Dienstag, 7. Juli 2020
Germanische Spuren am Gebäudekomplex der karolingischen Reichsabtei Corvey ?
Geschichtliche Vorgänge und Abläufe bis in die Prähistorie hinein vollziehen sich willkürlich, immer ohne Drehbuch und unterliegen den Gesetzen von Chronologie und Vergänglichkeit. Das erschwert die Menschen gemachte zeitlich versetzte Geschichtsschreibung worunter die exakte Reihenfolge, die gewünschte Zuordnung und die Verständlichkeit leidet. Das trifft zum Beispiel zu, wenn sich aufgrund der Bodenschichten etwa Funde aus der Bandkeramikerzeit mit römerzeitlichen abwechseln. Denn je nach dem Stand der aktuellen Forschung und neuer Entdeckungen springt sie förmlich über die Jahrtausende hinweg, so als wären dazwischen nur wenige Augenblicke vergangen Das Einsortieren der Erkenntnisse in die richtige Epoche stellt daher sowohl für Fachleute, aufgrund der getrennten Systematik der Fachbereiche, als auch an Laien hohe Anforderungen an epochale Vorkenntnis, Kommunikation und Wissensdurst. Ähnlich verhielt sich die Historie mit der berühmten karolingischen Reichsabtei Corvey an der Weser. Man stellte sie baugeschichtlich auf den Kopf, brachte ihre Entstehungsgeschichte gar mit Varus in Verbindung, nannte später Karl den Großen als ihren Gründervater und ließ sie spätestens im Zuge der Säkularisation in Vergessenheit geraten. So wehten die Jahrhunderte über sie hinweg. Aber die frühe Festlegung auf Kalkriese als Ort der Varusschlacht löste bei den Skeptikern eine Renaissance um die Frage der Glaubwürdigkeit aus und längst als überholt betrachtete Örtlichkeiten erlebten ihre Wiedergeburt. So stellte sich auch wieder die Frage neu, ob sich Varus nicht doch statt in West - Westfalen in Ost - Westfalen umbrachte. Aber er und Arminius sind in Ostwestfalen, wenn auch nur in den Geschichtsbüchern bis heute allgegenwärtig geblieben. Das man die Schriften des römischen Geschichtsschreibers Tacitus ausgerechnet im frühen Mittelalter vermutlich von Hersfeld über Fulda nach Corvey verbrachte wo man sie 1508 raubte, musste einen Grund gehabt haben. Vermutlich fielen den klösterlichen Scriptoren in Fulda schon damals die darin enthaltenen lateinischen Worte auf, die auf sie wie ein ausgestreckter Fingerzeig wirkten der sie in die Region an der Weser lenkte. Dahin wo die Corveyer Mönche lebten, die nun dank der Schriften auf die Ereignisse weit vor ihrer Zeit aufmerksam gemacht wurden. Auch sie waren des Lateinischen mächtig genug und erkannten im Flussnamen „Virsurgis“ schnell die Weser. Denn Tacitus schrieb in seinem Jahrbuch 2,5 (1o) "Flumen Visurgis Romanos Cheruscosque interfluebat", übersetzt "Jetzt trennte Römer und Cherusker nur noch die Weser".  Daraus gewannen die Mönche die Erkenntnis, dass in ihrer Region einmal, wenn sie es nicht schon wussten Menschen lebten, die sich Cherusker nannten. Aber nicht nur darin erkannten die Mönche die Schauplätze ältester Geschichte die nun vor ihrer eigenen Haustür lagen. Von der sie allerdings nur rund 800 Jahre entfernt waren, während wir es schon über 2000 Jahre sind. So sah und fand man im frühen Mittelalter auch noch viele Relikte auf den Äckern die sie bestellten und blickten noch auf zahlreiche Ruinen die das menschliche Auge im hohen Mittelalter schon nicht mehr sah, da es zwischenzeitlich für den Bau neuer Häuser oder Stadtmauern gebraucht wurde. Und man traf und nutzte in ihren Zeiten auch noch ein gut ausgebautes Wegenetz und das besonders an den kritischen Steilbereichen und fragte sich möglicherweise, wer es einst erbaute. Aber unterschätzen wir nicht das Wissen der pilgernden, also weit gereisten Mönche vor allem wenn sie bereits in Gallien oder gar in Italien waren. Und da waren da auch noch die alten germanischen Stammesnamen und die damit verbundenen Erinnerungen, Sagen und Legenden, die noch nicht gänzlich verstummt waren und man erkannte auch noch viele andere Übereinstimmungen die für unser Zeitverständnis längst entschwunden sind. So schien man sich sicher, dass sich die Geschichten des Tacitus nur in den Landschaften an der Weser zugetragen haben konnten und manche werden vielleicht schon damals, wenn sie historisch interessiert waren nach weiteren Anhaltspunkten und Vergleichen gesucht und geforscht haben. Und natürlich dürfte den Mönchen auch noch klar gewesen sein, warum man die aufragenden Gemäuer einst „Selicasa“ nannte. Denn es glänzte in der Sonne immer noch wie Silicatmarmor ein von Silikaten durchsetztes Kalkgestein, was in der Region an der Weser überall zu finden war und ist und was in der römischen Architektur beliebt war. Dazu erschien aber bereits ein Abschnitt unter dem Titel“ Auguensischer Gau mit der Marca Huxori“. Aber natürlich durfte ihr Interesse nur so weit reichen, wie es sich mit der klösterlich christlichen Ordnung und den Werten des Katholizismus vertrug. Aber das man es an der Weser etwas lockerer nahm, beweisen bekanntlich die für die damaligen Zeiten mutigen Fresken im ersten Geschoss der Abtei die die Mönche, auch wenn sie schon Jahrhunderte älter gewesen sein könnten, trotzdem nicht entfernen und zerstören wollten weil sie ihnen gefielen. Auch der „Teutoburgiensi saltu“ den Tacitus erwähnte wird ihre Aufmerksamkeit geweckt, aber die Bezeichnung wird ihnen keine großen Bestimmungsmühen bereitet haben. Denn der sich reich an Schluchten, also Saltuus, vor ihnen erstreckende „Asning“ mit seinen vielen Flieh- bzw. Volksburgen teils noch aus vor cheruskischer Zeit passte in ihr Vorstellungsvermögen. Das frühe christliche Mittelalter an der Weser folgte in den Anfängen der weniger strengen iroschottischen Glaubensrichtung und man schien sich freigeistiger verhalten zu haben. So übernahm man auch bereits vorhandene Elemente aus der Bauzeit und integrierte sie ohne sich mit den Fragen der Sittsamkeit zu belasten. Daher mochte man unter anderem auch auf einen eingelassenen antiken Schriftzug nicht verzichten und beließ ihn an seinem ursprünglichen und würdigen Platz nämlich direkt über dem Eingangsportal. Der Text lautete in seiner lateinischen „Endlosversion“ „CIVITATEMISTAMTVCIRCUMDADNEETANGELITVICVSTODIANTMVROSEIVS“, und aus Gründen der Verständlichkeit getrennt geschrieben „CIVITATEM ISTAM TV CIRCUMDA DNE ET ANGELI TVI CVSTODIANT MVROS EIVS“ und man kann ihn als Kopie des Originals in Stein gemeißelt auch heute noch trotz der goldenen Buchstaben die entfernt wurden, gut lesen. Der lateinische Wortlaut musste schon viele Interpretationen über sich ergehen lassen, bis man ihn letztlich besonders auf das Kürzel „DNE“ bezogen bibelfest auslegen konnte. Denn auch schon Kaiser Augustus schmückte man mit dem Beinamen „DNE“ für Dominus. Die zahlreichen Ungereimtheiten dazu waren bereits Thema im Kapitel „Varus verließ die Civitas an der Weser - nach dem die Gestirne grünes Licht gaben“. Aber die Diskussionen über seinen tieferen Sinn werden weiter gehen. Was alles in der Summe betrachtet auch heutzutage wünschenswert, der Mystik geschuldet und dem Zeitgeist förderlich ist. Denn mit derartig verklärten Vorstellungen lassen sich mehr Besucher in die ehrwürdige Abtei locken. Aber nun folgt der angekündigte Sprung in die „deutsche“ Prähistorie und damit die Frage, ob es noch andere Hinweise auf die römische Vergangenheit der Reichsabtei Corvey gibt als die zahlreichen von Heribert Clabes in seinem Buch „Corvey – Eine karolingische Klostergründung an der Weser – Auf den Mauern einer römischen Civitas“. Greifen wir seine Forschungen auf und knüpfen daran an, so müssen wir auch zwangsläufig ins Jahr 9 + zurück reisen. Ein wichtiges Jahr, das in diesem Internetbuch unstrittig die Hauptrolle einnimmt. Der von großen Träumen und Zielsetzungen beseelte Machtpolitiker Varus, der mit dem Auftrag seines Kaisers in der Tasche die Welt der Germanen umkrempeln wollte hatte sich viel vorgenommen. Es konnte ihm nicht schnell genug gehen seine ausgreifenden Pläne umzusetzen und er riskierte seinen Vorstoß sogar militärisch schwach bestückt mit drei ausgedünnten Legionen. Denn einen Großteil seiner Legionäre konnte er nicht über die Lippe mit nach Osten nehmen, da er diese vorher an den Feldherrn Tiberius für seinen Markomannenfeldzug abtreten musste, den der dann allerdings wegen dem Pannonienkrieg absagen musste. Marbod brachte es damals mit dem Wort „vacuas“ für „entleert bzw. inhaltslos“ trefflich zum Ausdruck. Fakten schaffen, domestizieren, Gesetze erlassen, im römischen Geiste missionieren und erziehen sowie die nötige Ifrastruktur errichten, waren seine Ziele und Hauptaufgaben, die er mit seinen neuen Vertragspartnern den Cheruskern umsetzen wollte. Für die römische Expansion bot sich dieser Germanenstamm an, da sein Siedlungsgebiet an der Weserfurth und auf der Trasse in Richtung Elbe günstig lag. Aber hier ist es nötig an dieser Stelle, ein neues Kapitel in integrierter Form aufzuschlagen. Denn es ist unvermeidbar und zieht sich wie eine rote Linie durch die Germanenforschung nämlich den Versuch zu wagen, die damalige Verteilung der germanischen Stämme mit ihren jeweiligen Siedlungsgebieten in Einklang zu bringen. So müssen wir uns diesem Zusammenhang noch mit einem nahezu unverdaulichen Stamm beschäftigen. Nämlich dem der Sueben. Den Stamm der Sueben zu definieren und zu verorten um ihn dann in ein Verhältnis bzw. in ein Zusammenwirken mit den Cheruskern zu setzen, ist nicht unproblematisch. Strabo trennt sie in seiner Ausdruckswahl voneinander in dem er schreibt, dass die Cherusker, die Chattuarier und die Chatten im Vergleich zu den Sueben eher schwächere Stämme darstellen. Er erweckt damit den Eindruck Cherusker und Sueben stünden sich nicht wie Teilstämme eines gemeinsamen Großstammes gegenüber. Natürlich immer davon abgesehen, dass wir sie alle für Germanen halten. Plinius hingegen strukturiert sie über den Sammel- bzw. Oberbegriff der Hermionen. Eine Definition wo hinter man aber auch einen gemeinsamen Kulturkreis, einen Zusammenschluss, ein Zugehörigkeitsgefühl oder eine religiöse Gemeinschaft erkennen kann. In diesem Sinne führt er die Stämme getrennt auf und fasst die Sueben, Hermunduren, Chatten und Cherusker als Hermionen zusammen. Eine Bezeichnung die ich als besonders wehrhaft zu verstehen wissen möchte. Tacitus und Ptolemäus zählte die Cherusker auch nicht in klarer Deutlichkeit zu den Sueben. Wobei es irritiert, dass Ptolemäus wiederum die den Cheruskern eng benachbarten Angrivarier und Brukterer zu den Sueben rechnet, aber nicht die Cherusker. Cäsar vereinfachte es sich zunächst in dem er alle Stämme östlich der Sugambrer und Ubier als Sueben bezeichnete stellt aber dann fest, dass Cherusker und Sueben durch einen Wald, vermutlich war es der Harz voneinander getrennt wären. Jedenfalls siedelten auch bei Cäsar Cherusker und Sueben relativ nahe beieinander. Festzuhalten ließe sich, dass man in den Cheruskern sowohl einen Teilstamm der Sueben sehen könnte, gleichzeitig aber auch einen Stamm der sich seine Eigenarten bewahrt haben könnte. Letztlich werden die germanischen Stämme immer Zweck- und Notgemeinschaften gewesen sein und gebildet haben, könnten aber auch aufgrund sprachlicher Barrieren kulturelle Trennlinien aufgebaut haben. Unserem gesamten überlieferten Wissen nach zu urteilen muss das Siedlungsgebiet der Sueben eine immense Ausdehnung vom Rhein bis an die Elbe, die Ostsee und sogar bis an die Oder und möglicherweise darüber hinaus gehabt haben. Varus hätte sich demnach für einen kleinen Stamm entschieden, sich also einen leichter manipulierbaren und scheinbar bequemeren Juniorpartner an die Hand genommen mit dem er sein Werk der Provinzialisierung vollenden wollte, um sich dann für größere Aufgaben anzubieten bzw. auf sie vorzubereiten, denn er wollte seinem Kaiser gefallen. Welche Rolle dieses sich auch nach Strabo enorm großflächig verbreitete Volk der Sueben im Zuge der Geschehnissen um die Varusschlacht einnahm, ist nebulös und erforschen lässt es sich auf der Basis unserer heutigen Möglichkeiten nicht mehr. Aber Strabo war zuerst Geograph und dann Geschichtsschreiber was seine Überlieferungen insbesondere Lokalisierungen glaubhafter macht und er war auch ein Pedant, was seine zahlreichen Aufzeichnungen beweisen und so wird er auch bei seinen Angaben über die Siedlungsgebiete der Sueben nicht oberflächlich recherchiert haben. Aber wer möchte schon ernsthaft annehmen, dass sich ausgerechnet dieses nahezu gigantisch wirkende Grossvolk der Sueben mit ihren vielen Teilstämmen aus der Varusschlacht und der römischen Okkupation völlig heraus gehalten haben soll. Ein Volk, dass wenn auch untereinander in üblicher Manier eigene Interessen verfolgte aber damals einen komplexen Machtblock in Zentralgermanien dargestellt haben musste. Und trotzdem wird ihr Name von den antiken Historikern selten bis gar nicht in Bezug auf ihre Taten und Handlungen im Zusammenhang mit der Varusschlacht erwähnt. Immer nur standen die Cherusker mit ihren unmittelbar verbündeten im Vordergrund der antiken Betrachtung, aber bei den Sueben versiegten und versagten auch ihre eigenen Quellen. Die Sueben konnten sich in ihrer Gesamtheit der römischen Geschichtsschreibung vermutlich entziehen, da sie sich immer nur in Teilstämmen offenbarten. Wie und woher hätte man auch unter den antiken Historikern wissen sollen, in welchen Abhängigkeitsverhältnissen sie zueinander standen.Und trotzdem zieht sich ihr großer und heldenhafter Name durch die gesamte Welt der germanischen Forschungsgeschichte. Cäsar besiegte den suebischen Anführer Ariovist schon 58 – vermutlich auf der elsässischen Rheinseite, er sah aber ihr Stammensgebiet letztlich doch im Kern nördlich der Cherusker und von ihnen nur getrennt vom Bacensis Wald, den man für den Harz hält. Tiberius, als er noch Feldherr war siedelte rebellisch gewordene Sueben zusammen mit Teilen der Sugambrer 8 – von der rechts - auf die linksrheinische Seite nahe Xanten um und im ersten Jahrhundert siedelten Sueben auch noch in Rheinnähe nur 10 Kilometer östlich von Mannheim. Und obwohl ihre Wohngebiete vielerorts bis an den Rhein reichten, fasst man sie heute aufgrund des archäologischen Fundmaterials unter der Bezeichnung Elbgermanen zusammen. Versucht man der Existenz der Sueben auf den Grund zu gehen, oder möchte man sich darauf einlassen sie zu lokalisieren, dann schienen sie überall ihre Spuren hinterlassen zu haben und legten sich wie ein Teppich zwischen Rhein und Elbe bis zur Oder und nach Tacitus sogar von der Donau bis zur Weichsel der für andere suebische Kleinstämme falls es diese in der Germania Magna überhaupt gab scheinbar nur noch wenige Siedlungsgebiete frei ließ. Man kann den Eindruck bekommen, als ob die Sueben wie eine große schweigende Mehrheit der Germanen auftraten, die in ihrem Kern das souveräne Germanien abbildeten. Ein wie stoisch wirkendes und doch kaum in Erscheinung tretendes, aber allgegenwärtiges Volk verkörperten sie gewissermaßen das germanische Gemüt. Ein Großstamm bestehend aus Langobarden, Quaden, Semnonen, Markomannen, Hermunduren und sogar Brukterer und Angrivarier und vielen anderen. Sie treten auf wie ein umfassendes Stammesgeflecht, dass sich von der Ostsee bis mindestens an die deutschen Mittelgebirge erstreckte und schon zu Zeiten von Cäsar und Kaiser Augustus unmittelbar östlich des Rhein nachgewiesen ist. Aufgrund ihrer Substanz schien man sie kaum aus der Ruhe bringen zu können und sie ließen sich wegen ihrer Volksmasse und Ausdehnung auch von keinem römischen Imperium beeindrucken. Und letztlich sollen auch sie es im Kern gewesen sein, die unter der Sammelbezeichnung „aller Männer“ als Alemannen in die Geschichtsbücher eingingen und ab 259 + begannen die römischen Strukturen auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten aufzulösen. Teile der Sueben gelangten im Zuge der Völkerwanderung bis nach Nordspanien. Und das man heute in Spanien unter dem Wort „suave“ einen sanften und milden Charakter versteht, könnte dafür noch bezeichnend sein. Obwohl ihre Nachfahren nicht nur auf deutschen Boden in erster Linie offenbar ihre Ruhe haben wollen, trifft es die Umschreibung „rau aber herzlich“ vielleicht besser. Man kennt ja seine Wurzeln und in Westfalen, wo die Anrede „Na Du alten Drecksack“ eine liebevolle Begrüßung darstellt, gilt dass auch für die Schwaben, da lässt es sich sogar um das Wort „Arschloch“ erweitern. Man darf eben einen Westfalen oder einen Schwaben nicht in Wut oder Rage versetzen und das musste auch schon das römische Imperium oftmals bitter erfahren. Die Sueben brachten Köpfe wie Marbod und Ariovist hervor und sicherlich noch viele andere Anführer deren Namen uns nicht überliefert wurden. Vermutlich spielten sie im Hintergrund eine weitaus bedeutsamere und auch militärisch wichtigere Rolle als allgemein angenommen, aber man sollte sie behutsam anfassen. Zöge man ihre Existenz und versteckte Bedeutung stärker ins Kalkül, ließen sich möglicherweise so manche Ereignisse zwischen den Jahren 9 + und 16 + anders erklären. Die Sueben eine große germanische graue Eminenz von der die antiken Historiker zu wenig bis nichts wussten und wir daher auch nicht. Wer waren ihre Anführer und wo siedelten die einzelnen Stämme, so dass man auch schon im alten Rom bis auf den von ihnen seitlich getragenen Zopf von keiner näheren Kenntnis beleckt war. Tiberius stieß 5 + auf die suebischen Langobarden und soll ihre Macht laut Paterculus gebrochen haben, nur weil sie sich vor ihm über die Elbe in Sicherheit begaben. Eine Fluchtstrategie oder ein Reflex den alle Germanen erfolgreich beherrschten bis sie am Tag X wieder auf der Bildfläche erschienen. Aber was tat zur gleichen Zeit der nebulöse Vielvölkerstamm der Sueben, als Varus an der Weser seine Dependance errichten wollte, schaute er nur zu oder fungierte er aus dem Hintergrund heraus als eine diskrete Schutzmacht der kleineren Cherusker. Mangels wissen verorten wir die Cherusker vordringlich auf der rechten Weserseite und ihre Siedlungsgebiete im Nordharz etwa bis bis Goslar und auf unbestimmte Entfernung auch nach Norden ausgreifend. Eine Definition, die sich aber nicht mit den Angaben der antiken Berichterstattung deckt, denn demnach soll an der scharfen Abgrenzung des markanten Nordharzrandes bereits das Stammesgebiet eben jener Sueben begonnen haben, während man die Cherusker südlich dieses Bacenis Silva auch Sueven Wald genannt, annimmt. Das Grenzgebiet zwischen Cheruskern und Sueben könnte dieser Theorie nach bereits an den nordwestlichen Ausläufer des Harzes begonnen haben, wo das Land zur Elbe beginnt flacher zu werden. Dann hätte man sich etwa 60 Kilometer nordöstlich von Höxter schon nicht mehr auf cheruskischem Boden befunden. So musste es Varus zwangsläufig auch an einem guten Verhältnis zu den Sueben gelegen sein. Aber auch die suebischen Germanen die sich einst von Tiberius im Immensum Bellum über die Elbe trieben ließen um nicht Opfer seiner Kriegführung zu werden verfügten über ein gutes Gedächtnis. Und in den Köpfen der Sueben war auch immer noch der von Rom angezettelte Flächenbrandkrieg der nur vier Jahre vor der Varusschlacht zu Ende ging präsent. Varus könnte, ja müsste sogar seine Politik an der Weser mit eben diesen Sueben abgestimmt haben, wenn er seine Provizialisierungspläne langfristig ausrichten wollte. Das er in ihnen keine Bedrohung für seine im Aufbau befindliche Provinz sah zeugt davon, dass in ihnen Tiberius und somit auch Varus nicht die gleiche Gefahr sahen wie in Marbod. Man könnte davon ausgehen, dass Varus zu den Sueben nördlich des Harzes bis zur Elbe „Sonderkonditionen“ ausgehandelt hat, auf gut deutsch er musste sich tunlichst mit ihnen verständigen als „gut halten“. Und so brauchte er ihr Einschreiten auch solange nicht befürchten, wie er die Cherusker als Garant für seine Pläne auf seiner Seite wusste, denn sie waren das Bindeglied nach Osten. Eine an sich gute Strategie könnte er da gewählt haben die er sich dann allerdings im Zuge seines maßlosen Unvermögens selbst zunichte machte. Man könnte das Kräfteverhältnisse zwischen Varus und den unzufriedenen Germanen im Jahre 9 + vor der Varusschlacht so deutlich auf Seiten der Germanen sehen, dass diese sich nicht um die Unterstützung durch die Sueben bemühen mussten. Für die vermutlich an der Schlacht beteiligten Marser, Chatten, Brukterer und Cherusker waren die drei Rumpflegionen des Varus keine große Herausforderung um zusätzliche Kräfte aus größeren Entfernungen mobilisieren zu müssen. Dies wurde erst im Zuge der Germanicus Kriege erkennbar und erforderlich. Varus musste sich wie ein neuer Machthaber an der Weser nach allen Seiten absichern zumal sein abgeschmolzenes Kontingent keine Eskapaden duldete. Die Langobardischen Sueben der große Bruder der Cherusker im Nordosten, war daher nicht minder von Bedeutung als der andere Suebenstamm unter der Führung von Marbod im Südosten. Aber zwischen Langobarden und Cheruskern nördlich des Harzes siedelte noch ein weiterer mit den Langobarden verbundener suebischer Teilstamm anderen Namens. Seine Siedlungsgebiete befanden sich am Mittellauf ebenfalls westlich der Elbe. Ptolemäus rückt diesen suebischen Teilstamm in die Nähe der nicht lokalisierbaren Fosen aber auch auf die westliche Elbeseite. Jene Fosen die im engen Kampfverbund zu den Cheruskern gestanden haben sollen. Es hatte also auch einen suebischen Teilstamm gegeben der vermutlich noch näher als die Langobarden zu den Cheruskern siedelte. Die Westgrenze dieses suebischen Teilstammes könnte demzufolge in überschaubarer Distanz zu den Fosen aber auch den Cheruskern und somit auch in der Nähe von Varus gelegen haben. Ptolemäus nannte dieses suebischen Teilstamm „Sueboi Angiler“ oder „Angeiloi“ und Tacitus „Suevi Anglier bzw. Anglii“. Ein Stamm nördlich des Harzes der in engem Verhältnis zu den Cherusker aber vor allem im Verbund und Kontakt zu den anderen Suebenstämmen im Osten stand. Eine Volksmasse in denen die Cherusker eine stille Reserve gesehen haben könnten die auch ihre Existenz in Krisenzeiten mit garantierte. Aber wo begann das Siedlungsgebiet der „Angeiloi“ und wie ließe es sich verorten. Der 1527 in Antwerpen geborene Geo- und Kartograph Abraham Ortelius hinterließ uns dazu eine Landmarkierung, wo es nach seinen Vorstellungen gelegen haben könnte und nutzte dazu das ihm in seiner Zeit bekannte Wissen. Ortelius der mit Gerhard Mercator zusammen gearbeitet haben soll, haben wir auch die beste Reproduktion der Tabula Peutingeriana zu verdanken und er hatte sich auch mit den Ptolemäischen Koordinaten und den germanischen Stammesnamen beschäftigt. Er wies das Siedlungsgebiet dieser Angilier oder Angiler zum Ende des 16. Jahrhunderts auf seiner Karte die er „Germaniae Veteris“ nannte und die er 1603 erstmals drucken ließ einer Region nördlich des Harzes zu. Den suebischen Stamm nannte er darin allerdings „Angili“ und er trug ihn östlich des „Idistavus campus“ ein. Er plazierte die „Angili“ auf seiner Karte südlich der Langobarden und Dulgubiner und nördlich der Cherusker. So darf man zweifellos spekulieren und die Existenz dieser suebischen Angilier die er Angili nannte auch in Bezug zu Höxter an der Weser, genauer gesagt zu der unweit befindlichen Inschrift über den Corveyer Westwerk setzen. Also dem berühmten Satz: „CIVITATEM ISTAM TV CIRCUMDA DNE ET ANGELI TVI CVSTODIANT MVROS EIVS“ mit den bekannten Übersetzungsvarianten. “Herr, umgib diese Stadt und lass deine Engel Wächter ihrer Mauern sein.” Oder auch:
“Diese Civitates umfasse du Herr und deine Boten mögen ihre Mauern bewachen. Auf Basis dieser Übersetzungen versteht man unter „Herr“ den christlichen Gott und unter den „Angeli“ also entweder seine Boten oder Engel. Und in beiden Fällen mochte man in den „Angeli“ bevorzugt höhere oder geflügelte Wesen aber keine Abkömmlinge irdischer Art und Natur sprich Menschen sehen. Wechseln wir über in die „suebische Theorie“ die wir in Verbindung zu der Überlegung setzen, dass die Inschrift bereits in den Zeiten unter Varus in Stein gemeißelt wurde und sich nicht auf den christlichen Gott, sondern auf Kaiser Augustus bezieht. Dann hätte Varus damit möglicherweise zum Ausdruck gebracht, oder zum Ausdruck bringen wollen, dass er das Gebäude dem Schutz der starken Sueben anvertraut hat oder anvertrauen wollte. Er nahm sie mithin in die Pflicht ebenfalls diesen Gebäudekomplex zu schützen, sich für ihn mitverantwortlich zu fühlen und den Bestand mit zu garantierten. Wie weit er zu ihnen auf Tuchfühlung ging, mit ihnen vielleicht schon Vorverträge schloss, oder dabei war ein nachbarschaftliches Verhältnis aufzubauen ist denkbar, denn sie sie siedelten recht nahe zu ihm. Aber sie sollten nicht nur den Bestand dieser varianischen Principia sichern helfen, sondern auch ihre Hand über sein Tun und Wirken an der Weser gleich mit. Und wer wollte auf die Idee kommen, die strategischen Zwänge und Notwendigkeiten eines Varus in seiner Lage mit zu berücksichtigen, der gerade den mächtigen suebischen Angeiloi sein Entgegenkommen zeigen musste. Man kann natürlich für alles und jedes Argumente herbei pflücken mit denen sich auch X – beliebige Thesen stützen lassen. Warum also nicht auch dieser Theorie Raum geben und sie nicht gleich vom Tisch wischen. Varus stellte damit eine Überordnung her, bettete sich in die Welt der germanischen Stämme ein und band nicht nur die Cherusker, sondern ihren großen Partner im Osten gleichermaßen mit in seine Geschicke ein. Mit der Inschrift wurde von Varus aber auch zum Ausdruck gebracht, dass man sich den Stämmen im Osten nicht in Feindschaft annähern wollte und auch in ihnen einen möglicherweise zukünftigen Bündnispartner sah. Denn die römischen Überlegungen und Strategien gingen weiter und bereits über die Bildung einer Provinz der Cherusker hinaus und bezogen schon das Elbevorland für ihre künftigen weit reichenden Pläne mit ein. Eine langfristig ausgelegte Vorgehensweise in dem man zunächst die suebischen Anglii mit einbezog bzw. mit einbeziehen musste, da sie die schon relativ nahe liegenden Territorien im Osten bewohnten. In der Umgestaltung bzw. neuen Lesart könnte man die Inschrift nun auch wie folgt auffassen:

Kaiser Augustus umgib diese Stadt und lass die Anglii/Anglier/Angilier (statt Angeli) die  Wächter ihrer Mauern sein.”

oder

….. umfasse du Kaiser Augustus diese Civitas und die Anglii/Anglier/Angilier (statt Angeli) mögen ihre Mauern bewachen.

Es besteht etymologisch betrachtet kein Zusammenhang zwischen dem suebischen Stamm der Anglii/Anglier/Angilier und dem griechischen Namen Angelos für Bote oder Engel und das muß es auch nicht. Aber diese Theorie stellt eine neue Deutung des Urtextes dar. Ptolemäus der um 100 + geborene Zeitgenosse von Tacitus benutzte auch die Bezeichnung „Angeiloi“ für den suebischen Teilstamm der nahe den Cheruskern siedelte und er ist mit der Schreibweise des Corvey`schen „Angeli“ schon auffallend identisch. Und wenn sowohl Ptolemäus als auch Tacitus diesen suebischen Stamm mit Namen kannten, darf man davon ausgehen, dass auch Varus ihn kannte. Und Varus kannte ihn nicht nur, er suchte auch den Status Quo zu ihnen und wird ihnen auch seine Aufwartung gemacht haben (müssen). Und da gab es möglicherweise noch einen anderen Römer, einen Mann der die suebischen Angeiloi wohl noch früher vor allem aber "besser" kennen gelernt haben könnte, als Varus. Denn in den Zeiten, als Varus vermutlich noch seiner Statthaltertätigkeit in Africa nach ging könnte auch dieser Subenstamm mit dabei gewesen sein, als man den römischen Streitkäften eine eindrucksvolle Schlacht lieferte. Es war Drusus, der für Rom in den rechtsrheinischen Regionen den Frieden mit der Waffe herbei führen sollte. So stieß er im Jahr 11 - bis zu den Cheruskern an die Weser, sozusagen ins Herz der Suebenstämme vor. Einer Region aus der uns aber im Zuge seiner „Befriedungsmaßnahmen“ keine Schlachten oder Kämpfe mit den dortigen Stämmen überliefert sind. Aber hier wurde für ihn der Rückzug zum Problem, denn man stellte ihm eine Falle im Kessel von Arbalo. Der Engpass kann, da von Weser und Rhein die Rede ist dazwischen überall gelegen haben. Je weiter Drusus jedoch nach Osten vordrang um so mehr schloss man daraus, dass sich damit die Gefahr vergrößerte auch dort in das Rückzugsgefecht verwickelt gewesen zu sein und es unweit der Weser statt fand. Der Korridor durch den er auf dem Hinweg kam dürfte in etwa auch identisch mit dem Rückweg gewesen sein, bot aber nicht die topographisch günstigen Möglichkeiten wie sie östlich von Paderborn vorzufinden sind. Letztlich wird aber die Rückmarschrichtung vom Ausgangsort bestimmt und da dürfte Drusus wohl eher in Xanten sein Standlager gehabt haben als in Nimwegen. Auf dem Hinweg zur Weser bezwang er die Stämme die sich ihm entgegen stellten und warf wohl auch die nieder, die sich passiv verhielten. Sugambrische Siedlungen konnte er zwar verwüsten, aber ihre Krieger traf er nicht an. Als Drusus die Weser erreichte musste er dort vermutlich aus logistischen Gründen sowohl seinen Feldzug abbrechen, als auch die schmerzliche Erfahrung machen auf dem Rückweg noch angegriffen zu werden. Plinius der Ältere (11,17.) nannte die Örtlichkeit Arbalonem, die wir heute auf Arbalo abkürzen. Drusus hatte „fortun“ und es gelang ihm zu entkommen oder zu siegen, man weiß es nicht. Cassius Dio vermutete die Germanen hätten siegen können, wären sie nicht so undiszipliniert gewesen. Plinius der Ältere ließ es für Drusus glücklich enden, wobei seine Darstellung „prosperrime“ auch mit „günstig“ übersetzt wird. Aber auf germanischer Seite war man sich schon so sicher Drusus bezwingen zu können, dass man die erwartete Beute bereits vor dem Sieg aufteilte. Und dieser Verteilungssschlüssel verrät uns möglicherweise auch die Lage des Schlachtortes. Denn danach waren sowohl Cherusker, Sugambrer als auch Sueben am Kampf beteiligt. Man ist natürlich geneigt immer die Stämme in einer kriegerischen Auseinandersetzung zu sehen die auch in der Region ihr Siedlungsgebiet hatten. Jedoch sollte man auch nicht verkennen, dass die Krieger der Sugambrer die ihr Siedlungsgebiet eher in Rheinnähe hatten mit sicherem Abstand den Legionen des Drusus nach Osten folgten um eine gute Gelegenheit für einen Angriff zu finden. Hier bietet sich aber noch eine andere Theorie an. Das nämlich die Sugambrer ihren Feldzug gegen die Chatten abbrachen um sich im Norden gemeinsam mit anderen Germanen den Legionen des Drusus entgegen zu stellen. Bekanntlich fand Drusus die Siedlungsgebiete der Sugambrer aus dem Grund unverteidigt vor, da diese gegen die Chatten zu Felde gezogen waren. So mag es auch zur Erwähnung der Sugambrer im östlichen Hinterland gekommen sein, obwohl diese nicht an der Weser siedelten. Wer aber dort lebte waren die, ich möchte sie hier mal als suebische Cherusker ansprechen sowie die weiter östlich lebenden suebischen Angeloi. Es war eine archaisch, heterogen geprägte Zeit die keine starre Herangehensweise duldet, denn die wahren Interessenslagen und Bedürfnisse der Menschen entziehen sich unserem Vorstellungsvermögen. Aber über den Beute - Verteilungsschlüssel erfahren wir, dass man Sueben von Cheruskern namentlich trennte. Denn wir wissen, dass die Sueben im Falle eines Sieges alles Gold und Silber für sich beanspruchten, während die Sugambrer die Sklaven und die Cherusker die Pferde einforderten. Aber man machte die Rechnung bekanntlich ohne Drusus. Denn seine Kampftaktik führte dazu, dass die möglicherweise angilischen Sueben ebenso wie Cherusker und Sugambrer mit leeren Händen nach Hause ziehen mussten. Auch diese Episode erschwert wieder die Definition der Sueben. Sie waren an allen Fronten römisch germanischer Krisenherde in Zentralgermanien zu finden mal unter dem Namen Sueben mal unter dem Namen eines ihrer Teilstämme, unter dem Strich aber immer Sueben. So verwundert es nicht, dass Varus zu den Angeloi - Sueben ein besonderes Verhältnis pflegen musste, zumal er sie nicht in den „Cheruskisch Römischen Bündnisvertrag“ einbezogen hatte. (07.07.2020)