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Dienstag, 11. Dezember 2018
War Varus mehr Opfer als Täter ?
ulrich leyhe, 21:28h
Gewachsene Denkhindernisse zu überwinden oder sich an historische Grauzonen heran zu wagen bedeutet manchmal auch über Minenfelder wandern zu müssen, die bereits seit Jahrzehnten und manchmal sogar seit Jahrhunderten von verschiedenen Historikern abgesteckt wurden und als nahezu unverrückbar galten. Andererseits gab es auch schon in früheren Zeiten Autodidakten und andere Freunde der römisch germanischen Forschung die nie publizierten und so konnte man auch nie erfahren wie weit sie sich schon gedanklich der Wahrheit genähert hatten, ob sie bereits über stichhaltige Fakten verfügten, also über die Hinweisschwelle hinaus waren oder gar schon die Beweiszone betreten hatten. Abhanden gekommenes Wissen aufzuspüren oder zurück zu holen, wenn es mit ihren geistigen Vätern im Lebenszyklus einmal verloren ging, sind seltene Glücksmomente der Forschungsgeschichte. Früher war es zudem auch nicht so leicht seine Meinungen, seine Ansichten und Visionen mithilfe von Druckerzeugnissen zu verbreiten, wie es heute in der Welt der Medien und Netzwerke einfach gemacht wird. Wir stecken inmitten einer Meinungsinflation, leiden aber unter der Tatsache, dass man heute überall hin gelangen kann, sich nur das Ankommen nicht mehr lohnt. Was aber wie ein wundersamer Segen klingt, kann sich schnell in Fluch verwandeln, wenn innerhalb historischer Veröffentlichungen auf Worte wie wahrscheinlich, möglicherweise, vermutlich, vielleicht, denkbar, oder angenommen verzichtet wird. Dann ist es der Sache abträglich, denn Unterscheidung zwischen Wissen und Annahme sollte immer möglich sein. Auch die Frage aufzuwerfen, ob Varus mehr ein Opfer als ein Täter war gehört zu jenem Komplex in dem man vermutlich noch nie eine Notwendigkeit erkannte darin tiefer recherchieren zu müssen. Auf den ersten Blick erscheint es auch nicht ergiebig zu sein die Schuldfrage auch mal in andere Richtungen zu stellen, als in die des bereits designierten und scheinbar ewigen Platzhalters Varus. Aber es gehört zur Vollkommenheit einer Betrachtung und so darf man auch andere Möglichkeiten der Ursachenforschung nicht vernachlässigen. Übertrieben ausgedrückt würde die provokante Frage lauten, die ich mir selbst gestellt habe. Was, wenn Varus nur benutzt wurde um ihn als ein williges Instrument höherer imperialer Interessen zu missbrauchen gar zu opfern, oder zumindest um ihn mit offenem Ausgang in eine schwierige und außenpolitisch heikle Position zu manövrieren um ihn sich darin bewähren zu lassen. Wohl wissend, dass er es schwer haben würde, oder war sein mögliches Versagen gar schon von klugen Köpfen einkalkuliert. Zweifellos Gedanken die weit hergeholt scheinen, aber warum nicht auch mal abschweifen. Ein Sieg hat bekanntlich viele Väter, die man aber bei einer Niederlage vergeblich sucht. In unserem Fall reichte eine Person völlig aus. Und noch dazu eine, die sich später nicht mehr verteidigen konnte. Um „post mortem“ als „Advocatus Defensionis“ für Varus einzuspringen würde ich zuerst einmal Fragen, wer ihm denn den Auftrag gab im Frühjahr 9 + nach Ostwestfalen zu ziehen, denn eine derartige Entscheidung konnte damals auch ein Varus nicht allein treffen, folglich musste der Kaiser dazu seine persönliche Anweisung oder Zustimmung gegeben haben. Und wer ihn beauftragte der trug schon eine gewisse Mitverantwortung für sein tun. Der zweite Gedankenansatz setzt bei der Truppenstärke an, die man ihm mit gab bzw. über die er verfügen durfte, damit er seine Aufgabe lösen konnte bzw. Männer die man ihm unterstellte oder er sich suchte, damit er in Ostwestfalen römisches Recht einführen und die römische Ostgrenze markieren konnte. Und erst dann könnte man sich seiner persönlichen Schuldfrage widmen, ließ er eine Mitsprache an seinen Entscheidungen zu et cetera. Sicherlich besaß er hinsichtlich Zusammenstellung und Anzahl der Legionen nicht die freie Auswahl, hatte sich am personell Möglichen zu orientieren und sich nach der Vorgabe "eines" Dienstherren zu richten. Varus war in Germanien allerdings „Legatus Augusti pro praetore“ und dadurch mit weit reichenden Vollmachten und Befugnissen ausgestatteter. Er war offensichtlich alles was man damals unterhalb der Kaiserwürde so alles werden konnte. Wer wollte es da alles noch voneinander unterscheiden. War er nun Senator, Konsul, Legat, Statthalter, Befehlshaber und Vertreter des römischen Kaisers oder alles gleichzeitig. Nur der Kaiser setzte den Statthalter ein oder berief ihn ab. Aber wir wissen nicht wie es um seine Befugnisse in Krisenzeiten stand und diese Zeiten sollten im Jahre 6 + anbrechen. So wissen wir zwar anhand der Kennnummern sehr genau, welche Legionen er nach Ostwestfalen mit sich führte und auch welche Legionen sein Neffe Asprenas befehligte. Aber wir rätseln auch immer gleichsam dann, wenn wir uns mit Begriffen wie Soll - und Iststärke auseinandersetzen müssen. Wir kennen nur theoretische Größen und kein antiker Historiker nannte uns die Kopfzahl der drei Legionen. Einer Legion einen Namen zu geben bedeutet also nicht gleichzeitig auch, das man dann exakt weiß, wie viele Personen sich dahinter verbargen. Legionen waren seit jeher feste Kampfeinheiten. Aber Varus sollte in Ostwestfalen gar nicht kämpfen, keine Schlachten schlagen und folglich keine Siege einfahren. Er sollte lediglich Präsenz zeigen, eine große Landschaft besetzen, sie „römifizieren“ und die Zivilisation samt Infrastruktur in einem gerade erst befriedeten Land aufbauen, einführen und dauerhaft installieren. Truppen wie in feindlicher Umgebung in schwer bewachten Lagern massiv zu konzentrieren diente zwar der Aufrechterhaltung der Disziplin und straffen Organisation war aber in Ostwestfalen nicht das Ziel. Und es wurde der Vorgehensweise des Varus auch nicht gerecht, denn ihm war daran gelegen mithilfe seiner Legionäre viele andere Dinge anzugehen und auch in die Winkel der neuen Provinz vorzustoßen. Alle seine Legionäre an feste Örtlichkeiten zu binden schien nicht Schema seiner Grundüberzeugung zu sein. Er brauchte an der Weser sicherlich auch Soldaten, aber er bevorzugte vielleicht mehr Pioniere, Agrarexperten und Fachleute. Die Region Ostwestfalen und alles Land hatte der Feldherr Tiberius nach Cäsarenmanier vor seiner Ankunft im Zuge des Immensum Bellum bis zum Jahre 5 + unterworfen und den germanischen Widerstand teils blutig gebrochen. Paterculus überlieferte uns daher auch den denkwürdigen Satz „Nichts gab es mehr in Germanien zu besiegen, außer den Markomannen„. Varus reiste also zu einem nieder geworfenen Volk, in dem und dem der Schlachtenlärm vergangen war. Er trat auf wie ein dominanter Stellvertreter des Kaisers in die alt eingesessenen Hoheitsgebiete eines Stammes, der nach dem Flächenbrand auch vor sich selbst seine eigene Achtung verloren zu haben schien. Denn ihre Waffen verrosteten. Eine Großregion in der es aber immer noch jemanden gab, der eine unangefochtene Macht ausübte, nämlich der Germanenkönig Marbod. Aber welches Erfordernis bestand nun darin, die in Ostwestfalen komplett besiegten Germanen wieder mit waffenstarrenden Söldnermassen zu überschwemmen. Die Signale im Nethegau und an der Weser standen auf Befriedung und es gab dort für Rom nichts mehr zu kämpfen. Varus soll an sich ein ruhiger und besonnener Mann gewesen sein und so ging er es entsprechend an. Er wies daher seine Legionäre an Wege zu bewachen, Kastelle zu besetzen, die Einheimischen zu unterstützen, wo es ging und wie ich meine auch um die ersten Fundamente für eine neue Civitas zu legen. Sicherlich griff er für germanisches Verständnis oftmals zu hart durch aber aus seiner Sicht schien es unvermeidbar zu sein. Jedoch fehlte ihm das wichtige Gespür dafür zu erkennen was er anrichtete. Den Widerstand hatte Tiberius für Rom gebrochen und Varus erwartete derartiges nicht mehr schon gar nicht nach dem Vertragsabschluss. Varus wird auch als phlegmatisch und bequem beschrieben und er begnügte sich mit den Legionären, die in seinen Legionen dienten, denn im Frühjahr 7 + ging es nicht mehr darum in eine Schlacht zu ziehen. Er verlangte von seinen Legionen daher auch keine Kampfstärke unter Beweis zu stellen, es mussten nur genügend Männer sein, mit denen er das Land aufbauen und bestellen konnte. Während wir uns heute nach Polybios immer noch die Frage nach Soll - und Iststärke stellen, so mag dies für Varus zweitrangig gewesen zu sein. Hätte Varus geahnt, dass er in Ostwestfalen doch noch mal zu den Waffen greifen musste, wäre er die Sache sicherlich anders angegangen. Dann hätte er Wert auf volle Kampfbereitschaft gelegt und Risiken vermieden. Soldatische Tugenden wie Manöver, Konditionstraining um eine Schlacht zu gewinnen hätten sicherlich im Vordergrund gestanden. Was man anzweifeln muss. Dann wäre auch wieder die Kampfkraft, also die Iststärke ausschlaggebend gewesen und die friedliche Zivilisierung einer neuen Provinz wäre in den Hintergrund getreten. Kampf kennt andere Spielregeln als Befriedung und Recht schaffen. Der Krieg in Ostwestfalen war beendet. Aber wir wissen, dass Varus noch eine Schlacht bevor stand und befassen uns daher nicht nur mit dem Legionär als friedlichem Agraringenieur, sondern auch mit dem Legionär der mit Waffen umgehen konnte. Der Kampferfolg auf den historischen Schlachtfeldern der Welt war in erster Linie abhängig von der Kopfzahl der beteiligten Soldaten. Hält man diese zweifellos gering, so nimmt man jeder Truppe ihre Erfolgsaussichten auf einen Sieg und schwächt ihre Chancen einen anstehenden Kampf, eine Schlacht oder einen Krieg zu gewinnen. Aber alle diese Gedanken schienen damals in Ostwestfalen überflüssig gewesen zu sein. Im vorliegenden Fall erleben wir sogar die fahrlässige Zersplitterung der Kräfte und es war nahezu oberstes Gebot sie nicht zu konzentrieren. Man entsendete die so genannten Abstellungen in die Siedlungsgebiete der Germanen im Großraum und man teilte möglicherweise sogar den Rückmarschzug in einen zivilen und einen militärischen Teil auf womit erneut Kräfte anderweitig gebunden wurden. Oder man setzte Legionäre dafür ein um sie als Kastellbesatzung zu stationieren oder den Rohstoffabbau zu organisieren bzw. Rohstofftransporte zu begleiten. All das stellt in Friedenszeiten kein Problem dar. Aber alle diese friedlichen Szenarien werden sofort kritisch hinterfragt, wenn sich eine Lage militärisch kritisch zuspitzt um dann der Frage nach dem berühmten „Wenn und Aber“ zur Geltung zu verhelfen. Ohne seine verfehlte Politik und die daraus resultierende Niederlage, wäre Varus wie der strahlende Befrieder in die deutsche Geschichte eingegangen. Wie ein "Umarmer" gleich einem alle umarmenden Apostel hätte ihn eine ganze Region begrüßt und ihm für seine Wohltaten gedankt und in Rom wäre er für die neuen Provinzen die er in das Reich eingliederte glorreich empfangen worden. Nun aber bilden alle erdenklichen Erklärungsversuche die Grundlage um auf deren Basis sein Versagen zu begründen. So rückt die Gewichtung der beiden sich gegenüber stehenden Mächte im Jahre 9 + und deren Abschätzung, also die Germanen auf der einen und der Römer auf der anderen Seite in den Vordergrund um über die Gegenrechnung vielleicht den späteren Schlachtverlauf besser einschätzen zu können. Neben dem Wissen um seine großzügige Verteilung von Kräften im Land, bin ich aufgrund der friedlichen Mission auch davon überzeugt, dass Varus aus taktischen Motiven heraus auch den Schritt der Abtrennung in zwei Marschzüge vollzog. Dies war letztlich für ihn selbst, für alle Beteiligten, den gesamten zivilen Tross der Frauen und Kinder vor allem aber für seine umfangreiche Werteansammlung eine gute Lösung. Er stellte also einen bewachten Marschzug zusammen, der nun auf einem gut ausgebauten und schnelleren Weg von Brakel aus über Aliso direkt an die obere Lippe marschieren sollte. Besonders vor dem Hintergrund der Humanität also der Humanitas im Sinne früher Menschenfreundlichkeit gegenüber Frauen und Kindern eine gute Tat und zur Sicherung der in den Sommermonaten eingetriebenen Wertsachen eine nach vollziehbare Strategie. Es bot sich damit für den zivilen Tross die Möglichkeit einen „gefahrlosen“ Weg nahezu entgegen gesetzt zum Aufrührergebiet einzuschlagen und gleichzeitig das Land eines befreundeten bzw. vertraglich gebundenen Stammes zu nutzen. Somit konnte man allen Personengruppen einschließlich den persönlichen Interessen des Feldherrn gerecht werden. Nun aber stand Varus am Morgen des „fiktiven“ 25.09.0009 zwar noch nicht vor den Scherben seiner Fehleinschätzungen, aber er fand sich auch nur noch inmitten einer zusammen geschrumpften Kampftruppe, bestehend aus seinen Ordonnanzen und dem nötigsten Begleitpersonal wieder. Seine Truppenteile die ich wegen Schwund an Mannschaften an anderer Stelle daher nur noch Rumpflegionen nannte, sollten bzw. mussten ihm also für diese Aktion reichen. Diese Legionen waren also aufgrund meiner Theorie folglich auch nur eingeschränkt kampffähig. Segimer und Arminius waren diese näheren Umstände bekannt und sie schöpften auch daraus ihren Mut einen Angriff wagen zu können. Aber zu dieser schon bestehenden prekären Ausgangslage, also der bereits geringen Stärke der drei Varuslegionen bei Ausbruch der Varusschlacht könnten sich noch zwei weitere Gründe hinzu gesellt haben, die sich als Schlachten entscheidend erwiesen haben könnten. (11.12.2018)
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Donnerstag, 6. Dezember 2018
Die Rückführung der Varusarmee auf getrennten Wegen - in der Animation
ulrich leyhe, 15:08h
Bevor es anfängt etwas unübersichtlich zu werden ein kleine Hilfsmaßnahme. Denn die Frage nach der möglichen römischen „Doppelrückzugstrategie“ zur Lippe erweitert den Blickwinkel der Varusschlacht in neue Richtungen. Eine in sich schlüssige Logik resultierend aus den Fakten und einer Analyse der alten Schriften begünstigen diese, sich schon fasst zur Erkenntnis aufschwingende Theorie. Ich habe daher das Erfordernis erkannt noch einige Kapitel nachschieben zu müssen, die diese Hypothese noch zusätzlich stärken helfen. So gestatte ich mir auch, wie man einst im veralteten Sprachgebrauch sagte dem „geneigten“ Leser, der erst an dieser Stelle „zu steigt“ noch einen kurzen Rückblick zu ermöglichen. Bekanntlich war die Niederlage des Imperiums in der Varusschlacht eigentlich nur ein Vorbote, dessen Ausmaße und Konsequenzen im Jahre 9 + für Rom noch gar nicht absehbar waren. Allerdings für die Germanen auch nicht. Die Schlacht wurde zu einer Art Prophezeiung fasst biblischen Ausmaßes für das Ende vieler imperialer Ansprüche über den Nordosten Germaniens, der auch besonders in sprachlicher Hinsicht, was die Verbreitung des Lateinischen anbetrifft langfristige Auswirkungen zeigen sollte. Sie war im Nachhinein betrachtet für das alte Germanien der prähistorische Wendepunkt schlechthin. Ihm sollten aber in mehreren Wellen über drei Jahre verteilt weitere römische Rückeroberungsversuche also Kriege bzw. Schlachten folgen. Für das römische Reich endeten diese jedoch allesamt erfolglos, so dass Kaiser Tiberius dem Anrennen der römischen Legionen gegen die antike Weserfront der konföderierten Germanenstämme sieben Jahre nach der Varusschlacht im Jahre 16 + ein Ende machte. Das römische Reich setzte in diesen Jahren eher auf Masse statt Klasse, denn die in die zigtausende gehenden römischen Soldaten traten mit weit aus mehr Legionären und Hilfskräften an und waren um ein vielfaches zahlreicher als bei der voraus gehenden Varusschlacht die sich dagegen noch recht bescheiden ausnahm. Will man sich mit der Schlacht des Varus beschäftigen, so muss man sich auf vielen Ebenen an sie heran tasten. Mehrere Dimensionen sind dazu nötig, um sie als Ganzes erfassen und verstehen zu können und alle deutschen Zeitformen muss man heran ziehen um den Überblick zu behalten. Geschichte greift immer zurück. So heißt es für alle Forschergenerationen, das „vor, während und nach der Schlacht“ zu betrachten und es gilt besonders bei diesem Ereignis diese drei Zeiten strikt voneinander zu trennen, obwohl es uns die „Antiken“ schwer gemacht haben. Am Anfang der Betrachtung und im Zuge der Vorgeschichte zu dieser Schlacht galt neben vielen anderen man kann sagen Bücher füllenden Ereignissen die besondere Aufmerksamkeit dem Feldherrn Varus, über den uns trotz der langen Zeit noch erstaunlich viel von Seiten der antiken Historiker überliefert ist. In der Retrospektive gesehen bedeutet es folglich zu hinterfragen, wer er war, soweit dies zu erforschen überhaupt möglich ist. Also wo er her kam und wie er sich als Mensch gab, bevor er Ostwestfalen betrat. Wie verhielt er sich in Germanien und was bewirkte seine Handlungsweise bzw. was löste sie aus. In der Gegenwart seiner Zeit angekommen, folgt dann der Aufmarsch zur Schlacht und in der Folge die späteren Kämpfe im Zuge der direkten Auseinandersetzung Mann gegen Mann. Hier stütze ich mich auf die Aufzeichnungen von Cassius Dio und Lucius Annaeus Florus. Die Zeit nach der Schlacht wird einzig verkörpert durch die Schriften die uns Publius Cornelius Tacitus dazu hinterlassen hat, denn er spricht im Zusammenhang mit der Schlacht nur über die Dinge wie sie sich sechs Jahre später auf dem Schlachtgelände dem Betrachter zeigten und verliert kein Wort über den Verlauf. Im Zuge meiner Niederschrift komme ich der eigentlichen Schlacht nun Schritt für Schritt näher, denn den Marsch vom Sommerlager muss man angesichts der Weichenstellungen indirekt bereits als einen Bestandteil der Schlacht betrachten. Damit hatte die Varusschlacht de facto also bereits an jenem von mir fiktiv gesetzten 24.09.0009 begonnen, auch wenn am Morgen des Abzuges noch alle Schwerter in ihren Scheiden steckten. Fasst alle antiken und neuzeitlichen Kriege und Schlachten entschieden sich bei genauem Hinsehen oftmals schon in der Aufmarschphase. Ein richtiger Aufmarschplan samt Taktik war praktisch schon der halbe Sieg. Die Clades Variana gehört jedoch zu den klassischen Schlachten, bei der man sich bereits in der Vorbereitung in unkorrigierbare Fehleinschätzungen verstieg. In der Hitze des Gefechtes ließen sich dann die der Schlacht voraus gegangenen strategischen Fehler in den meisten Fällen auch nicht mehr beheben. Das eigentliche Schlachtgeschehen später ist nicht mehr planbar. Denn im Kampf entscheiden wieder andere Dinge darüber, ob sich das Schlachtenglück bei fehlerhafter Vorbereitung noch mal wenden ließ. Friktionen und Zufälle gewinnen dann die Oberhand und die Dynamik der sich gegenüber stehenden Kräfte bestimmt letztlich den Ausgang einer jeden Schlacht. Da war dann der Mut der Kämpfer gefragt über sich hinaus zu wachsen, das Geschick des Feldherrn im entscheidenden Moment den richtigen Befehl zu geben, da musste das Terrain die Topographie oder der Stand der Sonne genutzt werden, aber auch List und Tücke waren nötig, wenn man ältere Fehler noch mal wett machen wollte. Varus beging all jene Irrtümer in dem er in seltener und nahezu nie da gewesener Manier seinen Gegner unterschätzte. So zeigt sich bereits am ersten Tag noch bevor der mögliche Feind in Sicht ist, ob der Umfang der Streitmacht überhaupt ausreichen würde um für einen Kampf gewappnet zu sein, welche Moral die Truppe mit brachte oder wie Ernst man den Gegner nahm. Die falsche Ausrüstung bei widrigen Wetterverhältnissen konnte schon vieles zunichte machen.

Um letztlich aber auch die nach folgenden Kapitel besser nachvollziehen zu können, habe ich den Verlauf dieses ersten bedeutenden An - Marschtages, an dem es noch zu keinen Kämpfen kam über eine bildliche Animation versucht dazustellen. Sie zeigt den geschlossenen noch gemeinsam erfolgten Ausmarsch aus dem Sommerlager im Raum Höxter, gekennzeichnet mit roten Sternen die Marschrichtung nach Brakel, wo ein nötiger Zwischenstopp am Abend des ersten Marschtages im dortigen Marschlager erforderlich und unvermeidbar war. Zeigt dann ab Brakel am Morgen des folgenden Tages wie sich die Aufteilung des großen Zuges vollzog ja meiner Meinung nach sogar vollziehen musste. Nämlich in den zivilen Teil mit blauen Sternen dargestellt und den militärischen Teil mit gelben Sternen gekennzeichnet. Etwa in der Region um den Gradberg habe ich das berühmte Symbol der gekreuzten Säbel eingefügt, da ich hier die Region verorte, in der die Germanen den zivilen Tross an sich nahmen bzw. überwältigt haben. Der zivile Tross bestand aus Frauen und Kindern, sowie den Gegenständen die in der Kampfregion nicht gebraucht wurden bzw. den Wertsachen und einer Schutzmannschaft, die außer Gefecht zu setzen möglicherweise noch nicht einmal eine große Herausforderung darstellte. Die Kampfeinheiten in denen ich nur noch drei so genannte „Rumpflegionen“ erkenne, schlugen ab Brakel den Weg ins Rebellengebiet ein. Die Lageskizze soll der besseren Orientierung dienen, bevor es zu den ersten Feindberührungen kam. (06.12.2018

Um letztlich aber auch die nach folgenden Kapitel besser nachvollziehen zu können, habe ich den Verlauf dieses ersten bedeutenden An - Marschtages, an dem es noch zu keinen Kämpfen kam über eine bildliche Animation versucht dazustellen. Sie zeigt den geschlossenen noch gemeinsam erfolgten Ausmarsch aus dem Sommerlager im Raum Höxter, gekennzeichnet mit roten Sternen die Marschrichtung nach Brakel, wo ein nötiger Zwischenstopp am Abend des ersten Marschtages im dortigen Marschlager erforderlich und unvermeidbar war. Zeigt dann ab Brakel am Morgen des folgenden Tages wie sich die Aufteilung des großen Zuges vollzog ja meiner Meinung nach sogar vollziehen musste. Nämlich in den zivilen Teil mit blauen Sternen dargestellt und den militärischen Teil mit gelben Sternen gekennzeichnet. Etwa in der Region um den Gradberg habe ich das berühmte Symbol der gekreuzten Säbel eingefügt, da ich hier die Region verorte, in der die Germanen den zivilen Tross an sich nahmen bzw. überwältigt haben. Der zivile Tross bestand aus Frauen und Kindern, sowie den Gegenständen die in der Kampfregion nicht gebraucht wurden bzw. den Wertsachen und einer Schutzmannschaft, die außer Gefecht zu setzen möglicherweise noch nicht einmal eine große Herausforderung darstellte. Die Kampfeinheiten in denen ich nur noch drei so genannte „Rumpflegionen“ erkenne, schlugen ab Brakel den Weg ins Rebellengebiet ein. Die Lageskizze soll der besseren Orientierung dienen, bevor es zu den ersten Feindberührungen kam. (06.12.2018
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Mittwoch, 5. Dezember 2018
Varus verwaltete die Einnahmen des Imperiums und trieb sie ein, aber auch seinen „Eigenanteil“
ulrich leyhe, 10:59h
Neben der Frage wie man denn bei einem möglichen Ernstfall mit den vielen Frauen und Kindern umgehen sollte, die schlimmsten Falles das Schlachtfeld mit belagern würden, den Soldaten lästig werden konnten und die noch dazu zwischen die Fronten geraten könnten, beschäftigte Varus auch noch ein ganz anderes Thema. Und dies war für ihn nicht minder brisant. Denn Varus war es, wie wir es aus seiner unrühmlichen Vergangenheit her wissen gewohnt, sich auch privat zu bereichern. Bewegliche Werte wie er sie auch in jenem Schicksalsjahr an der Weser anhäufte und gleich welcher Art sie waren, wollte er natürlich unter keinen Umständen im Sommerlager, also bis ins nächste Jahr zurück lassen und zog es daher sicherlich vor, damit seine Schatullen am Rhein aufzufüllen und seine Villen zu schmücken. Und da man nun in ein mögliches Pulverfass aufbrechen würde, wollte er diese beweglichen Güter natürlich auch nicht der Gefahr aussetzen, dass sie im Zuge des Geschehens in Feindeshand gelangen oder beschädigt werden könnten. So ist zu erwarten, dass er die an ihn ergangenen Geschenke germanischer Delegationen genauso an den sicheren Rhein überführen wollte, wie auch sein eigenes prunkvolles und vermutlich zentnerschweres Tafelgeschirr aus gallorömischer oder römischer Manufaktur bestehend aus edlen Metallgefäßen und vielen Kleinodien, gefertigt aus wertvollen Werkstoffen. An welches Tafelsilber ich hier denke, Codewort „Hildesheim“ liegt natürlich auf der Hand. Edelmetalle, Zahlungsmittel in begrenztem Umfang sowie kostbares Mobiliar plus Schmuck werden ebenfalls dazu gehört haben. Requisiten und Auszeichnungen seiner Herrschaftswürde und ja, möglicherweise sogar Augurenstäbe, wenn diese wertvoll waren und auch eine vermessungstechnische und nicht nur eine rituelle Funktion gehabt haben sollten. Und nicht zu vergessen die bereits eingetriebenen monetären bzw. in Barren gegossenen Werte unter anderem aus den Silberbergwerken im Harz oder andere Steuereinnahmen wie man sie so in Besatzungsgebieten zu konfiszieren gewohnt war bzw. wie sie dort requiriert wurden, oder wie man sie sonst den Unterjochten abgepresst hatte. Wie immer es man ausdrücken möge. Güter die vielleicht in erster Linie dem römischen Staat zu standen, sofern Varus gedachte, da einen Trennstrich zu ziehen. Diese Reichtümer um die es ihm und dem Imperium ja letztlich bei allen Eroberungen und der Einrichtung neuer Provinzen nur ging, könnten ein ziemliches Ausmaß angenommen haben und dieses alles in ein mögliches Krisengebiet zu unberechenbaren Rebellen in unkalkulierbare noch nicht gänzlich einverleibte Gefilde mit zu nehmen, stellte zweifellos ein unnötiges aber letztlich vermeidbares Risiko hinsichtlich der Wahrung seines Besitzes dar. Konnte Varus es wagen seinen oder besser gesagt auch noch den Besitz des Kaisers in einen bereits angekündigten Unruheherd mitzunehmen ? Wie hätte er einen möglichen Teilverlust der Steuereinnahmen eines ganzen Jahres je nach Ausgang der Kämpfe dem Kaiser erklären sollen ? So war wohl später auch ein Teil der Trauer die der Kaiser nach der Varusschlacht für alle sichtbar machte auch dem entgangenen Gewinn geschuldet. Im Zwiespalt zwischen Besitzwahrung, man kann es auch Gier nennen und dem Auftrag möglicherweise doch einen Aufstand nieder schlagen zu müssen, war er wohl hin und her gerissen, wie er sich entscheiden sollte. Was sollte er tun ? Wahrlich für einen weniger charakterfesten Menschen wie Varus keine leichte Entscheidung. So wissen wir zum Beispiel von einem niedergermanischen Statthalter Namens Pompeius Paulinus, der zwischen 54 + und 56 + das feindliche Nordland durchzog, dass er sage und schreibe 12.000 Pfund also stolze sechs Tonnen an Tafelsilber mit sich geführt haben soll. Da stellt man sich schon die Frage, wie viel Wachmannschaften und Transportfahrzeuge nötig waren um diese immense Masse über die unebenen Altstraßen, Wälder und Bachläufe Germaniens zu bewegen. Es gehörte zur gewohnten Taktik Roms barbarische Stämme mit blinkendem Tand und Geschirr zu beeindrucken und sie mit der Perspektive auf möglichen Eigenbesitz gefügig zu machen. Man tat ihnen damit eine besondere Ehre an und sie wähnten sich mit dem römischen Reich zumindest für die kurze Zeit des gemeinsamen Gastmahles ebenbürtig und fasst auf Augenhöhe. Ein sehr großer Irrtum, wie es später viele von ihnen spüren und wohl auch bereuen sollten. Wenn schon ein im unteren Rang stehender niedergermanischer Statthalter nur wenige Jahrzehnte nach der Varusschlacht imstande war derartigen Reichtum vorzuführen, so ist es gut denkbar, dass ein höher gestellter Feldherr wie Varus noch über einen weitaus größeren Luxus verfügte. Nehmen wir nur an, er hätte ebenfalls sechs Tonnen Silber transportiert, wie viel Karren müssten allein dafür erforderlich gewesen sein und wie umfangreich erst wäre die Schutzmannschaft ausgefallen die er dafür abstellte. Desto wertvoller also die Fracht, desto umfangreicher der Geleitschutz. Alle diese Wagen hätte Varus, wenn er sich nicht anders entschieden hätte, über ein unbekanntes und holpriges Wegenetz mit ins unsichere Krisengebiet nehmen müssen. Wer wollte ihm verdenken, wenn er sich darüber Gedanken machte und wer wollte ihm diese Entscheidung abnehmen. Schon zum Zeitpunkt des Abzuges aus Höxter könnte er für sich genommen im berühmten „stillen Kämmerlein“ schon eine Aufteilung seiner Wertsachen beschlossen haben, um im äußersten Fall zumindest einen Teil seines Reichtums zu retten. Auf Varus lastete große Verantwortung. Sowohl für sich und seinen Reichtum als auch für seine Soldaten und zudem auch noch für eine große Menschenmenge, die er wohl behalten an den Rhein führen wollte. Da war für ihn der gut ausgebaute steinerne römische Hellweg der von Brakel aus nördlich von Neuenheerse nach Schwaney/Aliso die Egge hoch führte die weit aus bessere Alternative Frauen, Kinder und Werte aus allem heraus zu halten. Schließlich wurde diese Trasse für schnelle Karrentransporte und Kuriere vermutlich schon unter Drusus begonnen und dann bis zur Verkehrsader ausgebaut. Man stieß wie Friedrich Ludwig Hölzermann berichtete Mitte des 19. Jahrhunderts an zwei Stellen auf diesen alten der Beschreibung nach römischen Steinweg. Er könnte jenem ähnlich sein, der bei Oesterholz über die große Egge führte. Nach dem dieser frei gelegt und vermessen wurde erkannte man im Felsboden Gleisspuren die im Abstand von 1,40 Metern verliefen. Der Hohlweg konnte nicht datiert werden, aber die Spurbreite von Karren betrug zu Zeiten des römischen Imperiums 1,50 Meter, wobei es aber Abweichungen von mehreren Dezimetern gab. Die Steinwege die Hölzermann östlich von Schwaney beschrieb fand man am Netenberg bzw. dem heutigen Netheberg und dort wo die „Westfälische Eisenbahn“ die Egge durchschnitt statt. Warum also alles einem beschwerlichen und gefährlichen Umweg aussetzen, wenn es auch risikoloser ging. Damit kommt neben dem Schutz der Frauen und Kinder noch ein weiteres gewichtiges Argument hinzu, warum Varus ab Brakel seinen Zug spaltete und ihn auf zwei Wegen weiter marschieren ließ. Varus war kein unvermögender Mann war. Man sagte ihm ein übermäßiges Gewinnstreben nach, was er in Syria unter Beweis stellte. Paterculus prägte dazu den denkwürdigen Satz „Als armer Mann betrat er das reiche Syrien und als reicher Mann verließ er das arme Syrien“. Aber in Germanien soll sich dann der gleiche Varus, der in Claudia Pulchra eine äußerst anspruchsvolle und dem Kaiserhaus nahe stehende Adlige zur Frau hatte, wie ein sparsamer Asket benommen haben. Schwer vorstellbar. Einzig Cassius Dio wäre es bei seinem zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen noch zuzutrauen gewesen, dass er auf das pikante Kapitel „Varus und sein Hort“ näher hätte eingehen können. Aber dazu wie pompös Varus an der Weser residierte und wie gut situiert er die Region alljährlich verließ, verriet uns Cassius Dio nichts. Es verwundert nicht, dass die antiken Historiker auch aus diesem Grund auf die vermeintliche Tatsache den Marschzug zu trennen mit keiner Silbe eingehen. Vermutlich, weil man ähnlich wie heute über diese Dinge die auch zu damaliger Zeit für die höheren Schichten als selbstverständlich galten, kein Wort verlieren brauchte. Ebenso logisch wie konsequent, dass Varus auch Germanien nicht als armer Mann verlassen wollte erwähnte Cassius Dio auch nicht, dass es da noch sehr Vieles um den Verlauf der Varusschlacht gab, zu dem auch er schwieg. Vielleicht liegt auch in der Sicherung seines persönliches Besitzstandes mit ein Schlüssel für die Frage begraben, warum es Varus wie magnetisch jeweils im Herbst in die warmen Winterquartiere am Rhein zog. Im Zuge der späteren Verdächtigungen gegenüber dem Legat Asprenas, dem Neffen von Varus, sich an den zurück gelassenen Besitztümer der umgekommenen Legionäre bereichert zu haben ist zu erkennen, dass auch der kleine Mann Vorsorge leistete und keine unnützen Risiken im Feindesland einging. Natürlich war es für Varus sehr wichtig diesem Transport in Richtung Aliso trotzdem auch eine angemessene Schutztruppe beizustellen. Soldaten die er später schmerzlich vermissen sollte. (05.12.2018)
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