit waren auch, wen wundert es später die 12 Bischofssitze in der Karolingerzeit. Man möchte fasst sagen mehr Kontinuität über die Jahrhunderte ist kaum möglich. Der Sprachgebrauch der Merowingerzeit wonach jede Bischofsstadt auch Civitas genannt wurde, hielt man in der Karolingerzeit des 8. und 9. Jhd. für alle Städte bei, die schon vorher Civitas waren oder vorher Bischofssitze waren. Corvey bildete da offensichtlich ein Unikum, denn es durfte und darf sich sogar bis heute immer noch Kraft Inschrift Civitas nennen, ohne jemals einen Bischof in ihren Mauern gehabt zu haben und nur dank der Tatsache das Varus diesen Ort einmal zum Hauptort auserwählt hatte, und aus ihm eine Civitas machen wollte. In der Karolingerzeit findet sich in Satzungen und Sammlungen auch noch der stehende Ausdruck Episcopus Civitatis. Die Quellen sind dafür aber immer in den westlichen Reichsgebieten zu suchen oder entstanden, in denen es keine Neugründungen von Bischofssitzen gab. In den östlichen Gebieten konnte Rietschel nur eine Neugründung finden, nämlich die Episcopus Civitatis Illius, das Bistum Utrecht. Es wurde 799 dem Erzbistum Köln unterstellt. Erst unter Bonifacius vollzogen sich 739 bischöfliche Neugründungen in Salzburg, Regensburg, Passau und Freising. Spätere Bistumsgründungen fielen dann auch in die östlichen Gebiete, die wie Siegfried Rietschel schreibt, “nie von Römern besetzt waren und wo es keine römischen Städte oder Kastelle gab”. Könnte man ihn heute noch zur Civitas Corvey befragen, seine Antwort wäre natürlich die eines Historikers. In Unwissenheit über die späteren Erkenntnisse schreibt Rietschel 1893 daher auch und aus heutiger Sicht sehr vielsagend, “So werden dieselben besser hier nicht besprochen”. Gegenüber Gallien lässt sich in deutschen Gebieten eine Bezeichnung der Diözese als Civitas oder Urbs an keiner Stelle mit Sicherheit nachweisen. Und so blieb die Civitas Corvey eine einsame Civitas ohne eine sie umgebende Diözese für alle Ewigkeiten. Die Diözese heißt aber in Deutschland regelmäßig Diöcesis, Parochia etc. Sie hieß aber wie Rietschel feststellte nie Civitas oder Urbs und ebenso wenig wird auch in Deutschland ein Gau nie Civitas genannt. Dadurch kam die Gaulandschaft um Corvey vermutlich zu der Bezeichnung Auguensischer Gau bzw. Pagus Auguensis anstelle einer nie realisierten Civitas. Womit auch die umliegenden späteren nicht Civitas Bischofsstädte leben konnten. Eine Diözese die im Mittelpunkt eine Civitas hatte, wurde im ostfränkischen Reich auch nicht mehr Civitas genannt. So kommt für den Gau der nicht mehr in Verbindung mit der Civitas steht der Ausdruck Civitas auch nicht mehr vor. Die territoriale Bedeutung der Worte Civitas und Urbs ist auf deutschem Gebiet verloren gegangen. Im ostfränkischen Reich wird für das im Umkreis einer Stadt liegende Gebiet der Begriff marca verwendet. Wie wir es auch von der marca Huxori kennen, die teilweise mit dem Pagus Auguensis deckungsgleich scheint. Marca wird nach Rietschel aber nicht ausschließlich für Civitas gebraucht auch Kastelle und Dörfer haben ihre marca. Die marca ist ein fest bestimmter geschlossener Bereich, dass der städtischen Markgenossenschaft gehörige Gebiet. Überliefert sind nur wenige marca wie die Wormser und die Mainzer marca sowie die marca Bingiorum und Megunzer Marca. Ähnlich zur marca existiert der Begriff suburbium, der aber meistens in Verbindung mit Klöstern genutzt wird. Die Civitas war in römischer Zeit immer ummauert, wie wir es auch auf der Inschrift lesen und auf römischen Mauern bauten sich die mittelalterliche Mauern auf. Rietschel stellte schon 1893 fest, “auch wenn die Germanen viele Verheerungen angerichtet haben, römische Mauerreste und Fundamente blieben bestehen und wurden wieder genutzt”. Und das nicht nur in Corvey, denn auch schon Chilperich tat dies im 6. Jhd. und König Dagobert soll Mainz wieder aufgebaut haben. Die großen Klöster lagen aber außerhalb der Städte, doch trotzdem noch innerhalb des Stadtgebietes. Der alte Gegensatz zwischen Bischofsstadt und Kloster also zwischen Urbs und Monasteria, der sich oft in den Quellen der Merowingerzeit findet, bewirkte, dass Klöster fasst immer außerhalb der Stadtmauern errichtet wurden. Klosterstifter wollten immer unabhängig vom Bischof sein, und hätten sich daher und schon gar nicht unberechtigterweise den Namen Civitas zugelegt, der aus alter römischer Tradition für Bischofssitze reserviert war. Der Reichsabtei Corvey hätte daher nur die Bezeichnung Monasteria zugestanden. Siegfried Rietschel hat uns damit schon vor 124 Jahren mit seiner Ausarbeitung geholfen in Corvey eine römische Exclave mitten in Germanien zu erkennen. Infolgedessen neige ich zu der Annahme, dass Varus auch aus der Großregion um Corvey seinen Zug an den Rhein antrat und sich in Corvey eine Civitas ausbreiten sollte. Der Rückmarsch zum Rhein begann jedoch meines Erachtens nicht an der Civitas Corvey sondern am militärisch abgeschirmten Legionslager der römischen Kolonie an der Weser. Aber nun wieder zurück in die Unwirtlichkeit Germaniens, wo selbst die Tiere in der kalten Jahreszeit ihren Beitrag dazu leisten mussten um mithilfe ihrer Abwärme die kargen Hütten aufzuwärmen. Und wie Tacitus es beschrieb hielt es daher auch kein Römer lange im Winter im Hinterland aus. Wenn in Germanien die kältere Jahreszeit heran rückte, stellten sich nicht nur die Prozesse im Wachstumszyklus der Pflanzen - und Tierwelt um. Die Bewohner richteten sich ebenfalls darauf ein, schützten ihre Hütten, sicherten sie ab und legten für sich und ihre Nutztiere die nötigen Nahrungsvorräte an. Unter den zahlreichen römischen Zivilpersonen in den Landgütern, Schürfstellen, Minen, Köhlerstätten, den ausgelagerten Handwerksbetrieben und Getreidemühlen im Großraum an der Mittelweser herrschte im Herbst rege Aufbruchstimmung. Das römische Militär in den großen und kleinen Sternlagern, die Straßenposten, Wachturmbesatzungen und Brückenwächter wurden zum Ausmarschlager an der Weser zurück beordert und die Besatzungen der nördlicher liegenden Quartiere im Raum Hameln und Detmold bekamen aus praktischen Erwägungen heraus alle den Befehl sich zum vereinbarten Zeitpunkt auf den Marsch zu begeben um auf direkten Wegen den Haupthafen an der Lippe anzusteuern, wo die Schiffe schon bereit lagen. Es war allgemein bekannt, dass um diese Zeit die alljährliche Räumung der Weserlager ansteht und man sich auf den Zug ins Winterlager vorbereitete. Von da an waren die ortsansässigen germanischen Hilfstruppen der Cherusker gemäß den Vertragsbedingungen gemeinsam mit den Bewohnern der umliegenden Dörfer bis ins nächste Frühjahr für den Schutz und vielleicht auch teilweise für den Erhalt der baulichen Substanz römischer Hinterlassenschaften zuständig. Im spätherbstlichen und winterlichen Germanien war man es nicht gewohnt in Kriege oder Schlachten ziehen zu müssen und auch die benachbarten Germanenstämme dürften es in diesen Monaten mit Ausnahme großer Hungersnöte nicht darauf abgesehen haben, andere Stämme anzugreifen. Rom konnte den Abzug ins Winterlager also angehen, denn im zeitigen Frühjahr war man ja wieder zur Stelle. Die römischen Marsch - und Legionslager ihre Befestigungsanlagen samt Infrastruktur von Brücken und Stegen sowie viele andere Einrichtungen gingen damit in die Verantwortung der einheimischen Bevölkerung über. Man wähnte sie in sicheren Händen, da man sich unter der Cheruskern wie bei treuen Bündnispartner fühlte. Ob man dies allerdings auf germanischer Seite genauso sah, wissen wir inzwischen besser. Eine unterjochte Bevölkerung die allerdings mehr oder weniger unter jeder sommerlichen Fremdbestimmung zu leiden hatte, betrachtet alles aus einem anderen Blickwinkel. Jetzt wo es wieder kalt und lebensfeindlicher werden würde, mussten sie also wieder selbst sehen, wie sie sich durch den stürmischen und regnerischen Herbst und den harten Winter mit Eis und Schnee zu schlagen hatten. Kein Legionär und keine helfende Hand würde zur Stelle sein, um ihnen ihre Hütten nach nächtlichen Schneestürmen wieder abzudichten oder durch Funkenflug abgebrannte Dächer wieder aufzubauen. Man sah im Geiste von den Hüttentüren und Gebirgskämmen schon den Winterflüchtlingen nach wie sie samt Tross und Anhang im Morgennebel abziehen würden, um sich auf den Weg zum Rhein aufzumachen. Dann breitete sich wieder die seltsame Stille unter den zurück Gebliebenen aus und die gerade noch allgegenwärtige Betriebsamkeit wich und kam nach und nach zur Ruhe. Wie viel Vorräte hatte man anlegen können, besser gesagt, was hatte man ihnen gelassen, wurden jetzt zu Fragen ihrer Existenz. Aber die gefräßigen römischen Horden waren sie jetzt erst einmal einige Monate los. Vielleicht malte man sich schon aus, wen man sich aus ihrer eigenen germanischen Umgebung zuerst vorknöpfen würde, weil er oder sie es vielleicht etwas mit der Freundlichkeit gegenüber den Besatzern übertrieben und sich so den einen oder anderen Vorteil versprochen hatten. Bald waren wieder alle unter sich und nur ihren germanischen Göttern und Gesetzen gegenüber verpflichtet, keine römische Gerichtsbarkeit bestimmte über sie und Varus mit seinem Rutenbündel war weit. Vielleicht gab es noch die eine oder andere kurze Winterstippvisite einer Auxiliareinheit oder einer anderen Kohorte, aber das Gros der Besatzer würde jetzt bis auf Weiteres nicht mehr schnellen Rittes ihre Haustiere verängstigen und sie wie Menschen zweiter Klasse behandeln. Drei wichtige Ereignisse fielen bekanntlich im Herbst des Jahres 9 + zusammen. Dies waren der germanische Scheiding also die zweite Äquivalenz der herbstlichen Tag und Nacht Gleiche auch Äquinox bzw. Äquinoktium genannt. Also das Fest der Herbstsonnenwende, dass zwischen dem 21. September und dem 23. September gefeiert wurde. Es wurde von allen Völkern der damaligen Zeit, nicht nur von den Germanen im Einzugsgebiet der Herminonen sondern auch von den Römer gefeiert. Der 72. Geburtstag von Kaiser Augustus aus dem fernen Rom am 23.9.0009 fiel ebenfalls in diese Zeit. Und zu guter letzt kam noch die berauschende Vollmondnacht hinzu. Auf die dritte Septemberdekade konzentrierten sich also sehr bedeutende kultische Feierlichkeiten denen sich keine der beiden Parteien entziehen konnte. Eine optimale Zeit um Emotionen vor allem auf germanischer Seite zu schüren. Durch das nahezu zeitgleiche Zusammentreffen Dreier astronomischer Fügungen wie dem 72. Geburtstag des Kaisers, der Tagundnachtgleiche und einem Vollmond haben sich viele Historiker inspirieren lassen, ein Szenario zu entwerfen um damit den Lagerüberfall begründen zu können. Das diese Überlegungen jedoch auf schwachen Füßen stehen, soll aber einem späteren Kapitel vor behalten sein. Man schrieb den 23.9.0009 und unter den Römern fanden die Zeremonien zu Kaisers Geburtstag statt und man traf sich meiner Einschätzung nach irgendwo dort, wo sich heute die Parkanlagen des Weltkulturerbes ausbreiten mögen. Es mag fiskalische Sonderzulagen und zusätzliche Zuteilungen gegeben haben um die Stimmung zu verbessern. Abordnungen germanischer Fürsten und Bekundungen der Untertänigkeit machten die Runde und gehörten ebenso zum Ritual wie gegenseitige oder besser gesagt einseitige Loyalitätsbekundungen der Germanen gegenüber dem Statthalter, was von Varus besonders gern gesehen wurde. Sie bestärkten ihn in seiner Auffassung und Einschätzung, die er von den nun befriedeten Germanen gewonnen hatte und vor allem wie er sie sehen wollte. Am Abend vor der beschwerlichen Rückreise kam auch noch mal Segestes mit seinem Gefolge ins Gebäude des Statthalters vielleicht sogar ins Atrium des Westwerkes um ihn erneut auf ein nebulöses Gefahrenszenario hinzuweisen, von dem er Kenntnis bekam und vor dem er ihn nun erneut und letztmalig warnen wollte. Varus wird ihn mit einem Seitenblick auf die tausende schwer bewaffneter Legionäre in den Lagern beruhigt und Arminius wohl als seinen besten Mann bezeichnet haben. Bei dieser Gelegenheit machte der römische Ritter Arminius auch den Vorschlag im Notfall zur Unterstützung noch weitere cheruskische Reiter zusammen ziehen zu können und kündigte nach dem Aufbruch im Verlauf des nächsten Tages an, in die umliegenden Stammesgebiete zu reiten um die besagten Bundesgenossen zu mobilisieren. Diese Idee stieß sofort auf die Zustimmung des Varus und zerstreute seine letzten Zweifel, falls er diese noch gehabt haben sollte. Es herrschte bis auf den Disput bei den aufsässig gewordenen Germanen unweit im Süden, eine vordergründig friedvolle Grundstimmung vor dem Abzug aus der Garnison. (zuletzt am 12.07.2018 um 12:23Uhr bearbeitet.)
... link
... older stories