Mittwoch, 15. August 2018
Das Kastell Aliso im Fadenkreuz der Lagertheorien
Wie eine Gleichung mit zwei Unbekannten blicken wir hier auf die Varusschlacht und dort auf das rettende Römerlager, möchte man beides finden geht es nicht ohne variable Größen. Was sie in der Mathematik sind, sind in der Historie die Theorien. Und Theorien sind für Schlacht und Lager reichlich vorhanden, aber es gibt auch Hoffnung auf belastbare Fakten die sich bei der näheren Betrachtung der römischen Kastellkette zwischen Xanten bis Corvey anbieten. In der Grundtendenz hatte ich im letzten Abschnitt den Suchraum bereits eingrenzt und erste Theorien gegen einander gestellt die ich im weiteren Verlauf komplettieren möchte. Was die sehr frühe “deutsche” Historie anbelangt, bricht man sie auf die heutige Staatenbildung und den Grenzverlauf runter, so kennt die Geschichte keine vergleichbaren Ereignisse, die so lange zurück liegen und doch so eng mit einander in Verbindung stehen wie jene blutige Auseinandersetzung im “Teutoburgiensis saltus” und die Hoffnung der Überlebenden auf das rettende Lager “Aliso”. Ist die Suche nach der Kausalität auf dem Weg dahin gestört, oder sind die Stränge gebrochen führen Hypothesen schnell ins Nichts. Aber alles was man vom einen weiß, kommt der Suche nach dem anderen schrittweise entgegen. Die Vorgehensweise die ich bezogen auf die Suche nach den Örtlichkeiten der Varusschlacht gewählt habe, ist auch für das Auffinden von Aliso anwendbar. Nichts ausschließen, Details nachgehen, den Großraum nicht aus dem Auge verlieren, lesen, analysieren und Mentalitätssprünge in überkommene Denkweisen wagen. Den Marschkorridor der Varuslegionen und die Stätte an der die Streitmacht letztlich aufgerieben wurde, habe ich im Verlauf meiner Niederschrift bislang nur grob umrissen, was sich aber ändern wird. Nach dem der Rauch dieser Jahrtausendschlacht im Saltus westlich von Borlinghausen einem Eckpfeiler meiner Theorie abgezogen ist, konzentriert sich das weitere Geschehen in der Abfolge nun auf das Auffinden des unbekannten Fluchtlagers Aliso. Und damit öffnet sich das nächste Kapitel im Mythos der Varusschlacht. Der Bau von Verteidigungsanlagen lag zu allen Zeiten in den Händen der Militärs und nur strategische Gesichtspunkte entschieden darüber, wo man eine Festung errichtete, wie stark man sie ausbaute, wie umfangreich sie zu sein hatte und wie viel Soldaten sie Platz bieten sollte und alles richtete sich nach der Gefahrenlage und der dafür nötigen Schlagkraft. Wie ich im letzten Abschnitt darstellte erscheint das römische Hafenkastell Anreppen wie ein deutlicher Fingerzeig nach Osten. Da die tägliche Marschleistung einer römischen Legion zwischen 20 und 25 Kilometern lag, gewinnt man eine ungefähre Vorstellung wo sich das nächste Marschlager in östlicher Richtung befunden haben könnte. Das varianische Sommerlager einschließlich seiner infrastrukturellen Komplexe konzentrierte sich nicht nur nach meinen Überlegungen auf Corvey und gruppierte sich weiträumig um die ehemalige Abtei und die Nethemündung. Wollten die Ritter des Imperiums von diesen Stützpunkten an der Weser an den Rhein, so bevorzugten sie dafür den seit Vorzeiten existierenden alten Hellweg von Höxter über Paderborn, Anreppen, Geseke und weiter. Der westfälische Hellweg nach Osten der sich ab etwa Dortmund bündelte blickte, als sich Rom anschickte seine Kultur nach Mitteleuropa zu exportieren schon auf eine lange Nutzungszeit zurück und er war keine römische Erfindung. Den Ausbauzustand um das Jahr 9 + dürfte man, wie diverse Funde bestätigen bereits als marschtauglich und den Zeiten angemessen passabel bezeichnen. Und ich verweise hier gerne noch mal auf die umfangreichen Recherchen die Heribert Klabes angestrengt und später veröffentlicht hat. Der Hellweg war eine sehr geschichtsträchtige Verbindung von Osten nach Westen zwischen Lippe und Weser den alle römischen Feldherrn und Legionskommandanten im 28 Jahre währenden Germanenkrieg zwischen 12 – und 16 + gekannt und genutzt haben dürften, weil er die kürzeste Verbindung zwischen zwei wichtigen Flüssen darstellte. Und die Rund 60 Kilometer von Anreppen nach Höxter ließen sich mit “nur” zwei Marschlagern gut überbrücken. Nachdem ich im letzten Abschnitt der Frage nach dem für und wider sich anbietender Theorien nachgegangen bin und die Überlegung aufgriff, wann das Lager Aliso aus dem Nebel der Geschichte getreten sein könnte, standen für mich das frei gelegte Lager Anreppen als gesetzt an der Spitze aller Hypothese und es folgten danach die antiken römischen Hinweise auf eine Reihe anderer noch unentdeckter Kastelle die sich auf den Raum Ostwestfalen konzentrieren. Allerdings hatte ich im Zuge meiner Analysen im letzten Kapitel das Lager Anreppen als möglichen Standort für Aliso ausgeschlossen. Aus meiner Sicht verbleiben jetzt nur noch vier römische wohlweislich noch nicht gefundene Lager, auf die sich meine Alisosuche focussiert. Aber eine gemeinsame Verbindung vereint alle vier Standorte, nämlich der jeweils übergeordnete Hinweis darauf, dass sie sich innerhalb des Stammesgebietes der germanischen Brukterer befanden was sich zwangsläufig aus der Tatsache ergibt, dass die Lippe der Fluss der Brukterer schlechthin war, und nach alter germanischer Sitte alle in die Lippe mündenden Gewässer bis zu den Quellgebieten in den Höhenlagen zunächst mal einen Anspruch darauf hatten als Stammesgebiet der Brukterer zu gelten. Der westlich von Schwaney befindliche Broxter Berg wird von der Heimatforschung auch als Bruchterer Berg bezeichnet. Und diese Erkenntnis reduziert ein weiteres mal den Aliso Suchraum. Es beschränkt ihn jetzt nur noch auf einen Bereich, der sich längs und im Umfeld der Hellwegs Trasse ausbreitet und zwar so weit, wie aus ihm die Zuflüsse kommen die in die Lippe entwässern. Dieser Korridor gestaltet sich wie ein langes schmales Rechteck was in Anreppen ansetzt und sich etwa 25 Kilometer nach Osten bis Schwaney erstreckt. Was die Lagerkomplexe anbelangt so reduzieren sich diese jetzt noch auf das von mir als Lager Arbalo” bezeichnete Kastell am Zusammenfluss von Lupia (Lippe) und Elison, dass Drusus im Jahre 11 – auf dem Rückzug von der Weser an den Rhein “Vor der Stirn der Feinde “ errichtete. Es bleibt Favorit für die Alisoforschung, zumal das zweite von Cassius Dio als rheinnahes Lager bezeichnete Kastell aufgrund des Dendrodatums wohl mit dem Römerlager Oberraden identisch sein dürfte. Dann das “Winterlager” am Beginn der Lippe, (ad caput Juliae fluminis) welches Tiberius im Jahre 4/5 + nach dem Ende des Immensum Bellum errichtete oder wieder herrichtete, wenn es Aliso war. Das Lager “bei den äußersten Brukterern”, dass Germanicus im Jahre 15 + aufsuchte oder es neu errichtete und von wo aus er die Knochenbestattung im Saltus vornahm sowie das “Entsatz Lager”, das offenbar von römischen Legionären besetzt war, das Tiberius auf seinem Zug die Lippe aufwärts erreichte und das er von belagernden Germanen befreien musste, noch bevor er danach im Frühjahr 16 + zur Doppelschlacht Idistaviso und Angrivarierdamm aufbrach. Und immer wird die Lippe zum “sprechenden” Fluss der Alisoforschung. Befände sich im unmittelbaren Umfeld von Anreppen bzw. ohne Flusskontakt in östlicher Nähe dazu das gesuchte Aliso, so hätte es ein fast in Sichtweite zu Anreppen liegendes ebenfalls genauso wehrhaft ausgebautes Zweitlager keinen strategischen Vorteil geboten, denn die römischen Militärs hätten zwei Lager personell bestücken und in einem verteidigungsfähigen Zustand halten müssen. Man könnte sich also auf die Diskussion einlassen, dass es im Umfeld von Anreppen bis einschließlich der Paderquellen kein zweites Lager gab, dass mit Anreppen konkurrieren konnte, zumal die Lippe oberhalb von Anreppen ihre Schuldigkeit als Wasserstraße getan hatte. Da die Versorgungskette der Lippelager aber nicht am Fluss endete, sondern ihre Fortsetzung auf dem Landweg erfuhr, könnte sich Aliso hinter dem ersten östlich von Anreppen befindlichen römischen Etappenlager verbergen. Den Horizont dafür liefert uns die tägliche Marschleistung einer römischen Legion von etwa 2o – 25 Kilometern. Da uns dafür der römisch/westfälische Hellweg die Richtung nach Osten anzeigt, kann man dieser Fährte nach spüren, denn der Verlauf des Hellweges ist relativ gut erforscht bzw. rekonstruierbar und die Paderquelle an der er vorbei führte war zu allen Zeiten schon eine wichtige Versorgungsstation. Durch das östliche Stadttor von Paderborn, das Gierstor strebte der Hellweg dann weiter der Eggekante zu, wo er uns auf der Karte des preußischen Generalmajors Le Coq unter der Bezeichnung “Auf dem Hellen Wege” überliefert ist. Nördlich der “Pamelschen Landwehr Warte” kreuzte er die alte Paderborner Landwehr die hier parallel zum späteren Eggeabbruch, wie es durch die veränderte Landschaft vorgegeben ist, einen fasst linearen Nord/Südverlauf nahm. Am “Kreutz auf dem Henck” einem alten Richtplatz schwenkt der Hellweg auf Schwaney zu, schlägt nach dem er durch die Westtorstraße in den Ort führt einen südlichen Bogen um Schwaney und mündet dann in die Neuenheerser Straße. Das Schwaneyer Heimatbuch kann es besser formulieren, denn darin schrieb schon Heinz Küting sehr anschaulich “ Vom Gierstore der Paderstadt aus folgte der Hellweg zunächst bis zur Gaststätte “Eulenbrok” der Driburger Straße, wandte sich dann mit gut zwei Kilometern Länge nach Südosten durch die Paderborner Feldmark, lief weiter in östlicher Richtung nahe an der “Pamelschen Warte”, dem Eckpfeiler der früheren Paderborner Landwehr vorbei und strebte in stetiger Steigung dem Henge zu, wo sich seine alte Spur zwischen den beiden Schwaneyer Gehöften Schnitz (Schulten) und Bentler (Fläoherns) noch gut verfolgen lässt. Vom Henge ging der Hellweg recht abschüssig südlich am "Kapellenbaum" vorbei. Zu Tal durchquerte er südlich der Schwaneyer Mühle in breiter, flacher Furt den Ellerbach und erreichte in Höhe von "Breukers Linde" den Westrand der alten Siedlung Ecwordinchusen. Deutlich steht die weitere Spur des Weges heute noch in der Schwaneyer Gemarkung. Er führte unter der "Mergelkuhleu” vorbei, über die "Niggenstadt", durch die "Deifriecke" und von hier auf den breiten Weg, der über "Kuoksbiäg" läuft und auf die Straße Schwaney -Neuenheerse mündet. Die weitere Linienführung des Hellweges ging über die "Bähernbiecke", nördlich am Gehöfte Bentler (Hanjürken) vorbei. Dann den "Römergraben" entlang und über die heutige Bahnlinie Buke - Neuenheerse, um dann der sehr breiten Waldschneise zu folgen, die durch den Forstdistrikt "Netenberg" (Neitmerg) verläuft und bald auf den alten Eggeweg stößt, wo der Hellweg den Kreis Paderborn verließ. Auf dem Klusenberge erreichte er den nördlichsten Zipfel des Kreises Warburg und lief über Schmechten und die Wüstung Osterhusen zum Dorfe Riesel wo er noch als "Paderborner Weg" bekannt ist. Das nächste Streckenstück führte nach Brakel und von dort zur Weser. Neuenheerse und Dringenberg aber auch Driburg lagen nicht unmittelbar oder mittelbar am Hellwege. Auf der Höhe des Klusenberges zweigte ein Weg zum Netheborn und damit nach Neuenheerse und Willebadessen ab, ein gleicher nahe der "Antonius Kluskapelle" durch die "Fiddelen" (Fiele) nach Dringenberg und Gehrden”. Östlich von Schwaney wo die Egge abfällt orientierten sich die antiken Architekten und Bauherren nicht mehr nach den vorhandenen Siedlungsnestern oder den Gehöften der Einheimischen, sondern wählten die topographisch beste Streckenführung um am Bequemsten und Schnellsten nicht nur die römische Carruca an die Weser zu ziehen, denn ihre Überlegungen wurden von zügigen Truppenverlegungen geleitet. Den römischen Hellweg hätten wir daher nicht dort zu suchen, wo ihn später das Mittelalter in die Nähe der Dörfer hin verschob, sondern in einer Region, die uns vielleicht auf den ersten Blick nicht wie eine antike Verkehrsverbindung vor kommen mag. Die Egge östlich von Schwaney verfügt nahezu über ein Eldorado an Verkehrswegen seien es alte Hohlwege oder Straßen mit Asphaltdecke und kaum eine Mittelgebirgslandschaft in Deutschland kann mit diesen Bündeln an alten und neuen Straßen und Wegen mithalten. Abgesehen von den prähistorischen heute unkenntlichen Verbindungen folgte die römerzeitliche Südtangente, die dank Heribert Klabes in Teilen aufgespürt werden konnte. Etwas nördlich davon verläuft der mittelalterliche Hellweg und nördlich dieses Weges schließt sich der alte Landdrostenweg an. Dazwischen unterbrechen bzw. kreuzen die modernen Straßen wie die Landstraße von 1848 oder die L 828 und natürlich die Eisenbahntrasse die Altstraßen. So konzentrieren sich auf die Region am Hellweg um Schwaney viele Überlegungen die dort römische Stützpunkte in Form von Marschlagern oder Kastellen vermuten lassen. Viele bereits verstorbene Historiker des 19. und 20 Jhd. verfolgten diese Gedanken schon zu ihren Lebzeiten auch ohne das sie auf die modernen Forschungsmethoden zurück greifen konnten. Einen römischen kastellartig ausgebauten Außenposten am Rande des Siedlungsgebietes eines germanisches Stammes wie dem der Brukterer sucht man immer an einer exponierten Stelle und sicherlich nicht auf halber Strecke zwischen zwei bedeutungsvollen Landmarken wie der Lippe bei Anreppen und dem Eggeabbruch bei Schwaney sondern im Bereich eines Gebirgsaufwurfes. Wo sich Mensch und Tier aufmacht einen steilen und gefahrvollen Abstieg zu bewältigen, da sammelt man noch mal all seine Kräfte, ordnet den Tross, zäumt die ausgeruhten Tragetiere, formiert die Milizionäre und gibt die Befehle aus um im Morgengrauen auszurücken. Umgekehrt kommt in Schwaney jede vom Aufstieg ermüdete und durstige Transportkolonne an. Kraftlos und erschöpft wird ihnen der freie Blick nach Westen das Gefühl vermittelt haben nun das Gröbste hinter sich zu haben. Nahe Schwaney an einem gesicherten Platz ausgestattet mit den nötigen Versorgungsgütern samt Frischwasser verharrte man, bevor es dann sowohl in die eine als auch in die andere Richtung weiter gehen sollte. Das große Materiallager am römischen Flusshafen Anreppen lag auf 89 Meter ü.d.M. und die Schwaneyer Passhöhe erreichte man etwa bei der Kirche St. Johannes Baptist, wo man sich auf 262 Meter ü.d.M. befand. Von dort bis zum Brakeler Marktplatz stieg man auf 141 Meter ü.d.M. ab, aber am “altum” der Schwaneyer Passhöhe kam man nicht vorbei. Der Ortsbezeichnung Schwaney aus dem 14. Jhd. gehen die älteren Bezeichnungen Ecwordinchusen bzw. Ecwardeshusen aus dem Jahr 970 voraus. Ins heutige übersetzt könnte man die Örtlichkeit möglicherweise Eggewartehausen nennen. Der Hinweis auf eine Warte, also in diesem Fall eine hohe Warte als Teil einer Wehranlage von wo aus Signale gesendet werden konnten um Vorwarnzeiten zu verlängern passt in die Topographie der Schwaneyer Höhenlage und auch noch weit in die Zeiten nach der römischen Besatzung. Auch eine Warte die etymologisch in Verbindung mit dem althochdeutschen Wort “uuardu” und dem Wort “warta” steht bzw. einem Wartturm könnte es bei Ecwardeshusen gegeben haben. Im Ortsnamen Ecwordingchusen steckt aber auch der sicherlich schon in germanischen Zeiten verwendete Vorname Ekward oder Eckewart, der davon abgeleitet werden könnte, dass der Namensinhaber eine bewachende oder schützende Funktion ausübte. Ecwordinchusen das heutige Schwaney wird dieser Bedeutung aufgrund seiner besonderen Lage gerecht. Seit jeher suggeriert uns die Heimatforschung, dass das römische Kastell Aliso in nächster Nähe oder möglichst unmittelbar am Ufer eines Flusses gelegen haben muss, was immer wieder Assoziationen zu Örtlichkeiten wie Ringboke, Anreppen, Paderborn - Elsen, Schloss Neuhaus, Lippstadt oder Oberraden weckte. Und obwohl das keltische Alesia zwar eine Stadt und kein Kastell war, lag auch Alesia nicht unmittelbar am Ufer eines Flusses. Aliso war kein Hafenkastell sondern ein militärischer Stützpunkt und daher gelten für Aliso auch andere Voraussetzungen. Maßgeblich für römische Lager waren das Vorhandensein ausreichender Frischwasserzufuhr und dies war nicht unbedingt auf einen Flusslauf beschränkt. Und Schwaney lag auch nicht allein im Zentrum einer Ostwestverbindung, denn Schwaney war auch als Nord/Süd Tangente in Fortsetzung des Eggehöhenweges bis nach Horn und darüber hinaus von Bedeutung. Wer nicht von der Egge nach Osten absteigen wollte, der blieb in der Höhenlage und musste Schwaney passieren. Ein Aliso im Raum Schwaney erfüllte daher auch die wichtige Funktion eines Drehkreuzes. In Schwaney bewachte das Imperium beide germanischen Verkehrswege und konnte an dieser Stelle sowohl den Nachrichten- als auch den Verkehrsfluss kontrollieren aber auch unterbrechen. Eine bedeutsame Schnittstelle wenn man in Gegenden operieren will, die Menschen dem Imperium nicht immer freundlich gegenüber gesonnen waren. Der Wasserversorgung fällt im Raum Schwaney eine elementare Bedeutung zu, daher gehört diese Frage auch an die erste Stelle gesetzt. Aber über einen Mangel an Wasser braucht man sich in Schwaney seit jeher nicht beschweren. Denn die Egge zählt zu den niederschlagsreichsten Bezirken Westfalens, wo der Jahresdurchschnitt bei etwa 1.000 mm liegt. Bäche, Quellen, Zuläufe, Quellsümpfe, Karstquellen, Moore alle Wasser führenden und speichernden Systeme rund um das Medium Wasser waren im Zusammenspiel von Bedeutung für die Errichtung eines Höhenkastells und waren allgegenwärtig. Vier Kilometer südlich von Schwaney entspringt in 317 Meter Höhe der 28 Kilometer lange Ellerbach der einen Einzugsbereich von etwa 91 Quadratkilometern aufweist. Während der Ellerbach in Schwaney durch diverse kleinere Zulaufbäche übers Jahr relativ zuverlässig Wasser führt, kann er wegen des verkarsteten Untergrundes im Sommer im Unterlauf völlig versickern bzw. trocken fallen. Während sich heraus gestellt hat, dass das Beke Wasser von Buke aus durch den karstigen Untergrund in Lippspringe zu Tage tritt, liefert der Ellerbach von Schwaney untergründig das Wasser für die Paderquelle. Die in früheren Zeiten rätselhaften hydraulischen Bedingungen der karstigen Paderborner Hochfläche im Zusammenwirken mit dem Tieflandfluß Lippe können Hinweise liefern, wenn man im Schwaneyer Ellerbach den Elison sehen möchte. Auch die berühmte Bollerbornquelle die über die Beke der Lippe ihr Wasser zuführt galt schon unter den alten Historikern als der Ort, an dem Karl der Große 772 auf wundersame Weise mit dem hervor tretenden Wasser seine Franken erfrischen konnte. Cassius Dio überliefert uns, dass der Elison mit der Lippe zusammen fließt ohne uns in diesem Zusammenhang den Namen Aliso zu nennen, da wie ich denke Titus Livius sein Informant ihn (noch) nicht kannte und bei Ptolemäus wird der Elison Aleison oder auch Eleison genannt. Aus der Tatsache, dass die Paderquelle mit dem Wasser des Ellerbaches die Lippe mit der dreifachen Wassermenge speist, als diese selbst mitführt ziehe ich die Schlussfolgerung, dass dies auch den römischen Wasserbauern bekannt war da sie in diesen Zeiten noch eine unverbaute und ursprünglich strukturierte Landschaft vorfanden und auch auf das Wissen der bodenständigen Bevölkerung zurück greifen konnten. Für das Imperium war demzufolge dieser ergiebige Zufluss nicht die Pader sondern die Lippe. Den römischen Hydraulikern war der geologische Situation von der karstigen Landschaft Sloweniens um die römische Festung Ad Pirum im Triester Hinterlandes bestens bekannt. Sie folgten dem ominösen Wasserzufluss und stießen anhand ihrer Berechnungen letztlich auf der Paderborner Hochfläche auch auf das was sie suchten nämlich auf das Ursprungsgewässer, den Ellerbach. Die Stelle an der der Ellerbach zur Lippe wurde war der Zusammenfluss des Elison in die Lippe. Nun kann man darüber streiten wo man den den Zusammenfluss verorten möchte. So könnte der Ellerbach im Raum Schwaney auch gestaut worden sein, sodass man dem Ellerbach den Namen Lippe gab, als sie dieses Gewässer, vielleicht die Pferdetränke von Aliso verließ. Ob dieses Gewässer allerdings dem robusten Höckerschwan als Brutgebiet gedient hat woraus sich der Name Schwaney entwickelt hat ist zweifellos hochspekulativ. Möglicherweise existierte aber dieses Gewässer noch über einen längeren Zeitraum und es entstand aus der Erinnerung daraus im Mittelalter der Name Suanecghe, denn ein für diese Zeiten erwähntes bischöfliches Wasserschloss kommt bekanntlich auch nicht ohne Wasser aus. Östlich des Limberges vorgelagert befanden sich noch 1750 drei große fürstbischhöfliche Fischteiche befanden, was auch für Wasserreichtum spricht. Aber für genügend Wasser sorgten immer schon die Quellen der Kumbike, die mitten in Schwaney ganzjährig sauberes Trinkwasser mit 7 + Grad ausstießen. Nach römischer Vorstellung entsprang die Lippe demzufolge nicht in Lippspringe sondern im Eggegebirge. Römerzeitlich änderte der Ellerbach also der Elison seinen Namen in Lippe erst ab dem Moment, wo er das Kastell Aliso bei Schwaney verließ. Die Einheimischen nannten ihn immer schon wegen der vielen Erlen an seinen Ufern Ellerbach auch nachdem er Schwaney verlassen hatte. Für Rom aber war es die Lippe. So war der Oberlauf der Lippe ab dem heutigen Lippspringe der erste Lippezufluss, die Pader war die eigentliche Lippe und die Alme der zweite Lippezufluss. Damit böte sich die erste von mehreren Erklärung für jenen Ort, den Cassius Dio gemeint haben könnte und an dem er uns ein Lager nach der Schlacht von Arbalo bezeichnet hinter dem ich Aliso sehe. So weit so gut, aber wo war Aliso ? Die südlich an Schwaney angrenzenden Ländereien nennen sich “Unter dem Saule”. Ob sich dahinter das althochdeutsche Wort “sul” verbirgt, dass u.a für Säule oder für einen heidnischen Opferplatz steht ist fraglich und liefert nicht den gewünschten Hinweis in die Römerzeit. An die zweite Stelle auf der Suche nach Aliso möchte ich das tiberianische Winterlager rücken. Als sich Velleius Paterculus am Schreibtisch niederließ um seine Erfahrungen und Erinnerungen aus den Kriegsjahren zusammen zu fassen, erging es ihm nicht anders als Tacitus bei seiner Suche nach einer treffenden Bezeichnung für den “Teutoburgiensi saltu”. Auch Velleius Paterculus musste einer Region besser gesagt dem Standort des tiberianischen Winterlagers einen Namen geben um es zu kennzeichnen und für die interessierte Nachwelt zu fixieren. Obwohl sie es kannten, haben uns die germanischen Einwohner für dieses Winterlager keinen Namen hinterlassen, ebenso wie es auch Cassius Dio nicht tat. Folglich musste auch Paterculus eine Örtlichkeitsbeschreibung hinterlassen und dieses sprachliche Vakuum in lateinischer Sprache füllen bzw. es umschreiben um es fassbar zu machen, ganz so wie es auch Tacitus machte. Ob Paterculus seinen Feldherrn Tiberius auf seinem Feldzug im Verlauf des Immensum Bellum begleitete, als dieser in den Jahren 4 + /5 + dieses besagte Winterlager in Ostwestfalen errichten ließ, ist nicht bekannt. Nach den Kämpfen in Ostwestfalen im Zuge des Immensum Bellum also des gewaltigen Krieges treffen wir jedenfalls beide, den Feldherrn Tiberius und seinen Stabsoffizier und Reiterpräfekten Paterculus kurz darauf in den Jahren zwischen 6 + und 9 + gemeinsam in Illyrien an, wo sie mit der Niederschlagung des pannonischen Aufstandes einen neuen Kampfauftrag zu erfüllen hatten. Und erst nachdem sich in Pannonien wieder der Schlachtenlärm verzog, ist in den Jahren von 9 + bis 11 + auch die Anwesenheit sowohl von Tiberius sowie von Paterculus in Germanien belegt und wohl auch gefragt. Tiberius musste sein Engagement in Germanien für den Pannonienaufstand unterbrechen um nach der Varuskatastrophe sofort wieder an die Germanenfront zurück zu eilen. Paterculus plante eine größere schriftliche Veröffentlichung zu der es aber nicht kam, so dass wir nur über wenige Bruchstücke seiner Überlieferungen verfügen. Wann er seine Zeilen niederschrieb ist nicht bekannt. Da er bis 11 + in Germanien weilte und 30 + verstarb könnte er es innerhalb dieser 19 Jahre umgesetzt haben. Er kannte sowohl Germanien als auch Pannonien aus eigener Anschauung und in seine Berichte flossen sein ganzer Wissenstand jener Zeit ein. Er wird gewusst oder von Tiberius während des gemeinsamen Pannonieneinsatzes, an dem ja auch Arminius teilgenommen haben soll erfahren haben, wie sich die letzten Ereignisse der Jahre 4 + bis 5 + in Germanien zugetragen hatten. Und er wird daher auch gute Kenntnis darüber besessen haben, wo sein Feldherr Tiberius ein Winterlager inmitten ( mediis finibus) von Germanien errichtet hat. Tiberius konnte und wollte die Errichtung eines winterfesten Lagers letztlich nicht vermeiden, da er jahreszeitlich sehr spät seinen Germanienfeldzug begonnen hatte, wie es heißt. Aber die Lage des Winterlagers hat uns Paterculus noch überliefern können, denn es befand sich zwar nicht wie das andere Lager am Zusammenfluss von Lippe und Ellerbach sondern diese Mal “ad caput Juliae fluminis”. Paterculus und Tiberius kannten sich gut und Tiberius wird ihm die Örtlichkeit und Lage des Winterlagers für seine Aufzeichnungen beschrieben haben. Aber aus seiner Überlieferung “ad caput Juliae fluminis” geht der Name Lupias für die Lippe nicht hervor. Cassius Dio überliefert uns die oder den Lupias bereits für das Jahr 11 - als Drusus nach der Arbaloschlacht ein Sperrlager dort errichtete, wo aus Elison und Lupias ein Fluss wurde. Wenn der Lupias bereits seit dem Jahre 11 - im Imperium ein Begriff war, sollte der Fluss Lupias natürlich auch Paterculus bekannt gewesen sein. Paterculus brauchte sich daher mit seinem Hinweis auf das tiberianische Winterlager auch nur auf den Quellbereich dieses allen bekannten Flusses Lupias beschränken und verzichtete auf die Namensnennung Lupias. Diesen Quellbereich beschrieb er daher nur mit den Worten “ad caput” und nennt den Fluss daher auch nur allgemein gehalten“fluminis”. Paterculus wollte es aber nicht bei dem einen Hinweis auf den Quellbereich dieses “fluminis” belassen. Ihm war es wichtig auch eine Beschreibung zu hinterlassen, wo sich genau dieser Quellbereich, Oberlauf oder Kopf befand, an dem Tiberius das Winterlager erbauen ließ. Das Winterlager befand sich wie ich bereits schlussfolgerte nicht in Anreppen, da das Römerdepot Anreppen unmittelbar am Lippelauf liegt, wo kein Kopf und keine Lippequellen (ad caput) existieren. Dort ist übrigens auch kein “Elison” Zulauf weit und breit vorhanden. Aber bei beidem, sowohl dem Lager nach der Arbaloschlacht 11 -, als auch beim stabilen Winterlager des Tiberius 4/5 +, dass Caedicius im Jahre 9 + auch nur wegen seiner Stabilität und guten Verteidigungsfähigkeit so lange halten konnte, kann es sich gut um Aliso gehandelt haben. Paterculus als auch Cassius Dio und Tacitus halfen uns bei der Suche in dem sie uns alle plausible Informationen hinterließen. Was bei Tacitus der “saltu” also die außergewöhnliche Waldschlucht im Land der Teutoburgen war, bei Dio die Zusammenflussbeschreibung ist bei Paterculus die bzw. der “Juliae”. Auch wenn man schon im 16. Jhd. annahm, es läge ein alter Schreibfehler vor, in dem es nicht “Juliae” sondern “Lupiae” hätte heißen müssen, so muss man diesem Gedanken nicht unbedingt auch noch 400 Jahre später folgen, ohne ihn infrage stellen zu dürfen. Denn “Juliae” war in antiker Zeit ein Begriff und das nicht nur weil dem Namen der berühmte Julius Cäsar zugrunde lag. Aliso und Juliae hatten eines gemeinsam, denn beides waren Kastelle in Verbindung mit einer Etappenstation an einer wichtigen Militärstraße. Aliso lag an der “Via Gemina” dem Hellweg von Paderborn nach Höxter. Und Juliae war ebenfalls ein Stützpunkt an einer wichtigen Straßenverbindung, allerdings der “Via Gemina” die schon unter Julius Cäsar begonnen, aber erst unter Augustus vollendet wurde. Die Via Gemina war die mühselige Landverbindung von der Strabon berichtete, dass man auf ihr die Frachtgüter von Aquileia am Mittelmeer mit Lastfahrzeugen durch ein Karstgebirge ähnlich der Paderborner Hochfläche schaffen musste, bevor sie dann später die Flüsse Laibach und Save erreichten und von dort per Schiff weiter nach Osten transportiert werden konnten. Die Passhöhe wurde am Nordrand dieser Karstlandschaft und am Südostrand der Julischen Alpen im Birnbaumer Wald erreicht und in der Antike nannte sich die Großregion „Julische Alpen“ also auch die Gebirge im heutigen Slowenien. Das tiberianische Winterlager Aliso hingegen, also das Lager “vor der Stirn der Feinde” wie es Dio ausdrückte, befand sich ebenfalls auf einer Passhöhe und zwar an einer Stelle, wo man von der ansteigenden Paderborner Hochfläche ins Nethegau und zur Weser abstieg. Auch hier musste man um von einer Wasserverbindung, also der Lippe zur anderen der Nethe/Weser zu gelangen, ein Gebirge bzw. eine Passhöhe überwinden. Der Birnbaumer Pass ist bis in die heutige Zeit einer der wichtigen Gebirgspässe in den östlichen Alpenraum. Diese Passstraße musste stellenweise in den Fels gehauen werden und wurde im Laufe der Zeit mit ausgefahrenen Gleisrillen und auch Treppenstufen für die Tragtierkolonnen versehen. Gleisrillen, wie sie auch am Eggeabstieg östlich von Schwaney festgestellt wurden. Diese Militärstraße durch den Birnbaumer Wald wird in der Tabula Peutingeriana als “alpe Iulia” bezeichnet und „in Alpe“ steht begrifflich für Passstationen ist aber auch als Etappenstation überliefert. Die ersten Wallanlagen und Wachtürme auf der Passhöhe der Julischen Alpen am Übergang “alpe Juliae” bzw. “ad Pirum” ( Zum Birnbaum) gehen auf das Jahr 6 + zurück. Vermutlich schon in diesem Jahr und nur ganz kurz nachdem er in Ostwestfalen sein standsicheres Winterlager verließ, überquerte Tiberius gemeinsam mit Paterculus auf dem Marsch ins pannonische Aufstandsgebiet den Birnbaumer Pass und es offenbarten sich Tiberius die strategischen Ähnlichkeiten und Parallelen zum Aufstandsgebiet des Immensum Bellum in Ostwestfalen. Denn auch die Via Gemina ist wie der Hellweg die wichtigste und schnellste Verbindung zwischen dem römischen Kernreich und den umkämpften Provinzen Pannonien und Dalmatien bzw. in unserem Falle Ostwestfalen. Paterculus übernahm nach dieser topographischen Übereinstimmung die Bezeichnung “Juliae” und verwendet sie im Zusammenhang mit dem ostwestfälischen Winterlager. Er orientierte sich daran, was ihm Tiberius, um es mal romanhaft erscheinen zu lassen auf dem langen Ritt in den Osten über die aktuelle Lage in Germanien mitteilte, denn die Feldherren und Herrscher in allen Zeiten achteten um sich unsterblich zu machen immer auf einen engen Kontakt zu ihren Biographen. Tiberius war planerisch äußerst weitsichtig. Dies bewiesen nicht nur seine späteren Limes artigen Sicherungsmaßnahmen östlich des Rheins sondern auch seine Vereinbarung mit Marbod vor seinem Abzug in das Kriegsgebiet nach Pannonien. Er wollte nach den langen Kämpfen in Ostwestfalen keinen Krisenherd hinterlassen, dafür war er nicht angetreten. So war ihm wohl daran gelegen für die Zeit danach Stabilität zu garantieren und auch ein festes Winterlager zu hinterlassen. Ein Winterlager, das einem späteren Gouverneur als Basis für die weitere Befriedung von Germanien dienlich sein konnte und sollte. Das es einmal ein Feldherr Varus nutzen würde, war ihm damals vermutlich noch nicht bekannt. Dem Statthalter sollte jedenfalls eine befriedete, gut vorbereitete also Übernahme reife Provinz hinterlassen werden. Ganz so wie es auch Paterculus ausdrückte, als er schrieb, dass es dort nichts mehr zu erobern gäbe. Im Buch “Die Ehre Dess Hertzogthums Crain” von Johann Weikhard von Valvasor aus dem Jahre 1689 wird die Passhöhe an der Militärstraße nach Pannonien als “Alpes Juliae” bezeichnet die im heutigen italienisch “Alpi Giulie” lautet. In der Übersetzung könnte “ad caput Juliae fluminis” demnach “am Quellbereich des Flusses an der Paßstation Juliae” bedeuten. So befand sich auch für Paterculus wie bei Cassius Dio der Quellbereich des allen bekannten Flusses an der Stelle an der die Lippe Schwaney verließ. In Ostwestfalen war der “Birnbaumer Wald” die Egge und die Passhöhe der “alpe Juliae” die Region um Schwaney. Und demnach befand sich der “ostwestfälische Julierpass” im Gebiet der äußersten, oder vielleicht besser gesagt der am östlichsten siedelnden Brukterer. Bei der Errichtung des Winterlagers verhielten sie sich noch ruhig und man befürchtete in diesen Zeiten noch nicht, dass von ihnen eine Gefahr ausgehen könnte. Anders verhielt es sich später, wenn man von den äußerten östlichen Brukterern in das Stammesgebiet der “äußersten westlichen Cherusker” absteigt. Dieser zweiten Spur zum Kastell Aliso schließt sich nun der Besuch von Germanicus im Jahre 15 + an. Nach den beiden zuvor geschilderten Theorien ist die Knochenbeisetzung von Germanicus aufgrund der besseren Quellenlage dank Tacitus zweifellos das beste Argument für ein Aliso bei Schwaney und ich erspare mir daher auch an dieser Stelle auf die hinreichend vorhandenen Kausalitäten einzugehen. Aus dem Jahr 16 + ist uns ein weiteres römisches Lager überliefert. Germanicus drang dahin vor indem er von der Bataverinsel aus auf Schiffen über die Ems in den ostwestfälischen Raum gelangte. Germanicus suchte dieses Lager mit immerhin sechs waffenstarrenden Legionen auf bevor er dann sein komplettes Heer in die Schlacht von Idistaviso warf. Seinen Legaten Silius kommandierte er noch vorher ab um die Chatten vom Eingreifen in diese Schlacht abzuhalten. Die chattischen Siedlungsgebiete begannen nach meinem Dafürhalten in der Region ab Warburg aber sie entkamen Silius wegen angeblicher Regenfälle, so dass er sie nur abschreckend abdrängen konnte. Warum der Chattenfürst Arpus und seine Frau allerdings nicht die Flucht ergriffen ist nicht bekannt. Vielleicht zeigten sich im chattischen Fürstenhaus ähnliche Spannungen und Zerwürfnisse wie bei den Cheruskern und Arpus wähnte sich bei den Römern sicherer als bei seinen eigenen Stammesgenossen. Vergessen wir nicht das gespaltene Verhältnisse der Chatten innerhalb der germanischen Welt, denn es war ein Chatte der Tiberius nach Norden begleitete und es war ein Chatte der sich anbot Arminius zu töten.Was aus Arpus nach dem Triumphzug in Rom wurde wissen wir nicht, vermutlich hatte er sich verkalkuliert. Das Silius im südlichen Grenzgebiet zu den Chatten operieren konnte zeigt, dass die gewaltige römische Heeresmacht Eindruck hinterließ, die Germanen kein Risiko eingingen, im Süden nicht mehr präsent, ihre Männer an der Weser zusammen hielten und infolgedessen dort ihre Front im Norden östlich der Weser aufbauten. Das von ihm aufgesuchte Lager wird von der Forschung als Aliso angesprochen und befand sich nach Tacitus “auditio castellum Lupiae fluminis”. Germanicus blieb folglich auf der von ihm anvisierten Zugtrasse von der Ems über die Lippe an die Weser ins spätere Kampfgebiet.Tacitus verschweigt uns in diesem Fall den Namen Aliso, was man unterschiedlich auslegen kann. Während mit “castellum Lupiae fluminis” eindeutig ein oder eben das gesuchte Kastell Aliso an der Lippe beschrieben wird steht das lateinische Wort “auditio” als Grundbegriff für das deutsche Wort “hören”. Germanicus hörte also, dass das Kastell an der Lippe belagert wurde. Die Lage des Kastells war für alle unstrittig und bekannt und er brauchte es auch nicht zu suchen, denn er wusste wo es lag, da er dort noch vor einem Jahr rastete bevor er aufbrach, um die Örtlichkeiten der Varustragödie aufzusuchen wo er die Knochen bestattete. Da er der Besatzung des Kastells gegen die rebellischen Germanen offensichtlich aus der Klemme helfen musste, befand sich im vermeintlichen Lager Aliso folglich seit dem Vorjahr 15 + wieder eine feste und ständige römische Garnison die man dort hinterlassen hatte. Denn es ist nicht die Rede davon, dass das Kastell erst wieder aufgebaut, dann personell bestückt und dann wieder befreit werden musste. Römischen Legionen einen soweit vorgeschobenen Außenposten zuzuweisen bzw. zuzumuten spricht dafür, dass Aliso in der Tat sehr wehrfähig gewesen sein musste. Aliso war offensichtlich also auch in den Jahren 15 + und 16 + immer noch in einem sehr gut zu verteidigenden Zustand bzw. man hatte es wieder zu einem solchen nach der Varusschlacht ausgebaut. Jene Germanen die angesichts einer derart massiven im Anmarsch befindlichen römischen Streitmacht vorher noch ein römisches Kastell attackierten taten dies nicht grundlos zumal zu einem Zeitpunkt als sich vor ihnen die größte Landmacht formierte die Germanien je sah und danach vermutlich auch nie wieder erlebte. Dies verlangte und erforderte von den Germanen und deren Anführern eine äußerst umsichtige Handlungsweise. Im Jahre 16 + setzte sich die germanische Allianz nicht mehr aus den Stämmen des Jahres 9 + zusammen. Die Brukterer wurden zuletzt im Zuge des Immensum Bellum stark geschwächt, die Marser hatten ebenfalls an Bedeutung verloren, die Chatten wurden von Silius neutralisiert und die Sugambrer standen nach der Umsiedlung als Partner der Allianz nicht zur Verfügung. Einzig Arminius und die Cherusker sowie die von ihm neu gewonnenen Stämme stemmten sich im Jahre 16 + gegen das Imperium. Natürlich abgesehen von einzelnen Sippen oder kleineren Kampfverbänden der vorgenannten Stämme, die sich dafür noch die nötige Stärke und Treue gegenüber Arminius bewahren konnten. Ich ziehe aus dieser Theorie die Hypothese, dass Germanicus in seinem Rücken, also in dem Bereich zwischen Ostwestfalen und dem Rhein keine germanischen Angriffe im Jahre 16 + zu befürchten hatte. Kein Germanenstamm hätte sich in diesr Zeit gewagt größere Angriffe in diesem Raum durchzuführen oder dort möglicherweise ein römisches Lippelager zu belagern. Folglich schließe ich daraus, dass Germanicus auch kein Lippelager entsetzen musste, dass sich wie oft spekuliert wird auch am Mittellauf der Lippe befunden haben könnte wie etwa Haltern. Das Lager das Germanicus befreien musste konnte sich daher nur am Oberlauf der Lippe befinden und auch dort, wo die Lippe im Stammesgebiet der Brukterer noch als Bach floss, der nicht schiffbar war. Viele Hinweise verdichten und konzentrieren sich auf die Region um Schwaney am Hellweg. Da die Forschung allerdings nach wie vor im faktenlosen Raum stochern muss, in dem sich die Berufshistoriker naturgemäß nicht so wohl fühlen, liegt der Ball nun wieder im Spielfeld der Heimatforscher. Und da verlaufen die Grenzen amorph zwischen weichen Fakten und harten Theorien. Auf die Vorarbeiten und die Theorien von Heinz Küting der 1981 im Alter von 80 Jahren verstarb machte mich erst Mitte August 2018 freundlicherweise der in Schwaney zuständige Heimatforscher Ludwig Schenk aufmerksam. Heinz Küting hatte seine Forschungen in die gleiche Richtung ausgedehnt und bestärkt mich in vielerlei Hinsicht inhaltlich im Zuge meiner Theorien. Auch ihm blieb die Konzentration römischer Macht um Schwaney nicht verborgen auch wenn ihm viele Erkenntnisse damals nicht mehr erreichen konnten. Drusus, Varus oder Germanicus waren für ihn reale Bezugsgrößen die ihm für seine Theorien Pate standen und nicht nur er erkannte die Schnittstellen zwischen der unverrückbaren Topographie Ostwestfalens und den Überlieferungen der antiken Historiker. Da der Verlauf des Hellweges erforscht ist und ein römisches Kastell in seiner unmittelbare Nähe zur Suche ansteht, sollte man nach auffälligen für die Errichtung befestigter Lager geeigneter Bergkuppen oder Höhenrücken Ausschau halten. Und ohne sich viel Mühe geben zu müssen ist der 334 Meter hohe Limberg wie auch Heinz Küting feststellte dafür wie geschaffen. Er erstreckt etwa 200 Meter nördlich des Hellweges bzw. der Paderborner Straße, wirkt wie der Hausberg von Schwaney und überragt den in einer Mulde liegenden Ort. Er bildet einen Höhenrücken von etwa 1000 Meter breite und 3000 Meter Länge und zeigt sich am westlichen Ende als ein kegelförmig ansteigendes Gelände bis auf Plateauebene. Nicht nur der Hochflächenbereich dieser Kuppe auch weite Teile des Höhenrückens könnten je nach Anpassung an die vorhandene natürliche Terrassierung einer stattlichen Befestigungsanlage Platz geboten haben. Eine nutzbare strategische umbaubare Fläche von etwa 13 Hektar wäre schon an dieser Stelle denkbar, die man bei Nutzung des gesamten Bergrückens noch auf etwa 28 Hektar und auch mehr hätte erweitern können. An der Paderborner Seite befindet sich der mächtige Steinbruch “In der Salenkruken" der sich von Westen her in den Bergkegel gefressen hat. In seiner Formgebung erinnert der Bergrücken auch etwas an den kleinen Bruder von Alesia. Die Beschaffenheit der lang gestreckten Struktur gibt äußerlich keine Hinweise auf eine einstige Nutzung als römisches Palisadenfort. Die natürliche Abschüssigkeit nach Süden und Osten bot allerdings einen geeigneten Sockel und begünstigte einen möglichen wehrhaften Aufbau bzw. die Nutzung als solches. Heinz Küting war aber nicht untätig wie seine Beschreibungen im Buch “1000 Jahre Schwaney” deutlich machen, denn er recherchierte, so weit es ihm möglich war um Beweise für seine Theorie eines darauf befindlichen römischen Lagers zu finden. Reste von Gräben und Wällen die sich eventuell noch durch leichte Deformationen im Gelände anzeigen sind in der Regel das einzige, was man nach 2000 Jahren Wind, Wetter und Landwirtschaft erwarten kann, aber heute nicht mehr erkennbar ist. Dies war in den vergangenen Jahrhunderten noch anders. So berichtet Heinz Küting, dass den Raum Schwaney und Buke ein Herr J. Schneider um 1880 diesbezüglich bereits kritisch unter die Lupe nahm und rechts des Weges von Schwaney nach Buke auf die Reste alter Gräben und Wälle stieß. Alte Gräben und Wälle fanden sich ebenfalls zwischen den beiden Orten auf einer Parzelle die sich “Auf den sauern Kämpen” nennt. Es handelt sich dabei um einen an moorigen Standort östlich des Limberg Rückens. Es soll sich dabei um umfangreiches Schutzsystem gehandelt haben, dass sich auch noch über die “sauern Kämpen” hinaus in die angrenzenden Wiesen und Weiden erstreckte. Aufgezählt werden die Flurbezeichnungen “Auf dem Wittfeutken”, ,,Im alten Dieke" bis zur “Wulwerkuhle. Der Überlieferung eines alten Landwirts nach, soll sich auf der Gelände “Auf dem Wittfeutken” noch vor dem Jahr 1888 eine in sich geschlossene Fläche in Rechteckform befunden haben, die von einem Graben umgeben war, auf dessen äußerem Walle mit weitem Abstand insgesamt 12 umfangreiche Markierungsbuchen standen. Das Maß von der Grabensohle bis zum Wallrücken soll damals noch etwa zwei Meter betragen haben und die besagte Fläche der “sauern Kämpen” umfasste etwa 5 Hektar. Zeitzeugen bestätigten, dass bis etwa 1910 die Grabenreste von den ansässigen Landwirten eingeebnet worden sein sollen. Ein damals teilnehmender Schuljunge berichtete darüber, dass die Tiefe der Gräben und die Höhe des Walles etwa jeweils einen Meter betragen haben soll. Die Wallbreite soll damals sogar noch gut drei Meter gewesen sein. Ein tiefes Grabenstück verlief auch noch quer durch das Privatgrundstück “Alten Dieke", von Heinz Küting, das um 1900 eingeebnet wurde und einen Anschluss an das Grabenviereck auf dem angrenzenden “Wittfeutken” hatte. An der Wittfeutker Hanglage gab es auch noch zwei aktive Quellaustritte die später verschüttet wurden. Ein Bauer Namens Anton Stiewe (Fröleken) schnitt 1928 bei Ausschachtungsarbeiten für die Anlage eines Wasserbassins am Limberg eine Stufung an und stieß dabei im Boden auf mehrere verrottete Stümpfe von Eichenpfählen, die einen Durchmesser von etwa 20 - 30 cm gehabt haben sollen. Heinz Küting konnte sich vorstellen, dass es sich dabei um die Reste von Palisadenzäunen gehandelt haben könnte. Ein Wiederfund der Holzbalken wäre aufgrund der dendrochronologischen Forschungsmöglichkeiten sicherlich interessant. Hier böte sich also noch ein interessantes Betätigungsfeld für die moderne Lager und Schlachtfeldforschung. Die historische Schlinge um die Stätten von Varusschlacht und Aliso zieht sich zusammen und im Verlauf meiner weiteren Recherchen treten noch andere Gesichtspunkte zu Tage, die ebenfalls zu gewichten sind. Zuletzt bearbeitet: (07.11.2018)