Dienstag, 15. September 2020
Germanen und Römer in Lauerstellung - Segestes wurde zum Souffleur der Geschichtsschreibung - seine und unsere Fehleinschätzungen
Einer der Bausteine dieser Hypothese besteht daraus die Zuverlässigkeit „segestinischer Selbstrechtfertigung“ nicht nur auf analytischem Weg auszuhöhlen, sondern auch zu versuchen die Konsequenzen die sich daraus ergeben zu bewerten. So lassen sich Plausibilitätslücken schließen, die die Varusschlacht bislang wie ein zusammenhangloses Stückwerk erscheinen ließen. Denn erst wenn dies gelungen ist, wird der Blick frei auf die bislang diffuse wirkenden Stationen des Schlachten Geschehens, wie sie schwer verständlich ineinander greifen, so wie es uns uns die Antike hinterließ. Auf die Varusschlacht folgten in Ostwestfalen spannungsreiche, aber auch lethargische Jahre. Es dürfte unter den Germanen eine Mischung aus Unsicherheit und Vorahnung geherrscht haben. Man verharrte in Orientierungslosigkeit gepaart mit der Sorge vor einer ungewissen Zukunft. Germanicus beendete diese Phase des „Dahindämmerns“ mit seinem Schwertstreich gegen die Marser im Herbst des Jahres 14 + und begrub damit die Hoffnungen jener, die annahmen dieser Zustand würde in Gewohnheit übergehen und könnte bis in die Ewigkeit reichen. Die Fronten waren verhärtet und alles war von gegenseitigen Misstrauen getragen. Nachrichten über die Feindesgrenzen hinweg flossen, wenn überhaupt nur spärlich und vieles davon erreichte nur verderbt oder unglaubwürdig ihre Adressaten. Als Germanicus im Jahre 14 + ohne jedwede Vorankündigung zu den Waffen griff und gegen die Marser zu Felde zog fand der Schwebezustand urplötzlich ein Ende. Zu dieser Zeit konnte noch niemand ahnen, dass es den Germanen jemals gelingen könnte die folgenden konfliktreichen Jahre der Germanicus Feldzüge zu überstehen. Aber Arminius bewies es, die germanischen Stämme links und rechts des Rheins würdigten es und blickten ein zweites Mal zu ihm auf. Wer sich zum Widerstand berufen fühlte rief nach der Attacke auf die Marser nach Arminius und er wurde sich wieder seiner alten Rolle im Abwehrkampf bewusst, die er schon gegen Varus inne hatte. Die Schmach unter der das Imperium seit Varus litt konnte der von Rom zum Ritter geschlagene Arminius schon fasst mit Händen greifen und wird wohl auch erwartet haben, dass es irgendwann zum Gegenschlag kommen würde. Der Bataver Civilis könnte sich ihn später zum Vorbild genommen haben und er wird in ihm einen Ansporn für seinen Aufstand im Jahre 69 + gesehen und seine Anhänger damit motiviert haben. Aufgrund der Militärmacht wie Rom sie aufbieten konnte, standen alle Signale ab dem Jahr 14 + für ein dauerhaft freies Germanien auf rot. Weite Teile innerhalb der germanischen Bevölkerung werden es damals ebenso gesehen haben und Segestes dürfte unter ihnen nur einer von vielen Skeptikern gewesen sein, die ihrem Volk angesichts eines übermächtigen Gegners keine Chance mehr gaben. Während sich in verschiedenen Regionen Germaniens schon Resignation breit machte und man schon bereit war, es als ein unabänderliches Schicksal hinzunehmen, rief wohl ein unbeugsamer Bevölkerungsanteil zum Widerstand auf. Aber Segestes schlug einen anderen Kurs ein. Er entschied sich für eine äußerst subtile Vorgehensweise. Denn er setzte bereits auf die Zeit danach und spekulierte auf die römische Machtübernahme an der Weser um im Gefolge des neuen römischen Statthalters, später nannte man ihn Provinzgouverneur zurück zu kehren. Er stand mit seinen Beinen in beiden Lagern und so brauchen wir auch nicht lange suchen, wenn wir wissen wollen aus welcher Quelle viele Überlieferungen aus der Feder des Tacitus stammten. Und es lässt sich auf Basis dieser Hypothese anschaulich darstellen, dass dafür nur Segestes in Frage kam. Nur ihm verdankt Tacitus die Information, die er seinem Sohn für Germanicus mitgab, dass seine Burg belagert worden sein soll. Nur ihn kann man dingfest machen und nur er lässt sich aus der Masse der uns unbekannten germanischen Zeitzeugen der Jahre 9 + - 15 + heraus greifen. Sollte es zutreffen, so lässt sich in Segestes eine Person erkennen, die wie kaum eine andere so frühzeitig an den Stellschrauben unseres historischen Wissens zwar mit drehte, aber in die falsche Richtung. So lassen schon die ersten Wimpernschläge unserer deutschen Geschichte immer wieder ihn als Regisseur durchblicken. Widerspruchslos beeinflusste er all unsere Auffassungen und lenkte unser Vorstellungsvermögen fasst wie ein Wunschbild über die antiken Verläufe im damaligen Zentraleuropa. Er wird damit zum Sonderfall der Geschichte. Und ausgerechnet in unserer Zeit in der man es gewohnt ist, alles Wissen auf den Prüfstand zu stellen und zu hinterfragen scheint es Segestes gelungen zu sein, dass wir ihn von allen Verdächtigungen frei sprechen. Man machte ihn zum Maßstab glaubwürdiger Geschichtsschreibung und nie wurde er ernsthaft angetastet. Eine unglaublich unglaubwürdige Geschichte, die man uns da glaubhaft machen will. So beschleicht uns der Gedanke an eine historische Unterlassungssünde bzw. einen Irrweg und man hegt den unguten Verdacht der dazu führen kann, all das infrage stellen zu müssen, was aus der Zeit stammt in der Segestes mit an der Quelle saß, besser gesagt aus dem Hintergrund an den Geschichtsbücher mit schrieb. So orientierte und rieb sich eine Jahrtausende alte Geschichtsschreibung ungewollt immer wieder an seiner ureigenen persönlichen Lebensgeschichte und seinen Bedürfnissen und verknüpfte sein subjektives Schicksal und seine privaten Probleme und Interessen mit den Epoche machenden Ereignissen jener Zeit, vermengte sie, trennte sie nicht voneinander und versuchte sich über seine egoistisch motivierten Zukunftspläne und Zielsetzungen das große Ganze der augusteischen Germanenkriege verständlicher zu machen. Ohne zu merken, dass die „Formel Segestes“ einen dicken Webfehler aufwies. Das macht für uns aus Segestes und seinem Eigennutz einen brüchigen und fragilen Strohhalm der Geschichtswissenschaften, einem Forschungszweig der es verdient hätte auf stabileren Füßen stehen zu sollen. So müssen wir uns dem mühsamen Geschäft stellen in dem wir alles was auf die Herkunft eines Segestes schließen lässt, in einer separaten Analyse zu betrachten haben. Dies zwingt uns dazu eine nahezu parallele Geschichtsschreibung zu entwerfen, in der Segestes eine völlig andere Rolle einnimmt. In erster Linie waren es die mit ihm zusammen hängenden Vorgänge wie sich auf die Zeit vor dem Ausbruch der Varusschlacht zutrugen, sowie das Geschehen um die Befreiung seiner Person und einigen seiner Sippenangehörigen. Historische Überlieferungen die frei und unschuldig von seiner Einflussnahme und Mitwirkung sind, müssten infolgedessen zum Mittelpunkt einer neuen Geschichtsforschung werden, was den uns zur Verfügung stehenden antiken Stoff allerdings erheblich einschränken würde. Ein Eingeständnis, dass wir uns eigentlich kaum leisten können. Aber wir wissen, dass die Rechnung von Segestes auf einem rotem Teppich nach Germanien zurück kehren zu können nicht aufging, denn er hatte die Stimmung und die Widerstandskraft im Stamm der Cherusker und der anderen Stämme falsch eingeschätzt. Die erfolgreiche Varusschlacht entfaltete wohl immer noch eine unerwartete Langzeitwirkung, sonst wäre es Arminius nicht gelungen bereits im Frühjahr 15 + ein schlagkräftiges Heer aufzustellen mit dem sich Germanicus abschrecken ließ. Mit dem Sieg über Varus ging ein gewaltiger Motivationsschub einher aus dem Stolz und Selbstvertrauen erwuchs. Und dieser reichte noch weit bis in die Zeit der Germanicus Feldzüge hinein und darüber hinaus. Die Schlacht hatte damals die Moral der Germanen gestärkt, neuen Willen geweckt und längst verloren geglaubte Wehrhaftigkeit entfacht. Zurück blickend könnte man feststellen, dass schon viele Germanen unter Drusus und dem folgenden „Immensum bellum“ innerlich kapituliert und sich aufgegeben hatten. Und die Cherusker hatte man sogar soweit gebracht, dass sie ihren eigenen Knebelvertrag unterschrieben. Aber mit dem Jahr 9 + trat schlagartig die Wende ein und die Germanen nahmen Rom das Zepter aus der Hand. Segestes wollte sich dem neuen Geist nicht anschließen, sich ihm nicht unterwerfen und sinnte wie dargestellt nach Auswegen. Der unerwartet nachhaltige Sieg gegen Varus brachte Segestes lange Zeit zum Schweigen. Und auch Germanicus bekam die sich für die Germanen befreiend auswirkenden Spätfolgen noch fünf Jahre später zu spüren. Er legte zwar 14 + die Lunte, aber seinem Tatendrang im folgenden Frühjahr 15 + ließ er keine durchgreifenden Siege folgen, seine anfängliche Schubkraft versiegte und er verspielte seine Vorteile. Überraschungsangriffe waren nach 14 + nicht mehr möglich und seine unschlüssige Vorgehensweise im Frühjahr und Sommer des Jahres 15 + führte letztlich zum Scheitern dieses Schlachtenjahres. Germanicus ging vermutlich nicht davon aus, dass die Cherusker nochmal den gleichen Widerstandsgeist aufbringen könnten, wie es ihnen damals im Zuge der Varusschlacht gelang. So rechnete er auch im Jahr 15 + nicht damit es mit einem gefährlichen Widersacher zu tun zu bekommen. Die schnellen Erfolge gegen die Kelten, die sie zügig die Rheingrenze erreichen ließen, hatten das Imperium verwöhnt. Gab es da möglicherweise doch einen Unterschied zwischen Kelten und Germanen wodurch sich die Politik eines „weiter so“, bzw. der „Blitzsiege“ nicht fortsetzen ließ. Aber da war noch was anderes. Denn die Fließrichtungen der kleinen und großen Flüsse die ihnen einst bei der Eroberung Galliens und Westgermaniens gelegen kamen, deren gesamte Verläufe sie alle von der Quelle bis zur Mündung kontrollierten wie es bei Rhone, Saone, Mosel und Rhein der Fall war, versagten bei der Erschließung Innergermaniens. Lippe und Main flossen zwar verführerisch von Ost nach West. Aber wie auch die Ems die zudem Ebbe und Flut abhängig war, boten sie nur einen begrenzten strategischen Vorteil. In der Offensive war mühsames Rudern oder Treideln gefragt und die Flüsse konnte nur helfen den Rückzug zu beschleunigen. Die Weser und erst recht die Elbe samt ihren Quellgebieten und Zuflüssen lagen völlig außerhalb ihrer Logistik, was ihnen ebenfalls mit zum Verhängnis wurde. Die Varusschlacht hatte bzw. musste man in Rom zwangsläufig wie einen Ausrutscher weg stecken und in Germanicus setzte nun Augustus neue Hoffnung, obwohl der schon in Pannonien unter Tiberius seine Unfähigkeit durchblicken ließ. Der Frage aus welchen Quellen sich diese scheinbar unerklärbare germanische Verteidigungsbereitschaft gespeist haben könnte, möchte ich noch im weiteren Verlauf meines Internet Buches nach gehen. Man muss es ihm lassen, Segestes fesselte seine Nachwelt aber nun blickt man vielleicht etwas klarer in die Vergangenheit. Denn nun könnte man schlussfolgern, dass demnach Strabo richtig lag, als er den Historikern die lateinischen Worte ins Stammbuch schrieb, die diese dann später mit „günstiger Gelegenheit“ übersetzten. Aber was uns Tacitus diesbezüglich hinterließ bzw. was er dazu zu sagen hatte stand auf schwachen Füßen. „Vorgefärbt“ von Segestes der es über Segimund wie eine Belagerung darstellte und so fand es auch Eingang in die Geschichtsbücher. Tacitus ergänzte bzw. komplettierte somit rund hundert Jahre später die wenigen Worte von Strabo in dem er noch den Grund für die Belagerung nach schob, den Strabo vermutlich nicht kannte, der aber wohl der Wahrheit näher kam. Denn Strabo stand ihr einige Jahrzehnte näher als Tacitus und er war zudem noch Zeitgenosse vieler Protagonisten. Tacitus saß folglich seinen auf ihn nur glaubhaft wirkenden Quellen auf, wonach die Männer von Arminius auf Segestes Druck ausgeübt haben sollen und worauf hin der sich schutzsuchend an Germanicus wandte. Obwohl es der Hypothese folgend Arminius nicht mehr daran gelegen sein konnte sich in dieser heißen Phase in einer Belagerung zu verzetteln, an der er noch nicht einmal selbst teil nahm. Stützt oder verlässt man sich auf die Überlieferung von Tacitus, dann müssen wir veränderte Rückschlüsse ziehen. Denn Tacitus verwendet in seinem Jahrbuch 59 (1) das Wort „dediti“. Es steht je nach Konjunktion für ausliefern, ergeben, übergeben, aufgeben und kapitulieren. Kann es aber auch wie „Gottwein“ es übersetzt „unterwerfen“ nennen. Beschäftigt man sich zu intensiv mit einer entrückten und feindlich wirkenden Person wie Segestes, dann läuft man Gefahr einem „Stockholm Syndrom“ ähnlichen Verhalten zu verfallen, in dem man beginnt sich mit dem Menschen zwar nicht zu solidarisieren, aber geneigt ist ein Gefühl und vielleicht sogar ein Verständnis für seine Sicht der Dinge zu entwickeln. Man muss sich also davor hüten zu meinen, man würde ihn schon fasst persönlich kennen. Was bewegte also unseren „lieben“ Segestes. Er stand zwischen zwei feindlichen Blöcken. Der Germanenblock wollte ihn wieder in den Krieg gegen Rom einbinden, während der Römerblock in ihm zwar nur ein Mittel zum Zweck sah, was er sich aber zunutze machen konnte. Dem Imperium war er gleichgültig und höchstens eine Marionette im Machtpoker. Denn seine Sippe war für Rom nicht kriegsentscheidend. Er entschied sich aber letztlich dafür, sich dem Imperium auszuliefern. Kapitulierte also nicht vor seinen eigenen Stammesbrüdern den vermeintlichen Belagerern, sondern ergab sich bzw. bevorzugte es sich dem römischen Eroberern zu ergeben bzw. zu unterwerfen. Sie musste er sich allerdings, um sich überhaupt ausliefern zu können erst einmal herbei rufen. Eine kuriose Lage. Er drängte ihnen seine Kapitulation also förmlich auf. Wie einfach müsste es doch für ihn gewesen sein, mit Arminius und auch seinem eigenen Volk wieder eine Versöhnung im beiderseitigen Einvernehmen anzustreben. Und aus einem Akt freiwilliger Unterwerfung lässt sich auch noch eine andere Sichtweise ableiten. Denn sich einer stärkeren und sogar halbgegnerisch zu nennenden Fraktion gegenüber zu ergeben, von der er sich fasst sechs Jahre fern hielt, kann man nur in einer ausweglosen Lage. Die gab es jedoch bei genauer Betrachtung nicht. Da musste er also auch noch alte Schuld abtragen, die er in den Jahren auf sich lud, denn Ergebung bzw. Unterwerfung in Reue setzt auch Untat voraus. Und da kommt ja wie man weiß, einiges zusammen. Und bekanntermaßen kann man sich auch nur einem Feind bzw. einem bisherigen Widersacher ergeben. Segestes hätte es gerne anders gesehen, aber er musste händeringend vorgeben und überzeugen, doch im Inneren ein wahrer Freund der Römer zu sein. Was trieb er da für ein Spiel bzw. wem ging die Nachwelt solange auf den Leim. Nur um seine vielleicht einzige Tochter vor dem Zugriff des Arminius zu bewahren soll er sich entschlossen haben komplett die Seiten zu wechseln. Reicht das aus um die Nachwelt zu überzeugen, darin den Hauptgrund zu sehen. Teile seiner Sippe sahen es wie er und er zog sie zu sich rüber. Sie wollten mit ihm wechseln, da sie sich erhofften später gemeinsam mit ihm an den Fleischtrögen der Macht platz nehmen zu können, wenn man mit Roms Unterstützung dieses Ziel in Germanien erreicht hätte. Gut vorstellbar. Insgesamt eine historische Interpretation und Darbietung seines Verhaltens die bereits Tacitus für glaubhaft hielt, die aber so kaum nachvollziehbar sein kann. Denn dahinter können sich auch andere, für ihn gewichtigere Gründe verborgen haben, nämlich persönliche Motive. Also seine Eigennützigkeit wie sie die bereits dargestellt wurde. Und er musste sich Rom gegenüber auch schuldig gefühlt haben und er wird dafür auch seine Gründe gehabt haben. Denn sechs Jahre ließ er sich Zeit und es ließ sich für ihn während dessen „an der Leine“ aber auch an „der langen Leine“ des Arminius gut leben. Denn stellte ihm nicht nach und schien dem Schwiegervater in spe in der ganzen Zeit nicht zu Leibe rücken zu wollen. Welche Schuld hatte er also auf sich geladen um sich unterwürfig an Germanicus zu wenden. Hatte er doch zu lange mit Arminius paktiert bevor er sich von ihm abgewendet hat. Gab es andere Gründe. Fakt dürfte sein, dass es Thusnelda allein nicht war die ihn bewog seine Heimat zu verlassen und auch nicht, dass ihm Germanicus näher stand als Arminius. Aber als die Bedrohungslage für die Cherusker wuchs, entschied er sich schlicht und einfach dafür, sich aus dem Staub zu machen. Also zum Überläufer zu werden um in erster Linie seine Haut zu retten. Was nun die Übersetzung des Wortes „Überläufer“ antrifft, so sollte man annehmen, dass es sich bei dieser Wortwahl auch damals schon um jemanden gehandelt hat, der die Seiten gewechselt hat. Ein Mensch, der wie man so sagt aus welchen Gründen auch immer unvermittelt und auch oft aus purem Eigeninteresse heraus die Fronten wechselte. So wurde aus einer Person die sich einst zu einer gemeinsamen germanischen Sache bekannte ein Gegenspieler. Ein Hinweis aus dem sich aber auch ableiten lässt, dass Segestes bis ins Jahr 15 + hinein zumindest im Status quo Verhältnis zu Arminius gestanden haben dürfte, denn erst das Erscheinen von Germanicus löste seinen Gesinnungswechsel aus und ließ ihn zum Überläufer werden. Sein Verhältnis zu Arminius mag immer schon von Rivalität gekennzeichnet und gespalten gewesen sein, aber letztlich stand er bis ins Jahr 15 + zum großen Stammesverband der Cherusker und war darin integriert und anerkannt. Und Segestes hätte sicherlich auch schon in früheren Zeiten viele Gelegenheiten finden können um ins römische Lager überzuwechseln, was er aber aus uns unbekannten Gründen nicht tat. Die Definition des Wortes Überläufer ist uns heute hineichend bekannt. So kann man es vielleicht durchgehen lassen, dass sich Segestes noch lange Zeit, wenn auch zähneknirschend zu Arminius bekannt hat. Denn die langen Jahre die zwischen der Varusschlacht des Jahres 9 + und der „Befreiung“ durch Germanicus im Jahre 15 + lagen sprechen dafür, dass man in dieser Phase zumindest neben einander her lebte und dieses offensichtlich auch konnte. Eine Zeit in der Arminius Thusnelda schwängern „durfte“ und man nach außen hin Einigkeit zeigte. Dies würde auch erklären helfen, warum Segestes den römischen Feldherrn Varus nie vor den Arminen warnte, denn sonst hätte Arminius ihn, den vermeintlichen Verräter wohl nicht die vielen Jahre unbehelligt gelassen. Zurück zu Strabo. Seine Wortwahl im Zusammenhang mit dem Triumphzug im Mai 17 +, dass „alle“, wer sich auch immer hinter der Bezeichnung verborgen haben könnte, büßen mussten, könnte uns sogar schlußfolgern lassen, dass bei Strabo ein Verdacht mit schwang, dass auch den Segestes Clan eine gewisse Mitschuld an der Varusniederlage traf. Womit er wie wir wissen nicht falsch gelegen hätte. Aber Strabo hätte es schon besser wissen können, denn zum Zeitpunkt des Triumphzuges 17 + stand bereits fest, dass Kaiser Tiberius alle weiteren Kämpfe gegen die Wesergermanen gestoppt hatte. Von „alle“ mussten büßen, konnte also schon im Jahre 17 + keine Rede mehr sein. Denn alle Germanen waren es beileibe nicht die büßen mussten, denn die wesentlichen Protagonisten unter den Cheruskern aus Varuszeiten sowie aus den Schlachten gegen Germanicus fehlten zweifelsfrei und dummerweise in Rom anlässlich des Triumphzuges. Sollte er mit „büßen“ an die kollektiven germanischen Verluste im Zuge der Schlachten des Germanicus in Germanien in den Jahren 14 – 16 + insgesamt gedacht haben, hätte er recht gehabt. Aber es scheint aus seinen Worten mehr die unterwürfige Huldigung für Tiberius und Germanicus zu sprechen, als dass es den tatsächlichen politischen Gegebenheiten entsprochen hätte. Zumal die Schlachtenverluste für die Legionen ebenfalls nicht unerheblich waren. Aber es war wie in allen Zeiten opportun, sich vorsichtig auszudrücken, wenn man keinen falschen Eindruck entstehen lassen wollte.(15.09.2020)

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